Krakaus historisches Zentrum ist im Sommer die Bühne für ein einziges Open-Air-Fest. Wenn es in den engen Gassen kälter wird, lässt der Trubel in der Altstadt zwar etwas nach. Doch einen Besuch ist die drittgrößte Stadt Polens auch in der ruhigeren Winterzeit wert. Das Herz Krakaus hat alle Kriege unbeschadet überstanden. Kein geschmackloser Neubau stört den Blick auf mittelalterliche Gassen, Renaissance-, Barock- und Jugendstilgebäude. In der über tausend Jahre alten Stadt hat sich fast jede Epoche verewigt.
Die Erkundung dieser geschichtsträchtigen Kulisse beginnt typischerweise rund um den weitläufigen Hauptmarkt, den Rynek – einem der größten Marktplätze Europas. In der Mitte des 200 mal 200 Meter messenden Platzes stehen die Tuchhallen. Früher stellten hier Kaufleute aus aller Herren Länder ihre Waren aus. Heute wird in dem Renaissancebau Kunsthandwerk aus ganz Polen dargeboten: von schlesischem Kristall bis zu baltischem Bernstein.
Kirchenkunst am Rynek
Quer über die gewaltige Fläche schaut man von hier zu den goldgekrönten Türmen der gotischen Marienkirche hinauf. Von dort droben wird zu jeder vollen Stunde eine Trompetenmelodie geblasen, die nach wenigen Takten abrupt abbricht. Die Legende dazu: Ein Turmwächter soll anno 1241, noch während er in sein Instrument blies, um die Bevölkerung vor dem herannahenden Feind zu warnen, von einem tödlichen Pfeil getroffen worden sein.
Im Inneren des im 13. Jahrhunderts erbauten Gotteshauses gibt es einiges an Kunst zu bewundern: Die barocke Kanzel, das von oben bis unten mit Pflanzenornamenten verzierte Chorgewölbe oder die gemalten Buntglasfenster sind jeweils für sich schon sehenswert. Das herausragendste Werk in der Marienkirche ist jedoch der Hochaltar des Nürnberger Bildhauers Veit Stoß – mit dreizehn mal elf Metern eine der größten und zugleich besten Arbeiten der europäischen Gotik.
Der Wawel – polnisches Heiligtum
Folgt man vom Rynek in Richtung Süden dem Königsweg, gelangt man zum Wawel. Wie die Prager Burg auf dem Hradschin thront das Krakauer Pendant ebenfalls auf einem Hügel, hoch über der Weichsel gelegen. Schloss und Kathedrale waren einst ein Zentrum weltlicher und geistlicher Macht und gelten vielen Polen bis heute als Heiligtum. Hier ließen sich Polens Könige von 1320 bis 1764 krönen. Von hier regierten sie das Land – und fast alle wurden auch hier in den Mauern der Wawel-Kathedrale bestattet.
Die Geschichte dieses Gotteshauses reicht bis ins Jahr 1.000 zurück. Der heutige Bau wurde im 14. Jahrhundert begonnen und immer wieder erweitert, sodass hier alle Stile vom Mittelalter bis zur Moderne zu finden sind. Wenige Schritte von der Kathedrale entfernt verläuft die Gasse der Kanoniker – benannt nach den Klerikern, die hier traditionell wohnen. Der berühmteste von ihnen war Karol Wojtyła, der vielen wohl besser als Papst Johannes Paul II. in Erinnerung geblieben ist. Das einst von ihm bewohnte Zimmer ist seit seinem Tod zum Kultort für polnische Pilger geworden.
Auf jüdischen Spuren
Einen anderen Teil der Geschichte Krakaus erzählt das Viertel Kazimierz zwischen Altstadt, Wawel und Weichsel: den der jüdischen Bevölkerung der Stadt. In einen umgrenzten Bezirk des damals noch eigenständigen Ortes schob der König im Jahr 1495 die in Krakau lebenden Juden ab – zum Schutz vor Anschlägen christlicher Mitbürger. Es entstand ein Ghetto, das sich schnell zu einem der wichtigsten Zentren der jüdischen Kultur entwickelte und es auch blieb, nachdem sich die Menschen jüdischen Glaubens längst wieder in Krakau selbst niederlassen durften.
Erst mit dem Einmarsch der Deutschen 1939 endete diese kulturelle Blütephase: In Krakau begann die systematische Ausrottung der Juden, die damals immerhin ein Viertel der Gesamtbevölkerung ausmachten. Steven Spielbergs berühmter Film "Schindlers Liste" erzählt von dieser Zeit. Heute kann man in Kazimierz die Drehorte dieses Streifens besichtigen und alte Synagogen und Betshäuser besuchen. Zudem verstecken sich hinter teilweise noch heruntergekommen aussehenden Fassaden angesagte Bars, Cafés und Restaurants – das alte jüdische Viertel hat sich in den vergangenen Jahren mehr und mehr zum Szeneviertel gemausert.
Von da Vinci bis Kopernikus
Wer der Kälte nach einer ausgedehnten Tour zu den Sehenswürdigkeiten der Stadt entfliehen möchte, kann dies in einem der zahlreichen Museen Krakaus tun. Das Angebot in den fast 30 musealen Einrichtungen reicht von Kriegsgeschichtlichem in Oskar Schindlers Fabrik bis hin zu Kunstschätzen im Czartoryski-Museum – allen voran Leonardo da Vincis berühmte "Dame mit Hermelin".
Auch das Collegium Maius lohnt einen Abstecher: Krakaus Universität ist eine der ältesten Bildungseinrichtungen dieser Art und gewährt Besuchern Einblicke in ihre altertümlichen Räume, den Universitätsschatz und die Arbeiten ihres bekanntesten Schülers: Nikolaus Kopernikus.
Jazz "im Untergrund"
Ebenfalls hervorragend zum Aufwärmen eignet sich eine Kostprobe der typischen polnischen Hausmannskost: Deftige Fleischgerichte, Knödel und die kleinen Pierogie genannten Teigtaschen mit leckerer Füllung scheinen nur so für den Winter gemacht zu sein. Mit vollem Magen kann man es sich anschließend in einer von Krakaus Kellerkneipen gemütlich machen. In urigen Gewölben unter der Altstadt wird abends mit Vorliebe Jazz gespielt – ein perfekter Ort, um den Tag in Polens schöner Stadt ausklingen zu lassen.




