Trotz sprachlicher Vielfalt: der Kitt hält
Ein bedeutendes Merkmal ist die sprachliche Vielfalt des Landes, in dem vier Amtssprachen zugelassen und entsprechend viele Sprachgruppen beheimatet sind. Der deutsche Sprachraum umfasst die Zentralschweiz, das östliche Mittelland und den Nordosten des Schweizer Jura. Französisch ist im übrigen Schweizer Jura, im westlichen Mittelland, im Waadt, am Genfer See sowie Unterwallis verbreitet. Italienisch wird im Tessin und in den südlichen Bündner Tälern gesprochen. Das Rätoromanische ist auf Graubünden beschränkt, kommt aber in fünf Dialekten vor.
Zudem verlaufen unzählige Grenzlinien zwischen den Sprachgruppen, zwischen und innerhalb der Kantone, zwischen katholischen und protestantischen Gebieten sowie zwischen Landstrichen mit eher konservativer und liberaler Bevölkerung. Gleichwohl eint die Eidgenossenschaft eine Erkenntnis, die wohl aus den vielen blutigen Bürgerkriegen bis 1848 erwachsen ist und zu einem Bundesstaat mit mehreren Einheiten führte. Manchmal überwiege die Solidarität in der Sprachgruppe, manchmal ein anderer Zusammenhalt, etwa ein kantonaler, konfessioneller, parteipolitischer oder regionaler, versucht der Schweizer Publizist Roger de Weck zu erklären. Alles sei mit allem verknotet. Die Schweizer leben aus Überzeugung und ständig aufs Neue im Kompromiss. Vielleicht liegt die Einigkeit auch darin begründet, dass die Bürgerinnen und Bürger das letzte Wort haben.
Das egalitärste Land der Welt?
In ihrem Verständnis von Demokratie geht die Eidgenossenschaft weiter als andere. Ihre Institutionen sind so gestaltet, dass Minderheiten nicht zu kurz kommen. Die lateinische Schweiz stellt, weit über ihren Bevölkerungsanteil hinaus, zwei bis drei der sieben Bundesräte. Alle Kantone, egal wie groß, entsenden zwei Abgeordnete in die kleinere Kammer des Parlaments, den Ständerat.
Ein wesentliches Merkmal des schweizerischen Staatswesens ist aber vor allem die Idee der unmittelbaren Volksherrschaft. Ein lebendiges Beispiel dafür ist die in einigen Kantonen gepflegte Institution der Landsgemeinde. Darunter versteht man die Versammlung aller stimmfähigen Bürger unter freiem Himmel zur Ausübung politischer Rechte. Die Landsgemeinde entscheidet etwa über Verfassungsänderungen und wählt ihren Präsidenten. Jeder Teilnehmer darf das Wort ergreifen und Anträge stellen. Damit ist diese Institution in Europa der einzige Fall einer unmittelbaren Demokratie. Die Verfassung garantiert mit den Mitteln des Volksreferendum und der Volksinitiative eine umfassende politische Mitwirkung der Bürger.
1874 wurde zunächst das fakultative Gesetzesreferendum eingeführt, mit dem im Parlament verabschiedete Gesetze und allgemein verbindliche Bundesbeschlüsse zur Volksabstimmung gebracht werden können. Dazu notwendig sind die Unterschriften von 50 000 Stimmbürgern oder das Begehren von acht Kantonen. Kurzum: Ist in einer Schweizer Zeitung die Rede von einer Entscheidung, die “der Souverän” getroffen hat, dann ist damit das Volk gemeint. Der möglichen Gefahr direkter Demokratie, dass etwa Stammtischbrüder die Todesstrafe durchsetzen könnten, scheint die Schweiz indes kaum ausgesetzt. So scheiterte eine Gruppe Rechtsextremer auf Anhieb mit ihrer entsprechenden Volksinitiative und schaffte es nicht annähernd, die nötigen Unterschriften zu sammeln. Andererseits ist die Mitbestimmung patriarchalisch geprägt: Schweizerinnen dürfen erst seit 1971 in eidgenössischen Fragen mitentscheiden.
Das Schwingen – unbekannter Nationalsport
Die Schweiz ist bekannt für Käse, Schokolade und herrliche Berglandschaften. Doch weitgehend unbekannt ist der Nationalsport. Das Schwingen ist ein Schweizer Mythos. Es handelt sich um ein uraltes Spiel, das von Alphirten (Sennen) entwickelt wurde. In dieser speziellen Form des Ringkampfes fasst der eine Kämpfer den Hosengurt, der andere das aufgekrempelte Hosenbein des Gegners. Ziel ist es, den Kontrahenten auf Rücken, Nacken, Schulter oder Gesäß zu werfen. Die historischen Wurzeln des Schwingens sind nicht genau datierbar; die früheste bekannte Darstellung stammt aus dem 13. Jahrhundert. Das Schwingen wird auch “Kleiderringen” und im Volksmund “Hoselupf” genannt, wobei die vorgeschriebenen Griffe am Lendengurt und den Hosenstößen (Gurt und Gstöss) erfolgen. Der Eidgenössische Schwingerverband (ESV) wurde 1895 gegründet; im gleichen Jahr fand in Biel das erste offizielle Eidgenössische Schwing- und Älplerfest statt.
Der Schweizer Nationalsport hat nicht nur eine hohe sportliche, sondern auch eine große kulturelle Bedeutung. Wer ein größeres Schwingfest besucht, der kann sich einer gewissen ureidgenössischen Heimeligkeit nicht entziehen. Diese Gelegenheit bietet sich u.a. alle drei Jahre beim Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest, wo der “Schwingerkönig” ermittelt wird. Der Verband hat bisher eine übermäßige Kommerzialisierung ebenso verhindert wie einschneidende Regeländerungen, welche die Tradition gefährden könnten. Obwohl das Schwingen ein nationaler Sport und daher bei Olympischen Spielen nicht vertreten ist, haben Schwinger schon Olympische Medaillen errungen. Nicht nur auf der Matte im Ringen, wo Robert Roth 1920 in seiner Gewichtsklasse Olympiasieger wurde, sondern im Eiskanal! An den Olympischen Winterspielen in Salt Lake City 2002 standen in der Zweierbob-Konkurrenz gleich zwei Spitzenschwinger auf dem Podest: Steve Anderhub gewann als Anschieber und Bremser die Silber-, Martin Annen als Pilot die Bronzemedaille.
Finanzplatz Schweiz
Eine weitere Besonderheit der Eidgenossenschaft: Etwa ein Drittel des privaten Weltvermögens schlummert in den Banken und Tresoren zwischen Zürich und Genf. Zu den Vorzügen des Finanzplatzes Schweiz zählen die Gutbetuchten offensichtlich die harte Währung, die Stabilität in Politik und Wirtschaft sowie der überaus seriöse Ruf der Schweizer Bankiers.
Umgekehrt hat der Zufluss des Kapitals auch für die Schweiz große Bedeutung. Die Finanzbranche beschäftigt rund sechs Prozent der Erwerbstätigen und trägt mehr als zehn Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes bei. Doch die Dienstleistungen locken nicht nur die legale Wirtschaft, sondern auch kriminelle Organisationen und Individuen. Deshalb setzt die Schweiz auf Missbrauchsbekämpfung und gehört heute zu den bestregulierten und effizient überwachtesten Finanzplätzen weltweit.
Das Schweizer Bankgeheimnis schützt die Informationen der Bankkunden vor dem Zugriff durch Private und Behörden. Es ist, ähnlich wie das Berufsgeheimnis der Ärzte und Anwälte, Ausdruck des Schutzes der Privatsphäre der Bürgerinnen und Bürger. Bei der Rechtshilfe in Strafsachen wird das Bankgeheimnis in Fällen wie Geldwäscherei, Korruption und Steuerbetrug aufgehoben. Dies wird vor allem im Ausland oft nicht ausreichend zur Kenntnis genommen.
Schweizer, die “Extremisten des Maßhaltens”
“Wenn der Liebe Gott Schweizer gewesen wäre, würde er heute noch auf den richtigen Moment warten, um die Welt zu erschaffen”, beschrieb der Schweizer Schriftsteller Hugo Loetscher einmal augenzwinkernd eine Eigenart seiner Landsleute. Was ein echter Schweizer ist, hält an seiner Tradition, an Sitten und Gebräuchen fest. Manches dauert deshalb etwas länger als anderswo. Das Bild einer immobilen und erstarrten Schweiz, ohne Aufbruchstimmung und Veränderungswillen ist aber längst ein Klischee. Die Schweiz kann nur mit Produkten von größter Innovationskraft und Wertschöpfung wettbewerbsfähig bleiben.
Der Ordnungssinn, eine weitere Eigenart, die Ausländer den Schweizern zuschreiben, verdecke bloß die Radikalität, urteilte der Schweizer Publizist Roger de Weck. Es sei anarchistisch, dass Bürger keine Regierung wollen und extremistisch, dass der Wehrdienstleistende am Wochenende und nach der Dienstzeit sein Gewehr mit nach Hause nehme. Die Schweizer seien “Extremisten des Maßhaltens”. Der Historiker Jean-Francois Bergier sieht die Alpen einerseits als Ort des Rückzugs, an dem man sich fernhalten möchte von den Weltwirrnissen. Andererseits seien die Alpen ein Ort des Transits und damit des Handels und der Weltoffenheit.
Buch-Tipps
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Hans Bickel: Die viersprachige Schweiz
Sita Mazumder: Die Sorgfalt der Schweizer Banken im Lichte der Korruptionsprävention und -bekämpfung




