Saudade oder die Sehnsucht Portugals
Übersetzt heißt "Saudade" so viel wie Sehnsucht. Diese soll bei den Portugiesen ab dem 16. Jahrhundert – zu Zeiten als führende Handels- und Seemacht – im fernen Amerika entstanden sein: aus der Sehnsucht nach der Heimat. Seitdem, so will es der Mythos, ist der Portugiese melancholisch gestimmt. Doch seine Melancholie trägt keine tragischen oder selbstzerstörerischen Züge, sondern soll vielmehr Zeichen einer besonderen, schwermütigen Sensibilität und eines fernen Trennungsschmerzes sein. Die Sehnsucht nach etwas Abwesendem kommt besonders schön und schmerzvoll zugleich im Werk des bedeutendsten portugiesischen Schriftstellers des letzten Jahrhunderts zum Ausdruck: "Ich bin der, der ich nicht zu sein vermochte", heißt es einmal bei Fernando Pessoa.
Fado oder das Glück der Melancholie
In Töne gesetzt, bestimmt die Saudade auch die Grundstimmung des Fado. Diese Musikform, deren Name vom lateinischen „fatum“ (Schicksal) stammt, ist hervorgegangen aus Liedern von Seeleuten, die diese in den Armenvierteln Lissabons Anfang des 19. Jahrhunderts gesungen haben. In diesem ursprünglichen Fado mischten sich die wehmütige und klagende Stimme der Seefahrer mit brasilianischen Einflüssen, Rhythmen der afrikanischen Sklaven sowie arabischen Elementen. Merkmale sind expressiver, zuweilen ekstatischer Gesang in unterschiedlichsten Höhen und vielen Molltönen. Oft ging es um unglückliche Liebe, gesellschaftliche Missstände oder Sehnsucht nach anderen Zeiten. Gesellschaftsfähig wurden diese "Fadistas" allerdings erst Ende des 19. Jahrhunderts. Den Sprung aus den Kneipen der Vorstädte in die bürgerlichen Salons soll dem Fado vor allem dank der Sangeskunst von Maria Severa Onofriana gelungen sein. Sie gilt als berühmteste Interpretin dieser frühen Zeit.
Amália Rodrigues
Unbestritten die "Königin des Fado" war Amália Rodrigues (1920 – 1999). Die Sängerin, die aus ärmsten Verhältnissen stammte, begann Ende der 30er Jahre mit Auftritten in Bars und Restaurants. Mit ihrer warmen, an Konturen reichen Stimme und ihren ambitionierten Texten, die teilweise einheimische Dichter direkt für sie schrieben, wurde sie schnell zur populärsten Sängerin des Landes und bald zur künstlerischen Botschafterin Portugals. In den fünf Jahrzehnten ihrer beispiellosen Karriere machte sie Fado auf zahlreichen Tourneen weltweit bekannt und nahm über 170 Schallplatten auf.
Mísia und Madredeus
Heute ist Fado auch bei der jüngeren Generation wieder en vogue. Das liegt vor allem an den neuen Sängerinnen und Sängern, die sich aus dem Schatten der großen Amália haben lösen können, neue Instrumente ins Fado integrieren und auch vor Genregrenzen nicht halt machen. Dazu gehören Dulce Pontes, die von Amália als legitime Nachfolgerin bezeichnet wurde und u. a. mit dem Soundtrack zum Richrad-Gere-Film "Primal Fear" zu Hollywood-Ehren kam, und Mísia, die bereits in den 90er Jahren kritische Texte von José Saramago und anderen Dichtern vertonte und in ihre charismatische Stimme immer wieder neue Gefühlsnuancen legt – fernab jeglicher Portwein-Seligkeit. Auch die portugiesische Gruppe Madredeus mit der Sängerin Teresa Salgueiro hat den Fado neu belebt. Hier ist er vermischt mit Elementen traditioneller portugiesischer Musik, Klassik und Pop. Seit dem Soundtrack zum Film „Lisbon Story“ von Wim Wenders ist die Gruppe ein internationales Aushängeschild der portugiesischen Musikszene. Zu den interessantesten Sängern des neuen Fado gehört Camané.




