Indien mal anders: Die Himmelsobservatorien von Jaipur
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Indien mal anders: Die Himmelsobservatorien von Jaipur

Bild: Foto: Diliff, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

Wer die indischen Städte Delhi oder Jaipur besucht, sollte sich die Observatorien des Jai Singh nicht entgehen lassen. Denn diese weltweit einzigartigen, knapp 300 Jahre alten "Himmelsbauten" repräsentieren eine ungewöhnliche und gleichzeitig geniale Technik der Himmelsbeobachtung und sind gleichzeitig beeindruckend in ihrer schieren Größe und Monumentalität.

Wer das knapp 300 Jahre alte Himmelsobservatorium von Jaipur betritt, glaubt sich zunächst in einer modernen Bauausstellung oder einem überdimensionierten Skulpturenpark. Denn statt der Teleskopschüsseln oder geschlossenen Kuppeln moderner Observatorien wagen hier merkwürdig geformte Bauten aus Sandstein und Marmor in den Himmel auf. Einige ähneln riesigen Treppen, die ins Nichts zu führen scheinen, andere erinnern eher an Miniaturausgaben des Kolosseums in Rom.

Doch so verschieden diese Bauwerke anmuten, ihre Architektur dient einem Zweck: der Vermessung des Himmels. Allen Instrumenten ist gemeinsam, dass sie Sichtlinien zu den Gestirnen nutzten, um die Zeit oder die Position bestimmter Himmelskörper zu bestimmen. Ihre enorme Größe ist dabei quasi ein Nebenprodukt, denn nur sie gewährt die nötige Präzision der Messungen.

Wer kam auf die Idee?

Erdacht und erbauen lassen hat sie vor rund 300 Jahren Jai Singh II., der Maharadscha des Fürstentums Amber in Rajasthan. Singh war schon als Junge wissbegierig und interessierte sich stark für Astronomie. Kein Wunder: Im alten Indien spielte der Lauf der Gestirne eine wichtige Rolle zur Bestimmung der Kalenderzeiten, aber auch für Religion und Astrologie. Gelehrte, aber auch der junge Fürst studierten daher islamische Astronomieschriften und nutzten die in Arabien und Europa gängigen Astrolabien und Sonnenuhren.

Dabei jedoch fiel Jai Singh etwas auf: Viele der in den astronomischen Tabellen verzeichneten Zeiten und Positionen der Himmelskörper stimmten nicht hundertprozentig mit seinen eigenen Messungen überein. Die bronzenen Instrumente waren ungenau, weil die weiche Bronze dieser Messgeräte mit der Zeit nachgegeben hatte, so dass die Instrumente ausleierten. Wegen der geringen Größe der Sonnenuhren ist es zudem schwer, präzise Messungen durchzuführen.

Jai Singh beschloss, bessere Instrumente zu bauen. Er wollte astronomische Observatorien konstruieren, die haltbarer und präziser sind als alle bisher gängigen. Sein Prinzip dabei: Präzision durch Größe, Haltbarkeit durch Geräte aus Stein statt aus Bronze. In gleich fünf indischen Städten begann der Maharadscha um 1720 mit dem Bau seiner neuen Observatorien - der Jantar Mantar. Auf Sanskrit bedeutet dies soviel wie "magische Instrumente". Sie wurden in Delhi, in Jaipur, der neuen Hauptstadt von Jai Singh errichtet, sowie in den damals heiligen Städten Ujjain, Mathura und Varanasi.

Die große Sonnenuhr von Jaipur

Und der Plan des Jai Singh ging auf: Die steinernen Observatorien sind bis heute größtenteils erhalten – und weltweit einzigartig. Das größte und vollständigste von ihnen, das Jantar Mantar in Jaipur, gehört heute zum UNESCO-Weltkulturerbe. In ihm stehen 14 verschiedene Instrumente, mit denen einst die indischen Astronomen den Lauf von Sonne, Mond und den Gestirnen verfolgten.

Eines der "magischen" Instrumente von Jaipur ist Samrat Yantra - die größte Sonnenuhr der Welt. Ihre schiere Größe beeindruckt bis heute: 27 Meter weit ragt der keilförmige Schattenwerfer dieser Sonnenuhr über den Besuchern auf. Beiderseits dieser "Himmelstreppe" formen zwei nach oben gebogene, mit Marmor ausgekleidete Bögen die Skala dieser Riesen-Sonnenuhr. Auf den Marmorskalen kennzeichnen feine, in zwei Millimeter Abstand platzierte Rillen die Zeiteinheiten.

Durch die enorme Größe der Sonnenuhr lässt sich mit ihr die Zeit bis auf zwei Sekunden genau ablesen. Dazu benötigt man allerdings noch ein weiteres kleines Hilfsmittel: ein kleines Stück Draht oder Schnur. Der Grund: Wer den Schattenwurf der Sonnenuhr genauer anschaut, sieht, dass der Schattenrand wie ausgefasert wirkt – er bildet einen weichen, je nach Tageszeit bis zu drei Zentimeter breiten Übergang. Das macht es fast unmöglich festzustellen, auf welchem Skalenstrich der Schatten endet. Hier kommt nun das Hilfsmittel ins Spiel: Hält man den Draht dicht über die Skala wirft die Schnur eine scharfe, dünne Schattenlinie. An der Stelle, an der der Schnurschatten mit dem verwischten Sonnenuhr-Schatten verschmilzt, wird abgelesen.

Die Zwillings-Instrumente

Eine weitere Besonderheit des Observatoriums von Jaipur sind zwei große Doppelinstrumente. Beide dienten den Astronomen dazu, die Position und den Lauf der Gestirne möglichst genau zu bestimmen und zu verfolgen.

Eines davon, das Jai Prakash, besteht aus zwei halbkugelförmigen Vertiefungen im Boden. In jede der Schalen sind sechs helle Marmorsegmente eingelassen, auf denen ein feines Koordinatennetz die die Geometrie des Himmels abbildet. Zwischen den Marmorsegmenten liegen jeweils Treppen und Aussparungen, über die die Astronomen besser an jede Stelle der Schale gelange konnte, um von dort aus den Himmel anzuvisieren. Der Clou dabei: Dort, wo bei der einen Schale heller Marmor ist, liegt bei der anderen eine Aussparung – sie sind komplementär. Erst zusammen bilden sie ein lückenloses Abbild des Himmels.

Nach ähnlichem Prinzip funktioniert auch das zweite Doppelinstrument, das ein wenig zwei nebeneinander stehenden Mini-Ausgaben des Kolosseums in Rom ähnelt. Das sogenannte Rama Yantra besteht aus zwei mehrstöckigen Zylindern, deren Außenwände durch senkrechte Öffnungen durchbrochen sind. Diese sind bei beiden Zylindern wieder komplementär. Im Inneren gibt es Koordinatenmarkierungen und Segmente, durch die die Astronomen die Höhe und den Azimut, den "Längengrad" der Sterne, bestimmen konnten. Der Clou hier: Um auf tieferstehende Sterne anvisieren zu können, kletterten die Astronomen auf Holzbretter, die sie in der jeweils passenden Höhe in die Wandaussparungen klemmten. Die Halterungen für diese Bretter sind bis heute zu erkennen.

Warum so viele Instrumente?

Wer im Observatorium von Jaipur umherwandert, wird noch mehr seltsame "Himmelsbauten" entdecken. Denn zur Sicherheit erbaute Jai Singh gleich mehrere Sonnenuhren unterschiedlicher Größe und Art und auch für das Anpeilen von Sternen konnten die Astronomen zwischen verschiedenen Instrumenten wählen. Dadurch konnten die Astronomen die Werte miteinander abgleichen – und so verlässlichere und genauere Ergebnisse erzielen.

Einige der Instrumente in Jaipur ähneln einem mittelalterlichen Astrolabium, andere sind einfache Steinmarker, die beispielsweise die Richtung zum Polarstern weisen. Ungewöhnlich und weltweit einzigartig ist eine Ansammlung von zwölf "Himmelstreppen", die alle in unterschiedliche Richtungen zeigen und auch ganz verschiedenen Steigungen aufweisen.

Der Sinn dahinter: Jedes Instrument war so ausgerichtet, dass die Astronomen damit die Position der Sonne oder eines Sterns in Bezug auf die Ekliptik bestimmen konnten – die Bahn der Tierkreiszeichen. Weil sich die Ekliptik aber im Laufe des Jahres am Himmel verschiebt, passte jedes Instrument nur zu bestimmten Zeiten im Jahr. Statt die Bewegung durch ein einziges, verstellbares Instrument auszugleichen, konstruierte Jai Singh zwölf feste Bauten, die zusammen die gleiche Funktion erfüllten.

Die Jantar Mantar von Jaipur zeugen bis heute vom Einfallsreichtum und der langen Tradition der indischen Astronomie. Wer Jaipur oder Delhi besucht, sollte sich daher einen Besuch in den steinernen Observatorien nicht entgehen lassen. Sie geben einen einzigartigen Einblick in eine hier im Westen weitgehend unbekannte Astronomiegeschichte – und in die Bedeutung, die die Himmelskunde damals in der indischen Gesellschaft hatte.

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