Offenbach, 5. Mai 2004 - "Veränderungen des Klimas weltweit und in Deutschland hat es immer schon gegeben. Sie werden unser Leben auch künftig bestimmen. Neu ist, dass der Mensch seit rund 200 Jahren selbst zur Klimaveränderung beiträgt. Wie groß dieser anthropogene Anteil an der aktuellen Klimaveränderung ist, werden wir allerdings erst in zehn bis 20 Jahren sicher sagen können." Das erklärt Volker Vent-Schmidt, Leiter der Abteilung Klima und Umwelt des Deutschen Wetterdienstes (DWD) zu den durch den Hollywood-Film "The Day After Tomorrow" aufgeworfenen Fragen nach möglichen Klimaveränderungen in Europa und Deutschland.
Bis zum Jahr 2100 könnten nach Einschätzung von Klimaforschern die Jahresdurchschnittstemperaturen in Deutschland von heute 8,2 Grad Celsius(°C) auf rund 11°C steigen. Damit verbunden wären nassere Winter, trockenere Sommer sowie mehr und stärkere Stürme. Vent-Schmidt: "Einige Klimamodelle prognostizieren sogar eine Verlagerung des Golfstroms. Das würde in Europa zu einer Verschiebung aller bisherigen Klimazonen nach Süden führen. Die Folge für Deutschland wäre statt eines Temperaturanstiegs ein starker Rückgang der Temperaturen - vor allem im Winter. Sollten diese Prognosen eintreffen, müssten wir hier mit einem deutlich kälteren und trockeneren Klima zu leben lernen."
Bisherige Klimatrends in Deutschland
Insgesamt ergab sich bei den Jahresmitteltemperaturen in Deutschland seit 1901 ein ansteigender Trend von 0,6 Grad. Dieser Anstieg ist allerdings nicht gleichmäßig über diesen Zeitraum verteilt. Er beruht laut DWD weitgehend auf einem Anstieg bis 1911 und einer sehr warmen Periode seit 1988. Dazwischen hielten sich die Jahresmitteltemperaturen im wesentlichen auf einem konstanten Niveau.
Der Temperaturanstieg ist auch nicht gleichmäßig über die Jahreszeiten verteilt. Der klimatologische Frühling von März bis Mai zeigt nur einen schwachen Anstieg.
Der Sommer (Juni, Juli, August) trägt erheblich mehr zum Temperaturjahrestrend bei. Hier findet sich ein Zuwachs von rund 0,7 Grad, der vor allem durch einen Temperaturanstieg seit 1955 verursacht wird.
Der Herbst zeigt ebenfalls einen markanten Temperaturanstieg, der allerdings im wesentlichen auf einer raschen Erwärmung von 1922 bis 1929 beruht. Seitdem sind die Herbsttemperaturen recht konstant.
Im Winter (Januar, Februar sowie Dezember des Vorjahres) zeigen die Auswertungen des DWD insgesamt keinen nennenswerten Trend. Die Beobachtungen belegen eine Häufung besonders kalter Winter und das Fehlen sehr warmer Winter in der Mitte des 20. Jahrhunderts. Das letzte Jahrzehnt war allerdings auch hier wieder sehr mild.
Niederschläge haben in Deutschland kaum zugenommen
Die Zeitreihe der Gebietsmittel des jährlichen Niederschlags in Deutschland zeigt nur einen leichten Anstieg, der im wesentlichen auf das Fehlen besonders niederschlagsreicher Jahre in den ersten 20 Jahren des 20. Jahrhunderts zurückzuführen ist.
Im Frühling konnte ein etwas deutlicherer zunehmender Trend beobachtet werden. Er beruht hauptsächlich auf der Zunahme sehr nasser Frühjahre seit 1960. Im Sommer zeigen die Niederschlagsmessungen seit 1901 insgesamt fast keine Veränderungen. Auch im Herbst findet sich kein auffälliger Trend.
Es lassen sich eher rund 40jährige Perioden erkennen, in denen sehr trockene Herbste gehäuft auftreten, wobei Häufigkeitsmaxima zwischen 1910 und 1920 sowie zwischen 1950 und 1960 zu finden sind. Der Winter zeigt einen leicht ansteigenden Niederschlagstrend, der allerdings wie die anderen Niederschlagstrends laut DWD statistisch nicht signifikant ist.
Temperaturen könnten bis 2100 um drei bis vier Grad steigen
Die in Großrechnern simulierten Entwicklungen des weltweiten Klimas bis zum Jahr 2100 prognostizieren eine globale Erwärmung von drei bis vier Grad. Sie soll in den Wintermonaten, im Polargebiet und im Innern der Kontinente besonders stark sein, während in den Tropen nur ein relativ geringer Temperaturanstieg prognostiziert wird.
Soweit die Modelle regionale Aussagen machen können, treffen diese globalen Mittelwerte auch auf Mitteleuropa zu. Nach Nordwesten hin sollte die Erwärmung geringer ausfallen, da die Modelle für das Gebiet um Grönland und Island nur sehr geringe Temperaturzunahmen oder sogar leichte Temperaturabnahmen vorhersagen.
Hochwasser im Winter und Wassermangel im Sommer
Auf Grund der höheren Temperaturen kann die Atmosphäre mehr Wasserdampf enthalten, und daher wird in den Modellen meist eine Intensivierung des Wasserkreislaufs mit höheren Niederschlägen vorhergesagt.
Regionale und jahreszeitliche Unterschiede können jedoch nur mit großer Unsicherheit prognostiziert werden. Einige Modelle berechnen für Mitteleuropa eine Zunahme der Niederschläge im Winter und eine Abnahme im Sommer. Dies würde zusammen mit den zu erwartenden höheren Temperaturen größeren Wassermangel im Sommer und vermehrte Hochwassersituationen im Winter mit sich bringen.
In Deutschland könnte es zu stärkeren Stürmen kommen
Hinsichtlich der Sturmhäufigkeit und -stärke sind Modellaussagen noch selten und besonders unsicher. Allgemeine Überlegungen lassen die Vermutung zu, dass weltweit infolge einer höheren Temperatur und des damit verbundenen größeren Energiegehalts auch mehr Energie für tropische Stürme zur Verfügung steht.
Die Sturmtiefs der mittleren Breiten beziehen ihre Energie hingegen aus den Temperaturunterschieden zwischen den Tropen und den Polargebieten. Da sich die Polargebiete nach den numerischen Klimamodellen stärker erwärmen sollen, als der tropische Bereich, sollten diese Stürme im globalen Mittel sogar schwächer werden.
Für Europa und damit Deutschland dürfte dies allerdings weniger relevant sein, da die meisten Klimamodelle im Raum um Island und Grönland nur eine relativ geringe Erwärmung voraussagen. Damit würden die Temperaturunterschiede zwischen dem Nordatlantik und den sich weiter erwärmenden südlicheren Regionen größer. Die Stärke und Häufigkeit von Stürmen in West- und Mitteleuropa könnten dadurch zunehmen.
Temperatursturz bei Abriss des Golfstroms
Auch bei einer globalen Erwärmung kann regional eine Abkühlung eintreten. Hierfür wäre Europa besonders prädestiniert, denn der Golfstrom führt relativ warmes Wasser entlang der skandinavischen Westküste weit nach Norden und sorgt dafür, dass West-, Mittel- und Nordeuropa ein für ihre geographische Breite ungewöhnlich mildes Klima besitzen.
Falls eine Klimaänderung die Golfstromzirkulation schwächt, könnte in West- und Nordeuropa trotz globaler Erwärmung eine deutliche Abkühlung eintreten.
Ursache des Golfstroms ist im wesentlichen, dass das Oberflächenwasser im Bereich zwischen Island und Grönland stark abkühlt, damit schwerer wird und als kaltes Tiefenwasser zum Ozeanboden absinkt. Zugleich strömt wärmeres und damit leichteres Wasser aus dem Süden nach. Der Golfstrom ist somit eine Folge der Saugwirkung dieser Absinkbewegung.
Bei der Erwärmung des Polargebiets würde die Abkühlung des Oberflächenwassers vermindert und das spezifische Gewicht des Oberflächenwassers verringert. Dadurch könnte die beschriebene Zirkulation geschwächt oder gar ganz unterbunden werden. Eine solche Strömungsveränderung könnte zu einer erheblichen Verschiebung der gesamten Klimazonen im europäischen Raum nach Süden führen. Neben einer markanten Temperaturabnahme insbesondere im Winter würde dies auch zu einer Südverlagerung der Tiefdruckbahnen mit den damit verbundenen Niederschlägen und Stürmen führen. Mittel- und nordeuropäische Regionen wie Deutschland würden dann mit einem kälteren und trockeneren Klima zu rechnen haben.
Menschliche Aktivitäten verstärken natürliche Erwärmung
Der von Klimamodellen prognostizierte anthropogene, also vom Menschen verursachte globale Erwärmungstrend aufgrund der Anreicherung strahlungsaktiver Spurengase in der Atmosphäre ist wegen starker natürlicher Klimaschwankungen noch nicht sicher nachweisbar.
Der Erwärmungstrend seit Beginn des 20. Jahrhunderts ist weitgehend nur eine Erholung von einer besonders kühlen Periode in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das heißt aber nicht, dass es keinen anthropogenen Erwärmungstrend gibt. Alle realistischen Klimamodelle sagen eine Erwärmung bei einer Erhöhung der Konzentration strahlungsaktiver Gase in der Atmosphäre voraus. Lediglich deren Stärke ist umstritten. In zehn bis 20 Jahren müsste der Erwärmungstrend entsprechend den Prognosen so stark werden, dass er zweifelsfrei erkennbar sein sollte.
Ein Blick auf das Klima in Deutschland
Das Gebiet von Deutschland gehört zum warm-gemäßigten Regenklima der mittleren Breiten. Die Jahresdurchschnittstemperatur liegt bei 8,2°C. Mit überwiegend westlichen Winden werden das ganze Jahr über feuchte Luftmassen vom Atlantik herangeführt, die zu Niederschlägen führen. Im Mittel fallen in Deutschland 789 Liter Niederschläge pro Jahr und Quadratmeter.
Der ozeanische Einfluss sorgt in der Regel für milde Winter und nicht zu heiße Sommer. Das mildeste Klima findet man im Oberrheingraben. Besonders warm und trocken sind auch die Täler von Saale und Elbe. Im Winter ist der Niederrhein wegen seiner geringen Höhe und der Nähe zum Meer am wärmsten. Im Sommer sind die Niederungen im südlichen Ostdeutschland auf Grund des stärkeren kontinentalen Einflusses genauso warm wie der Südwesten.
Der Osten Deutschlands ist wegen seiner größeren Entfernung zum Atlantik relativ trocken. Aber auch die dort im globalen Vergleich sehr geringen Niederschläge sind auf Grund der relativ niedrigen Temperaturen und der damit verbundenen geringen Verdunstung ausreichend, um die Seenplatten und Wälder Mecklenburgs und Brandenburgs zu erhalten. In tropischen Gebieten würden gleich hohe Niederschläge nur noch eine Halbwüste zulassen.
Der starke Wind, die kühlende Wirkung des Wassers und die insgesamt nördliche Lage geben auch den Küsten der Nordsee im Sommer recht raues Klima, während die Ostseeküsten auf Grund des nach Osten zunehmenden kontinentalen Einflusses angenehmere Sommerbedingungen aufweisen. Im Winter ist das Klima an den Küsten auf Grund des wärmenden Wassers zwar mild, wird aber durch die hohen Windgeschwindigkeiten doch als rau empfunden.




