Jeder Winter macht obdachlos
"1000 Rand" – rund 75 Euro – preist das Werbeschild am Straßenrand. Verkauft werden soll hier ein Haus, oder besser gesagt ein Shack. So nämlich heißen die Hütten der Armen in Südafrika. Im Township Khayelitsha, das sich kilometerlang an der Autobahn N2 von Kapstadts Flughafen bis zur Innenstadt entlang zieht, bestehen sie aus Wellblech, Pappe und Brettern. In diesem Slum lebt Patricia Sibu, gemeinsam mit mehr als 1,5 Millionen Anderen. Auch Patricia hat ihren Shack auf dem sandigen Boden östlich der Touristenmetropole gebaut. Und regelmäßig zerstört der Winter mit heftigem Regen und Sturm ihr winziges Haus, in dem die ganze Familie auf engstem Raum lebt. Dann zieht Familie Sibu ins Gemeindezentrum, schläft dort auf dem Boden – und baut wieder ein neues Haus. Das wird noch viele Jahre so gehen, bis Patricia Sibu endlich das Haus vom Staat bekommt, auf das sie schon so lange wartet.
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Zwei Welten in einem Land
"Neue Heimat" ist die Übersetzung des Xhosa-Namens Khayelitsha. Und tatsächlich wachsen Kapstadts Slums unaufhaltsam. Flüchtlinge und Arbeitssuchende des gesamten Kontinents strömen voller Hoffnungen ans Kap. Obwohl die Besiedlung des überfüllten Townships an vielen Stellen verboten ist, reihen sich immer mehr Hütten aneinander und es entstehen neue illegale Siedlungen. Zweimal die Woche fährt Patricia Sibu im Sammeltaxi Richtung Innenstadt. Für umgerechnet acht Euro pro Tag putzt sie hier die Wohngemeinschaft einiger Studenten. Viel mehr als das Haus ihrer Arbeitgeber hat sie in Kapstadt noch nicht gesehen. Seit sie vor 17 Jahren mit ihrem Mann aus dem ländlichen Ostkap in die Stadt kam, hat sie Khayelitsha nur selten verlassen. Erst als ihr Ehemann an der Immunschwächekrankheit AIDS verstarb, musste sie sich einen Job auf der "anderen Seite" besorgen, dort, wo das Geld herkommt.
Auf dieser Seite lebt Geoff Steyn. Der Kapstädter ist Makler und in seinem Beruf sehr erfolgreich. Der 35-Jährige hat sich auf Luxus spezialisiert, vor allem Kapstadts Küstenorte am spektakulären Atlantik sind sein Revier. Im Durchschnitt verlangt er etwa 3,5 Millionen Euro in Südafrikas teuerstem Küstenstreifen Clifton für ein Apartment mit Balkon. Bei diesen Preisen lohnt sich die Provision. Stolz ist Geoff auf den Verkauf einer Garage hier: Für umgerechnet gut 100.000 Euro muss sich sein Kunde nun nicht mehr um einen Parkplatz am Strand sorgen. Geoff war noch nie in einem Armenviertel, auch wenn er in der Stadt geboren und aufgewachsen ist. Seine Begegnungen mit dem anderen Südafrika beschränken sich auf sein Hausmädchen und die Straßenverkäufer, die sich an Kapstadts Ampeln mit Zeitungen, chinesischem Ramsch oder Kleiderbügeln ihren Lebensunterhalt verdienen. Wie für die meisten Südafrikaner, ist auch für Geoff die Armut im Land längst Alltag – die Gesellschaft ist aufgeteilt in Arme und Reiche. Und nie waren die Unterschiede größer als heute.
Allein in der Provinz Westkap warten etwa 500.000 Arme auf eine Wohnung. Für die vom Staat subventionierten Häuser gibt es im ganzen Land lange Wartelisten. Das Wohnungsbauministerium gibt an, der Bedarf steige jährlich um mehr als 200.000 Häuser. Fast die Hälfte der Südafrikaner ist auf den staatlich geförderten Wohnungsbau angewiesen.Als Folge der rassistischen Apartheidpolitik ist der Grundbesitz in Südafrika noch immer extrem ungleich verteilt. Im Jahr der Wahl Nelson Mandelas zum Präsidenten des neuen demokratischen Südafrika lebten etwa 75 Prozent der Bevölkerung auf 13 Prozent der nutzbaren Fläche des Landes. Noch heute, 15 Jahre später, führt dieses Verhältnis zu Landflucht und Stadtbildung. Die extrem ungleiche Verteilung des Wohlstands ist auch für jeden Besucher des Kapstaates ein bleibender Eindruck. Während die Reichen ihr Leben in Prunkvillen genießen, kämpfen die Armen im Elendsviertel ums Überleben.
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Problem Armut und jetzt auch noch die Wirtschaftskrise
Noch immer lebt fast die Hälfte der 48 Millionen Südafrikaner in bitterer Armut. Südafrika hat neben Brasilien den höchsten "Gini-Koeffizienten" der Welt. Darunter versteht man ein statistisches Maß zur Darstellung von Ungleichverteilungen. Von 0,57 im Jahr 1992 wuchs der Koeffizient in Südafrika 16 Jahre später auf fast 0,7.
Millionen Menschen im Land haben noch immer keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, sanitären Anlagen oder Strom. Fehlende Arbeitsplätze sind das wohl dringendste Problem des Landes. Offiziell liegt Südafrikas Arbeitslosigkeit bei 28 Prozent – inoffiziell wird allerdings von etwa 40 Prozent ausgegangen. Auch 15 Jahre nach dem Ende der Apartheid kommt die Bekämpfung von extremer Ungleichheit und Armut nur äußerst schleppend voran. Ex-Präsident Thabo Mbeki, der im September 2008 seinen Rücktritt erklärte, hatte sich zuletzt scharfer Kritik aussetzen müssen. Seine eher unternehmensfreundliche liberale Wirtschaftspolitik brachte Südafrika zwar ein durchschnittliches Wachstum von vier Prozent, doch die Armen blieben arm.
Und nun steht Südafrika vor einem neuen Problem: Nach der langen Boomphase wird auch die südafrikanische Wirtschaft von den Turbulenzen der globalen Finanzkrise eingeholt. Nach 14 Jahren Aufschwung geht es nun erstmals abwärts. Im dritten Quartal 2008 wuchs die Volkswirtschaft am Kap nur noch um 0,2 Prozent. Exporte, Nachfrage und Beschäftigung gehen zurück.
Während die wichtigsten Industrien im Land Stellen abbauten, explodierten gleichzeitig die Preise für Energie und Grundnahrungsmittel. So entließ etwa der Bergbausektor allein im dritten Quartal 2008 insgesamt 32.000 Arbeiter. Und der Preis für eine Vorratspackung Maismehl, eines der Grundnahrungsmittel vieler Südafrikaner, stieg von 37 auf 49 Rand. Doch trotz der aktuellen Auswirkungen der weltweiten Wirtschaftskrise, die sich mit den hausgemachten Problemen wie Energiekrise, ungenügender Bildung, verfallender Infrastruktur und AIDS-Problematik mischen, bewegt sich die südafrikanische Regierung nach wie vor nur wenig. Die Bewohner der Elendsviertel glauben längst nicht mehr an den guten Willen der Politik. Selbst Nelson Mandela wird angesichts der Korruption in den Reihen der Mächtigen der Regierungspartei African National Congress (ANC) spöttisch als "wandelnder Heiliger, der das Wasser privatisiert hat" betitelt.
Auch die Initiative der Regierung, welche die Armut mit Hilfe eines sozialen Sicherheitsnetzes hatte bekämpfen wollen, muss trotz aller Erfolge kritisiert werden. Zwischen den Jahren 2003 und 2007 wuchs die staatliche Sozialhilfe zwar von 2,8 auf 4,7 Milliarden Euro. Doch dies allein ist keineswegs eine große Errungenschaft. Denn leider ist das System der Sozialhilfe in Südafrika kein effektives Auffangnetz für die Armen. Bei Millionen Menschen mit einem geringen oder gar keinem Einkommen, die eine staatliche Sozialhilfe dringend benötigen, kommt nämlich keine Hilfe an. So geht es in Südafrika geschätzten zehn Millionen Männern und Frauen im Alter zwischen 14 und 65 Jahren, die arbeitslos, unzulänglich bezahlt oder nicht beschäftigungsfähig sind.
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Mehr Arme trotz Wirtschaftsförderungsprogramm
Nach dem Ende der Apartheid musste Südafrika den Übergang von staatlicher Unterdrückung hin zu einer globalisierten Wirtschaft quasi aus dem Stand schaffen. Dabei gab es auch Erfolge: Eine neue schwarze Mittelschicht ist entstanden und auch der Anteil schwarzer Südafrikaner in Top-Management-Positionen wuchs von drei auf knapp 19 Prozent in den Jahren 2003 bis 2007. Doch es ist noch ein langer Weg, wenn man diese Zahlen mit der tatsächlichen Bevölkerungsstruktur im Land vergleicht: 74,8 Prozent der arbeitenden Südafrikaner sind schwarz. Die 12,1 Prozent arbeitenden Weißen hingegen besetzen 68,2 Prozent der Positionen im Top-Management. Die Entwicklung geht nur langsam voran, nicht zuletzt deshalb, weil sich nach dem politischen Wandel zunächst einmal die Führungsspitze bereichert hat.
Die Ärmsten der Armen haben von Programmen zur Wirtschaftsförderung nicht profitieren können. Im Gegenteil: Die Zahl der Armen ist sogar gestiegen. Mit einem Wirtschaftsförderungsprogramm hatte die südafrikanische Regierung die Zahl der schwarzen Kapitaleigner und Führungskräfte erhöhen wollen. Das Gesetz des "Black Economic Empowerment" (BEE) aus dem Jahr 2003 bewertet seit Erlass die schwarze Wirtschaftsförderung in sämtlichen Firmen des Landes. Gesteuert durch Gesetzgebung und Aufsichtsbehörden kontrolliert das Programm unter anderem Besitzverhältnisse, Investitionen und Auftragsvergaben. Jedes Unternehmen, das mit der Regierung Geschäfte machen möchte, muss zu einem gewissen Prozentsatz in schwarzen Händen sein. Die Folge davon ist, dass schwarze Südafrikaner den Staatsdienst sowie viele Bereiche der Privatwirtschaft dominieren. Kritiker jedoch behaupten, die BEE-Politik habe vor allem eines gefördert: die Korruption.
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Moeletsi Mbeki, renommierter Intellektueller und Bruder des ehemaligen Präsidenten Thabo Mbeki, kritisiert die Praxis der schwarzen Förderung in Südafrika. "Das Black Economic Empowerment ist zu einer einzigen Vetternwirtschaft verkommen", so der Mitarbeiter des Instituts für Internationale Angelegenheiten. Nur einige Wenige profitieren von der neuen schwarzen Förderung – die breite Masse der ehemals diskriminierten Bevölkerung hat so wenig Anteil an der wirtschaftlichen Entwicklung wie zuvor. So meint Mbeki: "Die Führungsgruppe sitzt in wichtigen Positionen und in der Regierung. Denen geht es jetzt richtig gut. Sie und ihre Kinder haben Zugang zu Bildung, hier wächst eine neue Mittelschicht heran."
Bildung statt Förderung, das fordern deshalb die Kritiker. Denn das Apartheid-Regime hat in Südafrika durch das Zwei-Klassen-Schulsystem einen riesigen Fachkräftemangel hinterlassen. Aus der letzten Veröffentlichung des statistischen Bundesamtes Südafrika (Statistics South Africa) aus dem Jahr 2003 geht hervor, dass das Bildungsniveau der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen nach wie vor sehr ungleich ist. So haben etwa 22 Prozent der schwarzen Bevölkerung keinerlei Schulbildung, 25 Prozent gerade einmal einen Grundschulabschluss. Dagegen schließen 40 Prozent der weißen Bevölkerung eine höhere Schule ab, nur 1,4 Prozent von ihnen haben nie eine Schule besucht.
Sicher, im April 1994 öffneten sich nach jahrzehntelangem Zwei-Klassen-System die staatlichen Schulen für alle Kinder. Die allgemeine Schulpflicht und ein einheitliches, nicht rassenorientiertes Erziehungssystem wurden eingeführt. Auch das Universitätswesen ist transformiert – längst gibt es keine getrennten Hochschulen mehr. Und dennoch kostet der Schulbesuch in Südafrika Geld. Etwa 4,2 Millionen Menschen im Land müssen mit weniger als sieben Rand, etwa 50 Eurocent, am Tag auskommen. Allein um sich die Schuluniform am Beginn jedes Schuljahres leisten zu können, müssen viele arme Familien zusammenlegen. Zahlreiche Regierungsinitiativen zur Beseitigung der Bildungsunterschiede jedoch scheinen nicht weit genug gedacht, so die Kritik. Um den Schwierigkeiten, die sich zusätzlich aus der südafrikanischen Vielsprachigkeit und den ungleichen Vorraussetzungen ergeben, entgegen zu wirken, habe sich das Schulniveau drastisch verschlechtert. Auch Handwerkslehren und Ausbildungsgänge wurden verkürzt, um jenen schnell einen Beruf zu geben, die sonst ungeschult und ohne Arbeit blieben.
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Konkurrenzkampf am Ende der sozialen Leiter
Doch nicht nur den einst privilegierten Weißen und den schwarzen Neureichen schlagen in Südafrika inzwischen Ressentiments entgegen. Im Mai 2008 kam es in zahlreichen Armenvierteln zu Ausschreitungen von schwarzen Südafrikanern gegen afrikanische Immigranten. In einer Welle der Gewalt wurden 62 Menschen getötet und Hunderte verletzt. Hütten wurden in Brand gesteckt und Geschäfte geplündert. Lang angestaute Frustrationen und Neid fanden schließlich wehrlose Sündenböcke. Hier in den Townships, wo Südafrikas Ärmste der Armen noch heute leben, richtete sich der Hass gegen die zahlreichen Einwanderer. Arbeitssuchende aus anderen afrikanischen Ländern wie Mosambik, Malawi, Somalia, Nigeria, Ägypten und Simbabwe, die seit dem Ende der Apartheid auf der Suche nach einem besseren Leben in großer Zahl ins Land geströmt sind, wurden zum Ziel der Hetzjagd.
Weil sich die Regierung ihrer Probleme verweigere, müssten sie die Lösung nun selbst in die Hand nehmen – so rechtfertigten sich die südafrikanischen Täter. Ihre Vorwürfe waren, dass die Ausländer Arbeitsplätze sowie Unterkünfte stehlen würden und zudem für die hohe Kriminalität im Land verantwortlich seien. Die Townships seien längst maßlos überfüllt, so ihre Anklage. Bei fehlenden Wohnungen, steigenden Preisen und mangelnden Arbeitsplätzen sei kein zusätzlicher Platz mehr für die Einwanderer. Insgesamt flohen im Mai 2008 zwischen 70.000 und100.000 Menschen aus ihren Häusern, viele kehrten zurück in ihre Heimat. Die größte Einwanderergruppe, die Simbabwer, macht etwa 60 Prozent der Immigranten aus – doch zurück in die zerrüttete Heimat gingen von ihnen nach der Gewaltorgie nur wenige.
Für die arme Bevölkerung von Südafrika wird es immer schwerer, sich mit dem Lebensnotwendigsten zu versorgen. Und so war auch im Fall der Ausländerhatz im Jahr 2008 der Kampf um die Existenz die Ursache der Ausschreitungen. Es ging um Vorzugsbehandlung bei der Verteilung der staatlich geförderten Wohnungen. In Johannesburgs Township Alexandra, dem Ort des Ausbruchs der Gewalt, leben mehr als 400.000 Menschen in Blechhütten auf einer Fläche von rund 1 km2. Etwa 15 Prozent der Bewohner sind Immigranten. Und angeblich hatten diese durch Schmiergeldzahlungen an die Verwalter Vorzüge in der Wohnungsverteilung erkauft.
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Auch weiße Verlierer
Doch nicht nur Südafrikas schwarze Township-Bewohner haben vom Gewinn nach dem Umbau der Gesellschaft nichts davongetragen: Auch viele Weiße sehen sich als Opfer der neuen Politik. Immer mehr weiße Südafrikaner sind arbeitslos geworden. Vor allem jene, die schon zu Apartheidzeiten nicht wohlhabend gewesen waren, fallen heute durch das System. Das rassistische Südafrika hätte wenigstens für sie gesorgt, bevorzugt hätten sie als Weiße eine Arbeitsstelle erhalten. Damit ist es heute jedoch vorbei, so dass man zunehmend auch weiße Südafrikaner in den Schlangen der Suppenküchen sieht. Auch sie betteln auf der Straße und leben in Blechhütten. Die Zahl der armen Weißen wächst täglich.




