Besonders eindrucksvoll ist die Granitlandschaft der Gallura im Norden Sardiniens. Hier ragt das 1.359 Meter hohe Gebirgsmassiv Monte Limbara in die Höhe und bietet eine faszinierend wilde Natur und eindrucksvolle Ausblicke. Ausgeschilderten Wegen führen Wanderer mitten durchs Hochgebirge bis zu den beiden kahlen Granitgipfel Punta Balistreri und Punta sa Berritta.
Den Weg säumen immer wieder kleine Orte, die ebenso gut eine italienische Siedlung nach einer Alpenquerung sein könnten: enge Gassen, hohe Mauern und grauer Stein. Kastanien, Stieleichen, Pinien, Kiefern und Tannen spenden kühle Frische. Wanderer entspannen und picknicken auf Holzbänken oder, weiter oben an der Baumgrenze, auf rohen Felsen. Dafür sollte ein Stück würziger Schafs-Pecorino im Rucksack stecken, zusammen mit einer Flasche kräftigem, sardischen Rotwein.
Um die wilde Natur Sardiniens kennenzulernen, können Sattelfeste auch aufs Fahrrad steigen. Die Granitlandschaft der Gallura gehört zu den beliebtesten Mountainbike-Revieren. Hervorragende Bedingungen für ausgedehnte Touren bieten die Baronie an der Ostküste mit ihren traumhaften Küsten am Golf von Orosei und dem Naturpark Biderosa, den Steineichenwäldern von Irgoli und dem wuchtigen Kalksteinmassiv des Monte Albo. Anspruchsvolle Trails finden Biker in der schroffen Berglandschaft der Ogliastra und der südlichen Barbagia zwischen Canyons und Tafelbergen.
Tempio Pausania: Korkeichen, Wasser und Nuraghen
Das historische und geografische Zentrum der Gallura ist die Stadt Tempio Pausania. Einsam liegt sie auf den Höhen der Vorgebirge, umschlossen von der schützenden Natur und reich an natürlichen Ressourcen. In der ganzen Umgebung führen Straßen durch lichte Korkeichen-Wälder. Sie sind das Wahrzeichen der inneren Gallura. Berühmt ist die Stadt, deren Häuser und Straßen aus dem hellen Granit der Region gebaut wurden, auch für seine Mineralquellen. Das Wasser wird zum Teil in Flaschen gefüllt und auf ganz Sardinien angeboten.
Nördlich von Tempio Pausania steht der Nuraghen Majori. Der aus grob gehauenem Granitstein erbaute Turm aus der Bronzezeit ist ein geschichtsträchtiger Ort. Denn er ist ein Relikt der zwischen 1600 und 400 vor Christus auf Sardinien verbreiteten Nuraghenkultur. Auf der Insel hinterließen diese geheimnisvollen Bewohner unzählige solcher Rundbauten und Türme. Vermutlich dienten sie ihnen einst als Kultstätten. Der Nuraghe ist heute aber auch ein guter Aussichtspunkt über den Norden der Gallura-Wälder, zu den umliegenden Nuraghentürmen und auf die Stadt.
Aggius: Ein Museum für Banditen
Einen Sprung in die Vergangenheit machen Besucher auch in Aggius. Das Bergdorf, nur wenige Kilometer nördlich von Tempio Pausania, liegt zu Füßen der eindrucksvollen Granitberge der Gallura. Die hübsche Altstadt mit schmucken Häusern und Gassen und die Kirchen, deren Glockentürme die Häuser überragen, laden zu einem Bummel ein. Im Ethnografischen Museum sind ausgewählte Exponate der sardischen Volkskultur zu sehen.
Ganz in der Nähe liegt das kleine Museo del Banditismo. Aggius war von der Mitte des 16. bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts die Hochburg von Banditen und Räubern. Das Museum gibt unter anderem Einblicke in das Leben des berühmtesten Banditen aus Aggius, dem Muto di Gallura und anderen legendären Rechtsbrechern der Region.
In der Bergwelt rund um Aggius, wo einst Räuber ihr Unwesen trieben, liegen heute den Besuchern die schönsten Kulissen zu Füßen. Die kleine Hochebene Valle della Luna, Tal des Mondes, macht ihrem Namen alle Ehre: Die bizarre Landschaft, eingebettet in die Berge der Gallura, und der Fernblick auf das gewaltige Limbara-Massiv sind einfach magisch. Hier liegt auch die größte Nuraghe der Gallura, die Protonuraghe Izzana.
Die sardische Küche - eine Küche der Erde
Zu jeder Wanderung und jedem Ausflug gehört natürlich auch eine zünftige Rast – am besten mit lokalen Spezialitäten. Die Sarden leben einfach, ihre Küche ist traditionell und gilt als ausgesprochen gesund. Bäuerliche Produkte wie Schwein, Schaf, Wild, Brot, Milchprodukte, Honig, Wurstwaren und Gemüse bilden die Basis der sardischen Küche. Sie ist schlicht und bedient sich naturreiner Zutaten.
Eine leckere Besonderheit der sardischen Ernährung ist das hauchdünne, knusprige Fladenbrot, das die Sarden pani carasau oder pani pistoccu nennen. Die dünnen, runden Scheiben werden zweifach gebacken und sind dadurch Monate lang haltbar. Das mussten sie auch sein, denn wenn die Schafhirten mit ihren Herden in die Berge zogen, waren sie lange fort von daheim. Sie brauchten dann ein haltbares Brot, das sie begleitete. Funde in einigen Nuraghen belegen, dass dieses Flachbrot schon vor rund 3.000 Jahren auf Sardinien gegessen wurde.
Das Geheimnis des hüpfenden Käses
Eine weitere Spezialität Sardiniens ist der Käse. In ihm steckt das Aroma der kargen, kräuterreichen Weiden, auf denen die unzähligen Schafe der Insel weiden. Im dünn besiedelten Landesinneren soll es immer noch doppelt so viele Schafe wie Menschen geben. Den typischen sardischen Pecorino findet man in allen Variationen von superreif, also piccante oder stagionato, bis zu dem frischen dolce sardo oder als süßen Ricotta, einem quarkähnlichen Frischkäse.
Nur etwas für Hartgesottene ist dagegen der Casu Marzu, der hüpfende Käse. Denn bei dieser Spezialität handelt es sich um einen mindestens sechs Monate alten Pecorino, der erst durch eine besonders Zutat wieder weich und kaubar wird: lebende Fliegenmaden. Diese bis zu einem Zentimeter lange weißlichen Larven der Fliegenart Piophila casei leben im Käse und verwandeln ihn durch ihren Fraß in einer streng riechende, eher schmierige Masse. Weil die Maden sich bei Störung bis zu 15 Zentimeter weit wegkatapultieren können, erhielt der Käse den Beinamen hüpfender Käse.




