Das 19. Jahrhundert– von der Romantik bis zum Symbolismus

Das 19. Jahrhundert– von der Romantik bis zum Symbolismus Die Romantik lässt sich als erste gesamteuropäische Literaturepoche bezeichnen. Nie zuvor waren die wechselseitigen Anregungen vor allem zwischen französischen und deutschen Autoren so intensiv. Noch mehr gilt dies für den Roman des Realismus und Naturalismus, in dem auch die Russen und Engländer brillierten. Zugleich prägten französische Dichter international verbindliche Kategorien für die moderne Lyrik, die im Symbolismus um 1900 einen Höhepunkt erlebte. Kennzeichnend für die Romantik, die etwa von 1800 bis 1840 dauerte, ist die Opposition gegen den Rationalismus. Generell tendierte sie zum Geheimnisvollen und Spekulativen, weshalb die fantastische Erzählung in der Manier E.T.A. Hoffmanns zu ihrer Paradedisziplin wurde. Die Dichtung, vornehmlich Erlebnis- und Naturlyrik, pendelt zwischen volksliedhafter Schlichtheit, etwa bei Joseph von Eichendorff, und der ausgefeilten Sprachkunst eines Novalis, zwischen der Flucht in biedermeierliche Idylle und einer vorsichtigen Politisierung. Nach der Revolution von 1848 wiederum setzte unter dem Einfluss französischer Romanciers wie Honoré de Balzac die Epoche des literarischen Realismus ein. Ihr prominentester Vertreter in England war Charles Dickens. Für den deutschsprachigen Raum sind beispielhaft Theodor Fontane oder Gottfried Keller zu nennen. Neue Maßstäbe setzte die russische Erzählkunst eines Fjodor Dostojewskij oder eines Lew Tolstoj. Die Naturalisten prangerten, wie Gerhart Hauptmann oder Émile Zola, soziale Missstände an, während die Skandinavier Henrik Ibsen und August Strindberg einen neuen Typ des psychologischen Dramas entwickelten, dem später Frank Wedekind und Arthur Schnitzler sehr provokante Züge verliehen. Eine neue Gegenströmung bildete der von Charles Baudelaire vorgeprägte Symbolismus, der in den Gedichten Paul Verlaines, Arthur Rimbauds und Stéphane Mallarmés, aber auch Rainer Maria Rilkes einen Höhepunkt fand. Novalis' Heinrich von Ofterdingen: Schlüsselwerk der Romantik Was bedeutet die blaue Blume im »Ofterdingen«? Wer die Literatur der deutschen Romantik kennt, dem werden diese Zeilen vertraut sein: »Was ihn mit aller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume … Er betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit … die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte.« Diese Traumvision birgt ein Herzstück romantischer Poesie: die »blaue Blume« als Symbol von Liebe und Erkenntnis. Der Roman »Heinrich von Ofterdingen« spielt vor der Kulisse eines verklärten Mittelalters und greift Motive alter Ritterepen auf, wie etwa Initiation, Ausfahrt und Bewährung oder eben die Wunderblume als Parallele zum Heiligen Gral. Was sucht Heinrich? Die Handlung des ersten Teils (»Die Erwartung«) setzt mit dem Traum des jungen Bürgersohns Heinrich ein, dessen Lebensweg fortan von der Suche nach der magischen Blume bestimmt ist. Unterwegs begegnet er beispielhaften Gestalten: einer schönen Gefangenen, einem Bergmann und einem Einsiedler. Das Wichtigste offenbart ihm der Dichter Klingsohr mit der Erzählung eines allegorischen Märchens, in dem die Poesie eine in Rationalität erstarrte Welt erlöst. In Klingsohrs Tochter Mathilde erkennt Heinrich das Mädchenantlitz seines Traumes – und die Liebe als zentrales Element der Poesie. Wie sollte der Roman enden? Der fragmentarische zweite Teil (»Die Erfüllung«) bricht mit dem Tod Mathildes ab. Als Stationen auf Heinrichs Weg zum »Geist des Weltgedichts« sah Novalis Aufenthalte im Kloster und am Kaiserhof sowie eine Teilnahme am Sängerkrieg auf der Wartburg vor. Am Ende pflückt der Held – nach Tod, Traum und Erwachen – die ersehnte blaue Blume und erlebt die Wiedervereinigung mit der Geliebten. Wogegen richtet sich Novalis' »Ofterdingen«? Angeregt von Goethes »Wilhelm Meisters Lehrjahre« (1795/96), geriet das Werk zu einem Gegenentwurf der dort propagierten »bürgerlichen Oeconomie«. Die Kehrtwendung verdankte sich Ludwig Tiecks »Franz Sternbalds Wanderungen« (1798) und der »Wissenschaftslehre« von Johann Gottlieb Fichte. Im Unterschied zum Bildungsprinzip von Aufklärung und Klassik, einer systematischen und praktischen Aneignung der Welt, ging es Novalis um eine Reise ins eigene Ich, auf dem das »niedere Selbst« zu einer höheren Daseinsform im Einklang von Geist und Natur gelangen sollte. Dieser radikal subjektive Ansatz mündet in einen utopisch-sozialen Führungsanspruch des Künstlertums. Welche Möglichkeiten bot die Form des Roman den Romantikern? Zur Darstellung der komplexen Beziehungen von Ich, Gesellschaft und Welt eignete sich nach Auffassung der Romantiker der Roman ideal. In Novalis' eigenen Worten bot er die Möglichkeit enzyklopädischer Vielfalt durch das Einschalten von exemplarischen Erzählungen oder durch »eine gewisse Altertümlichkeit des Stils … eine leise Hindeutung auf die Allegorie, eine gewisse Seltsamkeit, Andacht und Verwunderung, die durch die Schreibart durchschimmert«. Wie kam Friedrich von Hardenberg zu dem Namen Novalis? Friedrich Freiherr von Hardenberg, 1772 im Harz geboren, verwendete den Namen bei seiner ersten Publikation. Er studiert zunächst Jura in Jena, dann Bergwerkskunde, Chemie und Mathematik in Freiberg und arbeitet seit 1796 in der thüringischen Salinendirektion. Für sein literarisches Schaffen wurde die Bekanntschaft mit Friedrich Schiller prägend, bei dem er 1791 in Jena Vorlesungen in Geschichte hörte. Seine ersten Veröffentlichungen sind Fragmente mit dem Titel »Blüthenstaub«, von den Brüdern Schlegel in ihrer Zeitschrift »Athenaeum« publiziert. 1800 erscheinen am selben Ort die »Hymnen an die Nacht«, lyrische Meisterwerke der Frühromantik. Die beiden Romanfragmente »Heinrich von Ofterdingen« und »Die Lehrlinge zu Sais« kamen erst postum 1802 an die Öffentlichkeit. Novalis war zweimal verlobt; aufgrund seines frühen Todes – Hardenberg starb 1801 an Schwindsucht – kam es aber zu keiner Heirat. Wussten Sie, dass … sich Novalis wahrscheinlich bei der Pflege Friedrich Schillers mit Lungentuberkulose angesteckt hatte? sich Novalis' Aufgeschlossenheit für naturwissenschaftliche Phänomene in dem (damals eben erst entdeckten) Galvanismus in Klingsohrs Märchen zeigt? Vernunft und Gefühl von Jane Austen: Ein ironisches Sittengemälde Welche Charaktere bevölkern Jane Austens Romane? Die Heldinnen in Jane Austens (1775 bis 1817) Romanen trauen entweder ihrem Gefühl zu wenig oder müssen unter dem Einfluss der Vernunft eine sentimentale, von Vorurteilen oder Idolen aus der Literatur bestimmte Haltung überwinden, um ihr Glück zu finden. Ironische Seitenhiebe gelten menschlichen Schwächen wie Eitelkeit, Standesdünkel, Geldgier oder Egoismus. Das 1811 erschienene Erstlingswerk von Jane Austen, »Sense and Sensibility« (»Vernunft und Gefühl«), wirkte prägend auf den englischen Gesellschaftsroman des Realismus. Verfasst in einem geradlinigen, geistreich-ironischen Prosastil, beeindruckt das Werk durch virtuose Charakterzeichnung der Personen in oft demaskierenden Dialogen. Wo prallen Vernunft und Gefühl aufeinander? Die im Titel gegenübergestellten Prinzipien werden durch die beiden Protagonistinnen verkörpert: die vernünftige Ellinor Dashwood und ihre schwärmerisch veranlagte Schwester Marianne. Nach dem Tod ihres Vaters fällt der Besitz an dessen Sohn aus erster Ehe. Der Willkür des eitlen Stiefbruders und dessen geldgieriger Ehefrau ausgeliefert, sind sie gezwungen, gemeinsam mit der Mutter und der jüngeren Schwester unter finanziellen Einschränkungen den Wohnsitz zu wechseln. In welchem Umfeld spielt der Roman? Die beschränkte Welt des Landadels von Devonshire definiert den Rahmen der Handlung: das Interesse der Nachbarsfamilien an den Neuankömmlingen, das Auftauchen und plötzliche Verschwinden des ruhigen und besonnenen Edward Ferrars, zu dem Ellinor sich hingezogen fühlt, und der Auftritt des charmanten, gut aussehenden Willoughby, der in Marianne romantische Gefühle weckt. Sie gibt ihnen ohne Rücksicht auf die Konventionen nach, während sie die Annäherungsversuche des wesentlich älteren, fürsorglichen Colonel Brandon geflissentlich ignoriert. In welche Wirren verstricken sich die Heldinnen? Die plötzliche Abreise Willoughbys stürzt Marianne in eine Krise. Bei einem Besuch in London muss sie feststellen, dass dieser eine reiche Erbin umwirbt. Während Ellinor die Schwester zu trösten versucht, erfährt sie selbst, dass Edward durch ein Eheversprechen gebunden ist. Die Contenance ihrer äußerlich unerschütterlichen Schwester lässt Marianne die Egozentrik ihrer eigenen Gefühle erkennen und die Werbung des integren Brandon akzeptieren, während sich für Ellinor plötzlich eine neue Wendung andeutet: Edwards Verlobung wird gelöst, er wird frei für Ellinor. Wirkt die Handlung überzeugend? Der Roman ist ein kleines Meisterwerk. Zwar erscheint das konsequent durchgehaltene Prinzip der kontrastierenden Charaktere mitunter schablonenartig und das »spiegelbildlich« entwickelte Happyend (»romantisch« für die rationale Ellinor, »vernünftig« für die schwärmerische Marianne) wirkt ein wenig konstruiert. Dennoch überzeugt die Charakterzeichnung, durch die selbst Nebenfiguren klares Profil gewinnen – wie beispielsweise die aufdringlich-vulgäre, doch herzensgute Londoner Patronin der Schwestern, Mrs. Jennings, oder der zwar charmante, aber charakterlich verderbte Willoughby. Übrigens: Für die Figur des Willoughby dürfte der Verführer Lovelace Modell gestanden haben, einer der Protagonisten in Samuel Richardsons Briefroman »Clarissa oder Die Geschichte einer jungen Dame« (1748). Dieser entfaltete seinen Einfluss auf den psychologischen Roman über England hinaus (Jean-Jacques Rousseau, Johann Wolfgang Goethe, Henry James). Wie wurde die Pfarrerstochter zur Bestseller-Autorin? Die am 16. Dezember 1775 geborene Jane Austen war das jüngste von sieben Kindern eines englischen Landpfarrers in Steventon (Hampshire). Die Schriftstellerin verließ bis zu ihrem Tod am 18. Juli 1817 niemals den Kreis ihrer Familie, die später abwechselnd in Bath, Southampton und Winchester lebte. Ihre zunächst zur Unterhaltung ihrer Angehörigen verfassten Romane wurden später große Verkaufserfolge: »Stolz und Vorurteil« (1813), »Mansfield Park« (1814), »Emma« (1816) und »Die Abtei von Northanger« (1818) . Wussten Sie, dass … »Vernunft und Gefühl« bereits Ende des 18. Jahrhunderts entstand, jedoch keinen Verleger fand? Im Jahr 1811 ließ Jane Austen das Werk auf eigene Kosten drucken und landete damit einen großen Erfolg, zumal durch das florierende Leihbibliothekswesen damals ein großer Bedarf an Romanliteratur entstanden war. Märchen der Gebrüder Grimm: Sammlung deutscher Volkspoesie Wann erschienen Grimms Märchen zum ersten Mal? Die berühmte Märchensammlung der Brüder Jacob (1785–1863) und Wilhelm Grimm (1786–1859), erschienen in zwei Teilen 1812 und 1815, entstand auf Anregung der Herausgeber der Volksliedsammlung »Des Knaben Wunderhorn«, Achim von Arnim und Clemens Brentano. Das Unternehmen stand im Zeichen der von Johann Gottfried Herder eingeleiteten Rückbesinnung auf die deutsche Volkspoesie und gewann im Vorfeld der Befreiungskriege gegen Napoleon auch einen patriotischen Akzent. Während ihre Vorläufer Karl August Musäus (»Volksmärchen der Deutschen«, 1787) und Ludwig Tieck (»Volksmährchen«, 1797) das teilweise identische Material in aufklärerischer und poetologischer Intention sehr stark veränderten, ging es den Brüdern Jacob und Wilhelm Grimm in ihren »Kinder- und Hausmärchen« gerade um die Authentizität der überlieferten Stoffe und Fassungen. Seit dem Jahr 1806 waren sie vorwiegend im Hessischen unterwegs, um dem »Mund des Volkes« die alten Geschichten abzulauschen. Was sind die gattungstypischen Merkmale? Der bunte Reigen dieser Märchen ist bevölkert vom typischen Personal: verzauberte Menschen, sprechende Tiere, Feen und Hexen. Gut und Böse sind – meist sogar durch äußerliche Merkmale – klar unterscheidbar, und auch die vertrackteste Situation geht am Ende gut aus, zuweilen mit einer moralisierenden Schlussformel. Etwas biedermeierlich Reines zeichnet die Grimm'schen Texte aus, im Gegensatz zu den 1822 auf Deutsch erschienenen »Feenmärchen« von Charles Perrault: Dort trägt zum Beispiel das Märchen vom »Rotkäppchen« unverblümt erotische Züge. Welche Bedeutung hatte das Märchen in der Romantik? Als Dichtung des »Wunderbaren« spielte es eine bevorzugte Rolle, bis hin zu Eduard Mörikes »Geschichte von der schönen Lau« (1873) oder Theodor Storms »Die Regentrude« (1866). Häufig schöpften die Autoren nach dem Vorbild der Brüder Grimm aus dem Reservoir lokaler Sagenstoffe, das auch zur Grundlage anderer Sammlungen wurde: so das 1810 erschienene »Gespensterbuch« von Apel und Laun, aus dem die Vorlage für Carl Maria von Webers Oper »Der Freischütz« (1821) stammt. Der schlichte – im Fall der Brüder Grimm gleichwohl meisterlich poetische – Erzählton und die simple Struktur der Volksmärchen wichen im romantischen Kunstmärchen einer raffinierteren Perspektivik und einer Sprachkunst auf höchstem Niveau. Das gilt für Tiecks Sammlung »Phantasus« (1812–1816) und Fouqués »Undine« (1811) ebenso wie für Clemens Brentanos »Gockel, Hinkel und Gackeleia« (1838) und vor allem für die Kabinettstückchen aus der Feder E.T.A. Hoffmanns wie »Der goldene Topf« (1813) oder »Nussknacker und Mausekönig« (1819). Wilhelm Hauff betonte 1825 in der Einleitung zu seinen Märchenalmanachen (»Die Karawane«, »Der Scheik von Alessandria und seine Sklaven«, »Das Wirtshaus im Spessart«), sie seien als Literatur für Kinder gedacht, und in der Tat wurden »Der kleine Muck« oder »Zwerg Nase« Klassiker auf diesem Gebiet. Insgesamt aber wandte sich das Kunstmärchen – man denke etwa an Goethes höchst artifizielles »Märchen« von 1795 – an ein erwachsenes Publikum, das auch die häufig enthaltenen Anspielungen auf Zeitumstände verstand und der Diskussion poetischer Prinzipien folgen konnte. Was ist eine fantastische Erzählung? Anders als das Märchen, das von vornherein in einer Sphäre eigener Gesetzmäßigkeiten angesiedelt ist, wird dort der Einbruch des Unheimlichen, Unerklärlichen in die normale Alltagswelt inszeniert. E.T.A. Hoffmann wirkte auch in diesem weiteren Genre des Wunderbaren wegweisend. Die Erzähltradition der fantastischen Erzählung wurde vor allem von Edgar Allan Poe auf hohem Niveau weitergeführt. Gespenstergeschichten und Märchen sind bis heute ein Faszinosum geblieben, auch wenn sie kaum noch bei Kerzenlicht am Spinnrocken erzählt werden. Wie wurden die Grimms zu den Begründern der Germanistik? Jacob (4.1.1785–20.9.1863) und Wilhelm (24.2.1786–16.12.1859) Grimm studierten an der Universität in Marburg Rechtswissenschaften, wo sie die Literatur der Romantik kennen lernten und sich für die Entstehung der deutschen Literatur zu interessieren begannen. Nach ihrem Studienabschluss 1806 begannen sie in Kassel, Märchen zu sammeln und aufzuzeichnen. Anmerkungen zu den Märchen erschienen später in einem gesonderten dritten Band. Die »Deutsche Grammatik« von Jacob Grimm, veröffentlicht 1819 und 1826 in zwei Bänden, befasste sich mit den Verwandtschaftsbeziehungen und der Entwicklung der germanischen Sprachen. 1838 begannen die Brüder ihre gemeinsame Arbeit am »Deutschen Wörterbuch«, das sie bis zum Buchstaben F ausfertigten. Wussten Sie, dass … die Grimms 1816/18 eine zweiteilige Sammlung »Deutsche Sagen« herausgaben, die allerdings nicht so erfolgreich war wie die Märchen-Bände? E. T. A. Hoffmanns »Nussknacker und Mausekönig« den russischen Komponisten Peter Tschaikowskij zu seinem berühmten Ballett anregte? Hugos Notre Dame von Paris: Ein Meisterwerk der Hochromantik Vor welcher Kulisse spielt die Geschichte? Der Roman »Notre Dame von Paris« des Romantikers Victor Hugo (1802–1885) sollte ein lebendiges Erzählpanorama der Stadt im Jahr 1482 sein. Vor allem die »wundervolle Kirche von Notre Dame« wollte Hugo in seinem auch als »Der Glöckner von Notre Dame« bekannten Roman von 1831 sprachlich vor seinen Lesern entstehen lassen. Deshalb verlegte er nicht nur einen großen Teil der dramatischen Handlung in das Innere und auf die Galerien des Pariser Doms; er schuf mit dem – auch syntaktisch komplizierten – Bau von »Notre Dame« eine psychologisch wie kompositorisch raffinierte Erzählkathedrale, deren fantastisch-düstere Szenerie die feierliche Dunkelheit des Domschiffs beschwört und deren groteske Figuren wie gotische Wasserspeier über der Handlung schweben. Wie begegnen sich der Glöckner und Esmeralda? »Notre Dame« beginnt im Turm mit dem Läuten der Glocken, das die Pariser zum Karneval ruft. Der bucklige, hässliche Glöckner Quasimodo wird zum Narrenpapst gewählt; die schöne Bettlerin Esmeralda bringt ihm ein Ständchen. In der Nacht versucht Quasimodo erfolglos, Esmeralda zu entführen, die sich zudem des teuflischen Dompropsts Frollo erwehren muss. Frollo hat Quasimodo als Findelkind aufgezogen und zum Glöckner bestimmt. Da Frollo – der selbst als Hexenmeister gilt – Esmeralda nicht gewinnen kann, übergibt er sie als Hexe der Inquisition. Kann Quasimodo seine Esmeralda retten? Quasimodo, der Entführung Esmeraldas angeklagt, rettet sie vor ihrer Hinrichtung ins Asyl der Kathedrale; dennoch wird sie verhaftet und erhängt. Aus Rache stürzt Quasimodo seinen Ziehvater von den Türmen Notre Dames in die Tiefe. Zwei Jahre später findet man vor den Toren der Stadt zwei verschlungene Skelette, von denen das männliche einen Buckel aufweist: Die Liebe Quasimodos zu Esmeralda, die in Schwindel erregender Höhe begann, hat in einer makabren »Hochzeit« – unterirdisch – ihr Ende gefunden. Was macht den Roman zu einem Musterbeispiel? In der farbenprächtig und temporeich komponierten Geschichte hat Hugo sein Ideal eines Romans, der »zugleich Drama und Epos« sein sollte, idealtypisch umgesetzt: Mit seinem opulenten, teils pittoresk-verklärenden Bild des gotischen Spätmittelalters sowie der Inszenierung einer fantastisch-düstren Atmosphäre ist der Roman ein Musterbeispiel romantisch-»totaler« Literatur. »Notre Dame« begründete Hugos Ruhm als Romancier und bescherte ihm 1841 einen Platz in der Académie française. Wie entwickelte sich Hugo als Autor weiter? In seinem voluminösen Roman »Die Elenden« von 1862 begab sich Hugo aus der Höhe des Mittelalters in die Niederungen der französischen Gegenwart; besonders imposant ist seine Darstellung der labyrinthischen, die gutbürgerliche Oberstadt unterminierenden Kanalisation im Kapitel »Im Bauch von Paris«. So entstand aus sozialutopischer Perspektive ein episch breit angelegtes Porträt der gesellschaftlich niederen Klassen. In »Notre Dame von Paris« ist die Pariser Unterwelt der »truards« noch ganz romantisch dargestellt: als Teil eines literarischen Konzepts, das das »große Buch der Baukunst« mit dem Mittelalter für abgeschlossen hielt. War Hugo »nur« Schriftsteller? Nein, er war politisch sehr aktiv. Victor Hugo wurde am 26. Februar 1802 in Besançon geboren und tat sich zunächst mit Lyrik hervor. Im Drama »Cromwell« brach er 1827 mit der Formstrenge der Klassik und propagierte eine dichterische »Wahrheit«, die auch dem Hässlichen und Grotesken Genüge tun sollte. Nach der Juli-Revolution sympathisierte er mit den Royalisten, wandte sich 1848 den Republikanern zu und wurde 1849 Mitglied der Gesetzgebenden Nationalversammlung. Nach dem Staatsstreich gegen die Republik 1851 lebte er bis 1870 auf Guernsey. Er starb am 22. Mai 1885 in Paris. Dantons Tod von Büchner: Ein revolutionäres Drama Vor welchem Hintergrund entstand »Dantons Tod«? »Dantons Tod« hat Büchner in »höchstens fünf Wochen« niedergeschrieben. Das Drama ist in vier Akten mit 32 locker gereihten Szenen angelegt und beginnt zwei Wochen vor der Hinrichtung des Titelhelden (am 5. April 1794) in Paris. Das Stück wurde 1835 in einer zensierten Fassung in »Phoenix«, dem Organ des Jungen Deutschland, publiziert: ein Jahr nachdem Büchner seine »Gesellschaft für Menschenrechte« gegründet hatte und seine aufrührerische Flugschrift »Hessischer Landbote« bei den Bauern auf der Türschwelle lag – und kurz, bevor er vor der Polizei ins Ausland fliehen musste. Warum ist Büchners Stück von ungebrochener Aktualität? In »Dantons Tod« ist alles von erschreckender Realität: Die Personen sind real, die Fakten belegt, die Reden teils historisch – getreu dem Diktum des Autors, dass der Dichter ein Geschichtsschreiber sei, der die Historie »zum zweiten Mal erschafft«. Rund ein Sechstel seines Textes komponierte Büchner aus historischem Material. An politischer und sprachlicher Schärfe hat Büchners »Danton« bis heute nichts eingebüßt. Nicht von ungefähr wurde das Drama, das die Klassik und Romantik der deutschen Bühne hinter sich ließ, erst 1902 uraufgeführt. Bis heute gehört es zum Standardrepertoire deutschsprachiger Schauspielhäuser. Welche Grundhaltung durchzieht das Drama? Anhand des Schicksals von Georges Jacques Danton schildert Büchner den fatalistischen Lauf der Geschichte; Grundlage hierbei war nicht zuletzt die eigene Enttäuschung über die Entwicklung der Französischen Revolution und ihre desillusionierenden Folgen. »Dantons Tod« spiegelt jenen Glauben an das unabwendbare Schicksal wieder, den Georg Büchner in einem berühmten Brief an seine Braut 1834 formulierte; der Wortlaut dieses Schreibens kehrt nahezu unverändert im Drama wieder: »Der Einzelne nur Schaum auf der Welle, die Größe ein bloßer Zufall, die Herrschaft des Genies ein Puppenspiel … Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?« Nicht nur die mordlüsterne, mit Religion und Brot zu ködernde Masse, sondern alle »Akteure« – einschließlich des sprachgewaltigen, zweifelnden, einsamen Robespierre – sind den revolutionären Ereignissen und einer sich verselbstständigenden Sprache der Gewalt hilflos ausgeliefert. Deshalb will der lebensmüde Danton sein rhetorisches Messer gegen Robespierre nicht wetzen: Denn »die Guillotine ist der beste Arzt«. Was ist die Triebfeder des Geschehens? Im Stück ist die Guillotine der wahre Held; als zweischneidiges »Schwert der Gerechtigkeit« schwebt sie über allen. Die Logik des Fallbeils hat sich selbstständig gemacht: »Das Guillotinethermometer darf nicht fallen.« Dabei wird die idealistische »Guillotinenromantik« der Dantonisten von der Wirklichkeit der Schreckensherrschaft des »Blutmessias« Robespierre bald eingeholt: »Das sind tote Leute. Ihre Zunge guillotiniert sie.« Im vierten Akt werden die verhafteten Dantonisten hingerichtet. Kann man die Geschichte aktiv steuern? Büchner verneint das und illustriert mit dem Tod der Dantonisten die Prophezeiung des Zynikers Saint-Just, der den Einzelnen dem Gesetz der Natur unterordnen will: »Die Natur folgt unwiderstehlich ihren Gesetzen, der Mensch wird vernichtet, wo er mit ihnen in Konflikt kommt.« Über das Ende des Stücks hinaus bleibt das Fallbeil bestimmend: Als die Frau eines der hingerichteten Deputierten mit dem Ausruf »Es lebe der König!« der Wache in die Arme läuft, ist dies ein hilfloser, paradox-revolutionärer Akt gegen das Regime, als dessen Konsequenz nur das Schafott stehen kann. Was macht Büchners »Woyzeck« zum ersten deutschen Sozialdrama? Büchner schildert in der Tragödie, wie ein kleiner Soldat von einer übermächtigen Umwelt zum Mord an seiner Geliebten getrieben wird. Georg Büchner hat das Drama 1836 im Straßburger Exil begonnen und nicht vollenden können. Radikaler noch als »Dantons Tod« ist »Woyzeck« die Enttäuschung der revolutionären Ideale, das Ende der Geschichte, eingekerbt. Als Woyzeck dem Hauptmann beim Rasieren das Messer an die Kehle setzt, ohne sich seiner damit verbundenen Macht bewusst zu werden, ist dies bestmöglich illustriert. Der Hauptmann zumindest begreift dies unbewusst: »Er läuft ja wie ein offenes Rasiermesser durch die Welt«, bemerkt er über Woyzeck, »man schneidet sich an ihm«. Wie wurde Büchner Revolutionär, Autor und Wissenschaftler? Georg Büchner, geboren am 17.10.1813 in Goddelau im Großherzogtum Hessen-Darmstadt, studierte Naturwissenschaften, Medizin und Philosophie. 1833 gründete er die »Gesellschaft für Menschenrechte«, 1834 verfasste er die Flugschrift »Der Hessische Landbote« mit der Parole »Friede den Hütten! Krieg den Palästen!«. Wegen seiner umstürzlerischen Ideale und politischen Aktivitäten steckbrieflich gesucht, floh er 1835 über Straßburg nach Zürich. Vorher hatte er noch »Dantons Tod« verfasst und »Woyzeck« begonnen. Auch hier trat der Privatdozent für Medizin als revolutionärer Autor hervor. 1836 promovierte Büchner mit Studien über das Nervensystem der Barben. Eine Professur konnte er nicht mehr antreten: 23-jährig erlag er am 19.2.1837 in Zürich dem Typhus. Wussten Sie, dass … der wichtigste deutsche Literaturpreis nach dem Dramatiker benannt ist? Der Georg-Büchner-Preis wurde schon 1923 gestiftet, seit 1951 wird er von der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung an deutschsprachige Autoren verliehen und ist mit 40000 € dotiert. Poes Fantastische Erzählungen: Zwischen Romantik und Moderne Was ist das zentrale Thema in Poes Schaffen? Das Motiv des lähmenden Entsetzens beim Erwachen im Grab durchzieht nahezu das gesamte fantastische Werk von Edgar Allan Poe (1809–1849). Offenbar war der Dichter vom Gedanken beseelt, dass »selbst im Grabe nicht alles Bewusstsein verloren« sei: eine Idee, die der Autor in der Erzählung »Die Grube und das Pendel« (1843) zur Erklärung menschlicher Unsterblichkeit heranzog und in »Der Fall Valdemar« (1845) traurige Realität werden ließ: Hier wird ein Sterbender hypnotisiert und über Monate im Zwischenreich gehalten (»Ich sage Ihnen, ich bin tot«), bevor er bei seiner »Erweckung« aus der Trance schließlich zu Staub zerfällt. Ein frühes meisterliches Beispiel dafür ist die Schauergeschichte vom »Untergang des Hauses Usher« (1839), in der die Schwester des Hausherrn, die nach ihrem (vermeintlichen) Tod in der Familiengruft begraben worden war, als Gespenst dem nervlich bereits zerrütteten letzten Abkömmling des Adelsgeschlechts erscheint, bevor der unheimliche Familiensitz in Schutt und Asche fällt. In »Das Gebinde Amontillado« (1846) wird das Einmauern eines Unglückseligen in die Gruft eines Weinkellers zur subtilen Rache des Erzählers (und die Todeserkenntnis des Betrunkenen zu einem der wenigen Beispiele für Komik in Poes Werk). In »Die schwarze Katze« wird das gespenstische Tier dem Erzähler, der es zufällig zusammen mit der Leiche seiner erschlagenen Frau hinter einer Wand vermauert hatte, zum Verhängnis. Die Sammlung »Groteske und arabeske Geschichten« (1840), in der die frühen Erzählungen vereint sind, wimmelt von toten Lebendigen; sie machte Edgar Allan Poe mit einem Schlag berühmt. Wie entsteht das Grauen? Das Fantastische ist bei Poe nur hin und wieder in eine »übernatürliche« äußere Handlung gelegt, etwa in Mittelalter-Geschichten wie »Die Maske des roten Todes« (1842) oder in Seeabenteuern wie dem »Umständlichen Bericht des Arthur Gordon Pym von Nantucket« (1838). Meist existiert es nur im Bewusstsein der Figuren. So zeigt sich in »Das verräterische Herz« ein wahnsinnig gewordener Mörder selbst an, weil ihm der Herzschlag seines unter dem Fußboden verscharrten Opfers unerträglich in den Ohren pocht. Aus dieser subjektiven Perspektive wird selbst das Grauen nachvollziehbar. Wie wurde das Fantastische inszeniert? Der Autor sezierte das Grauen gewissermaßen mit dem Skalpell, um die Anatomie des Entsetzens mit der zwingenden Logik des Intellekts freizulegen. In »Die Grube und das Pendel« ist die Folterung eines von der Inquisition zum Tode Verurteilten in den »Wänden meines Grabes« deshalb als besessener Zweikampf der Gehirne ausgemalt: Der Delinquent begegnet den mörderischen Fallen der Mönche mit Berechnung und kommt so am Ende frei. Dem grausamen Experiment seiner Peiniger und »der Wirrnis [seiner] Fantasie« entronnen, kann der Protagonist das Geschehene »im späteren Lichte der Vernunft besehen« – ein zentraler Zug an Poes Erzählern, die das Unglaubliche nach ihrer Rettung rational zu erfassen suchen. Welche Schreibtechnik wurde verwendet? Das Mittel dieser nahezu mathematischen Fantastik ist die minutiöse, durch Reflexionen weiter zerdehnte Darstellung der Marter, eine Methode, die den »Sekundenstil« des Naturalismus vorwegnimmt. In »Die Grube und das Pendel« wird dementsprechend das messerscharfe Pendel einer Uhr, das sich auf den Gefesselten herabsenkt, zur unerträglich langsam schwingenden Todessichel, zum Sinnbild der im Bewusstsein schrecklich lange dauernden Sterbenszeit. In seinem Essay »Methoden der Komposition« (1848) erläuterte Poe sein Verfahren und beschrieb, wie er sein berühmtes Gedicht »Der Rabe« (1845) »Schritt um Schritt mit der Präzision und der strengen Folgerichtigkeit eines mathematischen Problems« komponierte. Wichtig seien vor allem aber Originalität und Effekt. In seinen fantastischen Erzählungen, die die Tradition der modernen Kurzgeschichte begründeten, ist dem Autor dies – im Gegensatz zu den meisten seiner Gedichte – gelungen. Welches neue Genre erfand Poe? Poe war nicht nur der »Fürst des Grauens«, wie es Charles Baudelaire ausdrückte, sondern auch der Begründer der modernen Detektivgeschichte. In »Die Morde in der Rue Morgue« (1841) nutzte er bereits das Krimi-Problem des Verbrechens im geschlossenen Raum. Mit seinem scharfen Verstand analysiert Detektiv Auguste Dupin die Aussagen der Anwohner eines Pariser Mietshauses, alles Menschen unterschiedlicher Sprachen: Diese hatten die »Äußerungen« des Täters (der sich später als Orang-Utan entpuppt) verschiedenen Sprachen zugeordnet. Dupin schloss daraus, dass der Täter keine menschliche Sprache spricht: ein Tier. Nicht nur Arthur Conan Doyle hat sich mit seinem Sherlock Holmes auf Edgar Allen Poe bezogen, »unser aller Meister«. Wussten Sie, dass … Poe nichts mehr fürchtete, als lebendig begraben zu werden? Der Dichter litt an Katalepsie, die seine »Einbildungskraft zu einer wahren Grabesfantasie« werden ließ. So ist es nicht verwunderlich, dass die Angst vor dem Scheintod Poes ganzes Erzählwerk durchzieht. War Poe ein verkanntes Genie? Ja, denn erst durch die Übersetzungen u. a. von Baudelaire wurde Poe über den Umweg Europa in den USA postum populär. Edgar Allan Poe wurde am 19.1.1809 in Boston als Schauspielerkind geboren, verwaiste früh und wuchs bei Adoptiveltern auf. Ein Universitätsstudium brach er 1826 bereits nach einem halben Jahr ab, verpflichtete sich für mehrere Jahre bei der Armee und besuchte 1830 die Militärakademie in West Point. 1831 ging er nach Baltimore/Maryland und begann, als Schriftsteller und Journalist zu arbeiten. 1836 heiratete er seine 13-jährige Cousine. Zeit seines Lebens neigte er dem Alkohol und anderen Drogen zu, was nach seinem Tod am 7.10.1849 in Baltimore zu einer wahren Rufmordkampagne führte. Balzacs Menschliche Komödie: Eine monumentale Sittengeschichte Welches ehrgeizige Projekt hatte Balzac im Sinn? Honoré de Balzac (1799–1850) hatte nichts Geringeres im Sinn, als eine umfassende Sittengeschichte der französischen Gesellschaft der ersten Jahrhunderthälfte in Form von 137 Romanen in drei Abteilungen (»Études de meurs«, »Études philosophiques«, »Études analytiques«) zu schreiben. Die erste beispielsweise gliederte sich weiter in Rubriken wie »Privatleben«, »Provinzdasein« oder »Leben in Paris«. Zwar konnte Balzac nur 91 Romane vollenden, doch sollte die »Comédie humaine«, wie er einmal an eine Freundin schrieb, tatsächlich eine Dimension in die Literatur bringen wie seinerzeit die großen Kathedralen in die Architektur. Die Anspielung auf Dantes »Göttliche Komödie« im Titel unterstreicht diesen hohen Anspruch. Wie ist das Mammutwerk angelegt? Von 1842 bis 1848 erschienen 19 Bände mit einer ganzen Fülle von Meisterwerken, darunter »César Birotteau«, »Eugénie Grandet«, »Vater Goriot«, »Verlorene Illusionen« und »Die Frau von dreißig Jahren«. Der Schauplatz wechselt zwischen Paris und der französischen Provinz, die historische Spanne reicht vom Empire bis zur Julirevolution. Zeit und Milieu treten immer klar in Erscheinung, mit der Welt des wohlhabenden Pariser Bürgertums im Mittelpunkt. Die ungemein facettenreiche Darstellung glänzt durch farbige Zeichnung der Charaktere und den oft dramatischen Gang der Handlung. Ihre Dynamik ist im Wesentlichen von Liebe und Geld bestimmt. Zur entscheidenden Triebfeder gerät immer wieder die – ambivalent bewertete – Leidenschaft: Unvermittelt stürzt sie den Menschen in den Abgrund oder verwandelt ihn in ein unberechenbares Monster. War Balzac ein kühler Realist? Nein, dass der Realist Balzac durchaus noch der Romantik verhaftet war, demonstriert sein Verfahren, genaue Beschreibung mit fantastischen Elementen zu verbinden, etwa dem Teufelspakt-Motiv in »Das Chagrinleder«. Eine literaturgeschichtliche Pioniertat war es hingegen, Figuren und Figurenkonstellationen des Romanzyklus in mehreren zeitlich aneinander anknüpfenden Bänden auftreten zu lassen und ihr Schicksal unter wechselnden historischen Umständen fortzuspinnen. Welche Figuren kommen in dem Romanzyklus vor? Das Universum der »Menschlichen Komödie« ist von unterschiedlichsten Gestalten bevölkert: Börsenmakler und Industrielle finden sich neben Beamten und Angehörigen akademischer Berufe, Glücksrittern, Bohemiens und Dandys. Auch die Balzac bestens bekannte Sphäre des Verlags- und Zeitungswesens bildet mitunter die Bühne des Geschehens, in das sich auch Frauentypen jeglicher Couleur mischen, von der mütterlichen Bürgerin über die mondäne Bankiersgattin bis zur Kurtisane. In Haupt- und Nebenrollen bilden rund 3000 Personen die »Besetzung«, teils als psychologisch differenziert gezeichnete Individuen, teils als klischeehafte Ideenträger. Meist birgt das Äußere unmissverständliche Hinweise auf ihre Wesensart, und auffällig ist der hohe Anteil an Parvenüs und Besessenen. Übrigens: Innerer Zwang war Balzac nur zu gut vertraut: »Meine bisherigen Arbeiten sind nichts im Vergleich zu dem, was ich noch zu vollbringen habe … : Nacht für Nacht am Schreibtisch, und ein Band nach dem anderen.« Wussten Sie, dass … in der »Menschlichen Komödie« rund 250 Gerichte zum Teil minutiös beschrieben werden? Im zeitgenössischen Paris mit seinen vielen Restaurants fand Balzac ideale Bedingungen für seine lukullische Leidenschaft. Balzac sich eine besondere Arbeitsmethode zugelegt hatte? Um etwa sechs Uhr abends legte er sich schlafen, stand um Mitternacht auf und hatte dann die ruhigen Nachtstunden für seine Schreibarbeit. Was machte Balzac zu einem Mann der Extreme? Die Biografie des am 20. Mai 1799 in Tours geborenen Beamtensohns liest sich streckenweise wie ein Roman: Nach dem Jurastudium ging er, anstatt Notar zu werden, als Schriftsteller nach Paris, hatte erste Erfolge, machte als Druckereibesitzer Bankrott und avancierte zum Star der literarischen Salons. Die Beziehungen zum anderen Geschlecht waren meist flüchtig, erst kurz vor seinem frühen Tod am 18.8.1850 ehelichte er eine langjährige Freundin. Tief verbunden blieb er zeitlebens der heimatlichen Touraine mit ihren Weinbergen, Obstgärten und Delikatessen. Der Genießer Balzac, der 100 Austern auf einmal vertilgen konnte, unterzog sich aber häufig auch der mühevollen Arbeit wochenlangen pausenlosen Schreibens, mit bescheidenster Nahrung und ungeheuren Mengen Koffein. Heines Wintermärchen: Satirische Anklage der Restaurationspolitik In welcher Situation entstand die Satire? In seiner 1844 erschienenen Verssatire hielt Heinrich Heine, seit 1831 im französischen Exil lebend, Eindrücke einer im vorangegangenen Winter unternommenen Reise durch Deutschland fest und verwandelte sie in eine literarische Abrechnung mit der politischen Reaktion: Der Winter steht für eine in Erstarrung befindliche Gesellschaft, das Märchen für eine (verlogene) Idylle. Welche Stationen hat die Reise? 27 Kapitel (Caput I–XXVII) zeichnen den Weg von der Grenze bis ins heimatliche Hamburg nach: Über Aachen, die Stadt Karls des Großen, geht es zunächst nach Köln mit dem – damals noch unvollendeten – Dom als Symbol fragwürdiger katholischer Glaubensherrschaft. Der »alte Vater Rhein« klagt über den endlosen Widerstreit territorialer Besitzansprüche. Über den Teutoburger Wald, den Schauplatz der Hermannsschlacht, führt der Weg weiter durchs Westfälische. Hinter Paderborn von der Postkutsche in den Schlaf geschaukelt, begegnet der Träumende im Kyffhäuser dem Kaiser Barbarossa. In Hamburg schließlich besucht Heine die Mutter und seinen Verleger und konstatiert bewegt die Verheerungen des Feuersturms von 1842. Bestechend ist der Esprit, mit dem Heine satirische Schärfe und unbefangenen Plauderton verbindet. Auch die zeitgenössische Literatur blieb nicht vom Spott verschont – exemplarisch der Seitenhieb gegen eine Erfolgsschriftstellerin: »Birch-Pfeiffer söffe Terpentin, / Wie einst die römischen Damen. / (Man sagt, dass sie dadurch den Urin / Besonders wohlriechend bekamen.)« Warum ging Heine ins Exil nach Paris? Seine Rolle im Umkreis der »jungdeutschen« Dichter des Vormärz, der Restaurationsepoche zwischen Wiener Kongress 1815 und Märzrevolution 1848, brachte Heine so anhaltend mit der Zensur in Konflikt, dass er letztlich das Exil vorzog. Ab 1831 lebte er in Paris, ein Zentrum politischer Emigranten aus Deutschland. Eher sinnlich-anarchisch veranlagt, entzog er sich dem Parteienhader und unterhielt enge Kontakte zu Persönlichkeiten wie Honoré de Balzac und Victor Hugo. Dass ihm sein deutsches Publikum erhalten blieb, war Verdienst seines Verlegers Johann Heinrich Campe. Höchst raffiniert überlistete er immer wieder die Zensurbehörden, die sein Autor permanent mit Schmähungen bedachte. In welcher Gattung war der Dichter innovativ? Heine war ein vielseitiger, produktiver Essayist (»Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland«, 1843) und Erzähler (»Reisebilder«, 1826–1831), und er bereicherte den deutschen Journalismus um das Genre des literarischen Feuilletons. Selbst noch den Idealen der Romantik verpflichtet, ging er mit deren Epigonen ungnädig ins Gericht (»Die romantische Schule«, 1836); in seiner Lyrik fand er zu einem ganz eigenen Wechselspiel von echtem Gefühl, spielerischem Sentiment und überlegener Ironie. Wie wirkte die Lyrik? Am bekanntesten wurde sein »Buch der Lieder« (1827), dessen Gedichte unter anderem Schumann, Schubert und Brahms zu Vertonungen anregten. Schon zu Lebzeiten Heines erfuhr es elf Auflagen, da es mit seinem schlichten, mitunter übermütigen, aber niemals naiven Ton ein breites Publikum ansprach. In der musikalischen Fassung von Friedrich Silcher (1838) errang die »Loreley« zeitweilig fast den Status einer Nationalhymne. »Mein Herz, mein Herz ist traurig, / Doch lustig leuchtet der Mai«, heißt es im folgenden Stück des »Heimkehr«-Zyklus – zwei Zeilen, typisch für die Mentalität einer der größten und zugleich liebenswertesten Gestalten der deutschen Literatur. Wussten Sie, dass … die literarische Öffentlichkeit in Deutschland selten unter solch einschneidender Zensur gelitten hat wie zwischen 1815 und 1848? Gedichte Heines, der seit 1840 immer radikaler dachte, in der von Karl Marx herausgegebenen Zeitschrift »Vorwärts« erschienen? der Dichter auf dem Pariser Friedhof Montmartre begraben ist? die Werke des getauften Juden Heinrich Heine 1933 neben zahlreichen anderen von den Nationalsozialisten verbrannt wurden? die »Loreley« in den Schulbüchern des Dritten Reichs zum Werk eines »unbekannten Dichters« mutierte? Aus was für einer Familie stammte der scharfzüngige Dichter? Harry Heine – so sein Geburtsname – kam 1797 in Düsseldorf als Sohn eines aufgeklärten jüdischen Tuchhändlers zur Welt. Er sollte bei seinem Onkel, der ihn schließlich sein Leben lang unterstützte, eine kaufmännische Lehre absolvieren. Nachdem sich seine mangelnde Begabung erwiesen hatte, studierte Heine Jura in Bonn und Göttingen, das er nach einem Duell – ein Kommilitone hatte ihn wegen seines Judentums angegriffen – bald wieder verlassen musste. 1825 ließ sich Heine taufen, um eine Anstellung als Jurist bekommen zu können. Da alle Hoffnungen scheiterten, arbeitete er als freier Schriftsteller und wurde in Deutschland immer bekannter. Dies