Im Jahr 5 nach der Übergabe: Wie steht Hongkong heute da?
Reisen

Im Jahr 5 nach der Übergabe: Wie steht Hongkong heute da?

Bild: Foto: André Schäfer from Radevormwald, Deutschland, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons

Als eines der einschneidendsten Ereignisse des 20. Jahrhunderts in Asien bezeichneten Politikwissenschaftler und Ökonomen den 30. Juni 1997, als Großbritannien seine auf 99 Jahre gepachtete Kronkolonie an die Volksrepublik China zurückgab. Wenn Ende Juni in Hongkong der fünfte Jahrestag der Übernahme der ehemaligen britischen Kronkolonie gefeiert wird, kann auch das von Peking inszenierte aufwändige Festival nicht über die wirtschaftlichen Schwierigkeiten hinwegtäuschen, mit denen der einst hochkarätige Finanzplatz heute konfrontiert ist: Hongkongs Wirtschaftswachstum erlebte Anfang 2001 einen dramatischen Einbruch. Nachbar Singapur hat Hongkong mittlerweile den Rang des besten Handelsstandorts Asiens abgelaufen. Wo liegen die Gründe dafür, wie steht Hongkong heute da, im Jahr 5 nach der Übernahme durch Peking?

1997: Union Jack wird eingerollt

Weltweit maßen die Medien der Übergabe der damaligen 6,2 Millionen-Metropole eine immense Bedeutung zu: “Der Triumph des Drachen”, “Die unheimliche Magie der letzten Stunde”, “Um Mitternacht die Diktatur?” – mit diesen Schlagzeiten wurde das historische Ereignis kommentiert. Das Einholen des Union Jack besiegelte symbolisch das Ende des Empires, das unter Königin Victoria Anfang des 20. Jahrhunderts seine größte Ausdehnung erlebt hatte. Die Zukunft Hongkongs wurde hingegen in düsteren Farben gemalt.

Allerdings hatten die Briten Peking als Voraussetzung für ihren Abzug wichtige Zusagen abgetrotzt. Diese umfassten eine weit reichende Autonomie in der Form einer Sonderverwaltungszone mit eigener Regionalregierung, die Zulassung der freien Marktwirtschaft sowie die 50-jährige Unantastbarkeit des bestehenden liberalen Gesellschafts- und Rechtssystems. Dennoch: Die Aufgabe des finanzkräftigen “Manhattans Südostasiens” fiel den Briten verständlicherweise schwer. Als “größte Mitgift seit Kleopatra” bezeichnete der scheidende Gouverneur Chris Patten, heute EU-Kommissar für Auswärtige Politik, die Aufgabe des wirtschaftlich florierenden Kapitalplatzes, der damals über 69 Milliarden Dollar Devisenreserven gehortet hatte.

Hongkong heute: Ökonomische Kennziffern stürzen ab

Die wirtschaftlichen Eckdaten sprechen derzeit eine klare Sprache – und scheinen die pessimistischen Prognosen zu bestätigen: Während die Finanz- und Billiglohn-Metropole bis ins Jahr 2000 die Welt zunächst mit jährlichen wirtschaftlichen Zuwachsraten von knapp über zehn Prozent ins Staunen versetzte, sackte das Wachstum des realen Bruttosozialprodukts (BSP) Anfang 2001 auf 2,3 Prozent ab. Im zweiten Quartal des vergangenen Jahres wuchs das BSP sogar nur noch um 0,5 Prozent. Die Schätzungen für das gesamte laufende Jahr liegen mittlerweile bei einem Prozent – schuld daran soll zum wesentlichen Teil der globale Wirtschaftsabschwung nach dem 11. September sein.

Es kommt noch schlimmer: Durch den stetigen Zulauf von Festland-Chinesen nach Hongkong ist die Bevölkerung auf 6,8 Millionen Menschen angewachsen – und mit ihr die Arbeitslosigkeit auf eine Quote von sieben Prozent, Tendenz steigend. Dabei war Arbeitslosigkeit in Hongkong lange Zeit ein Fremdwort, stattdessen galt Vollbeschäftigung als selbstverständlich.

Hongkong leidet noch unter weiteren strukturellen Übeln: Überteuerte Grundstücke und Immobilien sowie Haushaltsdefizite. Von der alten Kolonialverwaltung künstlich in die Höhe getriebene Grundstückspreise sind heute um bis zu 60 Prozent gegenüber ihrem Höchststand abgefallen. Rund 200 000 hart erarbeitete Eigenheime sind nun wesentlich weniger wert. Gleichzeitig muss die Region Hongkong im laufenden Jahr ein Haushaltsdefizit von acht Milliarden Hongkong-Dollar verkraften, umgerechnet etwa 1,1 Milliarden Euro.

Konkurrenz vom Festland

“Who needs Hongkong?” titelte kürzlich das US-Wirtschaftsmagazin Forbes und berichtete, wie die ehemals blühende Drehscheibe zwischen China und westlicher Welt heute nahezu ohnmächtig zusehen muss, wie südchinesische Nachbarstädte zu florierenden Handelsknoten zwischen Fernost und West aufsteigen. Hongkong droht seine exklusive Stellung als “Tor zu China” zu verlieren. Nachdem das “Reich der Mitte” der Welthandelsorganisation WTO beigetreten ist, weht vom nahen chinesischen Festland ein knallharter kapitalistischer Wettbewerbs-Wind hinüber zur “Sonderverwaltungszone” Hongkong.

Zudem hat die Volksrepublik China seit ihrer wirtschaftlichen Öffnung Anfang der 1980er Jahre Hongkong von der asiatischen Spitzenposition als Billig-Produzent von Textilien, Plastikspielzeug, Taschenrechnern, Radios, Uhren, Reiseutensilien und elektronischen Bauteilen verdrängt. Danach sah die Rollenverteilung wie folgt aus: China kümmerte sich zunehmend um die Produktion, Hongkong war Drehscheibe und Umschlagplatz der Güter für den Weltmarkt.

Und genau auf diese Rolle als Drehscheibe und Umschlagsplatz haben es kleinere Städte wie Shenzhen, Zhuhai oder Macau abgesehen. Immer mehr Exporte Chinas weichen von Hongkong auf andere, moderne Hafenanlagen an der südchinesischen Küste aus und verschiffen sie dort direkt. Die Zahlen belegen das: Während Hongkongs Ausfuhren stagnieren, realisierte China im vergangenen Jahr einen Anstieg der Ausfuhr-Quote um acht Prozent.

Gefahr für Hongkong: Chinas WTO-Beitritt

1997 geäußerte Befürchtungen, dass ein Überleben der Freihandels-Metropole unter der kommunistischen Führung Pekings unmöglich sei, erwiesen sich hingegen als unbegründet. Angeblich soll man auf den Straßen Hongkongs heutzutage weniger Soldaten der Volksbefreiungsarmee sehen als früher britisches Militär. Nach wie vor ist Hongkong eine Freihandelszone mit zollfreiem Hafen und der größten Zahl von Vertretungen international operierender Unternehmen – am häufigsten finden sich darunter übrigens Banken und Versicherungen.

Wesentlich mehr Aufmerksamkeit sollten Hongkonger Geschäftsleute dem im Dezember 2001 erfolgten Beitritt der chinesischen Volksrepublik zur WTO widmen, der ausländischen Unternehmen freien Handel mit dem chinesischen Festland ermöglicht. Es zeichnet sich nämlich ab, dass das zukünftige Verhältnis zwischen Peking und der Regionalregierung der “Sonderverwaltungszone” eher durch Konkurrenz als Kooperation gekennzeichnet sein wird. Will Hongkong seine Stellung als Finanzzentrum im südasiatischen Raum halten, muss es stärker seine jahrzehntelange Erfahrung als Drehscheibe und Dienstleistungs-Metropole einsetzen.

Tourismus als Ausweg?

Möglicherweise hilft ja der Tourismus der “duftenden Insel” – wie Hongkong auf Chinesisch heißt – aus ihrer derzeitigen Krise: Im vergangenen Jahr strömte die Rekordzahl von 13,1 Millionen Touristen in die Metropole am südchinesischen Meer. Damit diese finanzkräftigen Quelle nicht versiegt, hat die Hongkonger Regionalregierung bereits vor zwei Jahren mit Walt Disney einen Vertrag geschlossen, auf der nahe gelegenen Lantau-Insel in der Penny’s Bay einen neuen Disneyland-Themenpark einzurichten.

So versucht Hongkong derzeit, seine Position als international führendes Tourismuszentrum ausbauen. Zum Aufbau des milliardenteuren Parks will Hongkong 6000 Jobs schaffen. Wenn das Disneyland 2005 fertig ist, werden dort 18 000 Menschen beschäftigt sein. Rund fünf Millionen Besucher soll der Themenpark im Eröffnungsjahr zur Penny’s Bay ziehen. In 15 Jahren sollen sogar rund zehn Millionen Besucher an die südchinesische Küste strömen, um Mickey und Donald zu sehen – das engagierte Projekt hat allerdings noch einen Haken. In der Penny’s Bay gehen rund 200 Fischerfamilien ihrer Arbeit nach. Ihr Schicksal steckt nun auf der Kippe und sorgt in Hongkong zurzeit für viel Diskussionsstoff.

Die wechselvolle Geschichte Hongkongs

Anfang des 16. Jahrhunderts drangen portugiesische Seefahrer bis an die südchinesische Küste vor und gründeten mit Duldung des chinesischen Kaisers auf der ins Mündungsdelta des Perlflusses reichenden Halbinsel Macau die erste europäische Handelsniederlassung in Fernost. Der Handel war schwierig, denn die Grenzen Chinas waren für “Barbaren” gesperrt. Von den dennoch äußerst profitablen Geschäften bekamen aber auch Niederländer und Briten Wind und versuchten, sich in den Handel einzumischen. Da sich Macau aber fest in portugiesischer Hand befand, sahen sich die Briten nach einem anderen Hafen um.

Nach dem 1. Opiumkrieg (1840-42) mussten sich die Chinesen den militärisch überlegenden Briten geschlagen geben. Die Konsequenz: Im Vertrag von Nanjing 1842 trat das Reich der Mitte die Insel Hongkong “auf ewig” an die britische Krone ab. In den kommenden 20 Jahren sicherte sich das Britische Empire ebenfalls Teile der nahen Halbinsel Kowloon, 1898 pachtete es schließlich “auf 99 Jahre” die so genannten “New Territories” samt 235 größeren und kleineren Inseln von China.

Bis in die 1930er Jahre wuchs die ehemalige Hauptstadt des Opiumhandels zu einer bedeutenden Handelsmetropole in Fernost mit 1,6 Millionen Einwohnern (1939) – dank des sprichwörtlichen chinesischen Fleißes und westlicher Verwaltung, die der Metropole zu enormem Wohlstand verhalfen. Nach der japanischen Besatzung von 1941 bis 1945 kehrten die Briten nach Hongkong zurück und begannen mit dem Wiederaufbau – unterstützt von vielen Flüchtlingen aus dem kommunistischen China, die in der britischen Kolonie Zuflucht suchten und Hongkong zur florierenden Handelsmetropole und zum weltweit anerkannten Finanzzentrum machten.

Da die Volksrepublik China mit den alten Verträgen um den Besitz von Hongkong und Kowloon unzufrieden war und sie nicht anerkannte, wurde Hongkong in den 80er Jahren verschärft zum Zankapfel zwischen London und Peking. Großbritannien blieb kaum eine andere Wahl als die Erfüllung der vertraglich für 1997 vereinbarte Übergabe, denn ohne das Hinterland als grüne Lunge und Trinkwasserreservoirs, die sich in der Hand der Volksrepublik befanden, war das Stadtgebiet nicht lebensfähig. So schloss Großbritannien 1984 mit China ein Abkommen, aufgrund dessen Hongkong am 1.7.1997 als Sonderverwaltungsgebiet unter chinesische Souveränität zurückkehrte.

Buch-Tipps

Online bestellen:

Adrian Seeger und Christian Theisen: Hongkong. Eine Bilanz

John Sykes: Hongkong

Mehr aus Reisen

Weitere aktuelle Artikel aus der Rubrik Reisen.

Alle Reisen-Artikel
Der Ursprung der Neujahrsnacht: Vom Papst zum globalen Feuerwerk
Reisen

Der Ursprung der Neujahrsnacht: Vom Papst zum globalen Feuerwerk

26. Oktober 2026

Vom kirchlichen Gedenktag des Papstes Silvester I. über germanische Rauhnachtsbräuche bis zum modernen Feuerwerk – die Silvesternacht vereint jahrhundertealte Traditionen, Aberglauben und die weltweite Freude am…

Urlaub in Indien auf besondere Weise
Reisen

Urlaub in Indien auf besondere Weise

14. Oktober 2026

Indien ist ein vielseitiges Reiseziel, das mit einer reichen Kultur, historischen Bauwerken und abwechslungsreichen Landschaften begeistert. Aufgrund seiner Größe bietet der Staat jede Menge Abwechslung für einen…

Unabhängige Landgänge auf Kreuzfahrten: Die individuelle Hafenzeit erfolgreich gestalten
Reisen

Unabhängige Landgänge auf Kreuzfahrten: Die individuelle Hafenzeit erfolgreich gestalten

30. September 2026

Das Einlaufen in einen neuen Hafen markiert für viele Kreuzfahrtpassagiere den Höhepunkt des Tages. Sobald die Gangway freigegeben ist, beginnt die wertvolle Zeit an Land. Immer mehr Reisende entscheiden sich bewusst…

Entdecke das Urlaubsglück direkt nebenan: Warum Holland das perfekte Reiseziel ist
Reisen

Entdecke das Urlaubsglück direkt nebenan: Warum Holland das perfekte Reiseziel ist

17. September 2026

Wer an Traumurlaub denkt, hat oft weit entfernte Inseln oder stundenlange Flüge im Kopf. Dabei liegt eines der vielseitigsten und schönsten Reiseziele direkt vor der Haustür. Die Niederlande begeistern seit Jahrzehnten…

← Zurück zu ReisenZur Startseite