Strohfeuer
Zunächst die gute Nachricht: Mit der Wirtschaft geht es wieder bergauf. Die USA und weite Teile Asiens werden zu starken Wachstumsraten zurückkehren. Auch in der Euro-Zone wird sich die Lage ein wenig bessern, und sogar Deutschland wird nach drei Jahren Nullwachstum wieder positive Wachstumsraten vorlegen können. Die schlechte Nachricht ist: Außer den Statistikern wird es nicht viele Menschen geben, die den Aufschwung bemerken werden. Er wird kommen, aber er wird so schwach sein, dass er am Arbeitsmarkt vorbeigeht. In diesem Jahr rechnet das Finanzministerium mit einer durchschnittlichen Arbeitslosenzahl von 4,4 Millionen, fast 400.000 mehr als im vergangenen Jahr. Selbst in den USA, wo das Wachstum stark anzieht, ist der Arbeitsmarkt sehr schwach. Wir erleben einen Konjunkturaufschwung, an dem sich die Regierenden, wo immer sie sitzen, nicht erfreuen können. In Deutschland wird der bevorstehende Aufschwung nichts am langsamen wirtschaftlichen Dahinsiechen des Landes ändern. Dabei sieht kurzfristig alles gar nicht so schlecht aus: Mit dem Aufschwung werden die Stimmen derjenigen wieder lauter, die eine strukturelle Trendwende kommen sehen. Und die Stimmen derjenigen, die sagen, die Reformen der Bundesregierung würden jetzt endlich greifen. Und natürlich die Stimmen derjenigen, die behaupten, die wenigen Reformen würden ausreichen.
Jahrzehnte der Stagnation
Nach ein oder zwei Jahren guten Wachstums wird erneut ein Abschwung kommen, und der wird wohl wieder in einer Rezession enden. Wie andere Länder auch bewegt sich Deutschland in dem Konjunkturzyklus auf und ab - nur auf niedrigerem Niveau. So könne es nicht weitergehen, klagen Unternehmen und Banken. Wenn eine Firma derart schlechte Leistungen hinlegen würde, müsste das Management gehen. Doch vielleicht müssen wir den Karren erst richtig in den Dreck fahren, bis so ein Wechsel auch in der Bundesregierung wirklich stattfindet. Wer meint, ein Land wie Deutschland könne nicht über lange Perioden stagnieren, irrt gewaltig. Gerade reiche Länder können über lange Perioden, über 30 bis 50 Jahre, mit nachhaltig schwachem Wachstum leben. Man wird nicht richtig gut leben in diesen Zeiten, aber auch nicht richtig schlecht. Mit der Dramaturgie des langsamen stetigen Niedergangs hat man in Deutschland so gut wie keine Erfahrung. Die Briten kennen diesen Prozess aus den 50er bis 70er Jahren, die Japaner aus den 90er Jahren. Die Chinesen und die Römer haben lange Perioden des stetigen Niedergangs direkt im Anschluss an ihre jeweilige kulturelle Hochblüte erlebt. Wirtschaftlicher Niedergang ist nach außen hin nicht sofort bemerkbar. Die Menschen sparen mehr als früher. Sie kaufen billiger ein und gehen - wenn überhaupt - in billigere Cafés oder Restaurants. Unternehmer und Manager fliegen Economy oder benutzen Billigflieger. Sie fahren häufiger mit der Bahn und übernachten in billigen Hotels. All das funktioniert. Das Leben ist etwas umständlicher und weniger angenehm, aber es geht. Dies ist der entscheidende Punkt. Eine Wirtschaft im Niedergang funktioniert genau deswegen relativ gut, weil sie sich anpasst und auf ein niedrigeres Niveau hinunterschaukelt.
Langfristige Schäden
Mit einer durchschnittlichen Wirtschaftswachstumsrate von einem Prozent, wie jetzt in Deutschland, bleiben die Steuereinnahmen langfristig unter den Erwartungen. Der Staat investiert weniger, öffentliche Verkehrsmittel verkehren seltener und werden teurer, und sie werden über längere Lebenszyklen eingesetzt. Die Busse und Straßenbahnen von heute werden auch noch in 30 Jahren verkehren. Es wird dieselben Eisenbahnstrecken geben, dieselben Autobahnen und noch mehr Staus auf der A1 vor oder nach Leverkusen. Viele Dinge, die kurzfristig nicht bemerkt werden, wirken langfristig umso schädlicher. Man spart an Schulen und Universitäten, die Realeinkommen der Lehrer und Professoren werden im Verhältnis zum Durchschnittseinkommen fallen, und die Qualität der Ausstattung der Schulen und Universitäten wird im Verhältnis zum Ausland zurückgehen. In den Pisa-Studien wird Deutschland weiter zurückfallen. Viele der besten deutschen Wissenschafter, gerade im naturwissenschaftlichen Bereich, arbeiten schon jetzt im Ausland, vor allem in den USA. Dieser Trend wird sich fortsetzen. Auch künftig wird es Wissenschaftler geben, die in der Bundesrepublik arbeiten, aber eben nicht mehr die Eliten. Ähnlich geht es den Ärzten, einst die bestverdienende Berufsgruppe. Deutsche Mediziner ziehen heute nach Dänemark, wo man für das gleiche Geld nur halb so viel arbeiten muss. Wirtschaftlicher Niedergang ist trist und deprimierend, aber selten katastrophal. Für Deutschland erwartet man im nächsten Jahr eine Wachstumsrate von 1,5 Prozent. Laut Prognosen werden die USA im dritten Quartal dieses Jahres ein Wachstum von auf das Jahr hochgerechnet sechs Prozent erreichen. Selbst Japan könnte es im nächsten Jahr auf ein Wachstum von drei Prozent bringen. Das sind die Größenordnungen, die ein Land braucht, um den langfristigen Niedergang zu stoppen. In der deutschen Politik aber gibt es derzeit niemanden, der auch nur ansatzweise eine Idee hat, wie man zu derartigen Wachstumsraten zurückkehren kann - schon gar nicht in der jetzigen Regierung.




