Kult und Kulinarisches
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Kult und Kulinarisches

Bild: Foto: Immanuel Giel, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

„Der Mensch ist, was er isst“ - lautet ein berühmter Satz des Philosophen Ludwig Feuerbach. Dahinter steht die alte materialistische Auffassung, der Mensch sei in erster Linie das, was er sich einverleibe ohne größeren geistigen Anspruch. Doch gerade beim Essen sind Körper und Psyche mit von der Partie. Küche und Vorratskammer stecken voll von uralten kultischen Handlungen.

Mehr als Nahrungsaufnahme

Ob es die Sehnsucht nach Mutterns Küche ist, die uns dann und wann überfällt oder der fieberhafte Eifer, mit dem wir uns in der Vorweihnachtszeit dem Plätzchenbacken widmen - Essen ist mehr als nur Nahrungsaufnahme. Essen ist ein Ritual.

In allen Weltreligionen ist Essen ein wichtiges Thema. Man denke nur an das Tischgebet, Fastenzeiten vor großen Festen, das Verbot von Schweinefleisch im Islam oder der Verzicht auf Rindfleisch im Hinduismus.

Rund um das Jahr spiegelt unser Speiseplan die Glaubensvorstellungen ganzer Generationen wieder.

Voller Magen gegen Dämonen

Fasching ist eine wilde Zeit: Die Dämonen des Winters werden nun ausgetrieben. Als Schutz gegen böse Geister empfahlen unsere Vorfahren einen gut gefüllten Magen.

Deshalb sind Faschingsgerichte meist sehr üppig - so wie die in Fett ausgebackenen Kölner Mutzenmändelchen oder die Faschingskrapfen. Außerdem mussten Schmalz und Eier vor der anbrechenden Fastenzeit verbraucht werden.

Während der Fastenzeit machte den Mönchen vor allem der Dämon des Hungers zu schaffen. Die Mönche vom italienischen Orden des heiligen Franz von Paula litten in dem rauen deutschen Klima besonders unter ihren knurrenden Mägen. Als Gegenmittel entdeckten sie das Starkbier.
Die Paulaner-Mönche nannten ihren Wundersaft „Sankt-Vaters-Bier“. Im Laufe der Zeit wurde daraus der weltberühmte „Salvator“.

Lebenszeichen

Die traditionellen Osterspeisen sind religiöse Symbole und küchentechnische Kompromisse zugleich: Eier, ein Sinnbild des Lebens, wurden durch Kochen haltbar gemacht. Fleisch wurde eingepökelt und kam nach der Fastenzeit als Osterschinken auf den Tisch. Dazu verspeisen wir Meerrettich - die Tränen sollen an das Leiden Christi erinnern.

Typisch zu Ostern sind auch Gebildebrote, Hefegebäck in den verschiedensten Formen und Bedeutungen:

  • So rund und gelb wie die Frühlingssonne ist der Osterfladen.
  • Die italienische Colomba erinnert an eine Friedenstaube.
  • In dem schlesischen Ort Bunzlau gab es am Karfreitag sogenannte „Judasse“, ein Hefegebäck in Form eines gedrehten Seiles. Es sollte den Strick darstellen, mit dem sich der verräterische Apostel Judas erhängte.

Erntefreuden

Anders als unsere Vorfahren können wir heute fast immer essen, was das Herz begehrt. Treibhäuser und tropische Früchteimporte machens möglich.

Doch auch wenn es uns nicht mehr so deutlich bewusst ist, folgt unser Speiseplan dem alten Bauernkalender. Wir erleben das Jahr in einem Reigen von Saisongerichten. Man denke nur an Spargel, Maibowle, Rhabarber, Erdbeerkuchen, jungen Hering, Zwetschgendatschi, Pilze oder Maroni.
Unser Erntedank war ursprünglich ein heidnisches Erntefest, mit dem die Menschen die fruchtbare Erdgöttin ehrten.

Auch die knusprige Kirchweih- oder Martinsgans war ein Opfer für Mutter Natur: Tiere galten unseren Vorfahren als Verkörperung fruchtbarer Korn- oder Erdgeister. Mit der fetten Gans wurde die Fülle des Sommers feierlich verabschiedet.
Der Brustknochen der Gans galt als Orakel: Ein roter „Glücksknochen“ verspricht, dass im Winter die Speisekammer stets gefüllt ist. Dagegen lässt ein blasser Knochen magere Zeiten erwarten.

Sterne und Stollen

Mit der Wintersonnwende schließt sich der Kreis der Erde um die Sonne.
Aussagekräftig sind die Formen der Weihnachtsplätzchen: Kringel, Kreise, Brezeln, Monde, Sterne oder Lichtgestalten, also Engelsfiguren, sind alte Sinnbilder für den Jahreskreis und den Kosmos.

Dagegen wurde der Stollen von einem christlichen Bäcker erfunden. Mit seiner weißen Puderhülle soll er das in Windeln gewickelte Jesuskind darstellen. Und die kunstvoll gestalteten Spekulatius zeigen Szenen aus dem Leben des heiligen Nikolaus. Dessen religiöser Beiname lautet nämlich „Spekulator“, das heißt der in geistiger Betrachtung Versunkene.

Die traditionellen Festtagsmenüs sind wiederum Fruchtbarkeitsrituale. So verkörpert die Weihnachtsgans ähnlich wie die Martinsgans einen glückbringenden Erdgeist. Der gekochte Karpfen ist ein Sinnbild des Lebens - ein einziges Karpfenweibchen legt Millionen von Eiern.

Glücksbringer

Zu Silvester lassen wir Böller und Sektflaschen krachen. Mit fröhlichem Lärm werden die Schreckgespenster des alten Jahrs ausgetrieben.

Dazu lassen wir uns uralte Glücksbringer schmecken:

  • Glücksschweinchen sind Nachkommen des heiligen Ebers der Germanen.
  • Der Hefekranz ist so rund wie das Jahr.
  • Hörnchen haben die Form von Hufeisen. Sie erinnern an die wilde Jagd, die zwischen den Jahren über den Himmel tobt.
  • Hefezöpfe sind die Relikte eines uralten heidnischen Haaropfers.

Damit im neuen Jahr keine Hungersnot einbricht, muss das Essen auf alle Fälle reichlich sein, so dass ein Rest bis Neujahr übrig bleibt.
Die traditionelle Erbsensuppe ist ein Zeichen der Hoffnung, der Reichtum möge sich während des Jahres ebenso vermehren wie die aufquellenden Hülsenfrüchte.

Liebe geht durch den Magen

Liebe geht durch den Magen - der alte Volksspruch findet sich bei den Hochzeitsbräuchen bestätigt.
Häufig wurden den Jungvermählten Speisen kredenzt, die im Ruf standen, die Zeugungsfähigkeit zu steigern. So wie die schwäbische Hochzeitssuppe mit dreierlei nahrhaften Einlagen, meist aus Ei, Fleisch und Knochenmark.

In manchen Gegenden bekam das Brautpaar zum „Polterabend“ Hühner. Das schnatternde Federvieh sollte böse Geister vertreiben und ergab außerdem eine schmackhafte Brühe.

Häufig war es Brauch, dass die Braut dem Bräutigam die Suppe salzte, um sich von Anfang an in ihrer Rolle als Hausfrau zu beweisen.

Beim gemeinsamen Anschneiden der Hochzeitstorte sollte sich schließlich zeigen, wer in der Ehe den „Daumen drauf“ hatte - der nämlich, dessen Hand oben lag...

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Gert von Paczensky, Anna Dünnebier
Kulturgeschichte des Essens und Trinkens
Orbis Juli 1999
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Gunther Hirschfelder
Europäische Esskultur. Eine Geschichte der Ernährung von der Steinzeit bis heute.
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