Die Warnung ist deutlich: "Wasser gilt als eines der zentralen Gewaltrisiken des 21. Jahrhunderts", schreibt die von Willy Brandt gegründete Stiftung Entwicklung und Frieden (SEF) in ihrem Jahresbericht "Globale Trends 2002". Den Ernst der Lage unterstrich auch UN-Generalsekretär Kofi Annan anlässlich des Internationalen Tag des Wassers am 22. März 2002: "Bereits 2025 werden zwei Drittel der Weltbevölkerung höchstwahrscheinlich in Ländern mit mehr oder minder bedrohlicher Wasserknappheit leben. Heftige nationale Auseinandersetzungen um Wasserreserven haben die Angst geschürt, dass Wasserknappheit die Ursache für gewalttätige Konflikte beinhaltet." Zwischenstaatliche Konflikte um den Zugang und die Nutzung von Wasser können sich besonders an den grenzüberschreitenden Flusssystemen entzünden, von denen es weltweit 261 gibt. Oft ist die Frage ungeklärt, wie die Staaten die Ressourcen gemeinsam friedlich nutzen und schützen können. Besonders an den Brennpunkten der Welt verschärft die Wasserfrage die Instabilität. Zwei Beispiele sind Vorderasien und der Nahe Osten.
Konfliktherd am Euphrat und Tigris
Schrittweise setzt die türkische Regierung ihr Bewässerungs- und Energieprojekt "GAP" um (Güneydogu Anadolu Projesi): In Anatolien werden Euphrat und Tigris sowie deren Nebenflüsse aufgestaut, damit Wasserkraftwerke Strom erzeugen können. Nicht nur die ökologischen Folgen und die Zwangsumsiedelung von Kurden stößt auf internationale Kritik: Die stromabwärts liegenden Staaten Syrien und Irak, die vom Wasser der beiden Flüsse abhängig sind, befürchten, dass die Türkei ihnen den Wasserhahn abdrehen könnte. Weil die türkische Regierung kein verbindliches Abkommen mit den Anrainerstaaten unterzeichnen wollte, versagte die Weltbank Darlehen für das Projekt.
Konfliktherd am Jordanbecken
Eine besonders brisante Rolle hat das Lebenselixier im wasserarmen Nahen Osten. Schon einmal spielte die Wasserversorgung eine Rolle in einem Nahost-Krieg. Israel hatte in den 1950er Jahren mit dem Bau einer nationalen Wasserleitung (National Water Carrier) begonnen, die das Wasser des oberen Jordans in die Negev-Wüste umleiten sollte. Als Reaktion darauf beschloss die Arabische Liga 1964, die in Syrien entspringenden Quellflüsse des Jordans umzuleiten, die Versorgungslage in Israel hätte sich damit verschlechtert. Mehrmals bombardierten israelische Streitkräfte daraufhin die Baustelle ― mit Erfolg: 1966 wurde das Projekt abgebrochen. Im "Sechs-Tage-Krieg" 1967 besetzte Israel schließlich die wasserreichen Golanhöhen und das Westjordanland auch deshalb, um die Kontrolle über die Wasservorkommen zu sichern. Wasser verschärft auch den Konflikt zwischen Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten: Die Palästinenser erhalten bedeutend weniger Wasser zugeteilt als die Bevölkerung im Stammland Israels und die israelischen Siedler auf der Westbank. Zwar hatten beide Seiten in den Osloer Abkommen von 1993/95 das Thema bereits aufgegriffen, eine endgültige Lösung der Wasserrechte sollte aber den späteren Verhandlungen über den endgültigen Status der besetzten Gebiete vorbehalten sein ― solange der Friedensprozess keine Fortschritte macht, wird das kühle Element im Nahen Osten ein heißer Konfliktstoff sein.
Konfliktlösung im Nilbecken
Ein Anschauungsobjekt für Israelis und Palästinenser, wie Staaten die Ressource gemeinsam friedlich nutzen können, ist die Region um den Nil. Der Strom ist der längste Fluss weltweit, 300 Millionen Menschen leben in den zehn Anrainerstaaten (Ägypten, Sudan, Äthiopien, Eritrea, Kongo, Uganda, Ruanda, Burundi, Kenia und Tansania). Mit Unterstützung der deutschen Regierung setzten sich Minister aus dieser politisch instabilen Region im September 2001 in Bonn an einem runden Tisch, um die Zusammenarbeit bei der nachhaltigen Nutzung des Nils zu besprechen.
Sehr interessiert sind sie an den Erfahrungen der Fluss-Kommissionen in Europa, etwa an der 1950 gegründeten "Internationalen Kommission zum Schutz des Rheins gegen Verunreinigungen" (IKSR). In Europa hat die grenzüberschreitende Zusammenarbeit bei Nutzung und Schutz der Flüsse dazu beigetragen, den europäischen Integrationsprozess zu fördern. Ein Vorbild für den Nil und andere Flüsse dürften die europäischen Erfahrungen jedoch nur eingeschränkt sein. Denn in Europa geht es nicht um die Wasserverteilung, sondern um die Wasserqualität. Zudem ist die Ausgangslage nicht vergleichbar, denn das Nilbecken ist politisch und wirtschaftlich keine stabile Region. Doch die Zusammenarbeit in der Wasserfrage könnte der Anfang sein, um auch bei anderen strittigen regionalen Themen zu kooperieren. Die Teilnehmer des Internationalen Dialogforums "Globale Wasserpolitik", das im März 1998 auf dem Petersberg in Bonn stattfand, waren jedenfalls davon überzeugt, dass Wasser "ein Katalysator der Zusammenarbeit" sein kann.




