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Gutes tun im Urlaub: Ein Trend mit Tücken
Bildquelle nicht angegeben
Reisen

Gutes tun im Urlaub: Ein Trend mit Tücken

Eine der beliebtesten Möglichkeiten ist, sich einige Wochen in Sozialprojekten im Ausland zu engagieren. Ausland heißt meistens Lateinamerika, Asien oder Afrika. Sehr beliebt ist bei jungen Menschen, sich mit Kindern oder Jugendlichen zu beschäftigen – entweder in Kinderheimen oder anderen Projekten mit…
Veröffentlicht
26. Februar 2022
Lesezeit
3 Minuten
Rubrik
Reisen

Herr Haas, wie kann ich im Urlaub Gutes tun?

Eine der beliebtesten Möglichkeiten ist, sich einige Wochen in Sozialprojekten im Ausland zu engagieren. Ausland heißt meistens Lateinamerika, Asien oder Afrika. Sehr beliebt ist bei jungen Menschen, sich mit Kindern oder Jugendlichen zu beschäftigen – entweder in Kinderheimen oder anderen Projekten mit Jugendlichen. Der zweite große Bereich sind Naturschutzprojekte, Artenschutz, Vielfaltschutz oder Klimawandel. Recyclingprojekte sind auch sehr beliebt: zum Beispiel in Costa Rica dabei zu helfen, den Regenwald von Müll zu befreien oder Schildkröten am Strand zu schützen.

Artikelbild

iStock.com, MShep2

Ist dieser Trend denn wirklich neu?

Sich im Ausland zu engagieren im Rahmen von lang angelegten Freiwilligeneinsätzen, das hat in Deutschland eine lange Tradition. Seit ungefähr zehn Jahren geht der Trend jedoch hin zu immer kürzeren Aufenthalten. Diese werden im Unterschied zu Freiwilligendiensten nicht mehr nur von gemeinnützigen, sondern auch von Profit-orientierten Unternehmen organisiert. Der sogenannte Voluntourismus, also die Verbindung von Volunteering und Tourismus, ist innerhalb des Tourismus mittlerweile der schnellst wachsende Untersektor. Im Voluntourismus wird Engagement – und damit auch das Gefühl etwas Gutes zu tun – zu einer Ware, die man kaufen kann.

Was ist an dieser Form des Reisens und Helfens kritikwürdig?

Der Trend bringt einige Probleme mit sich. Normalerweise ist Engagement zivilgesellschaftlich organisiert von Nichtregierungsorganisationen. Durch den Trend des Voluntourismus kommen aber Anbieter auf den Markt, die sich eigentlich mit Engagement, mit Entwicklungspolitik, mit sozialen Projekten, mit Kinderheimen oder Naturschutz überhaupt nicht auskennen und hier einfach als "Serviceprovider" auftreten. Das soll nicht heißen, dass alle zivilgesellschaftlichen Organisationen gute Arbeit machen und alle anderen schlechte.

Aber mit dem Eintreten von Marktlogiken in den Engagementsektor verändern sich auch die Ansprüche der Menschen. Sie sind eben nicht mehr nur Ehrenamtliche, sondern nehmen auch die Rolle der Kunden ein, deren Wünschen entsprochen werden soll. Dabei stehen dann oft die Engagierten viel stärker im Fokus als die Empfänger der vermeintlichen Hilfe. Studien zeigen, dass gerade in Kurzzeitformaten Eigeninteresse, der positive Effekt auf den Lebenslauf und das eigene gute Gefühl im Vordergrund stehen und nicht so sehr das soziale Engagement.

Wie zeigt sich dieses Eigeninteresse?

Es wird zum Beispiel sehr wenig reflektiert, dass der C02-Ausstoß enorm ist, um etwa nach Costa Rica in den Urlaub zu fliegen, um dann wiederum an einem Naturschutzprojekt oder in einem Kinderheim zu arbeiten. Man fühlt sich toll, weil man scheinbar verantwortlich handelt, blendet aber die Folgen für das Klima aus.

Artikelbild

iStock.com, karleenstevens

Was wird noch ausgeblendet?

Aus der Kinderpsychologie wissen wir, dass gerade die Arbeit in Kinderheimen mehr Schaden als Nutzen verursacht. Kinder, die nicht bei ihren Eltern leben, haben schon sehr oft Verlusterfahrungen durchlebt. Freiwillige, die für zwei Wochen oder wenige Monate kommen, sind neue Personen, an die sich die Kinder immer wieder gewöhnen müssen. Sie werden von Kindern ins Herz geschlossen. Der erneute Verlust des Kontaktes schadet der psychischen Entwicklung der Kinder mehr, als dass er nutzt. Aber auch ohne Verlusterfahrung ist es pädagogisch fragwürdig, für eine solch kurze Zeit mit Kindern und Jugendlichen zu arbeiten.

Das klingt, als ob die Voluntouristen den Kindern einen Bärendienst erweisen?

Ja. In Ländern wie Kambodscha oder Bangladesch wurde nachgewiesen, dass es sozusagen zu wenige Waisenkinder für die große Nachfrage von Voluntouristen gibt. In diesen Fällen ist eine ganze Industrie entstanden, die Menschenhandel begünstigt: Unter fadenscheinigen Gründen werden Kinder aus Familien genommen, Familien erhalten Geld für ihre Kinder, damit mehr Kinderheime geschaffen werden können. Aus meiner Sicht ist es absolut widersprüchlich und zynisch, dass hier Armut oder Missstände produziert werden, damit weiße reiche Menschen die Möglichkeit haben, sich gut zu fühlen.

Ist denn alles schlecht am Voluntourismus?

Die Einsätze sollten nicht komplett verteufelt oder verurteilt werden: Es gibt viele gute Projekte, wo man sich auch sinnvoll in wenigen Wochen einsetzen kann. Ich möchte jedoch dafür sensibilisieren, sich die Anbieter genau anzuschauen und nachzufragen, wo das Geld hingeht: Wieviel Geld bleibt beim Konzern, wieviel kommt bei den Organisationen vor Ort an? Gibt es eine Vorbereitung? Welche Aufgaben werde ich übernehmen? All das sind Fragen, die man sich stellen kann. Und man sollte sich auch die Frage stellen, ob es nicht für kurze Zeit auch in Deutschland oder Europa die Möglichkeit gibt, sich zu engagieren.

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