Hamams im Trend
Muss wohl wirklich ein freundlicher Geist in der Wasserflasche gewesen ist, der ich eben unauffällig meinen sehnlichsten Wunsch zugeflüstert habe: Erholung, Ruhe. Eben – das war der ganz normale Wahnsinn in Deutschland: Hektik und Lärm, wild hupende Autos und Fußgänger, die sich anrempeln und eher ankeifen, als entschuldigen würden. Jetzt, das ist das Sultan Hamam in Berlin.
Mit 1000 Quadratmetern ist das Sultan Hamam das größte türkische Bad in Deutschland. Ein Ort der Erholung, ein Ort, in dem Körper und Seele gereinigt werden. Denn Wärme, wie das türkische Wort hamam übersetzt heißt, kommt vor der Entspannung, wie aus dem Autogenen Training (ich bin ganz ruhig, warm, entspannt...) viele wissen. Mittlerweile wärmen rund 30 orientalische Badehäuser – reine Hamams oder auch in Thermenlandschaften - die deutsche Bevölkerung auf. Und es werden immer mehr – schließlich ist ein Besuch schön wie ein Kurztrip in die Türkei.
Reise in den Orient
Ein Schritt ins Hamam und die Reise in den Orient beginnt mit der persönlichen Begrüßung durch den Hamam-Meister. Der Tellak (Bademeister) oder die Natr (Badefrau) überreicht den Neuankömmlingen eine türkische Seife, eine Messingschale, das Badetuch und führt sie in die Hamam-Philosophie ein. Flugs ist der Alltagstrott wie weggefegt. Die letzten Sorgen werden mit den Kleidern abgelegt, die gegen ein Handtuch (Pestemal) eingetauscht werden
Erst geduscht, dann gehts zum Schwitzen, genau wie in einer Sauna. Doch der Unterschied liegt im Detail: Nicht auf kalten Holzplanken sondern auf einem wohlig angewärmten Marmorstein wird geschwitzt. Entweder allein in einer Nische oder mit mehreren zusammen auf einem großen Podest – oft getrennt nach Männlein und Weiblein. Mit 45 Grad sind die Temperaturen kühler als in der finnischen Sauna, das Atmen fällt wesentlich leichter. Während der Körper so langsam erhitzt, öffnen sich auch die Poren. Dann werden Gliedmaßen, Brust und Rücken nochmals gesäubert. „Damit Wasser reinigt, muss es fließen,“ besagt eine türkische Tradition. Dazu stellt man sich entweder banal unter die Dusche oder übergießt den Körper mit Wasser aus Messingschalen (Tas), die immer wieder in ein Marmorbecken getaucht werden.
Wie neu geboren
Wenn jetzt die Haut so richtig aufgeweicht ist, der Körper mollig warm und die Gedanken gen Himmel fliegen, ist die Zeit gekommen für weitere irdische Genüsse: Peeling und Massage. Es geht zum Allerheiligsten, dem Nabeltisch (Göbek Tasi). Damit Tellak oder Natr den Badegast auch von allen Seiten gut kneten können, steht die warme Marmorplatte meist mitten im Raum. Als Vorbereitung dient das Peeling mit einem Spezialhandschuh aus Sisal, Rohseide oder Rosshaar. Immer und immer wieder kreist die Hand des Tellak über den Körper, löst so und mit Wassergüssen überschüssige Hautschichten (und ein wenig die eventuelle Urlaubsbräune!). Das kann teilweise schon ein wenig pieksen und zwiebeln. Dann seift der Bademeister jeden Körperzentimeter mit einem Baumwolltuch (Lif) ein, bis der Mensch unter einem Berg aus Schaum fast verschwindet. Wie ein Wasserfall klatscht eiskaltes Wasser auf die Haut und schwemmt ein letztes Mal Hautpartikel davon.
Nun beginnt der anstrengendste Teil der Prozedur - jedenfalls für den Hamam-Meister. Er massiert, knetet, dehnt, sitzt teilweise auf dem Gast und bewegt Körperteile, die in Vergessenheit geraten sind. Ob das wirklich gesund ist, mag so mancher bezweifeln, der das Ächzen und Stöhnen von nebenan hört.
Mit Wassergüssen und einer Kopfmassage endet die Massage - und jetzt geht’s ab in den Ruheraum (Camekan). Eingepackt ins Hamam-Badetuch, bei türkischen Tee, um den Flüssigkeitsverlust auszugleichen, mag so mancher schon den nächsten Termin planen.
Am besten - selbst testen
Ein Hamam liegt sicherlich auch in Ihrer Nähe - oder der des nächsten Reiseziels. Ungefähr drei Stunden sollten Sie einschließlich der Ruhephasen auf jeden Fall einplanen. Teilweise gibt es feste Termine für die Massagen. Übrigens: Wer an seinem Geburtstag das Hamam in der Hufeland-Therme in Bad Pyrmont besucht, braucht keinen Cent zu bezahlen. Ansonsten kosten deutschlandweit drei Stunden Hamam ab 14 Euro, Peeling und Massage sind extra zu zahlen (ab 30 Euro).




