Die Inflation in Deutschland ist im September 2026 um 0,4 Prozentpunkte auf 3,3 Prozent gestiegen. Verantwortlich dafür sind vor allem steigende Kraftstoff- und Heizölpreise, die wiederum auf einen höheren Rohölpreis zurückgehen. Dieser resultiert aus der anhaltenden Blockade der Straße von Hormus sowie gestiegenen Raffineriemargen aufgrund von Kapazitätsengpässen durch den Iran- und den Ukraine-Krieg. Das zeigt der aktuelle Inflationsmonitor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung, für den Dr. Silke Tober die Teuerungsraten von neun repräsentativen Haushaltstypen untersucht hat.
Wer trägt die Hauptlast der Teuerung?
Der erneute Preisschub bei Kraftstoffen trifft Familien mit mittleren und niedrigen Einkommen am härtesten. Der Grund: Familien brauchen oft wegen der Kinder ein Auto, und Ausgaben für Benzin oder Diesel fallen bei geringen und mittleren Einkommen stärker ins Gewicht. Sechs der untersuchten Haushaltstypen wiesen eine Teuerung oberhalb des Durchschnitts auf, also von 3,4 Prozent bis 3,6 Prozent. Insgesamt lagen die haushaltsspezifischen Raten bei acht der neun untersuchten Haushaltstypen mit 3,2 bis 3,6 Prozent recht nahe beieinander.
Haushalte mit höheren Einkommen waren hingegen stärker von Preissteigerungen bei Flügen, Pauschalreisen sowie Gesundheits- und sozialen Dienstleistungen betroffen. Alleinlebende mit niedrigen Einkommen, die sich selten Kraftfahrzeuge, Reisen oder aufwendigere Dienstleistungen leisten können, mussten mit 2,3 Prozent die im Haushaltsvergleich niedrigste Teuerungsrate schultern.
Hat der Energiepreisschock eine Preisspirale ausgelöst?
Nein, bislang nicht. Tober analysiert: Der Energiepreisschock hat noch keinen breiteren Preisauftrieb bei anderen Gütergruppen ausgelöst. Der Inflationssprung von August auf September gehe vollständig auf den Anstieg der Kraftstoff- und Heizölpreise zurück. Die Preisdynamik bei Nahrungsmitteln ist mit 0,4 Prozent Anstieg zwar gegenüber dem Vormonat etwas gestiegen, unter dem Strich aber weiter gering. Die Teuerung bei Dienstleistungen hat sich sogar etwas abgeschwächt.
Die Endkundenpreise für Strom und Gas lagen wegen meist langfristiger Vertragslaufzeiten und der Subventionierung der Stromnetzentgelte sowie der Streichung der Gasspeicherumlage zu Jahresbeginn weiterhin niedriger als vor einem Jahr. Allerdings sind die Großhandelspreise für Strom und Gas längst spürbar erhöht. Zudem ist zu erwarten, dass die hohen Ölpreise über Transport- und Produktionskosten mit der Zeit auf die Preise anderer Güter durchwirken.
Wie teuer ist Energie langfristig geworden?
Eine längerfristige Betrachtung im IMK-Inflationsmonitor zeigt das dramatische Ausmaß: Erdgas für private Haushalte hat sich in den vergangenen sieben Jahren sehr stark verteuert – um 79,9 Prozent gegenüber September 2019. Es folgen Heizöl mit 73,8 Prozent und Fernwärme mit 73,1 Prozent. Haushaltsenergie inklusive Strom wurde um durchschnittlich 46,2 Prozent teurer. Die Preise von Nahrungsmitteln und alkoholfreien Getränken haben im Sieben-Jahres-Zeitraum um 39,7 Prozent angezogen.
Die kumulierte Inflation insgesamt, gemessen am Verbraucherpreisindex, beträgt 26,3 Prozent seit September 2019. Das ist fast doppelt so viel wie die 14,9 Prozent, die im Einklang mit dem Inflationsziel der Europäischen Zentralbank (EZB) von jährlich zwei Prozent gestanden hätten.
Warum sind Zinserhöhungen das falsche Mittel?
Die EZB müsse angesichts der Energiepreisschocks wachsam sein, betont Tober. Weitere Leitzinserhöhungen wären aktuell aber ein Fehler, weil die Nebenwirkung – Schwächung der Konjunktur und höhere Arbeitslosigkeit – schwerer wiege als der extrem begrenzte Nutzen. Externe Energiepreisschocks als wichtigste aktuelle Inflationstreiber ließen sich mit Zinserhöhungen nicht wirksam bekämpfen.
Zwar sei zu erwarten, dass die gestiegenen Energiekosten längerfristig Preissteigerungen in anderen Bereichen nach sich ziehen.
"Aber auch solche indirekten Effekte liefern keinen hinreichenden Grund für eine weitere Erhöhung der Leitzinsen, da sie wie der ursprüngliche Schock mittelfristig abklingen."
— Dr. Silke Tober, IMK-Expertin für Geldpolitik
Was empfehlen die Forscher stattdessen?
Statt einer zusätzlichen Schwächung der Wirtschaft durch höhere Finanzierungskosten sind der IMK-Expertin zufolge in Deutschland wie in anderen Euro-Ländern fiskalische Maßnahmen geboten. Diese sollten:
- die privaten Haushalte entlasten,
- die Inflation mildern und
- die Gefahr von Zweitrundeneffekten verringern.
Gemessen an diesen Anforderungen sei der Tankrabatt durchaus sinnvoll. Er sollte aber mit Maßnahmen zur Drosselung des Verbrauchs kombiniert werden, beispielsweise verschärften Tempolimits. Die in Aussicht gestellte Senkung der Stromsteuer würde ebenfalls entlastend wirken. Sie stelle allerdings lediglich ein Gegengewicht zu der Erhöhung der Tabaksteuer im Januar 2027 und der Zuzahlungen gesetzlich Versicherter dar. Diese staatlich beschlossenen Preiserhöhungen fließen nämlich ebenfalls in die Berechnung der Inflationsrate ein.
Wie werden die Haushaltstypen untersucht?
Für den IMK-Inflationsmonitor werden auf Basis der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe des Statistischen Bundesamts die für unterschiedliche Haushalte typischen Konsummuster ermittelt. So lässt sich gewichten, wer für zahlreiche verschiedene Güter und Dienstleistungen – von Lebensmitteln über Mieten, Energie und Kleidung bis hin zu Kulturveranstaltungen und Pauschalreisen – wie viel ausgibt. Daraus errechnet sich die haushaltsspezifische Preisentwicklung.
Untersucht werden neun repräsentative Haushaltstypen: Paarhaushalte mit zwei Kindern und niedrigem, mittlerem oder höherem Einkommen, Haushalte von Alleinerziehenden mit einem Kind, Singlehaushalte mit niedrigem bis hohem Einkommen sowie Paarhaushalte ohne Kinder mit mittlerem Einkommen. Der Inflationsmonitor wird monatlich aktualisiert.

