Paradiesische Geschäfte
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Paradiesische Geschäfte

Bild: Foto: Dietmar Rabich, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons

Tourismus bedeutet nicht nur Sonne, Strand, Meer und Entspannung, sondern auch Arbeitsplätze, Devisen und Wohlstand. Das Geschäft mit der Erholung ist milliardenschwer und der Wirtschaftsfaktor Tourismus ist für viele Staaten eine Frage des Überlebens.

Weltweit führender Wirtschaftszweig

Urlauber sind sonderbare Wesen: Sie trinken in Mallorca Sangria aus Kübeln, legen sich so lange in die Sonne, bis sie aussehen wie gekochter Hummer, tanzen in Schischuhen auf den Tischen einer Berghütte oder Dinieren im Grand Hotel – Urlaubsvorstellungen sind sehr individuell, doch eines ist ihnen gemein: Egal wie, sie leisten einen Beitrag zum Wirtschaftswachstum. Ob Sangria, Liftkarte, Sonnenmilch, Champagner – alles bedeutet Wachstum, Beschäftigung und Wohlstand für die einzelnen Volkswirtschaften.

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich um die Erholung ein regelrechte Industrie entwickelt. Dabei hat diese riesige Ausmaße angenommen. Konzerne erwirtschaften mit den Entspannungshungrigen beachtliche Umsätze. Der größte deutsche Reiseanbieter und ehemalige Stahlriese Preussag setzte im Jahr 2001 rund 12,8 Milliarden Euro mit dem Versprechen auf Erholung um. Aber auch andere können nicht klagen: Thomas Cook erwirtschaftete 7,9 Milliarden und Rewe Touristik 4,7 Milliarden Euro. Von diesem Umsätzen profitieren aber nicht nur die Aktionäre der Konzerne, sondern auch die Gesamtwirtschaft der einzelnen Staaten. Für das Jahr 2002 belief sich die globale Nachfrage nach touristischen Dienstleitungen laut World Travel & Tourism Council (WTTC) auf 4,2 Billionen US-Dollar (4,6 Billionen Euro). Bis zum Jahr 2012 soll sich diese Zahl gar verdoppeln. Klaus Laepple, Präsident des Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalter Verbandes: “Weltweit ist der Tourismus der führende Wirtschaftszweig mit den meisten Beschäftigten.” Nach einer Studie der WTTC ist bereits jeder dreizehnte beschäftigte Erdenbürger in der Tourismusbranche tätig und jährlich werden es 2,8 Prozent mehr.

Ungebrochene Reiselust

Langfristig können sogar die Anschläge vom 11. September den Menschen die Reiselust nicht nehmen. Natürlich war es ein harter Schlag für die Branche.Die Nachfrage brach in den Jahren 2001 und 2002 um über 7 Prozent ein. Weltweit kostete das schreckliche Ereignis rund 10 Millionen Arbeitsplätze. Am härtesten traf es die Vereinigten Staaten. Der Verlust für 2001 und 2002 beträgt satte 92 Milliarden Dollar. Über 600.000 Jobs gingen durch den daraus resultierenden wirtschaftlichen Einbruch in den USA verloren. Aber auch Deutschland ist von den Auswirkungen betroffen. Die Verluste für die beiden Jahre liegen bei 26,9 Milliarden Euro. Experten sehen die Ursache für den Einbruch allerdings nicht nur als Folge des 11. Septembers, sondern auch die Rezession hat Spuren hinterlassen. Die Konsumenten sparen und verschieben derzeit ihre Auslandsreisen bis auf weiteres. Um einem möglichen Jobverlust oder Einkommenseinbußen ausgleichen zu können, wird derzeit das Geld auf den Bankkonten gebunkert.

Trotzdem ist Licht am Ende des Tunnels zu sehen. Reisestornos wie Sand am Meer sind nicht wie befürchtet eingetreten. Professor Horst Opaschowski, Leiter des Freizeit-Forschungsinstitutes der British American Tobacco: “Die Reisebranche gibt sich verunsicherter als die Reisenden selbst. Der Tourist hat ein chronisches Kurzzeitgedächtnis und leistet keine Trauerarbeit.” Internationale Krisen oder Terroranschläge können erfahrungsgemäß das Reiseverhalten der Urlauber nicht nachhaltig verändern. Zeitweilige Richtungsänderungen der Reiseströme sind aber feststellbar. Die Urlaubshungrigen schieben ihre Reisen zwar auf, wollen aber auf diese nicht verzichten. Ähnliche Erfahrungen machte die Urlaubsindustrie während des Golfkrieges: Ein Jahr nach der Krise stieg die Reiseintensität in Deutschland von 52 schlagartig auf 58 Prozent an und bescherte der Touristik das Rekordjahr 1992.

Urlaub ist also nicht nur für die Seele der Menschen wichtig, sondern auch für die wirtschaftliche Fitness der einzelnen Staaten. Selbst der kubanische Diktator Fidel Castro oder die autoritäre chinesische Staatführung haben dies erkannt und ihre Länder für den Tourismus geöffnet. Wie wichtig der Tourismus für die einzelnen Staaten ist, soll anhand von fünf ausgewählten Nationen näher erläutert werden.

Deutschland: Ob Ost-, Nordsee oder Mittelmeer – Hauptsache Wasser

Die Teutonen sind besser als ihr Ruf. Zwar erfüllen viele noch immer das Klischee vom dem am spanischen Strand Bier trinkenden, Eisbein essenden und Bild-Zeitung lesenden dickbäuchigen Deutschen, doch das ist eben nur ein Teil der Wahrheit. Die heimischen Sonnenanbeter lassen sie sich den Urlaub eine Stange Geld kosten: Im Jahr 2002 gaben die Deutsche für Urlaube insgesamt etwa 290 Milliarden Euro aus. Damit liegen sie nach den USA und Japan an der dritten Stelle der Weltrangliste. Die Ausgaben im Ausland entsprechen in etwa 4,2 Prozent des gesamten privaten Verbrauchs. Die Bedeutung der Tourismusindustrie für die heimische Volkswirtschaft ist ebenfalls enorm. Der Anteil am Bruttosozialprodukt beträgt 9,2 Prozent. 2002 arbeitete jeder neunte Deutsche in der Urlaubsbranche. Zwar sind Verluste durch den 11. September und die Wirtschaftsflaute programmiert, doch der heimische Tourismus wird auch beflügelt. Nahziele im Inland sind dieses Jahr angesagt. Besonders die Ost- und Nordsee erfreuen sich steigender Beliebtheit. Eine Renaissance erfahren in diesem Jahr auch Lederhose und Alpenglühen: Der Urlaub in Bayern ist wieder in. Als Auslandziel verliert Spanien an Attraktivität für die Bundesbürger und der Klassiker Italien ist wieder im Kommen. Zunehmend zieht es die Reisekarawane auch in die Türkei. Waren es 1999 noch drei Prozent der Deutschen die in die Türkei reisten, so erholten sich 2001 bereits sechs Prozent in Antalya & Co.

Vereinigte Staaten: Hart im Nehmen

Der 11. September ging natürlich nicht spurlos an der amerikanischen Tourismusbranche vorüber. Bilder von leeren Flughäfen, Hotels und Cafes sind noch in bester Erinnerung. Den Verlust für die Jahre 2001 und 2002 beziffert die WTTC auf beachtliche 92,3 Milliarden Dollar (100,5 Milliarden Euro). 663 000 Jobs weniger sind das Resultat dieser enormen wirtschaftlichen Auswirkungen. Diese Daten belegen die Bedeutung des Tourismus für die USA. Disneyland, Grand Canyon und natürlich New York waren in den vergangenen Jahren lukrative Anziehungspunkte für die Touristik. Die Urlaubsindustrie der USA ist beachtlich. Den Anteil am Bruttosozialprodukt schätzen die Wirtschaftsexperten für 2002 auf über 11 Prozent. Satte 1,2 Billionen Dollar kamen 2002 durch Tourismus und Reisen der Volkswirtschaft zugute.

China: Roter Riese auf dem Vormarsch

Das Ein-Milliarden-Volk profitiert seit der Öffnung gewaltig vom Tourismus. Waren früher eigene Besucherscheine notwendig, um in das Reich der Mitte zu reisen, so hat die chinesische Staatsführung in den vergangenen Jahre einige Anstrengungen unternommen um den Tourismus zu forcieren. Nicht ohne Grund: In diesem Jahr wird laut WTTC der Anteil am Bruttosozialprodukt 9,7 Prozent betragen. Die Einnahmen für die Volkswirtschaft werden damit bei rund 1 Billion Yuan (131,8 Milliarden Euro) liegen. Mit 51 Millionen Beschäftigten in der Urlaubsindustrie ist China absolute Weltspitze. Mit einer jährlichen Wachstumsrate des Tourismusumsatzes von 8,5 Prozent zählt der rote Riese zudem zu den Zukunftsmärkten der Branche. Große Mauer, die Tempelanlagen in Peking und die Armee der Tonsoldaten erweisen sich als so lukrative Publikumsmagneten, dass selbst eine restriktive Staatsphilosophie sich hinten anstellen muss.

Spanien: Beliebtestes Urlaubsland der Deutschen

Ob Mallorca, Costa Brava oder Ibiza – die Deutschen lieben Spanien. Weißer Sand, smaragdgrünes Meer, Sangria, Serrano-Schinken und Stierkämpfe haben es einfach in sich. 1999 reisten noch 17 Prozent der Deutschen nach Spanien. Zwar sinken die Zahlen in den vergangenen zwei Jahren, doch noch immer ist die iberische Halbinsel das beliebteste Urlaubsziel der Bundesbürger. Ein einträgliches Geschäft für die Spanier: Der Tourismusanteil am Bruttosozialprodukt belief sich 2002 auf über 18 Prozent. Die Gesamteinnahmen lagen damit bei über 125Milliarden Euro. Rund 3 Millionen Spanier finden eine Beschäftigung in der weißen Industrie. Die Bewohner der iberischen Halbinsel konsumieren aber auch gerne. Über 150 Millionen Euro gaben sie 2002 für Urlaub und Erholung.

Österreich: Mozartkugel und Alpenglühen

Tourismus ist in Österreich eine heilige Kuh. Im Sommer locken Kulturereignisse wie die Salzburger Festspiele und die Wiener Festwochen. Im Winter rufen die Schneehänge am Arlberg. Am Bruttosozialprodukt macht der Anteil der Spaßindustrie rund 14 Prozent aus. Der jährliche Benefit für die Volkswirtschaft liegt bei 30,7 Milliarden Euro. Damit ist der Tourismus Exportgut Nummer eins. Bereits jeder sechste Österreicher arbeitet im Urlaubsbusiness – Tendenz steigend, denn nach dem 11. September und Djerba ruft der Berg mehr denn je.

Stephan Scoppetta

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