Schlechtwetterfront über der Touristikbranche
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Schlechtwetterfront über der Touristikbranche

Bild: Foto: Rudolf Großmann, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons

Ohne Frage: Die goldenen Zeiten der 90er Jahre, in denen Jahresurlaub im Süden zum Standardprogramm des Durchschnitts-Bundesbürgers zählte, liegen in weiter Ferne. Die Branche steckt mittlerweile in einer tiefen Krise: Deutschlands Touristen lassen sich mit ihren Buchungen soviel Zeit wie seit Jahren nicht mehr der Deutsche Reisebüroverband hat 2002 bereits zu einem Spätbucherjahr ernannt.

Terrorangst bremst Urlaubslust

Alle Jahre wieder gleichen sich die Bilder: Der herannahende Sommer nährt den Traum vom unbeschwerten Leben. Es ist der Traum von Sonnentagen am Meer bei einer leichten Brise, ein Traum von Sorglosig- und Leichtigkeit. Dies Jahr jedoch schien dieser Wunschtraum weiter entfernt als die Aussicht auf beständige Sonnentage im heimischen Deutschland: Eine gewaltige Schlechtwetterfront hat sich über die Tourismus- und Freizeitindustrie gelegt das reinigende Gewitter ist nicht in Sicht ...

Ohne Frage: Die goldenen Zeiten der 90er Jahre, in denen Jahresurlaub im Süden zum Standardprogramm des Durchschnitts-Bundesbürgers zählte, liegen in weiter Ferne. Die Branche steckt mittlerweile in einer tiefen Krise: Deutschlands Touristen lassen sich mit ihren Buchungen soviel Zeit wie seit Jahren nicht mehr der Deutsche Reisebüroverband hat 2002 bereits zu einem Spätbucherjahr ernannt.

Die Gründe für die nachhaltige Zurückhaltung sind maßgeblich in den Terroranschlägen vom 11. September zu suchen. Die Verunsicherung ist ungebrochen zu tief hat sich die Angst im Hinterkopf verankert, selbst Betroffener eines Terroranschlages zu werden. Verschärft hat sich dieses Unbehagen durch neue blutige Vorfälle, die mittelbar auch im Zusammenhang mit dem 11.9. zu sehen sind: So starben Anfang April elf Deutsche auf der tunesischen Ferieninsel Djerba, als ein Tanklastwagen vor einer Synagoge explodierte. Der Terror aus dem Nahen Osten hat damit auch europäische Urlauber eingeholt.

Konjunkturelle Talfahrt trifft die Tourismus-Industrie schwer

Forciert wird die Reise-Unlust jedoch nicht nur von der Furcht vor neuen Terrorattacken. Viel schwerer wiegt der dramatische Abschwung der Weltwirtschaft, der im zweiten Quartal 2002 an den Leitbörsen noch einmal rasant an Eigendynamik gewonnen hat. Die Lage ist bedrohlicher denn je: Nachdem die Rezession, in die die US-Wirtschaft nach den Terroranschlägen gerutscht war, Ende des 1. Quartals 2002 als überwunden galt, sollten die Börsen glaubte man den Marktexperten ihre zweijährige Talfahrt endlich stoppen können.

Das Gegenteil trat ein: Obwohl die Konjunkturdaten eine erste Erholungstendenz in Amerika und in Euroland erkennen ließen, befinden sich die Aktienmärkte seit April auf einem Höllentrip in den Abgrund. Die amerikanische Hightechbörse Nasdaq verbuchte das schlechteste Quartal ihrer Geschichte und auch die einst so sicheren Häfen der Traditionsindizes DAX und Dow bieten keine Zuflucht mehr. Spätestens seit Juli also zur besten Urlaubszeit werden die Märkte von blinder Ausverkaufspanik getrieben: Dow und DAX stürzten synchron auf ein Fünfjahrestief.

Diese täglich neuen Hiobsbotschaften, die inzwischen fast unausweichlich auf den größten Börsencrash seit der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre hindeuten, haben eine fatale Auswirkung auf die Touristik-Industrie. Wie wohl kaum eine zweite Branche lebt der Tourismus davon, die Illusion vom besseren Leben zu verkaufen sei es nur für einige Tage. Doch wie viel Raum kann die menschliche Psyche diesem Bedürfnis einräumen, wenn an den Aktienmärkten Erspartes vernichtet wird, von dem zehn Urlaube finanziert werden könnten?

Doch es ist nicht nur die Panik vor weiteren Aktienverlusten, die die Deutschen in der Heimat bleiben lässt auch die Sorge um den eigenen Arbeitsplatz verdirbt das unbeschwerte Reiseerlebnis. Angesichts der andauernden Massenarbeitslosigkeit von konstant vier Millionen geht die Angst unter Deutschlands Arbeitnehmern um wer denkt da noch an unbekümmerte Ferienwochen auf Mallorca, Teneriffa oder an der Côte d'Azur?

Südländische Reiseziele werden verschmäht

Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Nach einer Umfrage des Berliner Forsa-Instituts wollen mehr als ein Drittel der Bundesbürger den Urlaub 2002 zu Hause verbringen. Der Kanzler macht es schließlich vor: Er lässt die Regierungsarbeit für eine zweiwöchige Auszeit im heimischen Hannoveraner Reihenendhaus ruhen der geliebte Italienurlaub fällt dieses Jahr aus.

Der Rückzug zum Bewährten liegt folglich voll im Trend die klassisch südländischen Urlauberhochburgen sind jedoch an dieser Entwicklung auch nicht ganz unbeteiligt. Die im Juni in Spanien angelaufenen Generalstreiks schrecken viele Urlauber ab: Mehr als 20 000 deutsche Touristen mussten am 20. Juni auf ihre Flüge warten, die auf Grund des Streiks verschoben wurden das stolze Spanien im Ausnahmezustand.

Nicht besser sind die Meldungen, die von Deutschlands beliebtester Ferieninsel kommen: Seit dem 1. Mai dieses Jahres wird auf Mallorca die Öko-Steuer verlangt die Preise sind zudem im Zuge der Euro-Einführung deutlich gestiegen. Und das in den 60er und 70er Jahren so beliebte Reiseziel Italien drängt sich in Folge der Ausbreitung der Masern-Epidemie auch nicht gerade als Alternative auf ...

Boom-Branche muss umdenken

Dabei galt die Touristik-Industrie jahrzehntelang als Melkkuh der deutschen Wirtschaft. Allein der nationale Marktführer TUI, der bis 1. Juli noch als Preussag firmierte, setzte im abgelaufenen Geschäftsjahr mehr als 12 Milliarden Euro um. Die Konkurrenz brachte es auf einen ebenso hohen Umsatz: Thomas Cook erwirtschaftete 7,9 Milliarden Euro, Rewe Touristik immerhin noch 4,7 Milliarden Euro.

Das rasante Wachstum scheint historisch leicht nachzuvollziehen: Im Zuge des großen wirtschaftlichen Aufschwungs der 50er Jahre mit der Einführung der Sozialen Marktwirtschaft entwickelten sich die Deutschen zum “reiselustigsten Volk der Welt, wie die Süddeutsche Zeitung 1961 bemerkte. Der Trend hielt ungeachtet der Krise der 70er Jahre, steigender Arbeitslosigkeit in den 80er und steigender Steuer- und Abgabenbelastung in den 90er Jahren an: “Die Deutschen bleiben Reiseweltmeister. Gespart wird noch nicht am, sondern nur im Urlaub, kommentiert 1994 der Kölner Stadt-Anzeiger anlässlich der Internationalen Tourismus-Börse (ITB) in Berlin.

Bis jetzt der Spardruck hat nach ersten Schätzungen zu einem Umsatzeinbruch im zweistelligen Prozentbereich geführt. Öger-Tours klagt über eine Umsatzeinbuße von mehr als 13 Prozent und steht damit noch besser als der Branchendurchschnitt da: Der Gesamtmarkt ist gar um fast 18 Prozent eingebrochen. “Wir waren verwöhnt. Jetzt sparen die Deutschen offensichtlich auch am Urlaub, kommentierte Klaus Laepple, Präsident des Deutschen Reisebüro und Reiseveranstalterverbandes (DRV) die Lage kürzlich gegenüber der Welt.

Die Stunde der Last-Minute-Anbieter

Angesichts dieser trüben Aussichten setzten die Reiseanbieter ihre Hoffnungen nun verstärkt auf die Torschlusspanik der Deutschen in Folge des verregneten Sommers. Traditionell werden eh zwei Drittel des Umsatzes im dritten Quartal erzielt es besteht also weiterhin das Prinzip Hoffnung. Diese Wette auf die späte Reiselust stimmt auch Last-Minute-Anbieter zuversichtlich. Konzerne wie der deutsche Marktführer LTUR treten als Resteverwerter der großen Reisegesellschaften auf: Sie kaufen die überschüssigen Restplätze zu Niedrigstpreisen auf und geben sie an ihre Kunden deutlich unter dem ursprünglichen Angebotsniveau weiter. Wochenreisen in Luxushotels nach Nizza oder Rimini können so für unter 1000 Euro angeboten werden.

Entsprechend optimistisch gibt sich der Chef des Baden-Badener Reiseveranstalters LTUR: “Wir haben zurzeit die größte Auswahl zum günstigsten Preis und auch in der Hochsaison noch jede Menge attraktive Angebote, wird Karlheinz Kögel im Spiegel zitiert. Für das Gros der Anbieter wird dieser Sommer jedoch zur Zerreißprobe werden: Weil die Branche in den letzten Jahren stark konsolidierte und die Marktführer durch Übernahmen stark verschuldet sind TUI weist einen Schuldenberg von über sechs Milliarden Euro aus , ist sie auf eine weiter florierende Geschäftsentwicklung mehr denn je angewiesen. Sollten die Touristen auch im nächsten Jahr auf die Urlaubsbremse treten, droht der Branche als letztes Mittel der totale Preiskrieg die Kunden zumindest würden kurzfristig profitieren.

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