Südländische Stimmung auf dem Rathausmarkt
Könnte man die Stadtbesichtung besser beginnen als auf dem Rathausmarkt mit seinen vielen Straßencafés und kunstvoll restaurierten Altbauten? Wohl kaum. Denn dort schlägt er, der Herzschlag Tallinns, einer Stadt mit knapp über 400.000 Einwohnern direkt an der Ostsee. Autos fehlen hier vollständig, denn die sind mittels Verordnungen aus dem Altstadtbereich verbannt. Dafür stehen überall Tische und gemütliche Stühle auf gezimmerten Plattformen vor den Lokalen. Südländische Atmosphäre unter nordischer Sonne, die im Mai und Juni weit nach 23 Uhr untergeht.
Touristen und Esten sitzen einträchtig nebeneinander, nippen an einem Cappuccino, süffeln einheimisches Bier wie Saaremaa oder Kali, eine braune Brause, deren Verkaufszahlen Coca-Cola vor Neid erblassen lässt, und erfreuen sich des Lebens. Sie blinzeln in den blauen Himmel und beobachten das Treiben: Urlauber, die das erste Mal auf dem Raekoja plats sind, betreten ihn vorsichtig, fast andächtig; Reiseleiter erklären das Rathaus, zeigen zu den zwei Schlangen auf dem Dach, die vor der Restaurierung noch deutlich als männlich und weiblich unterschieden werden konnten; schnatternde Jugendliche mit dem obligatorischen Handy am Ohr gehen zielstrebig zum „Molly Malone’s“ Pub, um ein Guinness zu trinken. Und dann die Estinnen! Modisch wie die Italienerinnen gehen sie in Stöckelschuhen über den kopfsteingeplasterten Platz - wer schön sein will, kann auf diesem Pflaster nur eiern.
Altstadtgassen mit viel Charme
Selbst in den Seitenstraßen wird kräftig gefeiert. Denn auch in den verwinkelten Gassen der Altstadt, estnisch Vanalinn, reihen sich Kneipen und Restaurants wie Biergläser an der Theke aneinander. Da gibt es Gasthäuser wie das Lagoon, wo man unter freiem Himmel in einem alten Boot speisen kann. Studentenkneipen, die an Göttingen oder Tübingen erinnern, und Häuser mit italienischen, indischen oder chinesischen Speisen. Doch vom Charme einer Bier- oder Schinkenstraße ist Tallinn zum Glück so weit entfernt wie Deutschland vom WM-Gewinn. Alle Restaurants sind mit viel Liebe zum Detail eingerichtet, selbst das McDonald’s. Beliebt ist auch das Olde Hansa. Im alten Hansehaus werden auf vier Etagen deftige Spezialitäten und Bier mit einer Zimtnote gereicht.
Durch das Freilichtmuseum des Mittelalters
Und am morgen danach? Da stehen Besichtigungen auf dem Programm. Los gehts, natürlich, in der Altstadt, einem gut restaurierten Open-air-Museum des Mittelalters. Bereits 1285 wurde Tallinn, damals noch unter seinem alten Namen Reval, Mitglied der Hanse. Alle Sehenswürdigkeiten im Stadtkern sind gut zu Fuß zu erreichen. Bequem wirds aber erst, wenn das Schuhwerk dem Kopfsteinpflaster entsprechend gewählt wird, Spaß macht es auf jeden Fall. Denn immer wieder laden Cafés zu einer Pause ein.
Damit sich Urlauber in der Innenstadt, die seit 1997 UNESCO Weltkulturerbe ist, gut zurechtfinden, sind alle Sehenswürdigkeiten auch in Englisch ausgeschildert. Wie die ehemaligen Wachttürme, die sich rund um die Stadtmauer ziehen. „Peep in the kitchen“ heißt ein Kanonenturm, im Stadtplan steht allerdings „Kick in de Kök". Den niederdeutschen Namen bekam der Turm mit der roten Zipfelmütze aus neuen Dachschindeln von den Wachen, die von hier aus in die Kopftöpfe der umliegenden Häuser gucken konnten - sagt jedenfalls die Legende. Fat Margaret, "Dicke Margarethe", heißt ein anderer der gut renovierten Wachtürme mit den Ausmaßen eines Obelix. Hinter den bis zu fünf Meter dicken Mauern ist heute das Schifffahrtsmuseum untergebracht.
Nur ein kurzer Fußweg ist es von der dicken Margarethe bis zu den „Drei Schwestern“. So werden die drei mittelalterlichen schmalen Lagerhäuser genannt. Auch sie wurden mit Hilfe vor allem finnischer Investoren schön restauriert: Mit dem Nachbarn auf der anderen Seite der Ostsee bilden die Esten eine Sprachfamilie und schon zu Sowjetzeiten konnte finnisches Fernsehen empfangen werden.
Weiter zum ältesten Café der Stadt, wo eine Pause Pflicht ist. Die goldenen Deckenrosen, die hohen Spiegel auf dunkelbraunem Holz und der Jugendstiltresen erinnern an die Zaren-Zeit, die abgeschabten orange-farbenen Tabletts an die Sowjets, aber der Kuchen und das Eis sind frisch. Leckermäulchen heißt der Treffpunkt, estnisch „Maiasmokk“.
Tallinn “hinkt“
Jetzt fehlt noch der Domberg. Eigenartig sind die Straßennamen, die auf den kleinen Hügel führen. Auf dem „Kurzen Bein“ (offiziell Kurzer Domberg) mit vielen interessanten Galerien spazierten früher die Fußgänger, auf dem "Langen Bein" fuhren die Pferdekutschen. Da wo langes und kurzes Bein der „hinkenden“ Stadt zusammentreffen, ist der Po - behauptet der Volksmund. An dieser Stelle ist ein Tor in der Stadtmauer, das früher um Punkt 21.00 Uhr abgeschlossen wurde, um Ober- von Unterstadt zu trennen.
Wer den Aufstieg geschafft hat, sollte sich die nächste Pause gönnen, zum Beispiel Töpfercafé Bogapott (Pikk jalg 9). Im gelben Innenhof treffen sich auch Esten gern bei leckerem selbst gebackenem Kuchen und diskutieren über das Jetzt und Morgen. Genau gegenüber liegt das Restaurant Pika Jala, wo neben der Eingangstür ein schmiedeeiserner Stiefel hängt. Gildezeichen wie diese sind häufig zu finden.
Den Berg noch ein wenig hoch, vorbei an der renovierten Alexander-Newski-Kathedrale mit den goldenen Kreuzen auf den Zwiebeltürmen, in der heute wieder russisch-orthodoxe Gottesdienste abgehalten werden, zum rosafarbenem Parlament, einem ehemaligen Schloss. Und dann folgt die schönste Aussicht auf Tallinn schlechthin an der Panoramaplattform an der Kohtu-Straße. Von hier aus schweift der Blick über die roten Ziegeldächer der Altstadt über das neue Radisson SAS Hotel, dessen Dach an ein Schiff erinnern soll, bis hin zur glitzernden Ostsee.
Vor dieser Kulisse wird sich sicherlich auch Corinna May fotografieren lassen. Ob mit 12-Punkte Lust oder 0-Punkte Frust bleibt abzuwarten. Gewonnen hat auf jeden Fall eine zauberhafte Stadt: Tallinn.




