Stellen Sie sich vor, Sie sitzen in der Kantine. Ihr Kollege schwärmt von der Gemüselasagne – und plötzlich wollen Sie die auch probieren, obwohl Sie eigentlich zum Schnitzel gegriffen hätten. Was nach simplem sozialen Einfluss aussieht, ist im Gehirn ein präzise orchestrierter Prozess. Eine aktuelle Studie in PLOS Biology zeigt jetzt an Mäusen, welche neuronale Maschinerie dahintersteckt: Oxytocin, jenes Hormon, das wir mit Bindung und Vertrauen verbinden, spielt eine entscheidende Rolle dabei, wie Tiere Essvorlieben voneinander übernehmen.
Die Untersuchung fokussiert auf einen kleinen Hirnbereich: das dorsale laterale Septum. Dort muss Oxytocin aktiv sein, damit Mäuse die Futterpräferenzen ihrer Artgenossen kopieren. Blockiert man die Oxytocin-Signalübertragung in dieser Region, bleibt die soziale Weitergabe von Vorlieben aus. Die Tiere orientieren sich dann nicht mehr an dem, was ihre Nachbarn fressen, sondern folgen ausschließlich ihrer eigenen Nase.
Das Phänomen des sozialen Lernens bei Nahrung ist evolutionsbiologisch relevant. Wer frisst, was die Gruppe frisst, vermeidet potenziell giftige oder verdorbene Lebensmittel. Doch wie genau diese Präferenzen im Gehirn verankert werden, war bislang unklar. Die neue Studie liefert erstmals einen molekularen Anhaltspunkt: Oxytocin fungiert als Botenstoff, der soziale Information in eine neuronale Erinnerung übersetzt.
Ob sich diese Befunde auf Menschen übertragen lassen, muss in weiteren Studien untersucht werden. Auch bei uns spielt Oxytocin eine Rolle in sozialen Bindungen. Dass es gleichzeitig steuert, wessen Essgewohnheiten wir übernehmen, könnte erklären, warum gemeinsame Mahlzeiten so bedeutsam sind und warum Kinder am Familientisch prägende Geschmacksvorlieben entwickeln.
Für die Erforschung von Essstörungen und Adipositas eröffnet die Studie neue Perspektiven. Wenn die soziale Transmission von Essvorlieben auf einer bestimmten Hirnregion und einem spezifischen Hormon basiert, könnten Fehlfunktionen dieses Systems zu problematischem Essverhalten beitragen. Übergewicht tritt familiär gehäuft auf – nicht nur wegen gemeinsamer Gene, sondern auch wegen gemeinsamer Mahlzeiten. Der neuronale Mechanismus, den die Mäuse-Studie beschreibt, könnte hier eine Rolle spielen.
Die Studie wirft letztlich eine grundsätzliche Frage auf: Wie frei sind unsere Essgewohnheiten wirklich? Wenn ein Neuropeptid mitentscheidet, welche Lebensmittel uns schmecken, dann sind Vorlieben weniger reine Geschmackssache als vielmehr Ergebnis neuronaler Prägung im sozialen Kontext.



