Literaturtourismus: Auf der Spur der Romanhelden
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Literaturtourismus: Auf der Spur der Romanhelden

Bild: Foto: Lappländer, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

"Es hat mich schon immer interessiert, wie Leser mit Literatur umgehen, wie sie sich einen literarischen Text aneignen", erzählt Raphaela Knipp von der Universität Siegen. Kein Wunder, dass sie im Rahmen ihrer Doktorarbeit untersucht hat, warum Menschen den Figuren ihrer Lieblingsbücher an die realen Schauplätze aus den Büchern folgen.

"Es hat mich schon immer interessiert, wie Leser mit Literatur umgehen, wie sie sich einen literarischen Text aneignen", erzählt Raphaela Knipp von der Universität Siegen. Kein Wunder, dass sie im Rahmen ihrer Doktorarbeit untersucht hat, warum Menschen den Figuren ihrer Lieblingsbücher an die realen Schauplätze aus den Büchern folgen.

Von Buddenbrook bis Holmes

In den Straßen Dublins folgen die Literaturtouristen der Fährte von Leopold Bloom aus James Joyce` Klassiker „Ulysses“. In Lübeck ist das Buddenbrook-Haus eine beliebte Anlaufstelle für Literaturfans, das Zuhause der fiktiven Buddenbrook-Familie aus Thomas Manns gleichnamigem Roman. Und in London erleben Besucher noch einmal das wahre Sherlock Holmes-Feeling bei einem Spaziergang zur Baker Street 221b.

Dass es nicht unbedingt eine weite Anreise braucht, zeigt sich an den Lokalkrimis von Jaques Berndorf. Seine "Eifel-Reihe" ist mittlerweile zwar längt überregional populär, doch vor allem für Interessierte aus der näheren Umgebung bietet sich ein Abstecher zu den Ermittlungsorten von Protagonist Siggi Baumeister an, weiß auch Knipp: "Touren wie die Krimi-Wanderungen in der Eifel sind extrem beliebt. Insgesamt ist Literaturtourismus ein Trend, der in den nächsten Jahren noch zunehmen wird."

Hohe Erwartungen - hohes Enttäuschungspotential

Doch was passiert, wenn Literaturreisende Roman-Schauplätze besuchen? Wie reagieren sie? "Das hängt stark davon ab, wie die jeweiligen Orte in der Literatur geschildert werden – und wie es dort tatsächlich aussieht", erklärt Knipp. Bei Joyce werden beispielsweise zahlreiche Gebäude oder Straßen zwar konkret benannt, aber kaum näher beschrieben. Die Literaturtouristen hätten daher keine festen Vorstellungen im Kopf und seien offen für das, was sie vor Ort erwartet.

Andere Erfahrungen hat Knipp im Buddenbrookhaus gemacht, das im Roman sehr detailliert beschrieben wird. "Viele sind regelrecht enttäuscht, wenn sie das Haus betreten", sagt die Literaturwissenschaftlerin. "Denn hinter der Original-Fassade verbirgt sich heute ein modernes Gebäude, der Rest wurde im Krieg zerstört."

Wenn sich jemand auf die Spuren seiner Romanhelden begibt, möchte er oder sie vor allem den fiktiven Figuren nahe sein und das Gelesene auch körperlich nacherleben, wie Knipp durch Befragungen herausgefunden hat. Die Trips haben also eine starke emotionale Komponente und bergen daher immer auch ein gewisses Enttäuschungspotential in sich.

Ein starkes Gruppengefühl

Der Abgleich des Gelesenen mit der Realität ist aber nur ein Aspekt, der Literaturfans bei ihren Reisen antreibt, wie die Forscherin betont: "Auch das Gemeinschaftserlebnis ist wichtig. Mich direkt am Schauplatz eines Romans mit anderen Lesern auszutauschen ist etwas Anderes, als allein mit meinem Buch im stillen Kämmerlein zu sitzen." Bei den literarischen Stadtrundgängen oder Wanderungen findet daher regelmäßig ein reger Austausch und eine Art Vergemeinschaftung unter den Teilnehmern statt.

Wer sind die Literaturtouristen?

Obwohl die Gruppen insgesamt eher bunt durchmischt sind, hat Knipp doch einige Merkmale von typischen Literaturtouristen festgemacht: Sie sind vorwiegend weiblich, zwischen 40 und 60 Jahre alt und bringen meist einen gewissen Bildungshintergrund mit. "Es sind aber immer wieder auch Menschen dabei, die den zugrundeliegenden Roman gar nicht gelesen haben", stellt die Expertin fest. "Vor allem, wenn es sich um einen anspruchsvollen Text wie Joyce´ 'Ulysses' handelt."

Auch diese Nichtleser wollen Teil der Kultur sein und sich mit Literatur auseinandersetzen, wie Knipp vermutet. Sie sieht im Literaturtourismus daher große Chancen für eine neue, andere Art der Literaturvermittlung: "Wer einmal vor Ort war und über die Besichtigung der Schauplätze einen Zugang gefunden hat, greift anschließend vielleicht doch noch zum Roman, um das Erlebte nachzulesen."

Wenn Geschichten Gestalt annehmen

Doch nicht nur für die kulturelle Bildung erscheint der Literaturtourismus vielversprechend. Knipp sieht darin auch aus wirtschaftlicher Perspektive ein interessantes Phänomen. "Ländliche Regionen wie die Eifel gewinnen so ganz neue Möglichkeiten der Vermarktung", erklärt sie. Vielerorts wurden sogar schon fiktive Roman-Welten nachgebaut und damit in die Realität geholt. So ist im Buddenbrook-Haus beispielsweise ein Bereich exakt so eingerichtet, wie in Thomas Manns berühmtem Gesellschaftsroman beschrieben.

Ein anderes Beispiel findet sich am Londoner Bahnhof King's Cross: Dort ist an einer Wand eine Tafel mit der Aufschrift "Platform 9 ¾" angebracht, in Anlehnung an den Eingang in die magische Welt aus den Harry Potter Romanen. Zudem ist dort ein halber Gepäckwagen so an die Mauer montiert, als hätte ihn jemand durch den Stein geschoben, um auf die "andere Seite" zu kommen - genauso wie Autorin J. K. Rowling es in ihren Büchern beschrieben hat.

Die Bakerstreet 221b in London existiert sogar nur aufgrund der Sherlock Holmes-Romane von Arthur Conan Doyle. Zu dessen Lebzeiten endete die Straße bereits bei Hausnummer 100. Erst seit 1990 gibt es eine "offizielle" Bakerstreet 221b: Sie prangt am Sherlock Holmes Museum am Ende der Straße - und liegt unlogischerweise zwischen den Hausnummern 237 und 241.

Literatur als Event

"Klassische Autoren- und Dichterhäuser wie das Goethehaus in Frankfurt zu besichtigen, ist nichts Neues. Sie werden schon seit dem 19. Jahrhundert touristisch vermarktet", erzählt Knipp. "Doch durch den Nachbau fiktiver Welten ergeben sich weitere, literatur-museale Konzepte. Dieser Ansatz ist relativ neu. Und er bietet ein enormes Potenzial."

Besondere Publikumsmagnete sind vor allem Geschichten, die zu einer Art "Schnitzeljagd" verführen, während der wir die Handlung direkt vor Ort noch einmal nachverfolgen können. Dabei laden nicht nur Ermittlungen von Eifel-Journalist Siggi-Baumeister oder Dedukionslegende Sherlock Holmes zu solchem "Entlanghangeln" an Literaturschauplätzen ein.

Auch die moderne Bellistrik weiß den wachsenden Trend zu Literatour-Reisen geschickt aufzugreifen. Das wohl bekannteste Beispiel sind die Romane Illuminati, Sakrileg und Co. von Dan Brown. Dort löst der Protagonist Robert Langdon unter anderem in Rom verzwickte Rätsel, die ihn von einem Schauplatz zum nächsten führen.

Auf eigens angebotenen Führungen können seit einigen Jahren nun auch begeisterte Leser den, nicht immer ganz ernstzunehmenden, Verschwörungstheorien des Autors folgen. Denn was könnte spannender sein, als selbst in die Gassen und Gebäude einzutauchen, in denen die Helden unserer Lieblingsbücher ihre Abenteuer erleben?

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