Der Berg
Außer dem Fudschijama hat wohl noch kein Berg der Welt so viele Japaner gesehen wie das 4478 Meter hohe Matterhorn. Der Grund: Der Berg in den Walliser Alpen ist sicherlich der berühmteste Gipfel der Welt. Als schönster Berg der Alpen und als einer der “Schönsten“ überhaupt gilt das Matterhorn ohnehin, wenngleich der 5947 Meter hohe Alpamayo in den peruanischen Anden es angeblich noch an “Schönheit“ übertrifft. Aber was heißt schön? Eigentlich ist das Matterhorn eher ein Art abgenagter Apfel, ein so genannter Karling. Während der Eiszeiten schliffen gewaltige Gletscherströme an diesem ehemals viel größeren Berg und hinterließen das, was heute alle Welt bewundert.
Das Matterhorn besteht im Wesentlichen aus Gneisen, metamorphen Graniten und Gabbros, der Dent Blanche-Decke. Granite und Gabbros sind so genannte Tiefengesteine aus Magma, das bei seinem Aufstieg in der Erdkruste stecken geblieben und daher ganz langsam abgekühlt ist. Das passierte im Fall der Matterhorngesteine vor rund 250 Millionen Jahren, als der riesige Kontinent “Pangäa“ zerbrach. Entlang der Bruchzone konnte Magma aufsteigen. Die Bruchzone erweiterte sich im Lauf von Jahrmillionen zur “Tethys“, dem Meer, das all die alpinen Gesteine aufnahm und sich zwischen den Kontinenten Europa und Afrika erstreckte.
Als die beiden Kontinente kollidierten, wurden sämtliche Gesteine dazwischen zusammen gepresst, gefaltet und sogar übereinander geschoben. Letzteres geschah auch mit den ehemals in die Erdkruste eingedrungenen Tiefengesteinen, so dass sie über hunderte von Kilometern nach Norden, über andere Gesteine hinweg, als “Decke“ oder Dent Blanche-Decke in ihre heutige Position gedrückt wurden. Da die Gesteine dieser Decke zum ostalpinen Ablagerungsraum zählen, der einst den Nordrand von Afrika bildete, könnte man sagen, das Matterhorn stammt eigentlich aus Afrika.
Gipfelstürmer
Das Matterhorn war im 19. Jahrhundert eine der letzten alpinistischen Herausforderungen der Alpen. Sieben Mal hatte der britische Illustrator und Bergsteiger Edward Whymper schon versucht, den Gipfel zu bezwingen. Am 13. Juli 1865 brach er zusammen mit Peter Taugwalder, dessen Sohn Peter, Lord Francis Douglas, Reverend Charles Hudson, Robert Hadow und Michel Croz auf, um es erneut zu versuchen. Am Fuß des Berges errichteten sie unter der Ostwand ein Zelt.
Nach einem sehr frühen Einstieg erreichte die Gruppe am 14. Juli 1865 gegen 13.15 Uhr den Gipfel. In Anbetracht der vorgerückten Stunde mussten die Männer wieder rasch absteigen und das Drama nahm seinen Lauf. 300 Meter unterhalb der Spitze rutschte Hadow aus und stürzte auf Croz. Beide rissen Hudson und Douglas mit in die Tiefe. Vater Taugwalder hatte das Seil noch geistesgegenwärtig um einen Stein geschlagen, doch es riss zwischen ihm und Douglas. Die vier Gipfelsieger stürzten mehr als 1.000 Meter tief auf den Gletscher. Whymper, der heute als der Erstbesteiger des Matterhorns gilt, und die Taugwalders verdankten ihr Leben also einem Riss im Seil.
Die Nordwand des Matterhorns wird, zusammen mit der Eiger-Nordwand und der Nordwand der Grandes Jorasses, zu den drei großen und schwierigen Wänden der Alpen gezählt. Sie wurde schließlich im Jahr 1931 von den Brüdern Franz und Toni Schmid aus München erstmals durchstiegen. Heute ist sie ein “Muss“ für jeden alpinen Extremkletterer.
Neben der Nordwand sind die vier Grate des Matterhorns beliebte Aufstiegsrouten zum Gipfel: der Hörnligrat (Nordostgrat), der Liongrat (Südwestgrat), der Zmuttgrat (Nordwestgrat) und der Furggengrat. Der Hörnligrat ist der leichteste Anstieg auf das Matterhorn und der so genannte “Normalweg“. Die Aufstiegszeit von der Hörnlihütte über den Hörnligrat zum Gipfel beträgt etwa vier Stunden. Doch dieser Grat hat es in sich. Selbst erfahrene, aber ortsunkundige Kletterer haben sich an ihm schon verstiegen. Daher sollte der Matterhornanwärter auch bei bester Kondition und Klettererfahrung besser einen einheimischen Führer buchen.
Leben am Berg
Das Leben am Matterhorn ist, wie an allen hohen Bergen der Welt, hart, rau und gesund - sieht man einmal vom Touristenrummel im Schweizer Zermatt und im italienischen Cervinia auf der Südseite des Bergs ab. Vor allem gesund muss es sein, sonst gäbe es nicht Folgendes über einen berühmten Bergführer zu berichten: Zum achtzigsten Geburtstag “gönnte“ er sich das Matterhorn, mit 90 Jahren begab er sich noch einmal auf den Gipfel und mit 94 war er als aktiver Bergführer noch unterwegs zu den Eisriesen um Zermatt. Ein Jahr später lud Papst Johannes Paul II. ihn ein und heute, mit 102 Jahren, überlässt er das Führen endlich den Jüngeren - die Rede ist vom Zermatter Bergführer Ulrich Inderbinen. Über ihn gibt es zahllose Radio-, Fernseh- und Zeitungsberichte, seit 1996 auch eine Biografie. Auf dem Matterhorn war er mehr als 370 Mal (auf dem Montblanc “nur“ 84 Mal)!
Trotz seiner Berühmtheit ist er bescheiden und natürlich geblieben. Er hat keinen Führerschein, kein Fahrrad und ist auch telefonisch nicht zu erreichen. Auf die Frage ob er Angst vorm Sterben hat, sagt er: “Eigentlich nicht. Wenn ich mir so die Todesanzeigen in der Zeitung anschaue, dann sehe ich ja nie einen von meinem Jahrgang“!
Mythen, Legenden und Geschichten
Man erzählt sich, dass Gott einst über Stock und Stein wanderte, um wieder einmal seine Werke zu begutachten. So kam er eines Tages auch in die Bergwelt um Zermatt. Beim Überqueren des Theodulpasses blieb sein Wanderstock plötzlich im Gestein stecken. Alles Ziehen und Rütteln half nichts - der Stock saß fest. Bei einem weiteren Versuch, den Stock mit viel Kraft herauszuziehen, brach der obere Teil ab. Die Spitze dagegen war fest im Gestein verankert und Gott konnte sich nicht mehr entfernen. Seit diesem Tag nennen die Menschen den abgebrochenen Teil von Gottes Wanderstock das Matterhorn.
Einer anderen Legende nach lebte in Valtournanche, im Süden des Matterhorns, vor vielen tausend Jahren ein Riese namens Gargantua. Das sonnige Tal war durch eine hohe Felsmauer gegen den kalten Nordwind geschützt. So konnte in diesem Tal die Natur ungehindert gedeihen. Dieser Teil der Welt war sehr fruchtbar. Selbst die Milch floss in kleinen Bächen, aus denen kleine Lämmer tranken. Der Riese war den Menschen dieses Tals wohl gesonnen. Doch eines Tages wollte er unbedingt einen Blick auf die andere Seite der Felsmauer werfen. Als er mit dem einen Fuß Zermatt berührte, brach die Felsmauer in sich zusammen. Nur noch das Matterhorn ragte aus diesem Trümmerhaufen heraus. Von diesem Tag an blies der kalte Nordwind ungehindert zu Tal. Es bildeten sich Gletscher und der Schnee blieb mehr als sechs Monate im Jahr auf den Wiesen und Feldern liegen.




