Der Berg
Woran denken Sie beim Mont Blanc? An den höchsten Berg Frankreichs, der Alpen oder gar Europas? Mit 4807 Metern ist der Savoyer Granitriese unbestritten der höchste Berg der Alpen. Aber Europas? Viele Zeitgenossen bezweifeln diesen Status des “Weißen Berges“. Sie behaupten, der 5642 Meter hohe Elbrus, der “König des Kaukasus“, sei Europas höchster Punkt.
Ein ewiger Streit – wo hört Europa auf? Geologisch gesehen ist das Problem aber ganz einfach: Weder Mont Blanc noch Elbrus sind die höchsten Berg Europas. Denn es gibt nur einen großen Kontinent “Eurasien“, der sozusagen auf der Eurasischen Lithosphärenplatte “sitzt“. Europa ist folglich kein Kontinent im eigentlichen Sinn, sondern eine politisch-kulturelle Einheit, ein künstliches Produkt. Den höchsten Berg Eurasiens müsste man vielleicht irgendwo unter den Sechstausendern im chinesischen Nanschan-Gebirge suchen. Womöglich könnte sogar der Mount Everest der höchste Berg Europas bzw. Eurasiens sein, wenn er noch auf der entsprechenden Platte liegt.
Sicher allerdings ist, dass der Mont Blanc seine Entstehung den ewig fortwährenden Bewegungen der Lithosphärenplatten zu verdanken hat. Er ist ein junger Berg aus altem Gestein und wurde gleich zweimal geboren. Vor rund 300 Millionen Jahren kollidierten zwei Riesenkontinente, Laurentia und Gondwana sowie mehrere kleine Platten zum Superkontinent Pangäa, wodurch die gewaltige Kette des variskischen Gebirges entstand. Im Zuge der Plattenkollisionen entwickelten sich Subduktionszonen, entlang derer Magma aufstieg.
Magma, das in der Erdkruste stecken blieb, konnte langsam abkühlen und zu grobkristallinem Granit werden. Aus einem solchen Granit besteht der Mont Blanc. Manche Kristalle des variskischen Mont Blanc-Gesteins sind bis zu sechs Zentimeter groß! Das Wort “variskisch“ geht übrigens auf die Varisker zurück, einem suevischen Volksstamm, der um Curia Variscorum siedelte - dort wo heute die Stadt Hof in Bayern liegt.
Das variskische Gebirge war schon vor 250 Millionen Jahren wieder nahezu abgetragen. Pangäa zerbrach und es entstand die Tethys, das Meer, das zum Geburtsschauplatz der Alpen werden sollte. Der Granit des Mont Blanc und seine ältere Überdeckung senkten sich ab und wurden mit Meeressedimenten bedeckt. Nachdem die Tethys im Zug der alpidischen Gebirgsbildung verschwunden war und die Alpen samt den variskischen Gesteinen im Tertiär aufzusteigen begonnen hatten, sorgte die Erosion dafür, dass der Granit schließlich von all seinen “Gesteinsmänteln“ befreit wurde. Heute ragt er als einer von ganz tief unten weit oben als Mont Blanc in den Himmel. Den letzten Schliff gaben ihm die eiszeitlichen Gletscher.
Gipfelstürmer
Wer Berge “sammelt“, wird sich sicherlich nicht ohne den Mont Blanc zufrieden geben. Den höchsten Gipfel der Alpen muss man einfach erobert haben. Schon vor 227 Jahren machten sich einheimische Führer zum Gipfel auf, der sie magisch anzog. Zwar scheiterte dieser und alle folgenden Besteigungsversuche, doch man kam dem Gipfel immer ein Stück näher. Im Jahr 1785 wurde als erste hochalpine Unterkunftsstätte eine einfache Hütte im Gletschergebiet des Mont Blanc nahe der Pierre Ronde errichtet. Von dort aus wurde der fünfte Besteigungsversuch unternommen. Unter den Gipfelaspiranten war der bekannte Schweizer Geologe und Naturforscher Horace Bénédict de Saussure. Er hatte auch den Bau der Hütte mit veranlasst. Doch die Besteigung scheiterte.
Nach einem weiteren Versuch erreichten Jacques Balmat und Dr. Michel Paccard im Jahr 1786 schließlich als erste Menschen den Gipfel. Im August 1787 gelangt auch de Saussure mit den 19 Mitgliedern seiner Expedition unter Führung Balmats zum höchsten Punkt der Alpen. Ein gewisser Colonel Mark Beaufoy, der wenige Tage später die vierte erfolgreiche Mont Blanc-Begehung durchführte, ging als “der erste englische Hochtourist in den Alpen" in die Geschichte ein. 1809 stand die erste Frau auf dem Mont Blanc-Gipfel: Marie Paradis aus Chamonix.
Nun war man (und Frau) oben gewesen und man suchte neue Herausforderungen. 1893 erfolgte die Begehung des Peutereygrats, eine der schwierigsten und längsten Bergtouren im Alpenraum. 1927 verlor die gewaltige Brenvaflanke des Mont Blanc ihre Jungfräulichkeit.
Leben am Berg
Schon immer ging es rund um den Mont Blanc recht lebhaft zu. Früheste Zeugnisse für Siedlungen, die auf das dritte Jahrtausend v. Chr. zurückgehen, fanden sich an seiner Südseite im Aostatal. Kelten und Römer bestaunten den “Weißen Riesen“. Und dieser war Zeuge, als das Aostatal von Napoleon an Frankreich angeschlossen und im Jahr 1815 dem Königreich Sardinien einverleibt wurde, das wiederum 1861 zum Königreich Italien werden sollte. Auf der anderen Seite des Berges weihte man in Chamonix im Jahr 1887 das Saussure-Balmat-Denkmal ein, heute ein beliebtes Fotomotiv. 1914 wurde der Mont Blanc erstmals von einem Schweizer überflogen.
Nachdem man den “Höchsten“ auf allen möglichen Routen erkundet hatte, blieb nur noch eine Superlative: Man musste durch ihn hindurch. Im Jahr 1965 war es endlich soweit – der 11,96 Kilometer lange Mont Blanc-Tunnel zwischen Chamonix und Courmayeur wurde feierlich eröffnet. Über sicherheitstechnische Mängel dachte man damals noch nicht nach, der Tunnel galt als ingenieurtechnische Meisterleistung.
Doch Jahrzehnte später, am 24. März 1999, kam es zur Katastrophe: Ein Brand im Tunnel kostete 40 Menschen das Leben. 53 Stunden lang mussten Feuerwehrleute aus Frankreich, Italien und der Schweiz gegen die Flammen kämpfen. Die Feuerwehr konnte sich dem Brandherd nicht schnell genug nähern, da die Temperatur in einem Kilometer Entfernung immer noch 600 Grad Celsius und im Brandherd selbst 1000 Grad betrug. Begonnen hatte das Inferno damit, dass sich ein belgischer Lastwagen mit seiner Ladung aus Margarine und Mehl mitten im Tunnel entzündete. Rund drei Jahre nach der verheerenden Brandkatastrophe konnte der Mont Blanc-Tunnel mit neuen Rettungsröhren wieder für den Verkehr geöffnet werden.
Alexander Stahr/Lesestein.de




