Brasilien, das ist Samba, Fußball, schöne Menschen, Sonne, Strand, Caipirinha... Alle Träume von Brasilien sind erst mal dahin, wenn man seine Südbrasilien-Tour in São Paulo beginnt. Denn die riesige Großstadt von 16 Millionen Einwohnern verbirgt ihre Schönheit hinter den Fassaden schmutziger Straßen und grauer Hochhäuser. Teilweise hat man den Eindruck, die Bewohner der Wolkenkratzer hätten sich selbst aus ihrem eigenen Fenster gelehnt, um das an fast allen Häusern und Mauern prangende Graffiti dran zu sprühen, weil man sonst diese Höhen keinesfalls erreichen könnte.
Erst auf den zweiten Blick erkennt man die innere Schönheit São Paulos, bis zu dem Punkt, an dem man die Stadt lieben lernt und sich vornimmt, unbedingt bald zurück zu kehren. In dieser Stadt pulsiert das Leben einer wahren Kultur- und Handelsmetropole. São Paulo ist eine richtige Großstadt und wird nicht umsonst das New York Südamerikas genannt. Und die meisten Paulistas (wie sich die Einwohner nennen) werden dem Besucher sofort erzählen, dass es sicherlich nicht die schönste Stadt der Welt ist, sie ihr Leben dort aber für nichts in der Welt eintauschen würden.
Und tatsächlich ist dem interessierten Besucher einiges geboten. Das erste und wichtigste ist unbestritten das auf der Avenida Paulista gelegene Museum MASP (Museo de Arte de São Paulo). Nicht nur gibt es da die größte lateinamerikanische Sammlung europäischer Kunst (unter anderem von Tizian, Goya, Rubens, Monet und Renoir ) zu sehen, das Museum enthält auch eine für Europäer unglaubliche brasilianische Spezialität: eine auf zwei Stockwerke verteilte Ausstellung über Pele, mit Popart-Portraits des berühmten Fußballspielers, allerhand Dokumenten, Relikten und Souvenirs, sowie eine riesige Leinwand, auf der von Öffnen bis Schließen des Museums alle seine Tore den begeisterten Männern und Kindern vorgeführt werden, während der weibliche Teil der Touristen oben die französischen Impressionisten bewundert.
Vor allem abends und nachts aber hat São Paulo seinen Besuchern besonders viel zu bieten. Fast täglich laden zahlreiche Theater zu neuen Theater-, Musical und Opernprämieren ein. Danach lohnt es sich eines der typisch brasilianischen Restaurants zu besuchen. Besonders beliebt bei den Paulistas sind die vielen „Rodizios“, eine Art nobles All-you-can-eat-Büfett: zu einem Preis von umgerechnet 10 Euro bekommt man in elegantem Ambiente ein Büfett mit arabischen, chinesischen, japanischen und anderen internationalen Köstlichkeiten, während verschiedene Kellner von Tisch zu Tisch gehen und alle nur erdenklichen Fleischsorten servieren. Kein Wunder also, dass das brasilianische Abendessen nicht nur viel später anfängt als das europäische, sondern auch viele Stunden dauern kann und ausschließlich zum Genießen bestimmt ist.
Urlaub und Samba in Florianopolis
Züge gibt es in Brasilien kaum. Dafür ist es für einen Südbrasilien-Reisenden um einiges leichter, einen der vielen Busse zur Fortbewegung zu benützen, als sich mit einem Mietauto im brasilianischen Verkehr zurecht zu finden. Die Straßen entsprechen den höchsten Standards und die Busse sind mit größtem Komfort ausgestattet. Der Busbahnhof von São Paulo bietet ständig Busverbindungen in alle Teile Brasiliens an, und von hier aus setzen auch wir unsere Reise fort auf die Urlaubsinsel Florianopolis. Eigentlich kann man in Brasilien überall Urlaub machen, die beliebtesten Ferienziele sind aber unumstritten die in Rio Grande do Sul gelegene Hafenstadt Porto Alegre und eben Florianopolis, eine Insel mit der gleichnamigen Hauptstadt des Staates Santa Catarina als Brücke zum Festland. Der Rest der Insel besteht aus malerischen Städtchen und feinsandigen weißen Stränden, die nicht nur im Sommer von Brasilianern, Argentiniern und Uruguayern, die stets ihre Thermoskannen mit Mate-Tee bei sich tragen, bevölkert werden.
Hier werden in den Restaurants Fisch und Meeresfrüchte serviert, hier aalen sich schöne Körper in knappen Bikinis am Strand. Langweilig wird es einem nicht. Denn nicht nur kommen auf Schritt und Tritt zahlreiche Strandverkäufer vorbei, die ihre Waren den kauffreudigen Sonnenanbetern feilbieten, es gibt auch in jedem Strandcafe Sambamusik, meist mit Vortänzern der verschiedenen Sambaschulen, denen die einheimischen Strandbesucher die Schritte so fleißig nachtanzen und dabei mit den Hüften wackeln, dass kein Argentinier, geschweige denn einer der wenigen exotischen Europäer, trotz ausgiebiger Einladung sich jemals dazwischen wagen könnte.
Der deutsche Staat Santa Catarina
Der Name Florianopolis ist signifikant für den ganzen Staat. 1748 von Einwanderern von den Azoren gegründet, ließen sich Ende des 19. sowie im 20. Jahrhundert die meisten nach Brasilien emigrierten Deutschen hier nieder. Deshalb sehen nicht nur die Einwohner hier aus, als seien sie gerade erst der Bayerischen Oberlandbahn entstiegen, einige sprechen auch „Santa Catarinisch“: eine Mischung aus brasilianischem Portugiesisch und veraltetem Schwäbisch, das allerdings keine modernen Wörter kennt, die erst im letzten Jahrhundert in die deutsche Sprache vorgedrungen sind.
Setzt man seine Reise gen Norden durch den Staat fort, entdeckt man einige deutschanmutende Namen wie Pomerode und Blumenau, wo die Fachwerkhäuser auch tatsächlich aussehen als wären sie einer Postkarte von Garmisch-Partenkirchen entsprungen und alljährlich das Oktoberfest mit deutschem Bier gefeiert wird.
Curitiba - eine Stadt der Jugend
Wenn man nach Curitiba kommt, sieht man erstaunlich viele junge und flippige Leute auf der Straße, während man durch die Gassen mit den kleinen bunten Häusern und die vielen beschaulichen Parks (besonders sticht die Praça General Osorio hervor mit ihrem integrierten Zoo, der verschiedenste Affen- und Kakadu-Rassen beherbergt) schlendert. Das liegt an der großen Universität der Hauptstadt von Paraná, die auch für eine sehr lebendige Musikszene in der Stadt sorgt. Neben zahlreichen Jazzkneipen erschließen sich dem Besucher verschiedenste Tanzlokale für alle Tänze Brasiliens. Unter diesen ist neben der Samba der Forro der beliebteste. Ein ganz einfacher Paartanz im Stil von Merengue oder Salsa, der im Gegensatz zum Samba von allen gern und mit Leichtigkeit getanzt wird und unheimlich Spaß macht.
Eine weitere Besonderheit Curitibas ist die „Rua 24 Horas“ (24 Stunden Straße). In der 100m langen Arkade finden sich ausschließlich Geschäfte, Apotheken und Restaurants, die rund um die Uhr geöffnet haben. Da wir früh am nächsten Morgen zu denn Wasserfällen von Iguaçu aufbrechen wollen, kaufen wir uns hier eine Uhr. Nur das Einstellen der Uhrzeit macht einige Schwierigkeiten. „So zwischen eins und zwei wird es sein“ antwortet auf unsere Frage hin der Uhrenverkäufer. Nein, die genaue Zeit habe er nicht, auf der einen Uhr sei es halt eine halbe Stunde früher, auf der anderen später. Und tatsächlich: die Wand- und Kirchenuhren, an denen wir vorbeikommen, können sich nicht auf eine Uhrzeit einigen. Am Ende gelingt es uns dann aber doch, rechtzeitig einen Bus zu den berühmten Wasserfällen von Iguaçu zu besteigen.
Die Wasserfälle von Iguaçu
In Tupi-Guarani bedeutet Iguaçu „das große Wasser“. Und die Größe dieser im gleichnamigen Nationalpark gelegenen Wasserfälle ist wirklich überwältigend, denn die auf einer Breite von 2700 Metern nebeneinander hinabstürzenden 275 Wasserfälle sind fast doppelt so tief wie die Niagarafälle. Der Besuchersteg am „Teufelsschlund“ lädt die Zuschauer zu einem atemberaubenden Schauspiel ein und lässt sie von der Legende der Entstehung der Wasserfälle träumen: als der Schlangengott M’Boi die Häuptlingstochter der Caingangue-Indios zur Frau nehmen wollte, diese aber mit ihrem Geliebten in einem Kanu fliehen wollte. Da schlug der wütende Gott mit seinem Schlangenkörper ein so großes Loch in den Fluss, dass das Liebespaar starb und die Wasserfälle geboren wurden.
Hier trifft man auch viele Touristen, teilweise Backpacker, die bis zu sechs Monaten in Brasilien unterwegs sind. Und zwischen all den gewonnen Eindrücken und all den Plätzen, für die die Zeit nicht gereicht hat, beschleicht einen das Gefühl, dass wahrscheinlich auch ein halbes Jahr nicht genug wäre, um alle Schönheiten Südbrasiliens zu entdecken, und dass es sich auf jeden Fall lohnen würde, bald wieder zurück zu kehren.




