Der Berg
Die “Königin der Dolomiten“ erhebt sich 3342 Meter zwischen Fedaiapass und Val die San Pellegrino in den Himmel. Damit ist die Marmolada der höchste Dolomitengipfel. Die Königin ist ein Janusberg mit zwei Gesichtern: Ihre Südseite fällt über eine drei Kilometer lange und bis zu 1000 Meter hohe Felsmauer ab, ein Paradies für Sportkletterer. Mit der Route “Moderne Zeiten“ eröffnete dort der Extremkletterer Heinz Mariacher 1982 den 8. Grad. Auf der Nordseite der Marmolada erstreckt sich der Ghiacciaio della Marmolada, der langsam zurückweichende Marmolada-Gletscher - ein Schicksal, das er mit vielen Alpengletschern teilt. Sollte er eines Tages ganz verschwunden sein, braucht die Königin einen neuen Namen, denn Marmolada bedeutet im Ladinischen “die Glänzende“.
Betrachtet man das Gestein der Marmolada näher, so fällt auf, dass es deutlich kompakter erscheint als das anderer Dolomitenberge. Der Grund: Die Marmolada besteht aus Kalk und nicht aus Dolomit. Die Bezeichnung “Dolomiten” für die Gebirgsgruppe in den Südalpen und für das gleichnamige Gestein und Mineral “Dolomit“, ein Calcium-Magnesium-Karbonat [CaMg(CO3)2], geht übrigens auf den Malteserritter, Mineralogen und Geologen Déodat Guy Sylvian Tancred Grated de Dolomieu zurück. 1789 wies er auf die weite Verbreitung eines ”mit verdünnter Salzsäure wenig brausenden Gesteins in Südtirol” hin. Im Jahre 1791 hat Horace Bénédict de Saussure, einer der ersten Menschen auf dem Mont Blanc, ihm zu Ehren den Namen “Dolomit” für das betreffende Gestein eingeführt. Der Name wurde 1864 auf die gesamte Gebirgsgruppe übertragen.
Warum die Karbonat-Gesteine der Marmolada nicht dolomitisiert wurden, ist bis heute nicht geklärt (bei der Dolomitisierung wird Kalkstein durch den Einbau von Magnesium in Dolomit umgewandelt). Dolomit und Kalk der Marmolada haben aber den gleichen Ursprung. Sie waren in der Trias-Zeit vor rund 240 Millionen Jahren Korallenriffe in tropischen Gefilden, so wie wir sie heute auf den Bahamas oder Malediven finden.
Gipfelstürmer
Nach mehreren missglückten Besteigungsversuchen durch einheimische Geistliche erreichte der Brite John Ball mit zwei Begleitern im Jahr 1860 die Punta di Rocca, den mit 3309 Metern Höhe zweithöchsten Punkt der Marmolada. Die höchstgelegene Punta di Penia betrat am 28. September 1864 Paul Grohmann zusammen mit Angelo und Fulgencio Dimai. Eine Gedenktafel neben dem Gipfelkreuz hält dieses Datum fest.
Erst 36 Jahre später wagte man sich an die Südwand der Marmolada. Im Juli 1900 durchstieg der Bergführer Luigi Rizzi aus Campitello, von der englischen Touristin Beatrice Tomasson beauftragt, im Alleingang den schwierigsten Teil der Wand und brachte die Sicherungen für den geplanten Aufstieg am darauffolgenden Tag an. Schlechtes Wetter verhinderte jedoch dieses Unternehmen und die Bergsteigerin Tomasson schaffte ihren Aufstieg erst im darauffolgenden Jahr in Begleitung von zwei Bergführern aus San Martino di Castrozza.
Heutzutage werden in der Südwand immer schwerere Routen jenseits des 6. Grades mit immer kurioseren Namen eröffnet. Die italienischen Kletterer Rolando Larcher und Roberto Vigiani gaben in den 90er Jahren eine Neuroute an der Marmolada-Südwand nach 250 Metern auf, als sie in eine für sie unbezwingbare Platte gerieten. Diese “Unvollendete“ hört nun auf den passenden Namen “Coitus Interruptus“ und liegt im Schwierigkeitsgrad 8a.
Leben am Berg
Leben am Berg bedeutete an der Marmolada Anfang des vergangenen Jahrhunderts vor allem Überleben, denn die Königin der Dolomiten war von 1915 - 1917 Schauplatz des Gebirgskrieges zwischen Österreich und Italien. Zunächst war die Marmolada von der Front ausgespart geblieben, nur Patrouillen der Kontrahenten lieferten sich kleine Gefechte. Im Frühjahr 1916 besetzen die Österreicher dann den Berg. Nachdem die italienischen “Alpini“ samt Geschützen die Marmolata-Südwand durchstiegen hatten, gerieten die österreichischen Stellungen und ihr Nachschub in permanentes Artilleriefeuer. Die Österreicher hatten die rettende Idee, das gesamte Leben unter das Eis zu verlegen.
Vom Gletscherfuß bauten sie Stollen durch das Eis bis zur so genannten “Eisstadt", einer Barackensiedlung im Gletscher, und weiter zu den Stellungen. Dort wurden Stollen in die Felswand gebohrt, um der Artillerie Schussmöglichkeiten in Richtung Südwand zu geben. Damals beschäftigte man sich auch erstmalig intensiv mit der Gletscherkunde, denn das Wissen um die Natur des Gletschers wurde zu einer Überlebensfrage. Der Winter 1916/17 war wegen extremer Schneefälle besonders katastrophal. Am 13. Dezember 1916 löste sich von der Punta di Penia eine gewaltige Lawine und verschüttete ein österreichisches Lager. Mehr als 300 Tote forderte dieses Lawinenunglück. Die Kämpfe an der Marmolada dauerten noch bis zum italienischen Rückzug im Herbst 1917.
Lautstark, wenngleich unter anderen Vorzeichen, geht es an der Marmolada auch heute noch zu - Ski total heißt das Motto. Die Seilbahn macht`s möglich, dass jeder auf des Gletschers Haupt wedeln und wandeln kann. Selbst Papst Woityla war schon oben und weihte im Punta Rocca-Stollen die Statue der Heiligen Maria.
Mythen, Legenden und Geschichten
Wie die Marmolada und alle anderen Dolomitenberge entstanden, erklärt uns heute die moderne Geologie. Früher war ihre Entstehung jedoch beliebtes Thema unglaublicher Sagen. Eine davon erzählt, dass ein armer Bauer stutzig geworden war, als sich seine Frau jeweils in der Nacht zum Sonntag aus dem Haus machte. Er spionierte ihr nach. Was er dabei entdeckte, war unfassbar: Sie salbte ihren Körper ein und machte sich auf dem Besen davon - seine Frau war eine Hexe!
Beim nächsten Mal folgte er ihr zu einem Hexensabbat. Als man ihm dort ein Mahl ohne Salz servierte, schrie er wütend auf: “Ohne Salz kein Geschmack, ohne Gott keinen Herren“. Kaum hatte er diese Worte gesprochen, kam es zu einer gewaltigen Explosion. Als sich die Schwefelwolke der Explosion verzogen hatte, war der Hexenspuk vorbei und die Umgebung war in die blassen Felsnadeln, die tiefen Täler und die schroffen Schluchten der Dolomiten verwandelt.
ast/Lesestein.de




