Barents, Longyear, Wikinger und Russen
Im Mai 1596 entdeckte der Holländer Willem Barents die Inselgruppe an der Grenze zum Nordpolarmeer. Das ist zumindest die offizielle Version, denn schon im Jahr 1194 wird “Svalbardi funndin“ in isländischen Erzählungen erwähnt. Wie so oft waren die Wikinger vermutlich auch hier die Ersten. Seit Barents “Entdeckung“ haben Walfänger, Walrossjäger, Expeditionen, Abenteurer und Bergleute ihre Spuren auf Svalbard hinterlassen. Vor allem in den letzten hundert Jahren spielte der russische und norwegische Kohlebergbau eine bedeutende Rolle in Svalbard.
Mit dem Spitsbergen-Vertrag von 1920 wurde die Inselgruppe demilitarisiert und unter norwegische Verwaltung gestellt. In der Folgezeit sind 40 Staaten, darunter auch die Bundesrepublik Deutschland, dem Vertrag beigetreten. Durch diesen Vertrag genießen alle Bürger dieser Länder auf Svalbard die gleichen Rechte wie Norweger und alle Mitgliedstaaten haben Zugriff auf die Bodenschätze der Inseln. Von diesem Recht machte neben Norwegen jedoch nur Russland Gebrauch, dessen Gruben in Barentsburg und Svea liegen.
Der Hauptsitz der Norweger befindet sich im etwa 1000 Einwohner zählenden Grubenort Longyearbyen. Dort steckte einst ein gewisser Mr. Longyear aus Michigan seine Claims ab. Politische Probleme gab es auf der arktischen Inselgruppe eigentlich nie. Sicherlich hat dazu auch der Umstand beigetragen, dass Svalbard keine Ureinwohner hat. “Eigentlich“ deshalb, weil das strategisch bedeutende Spitsbergen am Tor zum russischen Eismeer im Jahr 1941 von deutschen Truppen besetzt und 1942 von einem deutschen Flottenverband beschossen wurde, nachdem die norwegische Fritham Expedition die Insel 1941 zurückerobert hatte.
Spitzen und Gletscher
Auf Spitsbergen gibt es tatsächlich sehr viele spitze Berge. Im Westen der Inselgruppe überwiegen Gesteine aus dem Erdaltertum (Paläozoikum) mit ausgeprägter Faltung. Das Relief ist dort unruhig und von schroffen Bergen mit zahllosen Spitzen und Graten charakterisiert. An den durch Faltung stark beanspruchten Gesteinsschichten konnte die Verwitterung verstärkt angreifen und gemeinsam mit den unterschiedlichen Abtragungsprozessen (Steinschlag, Wasser- und Glazialerosion) diese schroffen Bergformen modellieren. Obwohl kaum höher als 1000 Meter, brauchen sie den Vergleich mit den Alpen nicht zu scheuen.
Svalbard zeigt eine auffallende Zweiteilung seiner Oberfläche, die auf unterschiedliche geologische Strukturen hinweist. Den schroffen Berggipfeln aus stark gefalteten Gesteinen an der Westküste stehen plateauartige Bergformen im Osten und im Innern Svalbards gegenüber, deren weitgehend horizontal gelagerte Sedimente Verwitterung und Erosion auf den Schichtflächen weniger Angriffspunkte bieten. Der Wechsel von Gesteinen mit geringerer zu höherer Widerständigkeit führte bei den Sedimentgesteinen zu auffälligen, schuttbedeckten Felsrippen. Die ehemals glatt durchlaufenden Schichten wurden durch starke Hangspülung in so genannte Racheln, in kleine steilhängige Kerbtäler von nur kurzer Länge gegliedert. Diese Berge gehören zweifelsohne zu den auffälligsten Oberflächenformen Svalbards.
Rund 60 Prozent der Inselgruppe ist vom ewigen Eis der arktischen Gletscher bedeckt. Sie durchfließen ganze Talsysteme, überwinden Pässe und bilden zusammengenommen den Gletschertypus des so genannten Eisstromnetzes. In den vergangenen Eiszeiten waren Eisstromnetze in vielen Hochgebirgen der Erde in vergleichbarer Weise entwickelt. Somit bietet Svalbard in gewisser Weise einen faszinierenden Blick in die Vergangenheit.
Weiße Riesen und Luftattacken
Dass man außerhalb der Siedlungen Svalbards stets mit dem geschulterten Karabiner umherläuft, hat nichts mit “Wildwest im hohen Norden“ zu tun. Es ist sogar offiziell verboten, ohne Waffe eine Ortschaft zu verlassen. Denn es besteht immer die Gefahr, dem König der Arktis zu begegnen, dem Eisbären (Ursus maritimus, wie er wissenschaftlich heißt). Unfälle gab es schon einige, obwohl sich die Tiere eher im Osten der Inselgruppe oder auf dem Packeis aufhalten. Wegen dieser permanenten Gefahr kann man auch ohne Waffenschein für maximal vier Wochen ein Gewehr mieten. Schießen sollte man aber schon können. Wer glaubt, einem angreifenden Eisbären zu Fuß entkommen zu können, weil er durch die Kälte vielleicht steif und unbeweglich sei, der irrt gewaltig. Die schwarze Haut des Bären nimmt jedes Quäntchen Wärme bestens auf und das dicke Fell schützt den weißen Riesen vor großen Wärmeverlusten. Als Nahrung bevorzugt ein Eisbär zwar eher Robben, aber ein unbewaffneter Tourist könnte für ihn durchaus hin und wieder reizvoll sein.
Nicht tödlich, aber recht schmerzhaft können Begegnungen mit anderen tierischen Zeitgenossen auf Svalbard ausgehen. In der Brutzeit sind die Küstenseeschwalben sehr angriffslustig. Daher darf man sich als “Inselneuling“ nicht wundern, wenn z. B. an Fahrrädern lange dünne Stangen montiert sind. Sie dienen sozusagen als “rotes Tuch“ für die “Tiefflieger“ und lenken die Angriffe vom Radfahrer ab.
Forschung und Forscher
Forschung spielt auf Spitsbergen eine bedeutende Rolle. Der norwegische Ort Ny Ålesund ist heute ein internationales Zentrum der modernen Arktisforschung. 15 Nationen sind hier tätig. Das Alfred-Wegener-Institut für Polarforschung in Bremerhaven (AWI) unterhält in Ny Ålesund die 1991 eingeweihte Koldewey-Station. Sie bietet Forschungsmöglichkeiten für Wissenschaftler aus der Biologie, Chemie sowie Geo- und Atmosphärenphysik. Die Koldewey-Station und die norwegische Sverdrup-Station sind die einzigen ganzjährig besetzten Stationen in Ny Ålesund. Das AWI führt hier ein umfassendes, mit den Norwegern abgestimmtes Messprogramm durch. Neben meteorologischen Daten werden Klimavariablen sowie Erdbeben und die Eigenschaften des Permafrostbodens kontinuierlich erfasst. Ein Schwerpunkt der Forschung war von Anfang an die Beobachtung der Ozonschicht und die Messung der am Ozonabbau beteiligten Spurenstoffe. Anders als in der Antarktis, konnte in der Arktis bislang jedoch kein nennenswerter Ozonabbau festgestellt werden.
Die hohe Qualität dieser Messungen ermöglichte 1994 die Aufnahme der Koldewey-Station in das globale Netzwerk zur Beobachtung stratosphärischer Veränderungen (Network for the Detection of Stratospheric Change, NDSC). Während die atmosphärischen Projekte vornehmlich im Winter und Frühjahr stattfinden, steht die Koldewey-Station im Sommer im Zeichen biologischer Untersuchungen. Die Spannweite reicht von den Lebensgemeinschaften der Algenwälder im Königsfjord bis zu den im Dauerfrostboden lebenden Bakterien. Die Arbeit auf Svalbard hat jedoch einen kleinen Haken: 24 Stunden Helligkeit im Sommer bescheren einen 12 Stunden Arbeitstag. Und was macht der Forscher bei fünf Monaten völliger Dunkelheit in seiner Freizeit? Er geht zur Sporthalle oder in die Videothek.
Alexander Stahr/Lesestein.de




