Staatlich verordnetes Gebärsoll von fünf Kindern
Hinter dem Aufbau eines solchen Systems der indirekten Euthanasie steht der Befehl des Diktators von 1966, die Rumänen müssten sich bis zum Jahr 2000 von 19 auf 30 Millionen vermehren. Ceauçescus Reich sollte so noch mächtiger werden. Sexualerziehung, Geburtenkontrolle und Abtreibung wurden verboten. Für jede Familie legte der Diktator ("Der Fötus ist sozialisiertes Eigentum der ganzen Gesellschaft") ein Gebärsoll von fünf Kindern fest, bei Abtreibung drohten den Frauen lange Gefängnisstrafen. Ceauçescu trieb mit diesem Zwang die Kindersterblichkeit und die Zahl der behinderten Kinder stark in die Höhe. Selbst kranke Frauen mussten die Säuglinge gegen ihren Willen zur Welt bringen. Viele Schwangere versuchten in dem Land mit zuvor traditionell hohen Abtreibungszahlen selbst einen Eingriff und verletzten dabei die Embryonen.
Der Alkoholismus forderte ebenso seinen Preis wie die weit verbreitete Unterernährung unter der Bevölkerung. Die Kindersterblichkeit in Rumänien lag Ende der 80er Jahre mit zwei Prozent vorn in Europa.
Zum Sterben abgeschoben
Falls Kinder mit Mangelerscheinungen, chronischen Erkrankungen oder Geburtsfehlern die ersten drei Jahre überlebten, mussten sie sich einem Test stellen. Ärztekommissionen beurteilten in jedem der 39 rumänischen Landkreise, ob die Kleinen einen Intelligenzquotienten von über 30 erreichten. Lagen sie nach Meinung der Kommission darunter, wurden sie in Heime abgeschoben. In Cighid zum Beispiel., einer der Anstalten im Nordwesten Rumäniens, starben allein in den letzten beiden Jahren vor der Revolution 116 Kinder.
In den Heimen fehlte es den Kleinen praktisch an allem: an menschlicher Wärme durch die Schwestern genauso wie an der Heizung im Winter. So vegetierten sie bei Temperaturen von -4 °C in den heruntergekommenen Räumen vor sich hin. Weder gab es ausreichende Ernährung und Hygiene, noch war bei Krankheiten die Versorgung durch Mediziner gesichert.
Die Zustände in den Heimen besserten sich auch durch die Revolution gegen Ceauçescu angeblich wegen fehlender finanzieller Mittel nicht. Erst die Berichte von westlichen Journalisten entfachen vor allem in Deutschland eine Welle der Hilfsbereitschaft, die den Kindern vor Ort zugute kommt.




