Am 23. April 2000 endet für 21 Touristen auf der malaysischen Insel Sipadan der Urlaub im exotischen Ferienparadies mit einem vier Monate andauernden Alptraum. Die muslimische Terrorgruppe Abu Sayyaf (Schwert Gottes) nimmt die Urlauber gefangen und verschleppt sie auf die philippinische Insel Jolo. Unter den Entführten befinden sich sieben Urlauber aus Frankreich, Finnland, Südafrika und dem Libanon, elf Menschen aus Malaysia und von den Philippinen sowie die Deutschen Renate und Werner Wallert mit ihrem Sohn Marc. Im Lauf der Entführung werden auch mehrere Journalisten, die sich im Lager der Entführer aufhalten, festgehalten, darunter der deutsche “Spiegel“-Reporter Andreas Lorenz und drei französische Fernsehjournalisten.
Die Verhandlungen – Teil I
Zunächst fordern die Entführer einen eigenständigen muslimischen Staat im Süden der vorwiegend christlichen Philippinen. Die Verhandlungen mit Vertretern der philippinischen Regierung verlaufen jedoch schleppend. Während die Regierung in Manila immer wieder einen militärischen Schlag gegen die Rebellen erwägt, wird aus den europäischen Heimatländern der Entführten darauf gedrängt, nicht mit Gewalt gegen die Rebellen vorzugehen, um die Geiseln nicht zu gefährden. Das philippinische Militär war Ende April gegen eine Abu-Sayyaf-Gruppe vorgegangen, die im März 50 Menschen aus einer Schule auf der Insel Basilan entführt hatte. Dabei hatte es zahlreiche Todesopfer gegeben.
Die Geiseln
Die Berichte über den Zustand der Geiseln sind derweil sehr widersprüchlich. Während unstrittig ist, dass die Lebensbedingungen und der psychische Druck auf die Gefangenen extrem belastend wirken, ist nicht klar, unter welchen Erkrankungen einige der Geiseln wirklich leiden. So wird über die Deutsche Renate Wallert berichtet, sie habe einen Schlaganfall erlitten, ohne dass diese Nachricht bestätigt werden kann. Die Rebellen laden immer wieder Reporter in ihr Camp ein und lassen sie von den Geiseln berichten, die Geiseln werden gezwungen, ihre Regierungen vor laufende Kamera um Hilfe zu bitten.
Die Verhandlungen – Teil II
Im Lauf der Entführung verlangen die Geiselnehmer nicht mehr einen eigenen Staat, sondern fordern stattdessen hohe Lösegelder für die Freilassung ihrer Gefangenen. Während die beiden ersten philippinischen Unterhändler nur wenige Fortschritte bei den Verhandlungen verzeichnen können, haben der philippinische Politiker Roberto Aventajado und der libysche Gesandte Rajab Azzarouk mehr Glück: Sie erreichen, dass Vertreter der philippinischen Regierung mit den Geiseln sprechen und Ärzte das Lager besuchen dürfen. Der libysche Revolutionsführer Muammar al-Gaddafi nutzt die Gelegenheit, vor den Augen der Welt an der Verbesserung seines Images als internationaler Terrorist zu arbeiten. Außerdem hofft er, mit seinem humanitären Engagement sein durch Sanktionen gebeuteltes Land aus der Isolation zu führen.
Das Ende der Entführung
Am 24. Juni lassen die Entführer die erste Geisel gehen, einen Malaysier, am 14. Juli kann ein weiterer Malaysier das Camp verlassen. Drei Tage später ist auch die erkrankte Renate Wallert auf freiem Fuß. Ob die Bundesregierung ein Lösegeld bezahlt hat, wird nicht bekannt. Bis Ende August werden nach und nach 14 weitere Geiseln freigekauft. Das Lösegeld stammt unter anderem aus der libyschen Gaddafi International Charity Foundation. Die von Libyen freigekauften Geiseln, darunter der Göttinger Werner Wallert, reisen denn auch über die libysche Hauptstadt Tripolis nach Hause.
Als letzte europäische Gefangene werden am 9. September Marc Wallert und drei weitere Geiseln entlassen. Die gezahlten Lösegelder erlauben den Rebellen unterdessen, ihre Zahl von ca. 200 auf über 2000 zu erhöhen und ihre Bewaffnung zu bessern.
Am 16. September beginnt die philippinische Regierung mit einer militärischen Offensive gegen die Abu-Sayyaf-Gruppe auf Jolo, ohne auf das Schicksal der verbleibenden Geiseln Rücksicht zu nehmen. Während der Kämpfe können zwei Fernsehjournalisten aus Frankreich fliehen, zahlreiche Rebellen und Zivilisten kommen jedoch ums Leben.
Während die Geiseln Strapazen und Belastungen verkraften müssen, gestaltet sich das Drama für die Medien als Glücksfall, denn Berichte aus dem Rebellencamp, Exklusivverträge mit den zurückgekehrten Geiseln und entführte und wieder freigelassene Journalisten sorgen für hohe Einschaltquoten und Auflagen.




