Der Berg
Auf die 2964 Meter hohe Zugspitze im Wettersteingebirge fährt tatsächlich ein richtiger Zug. Aber mit dem Namen von Deutschlands höchstem Berg hat dieser Zug gewiss nichts zu tun. Die Namensgeschichte des Berges weist dennoch einige Kuriositäten auf. Auf den Sonnengott “Toig“ gehe die Silbe “Zug“ zurück, kann man hier und da vernehmen - die Zugspitze sozusagen als Wohnsitz der Götter. Der bekannte Alpinist Toni Hiebeler berichtete einst, dass die Einheimischen an den bösartigen “Zuggeist“ glaubten, einen riesigen Geier, der die Spitze des Berges bewachte und jeden, der in sein Reich einzudringen versuchte, übel zurichtete. Der böse Geier musste jedoch am Ende vor der Technik des Menschen das Weite suchen. Die sicherlich beste Namenserklärung liefert der Umstand, dass sich am Nordfuß der Zugspitze in der so genannten Eibseeflanke große Lawinenbahnen zu Tal erstrecken - und diese werden im regionalen Sprachgebrauch “Lawinenzüge“ oder kurz “Züge“ genannt.
In der Kreidezeit, vor rund 100 Millionen Jahren, entstand das Wettersteingebirge mit der Zugspitze. Damals erhob sich das Massiv etwa 1000 Meter über den Meeresspiegel. Seine heutige Höhe erreichte es schließlich durch starke Hebungsvorgänge im Jungtertiär vor etwa 30 Millionen Jahren. Da diese Prozesse im Alpenraum auch heute noch andauern, könnte die Zugspitze in ferner Zukunft vielleicht ihren “knapp verfehlt“-Makel verlieren und zum Dreitausender emporwachsen. Vom Wettersteingebirge hat das Gestein der Zugspitze seinen Namen: Wettersteinkalk. Dieses Kalkgestein entstammt Korallenriffen, die Millionen Jahre vor dem Aufstieg der Alpen prächtige Atolle unter tropischem Himmel bildeten.
Gipfelstürmer
Am 27. August 1820 war es mit der Ruhe an Deutschlands höchstem Berg endgültig vorbei. Anlässlich der kartografischen Aufnahme des Blattes “Werdenfels“ für den topografischen Atlas von Bayern erstieg der Landvermesser Josef Naus gemeinsam mit seinem “Bedienten“ Maier und dem Partenkirchner Johann Georg Deutschl als erster Mensch die Zugspitze. Ob sie damals tatsächlich auf der Zugspitze und nicht etwa auf einer der Höllentalspitzen waren, wurde in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erstmals angezweifelt. Doch die Beweisführung der Zweifler war wenig überzeugend, so dass Josef Naud und seine Begleiter auch weiterhin mit Recht als Erstbezwinger der Zugspitze gelten.
Die nächsten Ersteiger des Berges waren Einheimische aus dem Werdenfelser Land. Im Jahr 1823 erreichte der Maurermeister Simon Resch aus Partenkirchen in Begleitung des “Schafltoni“, einem aus dem österreichischen Telfs stammenden Schafhirten, den zwei Meter niedrigeren Ostgipfel. Somit war auch der erste Österreicher auf der Zugspitze. Einige Jahre später wandte sich dann die Damenwelt dem Gipfel zu: 1853 erreichte Karoline Pitzner den Westgipfel und 1855 die Freifrau von Lobkowitz. 1882 gelang Heinrich Schwaiger, Josef und Heinrich Zametzer sowie Alois Zott die erste Winterbesteigung der Zugspitze.
Eine neue Ära begann mit dem Bau des Münchner Hauses auf dem Westgipfel im Jahr 1897. Josef Naus erlebte den Beginn des “Alpinrummels“ an “seinem Berg“ noch mit. Schon damals wurde die Zugspitze zum Modeberg. Dass sich aber jede Menge Bergbahngäste dort tummeln, hätte Naus auch in seinen schlimmsten Träumen sicherlich nicht erwartet. Schon seit 1882 befindet sich auf der Zugspitze das imposante und berühmte Gipfelkreuz, ein durch die Initiative des Pfarrers Christoph Ott von Hohenpeißenberg erbautes und vergoldetes Eisen-Zylinder-Kreuz von 4,08 Metern Höhe.
Leben am Berg
Die Alpenblumen halten an der Zugspitze den deutschen Höhenrekord. Schweizer Mannsschild (Androsace helvetica), Blattloser Steinbrech (Saxifraga moschata), Moschussteinbrech ( Saxifraga moschata) und Alpen-Gemskresse (Hutchinsia alpina) findet man nirgendwo in den bayerischen Alpen in größerer Höhe - und das trotz der mageren Böden. Der Wettersteinkalk ist ein recht reiner Kalkstein mit 96-99 Prozent CaCO3. Er enthält kaum tonige Einlagerungen. Somit bietet der einseitige Chemismus des Gesteins eigentlich schlechte Voraussetzungen für das Wachstum von Pflanzen. Doch einige wenige hart gesottene Hochgebirgsspezialisten schaffen das schier Unmögliche und klettern die Zugspitze hinauf. Selbst Frösche gibt es dort oben auf dem Gipfel: Wetterfrösche! Das Meteorologische Observatorium auf der Zugspitze wurde vor einhundert Jahren errichtet. Am 19. Juli 1900 fand die feierliche Übergabe des Turms an die königliche Staatsregierung statt, dieser Tag markiert den Beginn der Beobachtungen durch den Meteorologen Josef Enzensperger. Jedes Kind kennt heute die Temperatur- und Schneehöhenmeldungen von der Zugspitze aus dem Fernsehen.
Und wer tummelt sich außer Pflänzchen und Wetterfröschen noch auf Deutschlands höchstem Gipfel? Skifahrer, Snowboarder, Wochenendausflügler, Zahnradbahnfans, Amerikaner, Japaner, Physiker, Postbedienstete und und und! Dazu ein völlig umbautes Münchner Haus - der Zugspitzwestgipfel wurde regelrecht von Technik und Tourismus “vergewaltigt“. Von der deutschen Seite führt eine Zahnradbahn und eine Kabinenseilbahn in Richtung Gipfel, von der österreichischen ebenfalls eine Kabinenseilbahn. Das schneesichere Gletscherskigebiet im Hochkar des Zugspitzblattes lockt jährlich Tausende von Snowboardern und Skifahrern in Deutschlands höchstgelegenes Skigebiet. Neun Schlepplifte und ein Sessellift können stündlich bis zu 12.000 Gäste zu den Abfahrten in allen Schwierigkeitsgraden befördern.
Obwohl oft als am stärksten verschandelter Gipfel der Alpen bezeichnet, ist die Beliebtheit der Zugspitze bis heute ungebrochen. Selbst bei den Alpinisten - tatsächlich steigen immer noch viele “Verrückte“ zu Fuß auf den Gipfel. Besonders beliebt ist der Aufstieg von der Höllentalangerhütte über das “Brett“ zum Ostgipfel, ein stellenweise anspruchsvoller Klettersteig mit Drahtseilsicherung.
Alexander Stahr/Lesestein.de




