Das 20. Jahrhundert – vom Expressionismus bis zur Popliteratur
Das 20. Jahrhundert – vom Expressionismus bis zur Popliteratur Zu Beginn des 20. Jahrhunderts bleibt das Erbe des 19. Jahrhunderts tonangebend, bis der Erste Weltkrieg die Sichtweisen radikalisiert. Besonders deutlich ist diese Tendenz in der Lyrik, wo die Kriegsteilnehmer Gottfried Benn und Georg Trakl zu einer extrem subjektiven und ausdrucksstarken Sprache gelangen: Der literarische Expressionismus ist geboren. Gleichzeitig wagt der Dadaismus die Sprachzertrümmerung und Verhöhnung der bürgerlichen Werte, was im Surrealismus nachwirkt. Gleichfalls in den 1920er Jahren treten die Autoren der Neuen Sachlichkeit auf den Plan, die, wie Alfred Döblin, Gesellschaft und Politik kritisch beleuchten, in dieser Haltung gefolgt von Bertolt Brecht und seinem Konzept des Epischen Theaters. Richtungweisend für den modernen Roman wird die Technik des inneren Monologs: Marcel Proust, James Joyce und Virginia Woolf setzen eine subjektive über die äußere Realität. Daneben werden realistische Erzähltraditionen fortgeführt, von Thomas Mann etwa in vollendeter Virtuosität. Nach dem Zweiten Weltkrieg entwickelt sich aus der Erfahrung einer zunehmend als unerklärlich empfundenen Welt der Existenzialismus Jean-Paul Sartres, der in den Pessimismus Albert Camus' und in den französischen Nouveau Roman mündet sowie in das absurde Theater von Samuel Beckett und Eugène Ionesco. In Deutschland findet die Bewältigung der Vergangenheit Niederschlag in der »Gruppe 47«, aus der Autoren wie Heinrich Böll und Günter Grass hervorgehen. Mit Hemingways Shortstorys beginnt der weltweite Einfluss der US-Literatur, der über die Theaterstücke von Tennessee Williams, die Romane von William Faulkner oder John Updike bis heute anhält. Aus Lateinamerika kommt ein wesentlicher Impuls durch den Magischen Realismus, mit Gabriel García Márquez als populärstem Vertreter. An der Wende zum 21. Jahrhundert präsentiert sich die Literatur als Sammelbecken unterschiedlichster Strömungen, in dem traditionelle und »postmoderne« Erzählweisen gleichberechtigt nebeneinander existieren. Conrads Herz der Finsternis: Eine Reise in seelische Abgründe Welches Anfangsszenario entwirft der Roman? In Zentralafrika bricht Ende des 19. Jahrhunderts Kapitän Marlow im Auftrag einer belgischen Handelsgesellschaft an Bord des Flussdampfers »Nellie« zu einer geheimnisvollen Mission auf: Er soll ein marodes Dampfschiff zurückbringen, das irgendwo im Dschungel gestrandet ist. Und er soll nach dem berüchtigten Elfenbein-Agenten Kurtz forschen, der auf seinem Handelsposten ein autokratisches Schreckensregime errichtet hat ... Für den Freund von Abenteuerromanen hört sich das vielversprechend an. Joseph Conrad (1857–1924) gehörte zu den populärsten Autoren seiner Zeit und wird heute noch begeistert gelesen. Was zeichnet »Das Herz der Finsternis« aus? Die Erzählung »Das Herz der Finsternis« und all die anderen großen Werke des englischen Schriftstellers polnischer Herkunft bieten sehr viel mehr als nur die Spannung und exotische Szenerie herkömmlicher Abenteuerromane. Ihre psychologisch exakte Darstellung von Menschen in Grenzsituationen macht sie zu einem bedeutenden Teil der Weltliteratur. Um die bestechende Klarheit seines Stils hoch genug einzuschätzen, muss man wissen, dass Joseph Conrad die englische Sprache, in der er seine Werke schrieb, erst mit 19 Jahren erlernte. Gibt es autobiografische Bezüge in Conrads Werk? Ja, die exotischen Schauplätze zwischen Südamerika, Schwarzafrika und der südostasiatischen Inselwelt, an denen seine hochdramatischen Erzählungen und Romane spielen, kannte Conrad aus eigener Anschauung. Das verleiht seinem Schreiben hohe Authentizität und Glaubwürdigkeit. Auch die Erzählung »Das Herz der Finsternis«, neben dem Roman »Lord Jim« (1899) wohl Conrads bedeutendstes Werk, hat autobiografische Wurzeln: eine lebensgefährliche Kongo-Reise als Kapitän eines »Seelenverkäufers«. 1899 erschien »Heart of Darkness« in Fortsetzungen in einer Illustrierten, 1902 dann in Buchform und 1926 erstmals in deutscher Übersetzung. Welchen Effekt hat die Reise auf die Hauptfigur? Für den jungen Kapitän Marlow entwickelt sich die Fahrt auf dem Kongo in die Tiefen des Dschungels, in das Herz des Schwarzen Kontinents, zu einer Reise in sein innerstes Selbst. Eine faszinierende Reise, die aber alle Illusionen zerstört. Die Natur erscheint als bedrohtes, gleichzeitig bedrohliches Paradies: »Diesen Fluss hinaufzufahren, war wie eine Reise zurück zu den frühesten Anfängen der Welt, als noch die Pflanzen zügellos die Erde überwucherten und die großen Bäume Könige waren. Ein leerer Strom, ein großes Schweigen, ein undurchdringlicher Wald.« Resignation verbreiten die trostlosen Spuren der so genannten Zivilisation: die europäischen Handelsstationen am Fluss mit ihren korrupten, verwahrlosten Glücksrittern. Gelingt Marlows Mission? Nein, Marlow scheitert. Er kann den Elfenbeinhändler Kurtz, der sich von einer ehemals hochherzigen Künstlerpersönlichkeit zu einem unmenschlich brutalen, größenwahnsinnigen Tyrannen entwickelt hat, nicht aus seiner tödlichen Verstrickung befreien. Für Kurtz kommt jede Hilfe zu spät. Schwer erkrankt übergibt er Marlow kurz vor seinem Tod ein Bündel Papiere mit einem Foto, das der junge Kapitän am Ende seiner Reise in London der Frau aushändigt, die den charismatischen jungen Kurtz einmal abgöttisch geliebt hat. Dessen letzten »flüsternden« Aufschrei »Das Grauen! Das Grauen!« lässt er stillschweigend als Absage an die Mächte der Finsternis gelten. Woran übt Conrad Kritik? Er greift den Kolonialismus an. Viele Details der Erzählung basieren auf Notizen aus Conrads Kongo-Tagebuch. Es spiegelt sein Entsetzen über die Ausbeutung der Kolonie durch das belgische Mutterland und die Heuchelei der christlichen Missionare, die der Misshandlung der Einheimischen tatenlos zusehen. In der Figur des Kurtz sehen manche Interpreten ein kaum verfremdetes Porträt des belgischen Königs Leopold II. (1835–1909), der den Kongo als Privatbesitz betrachtete und es verstand, seine persönliche Bereicherung als philanthropische Aktion zu verkaufen. Wie wurde der polnischstämmige Conrad zum englischen Bestsellerautor? Conrads Leben war durch die Exilerfahrung bestimmt. Grenzsituationen sah sich Józef Teodor Konrad Nalecz Korzeniowski, so der polnische Geburtsname des in der Ukraine geborenen Schriftstellers, in seinem häufig ausgesetzt. Lange Jahre fuhr der am 3.12.1857 geborene Conrad, der als Kind seine polnischen Eltern in die Verbannung nach Sibirien begleiten musste, zur See, zunächst als einfacher Matrose, schließlich als Kapitän. 1874 emigrierte Conrad nach Frankreich, 1886 nahm er die britische Staatsbürgerschaft an. 1894 nahm er Abschied von der Seefahrt und 1896 gelang ihm mit »Der Verdammte der Inseln« der Durchbruch als Schriftsteller. Weitere Erfolge waren die Romane »Lord Jim« (1900) sowie »Nostromo« (1904). Conrad starb am 3.8.1924 in der Nähe von Canterbury. Welche Verfilmungen gibt es? Conrads Erzählung »Das Herz der Finsternis« wurde 1993 unter ihrem Originaltitel von Nicolas Roeg mit Tim Roth und John Malkovich in den Hauptrollen für das Fernsehen verfilmt. Berühmter ist die Hollywood-Adaption unter Regie von Francis Ford Coppola (1979): »Apocalypse Now« verlegt die Story in das von den Amerikanern besetzte Vietnam. Aus dem riesigen Staraufgebot, unter anderen mit Martin Sheen, Robert Duvall und Dennis Hopper, ragt Marlon Brando heraus, der einem Alter Ego des Elfenbeinhändlers Kurtz tragisch-dämonische Konturen verleiht. Er hat im Dschungel Kambodschas eine Diktatur errichtet und soll im Auftrag der US-Armee liquidiert werden. Else Lasker-Schülers Gedichte: Eine fantastische Gratwanderung Warum beginnt Else Lasker-Schüler ein neues Leben? Die 1869 in Wuppertal geborene Jüdin zieht mit ihrem Mann, dem Arzt Bertold Lasker, 1894 nach Berlin. Dort lernt Else Lasker-Schüler den Dichter Peter Hille kennen, der ihr zum Schreiben rät und sie in die Berliner Boheme einführt. In diesen Kreisen wird sie ermutigt, mit den Regeln des bürgerlichen Establishments zu brechen, um vorbehaltlos ihrer Bestimmung als Künstlerin zu folgen. Lasker-Schüler beginnt, sich von allen gesellschaftlichen Zwängen zu lösen, auch von ihrem Mann. Mit einem unehelichen Sohn – den Namen des Vaters wird sie nie verraten – lebt sie fortan ohne Einkünfte in völliger Armut. 1902 erscheint ihr erster Gedichtband »Styx«, in dem sie euphorisch die Freude am Leben preist: Sie selbst wohnt in dieser Zeit in einem dunklen Kellerraum. Wie findet sie zum Expressionismus? Dank Hille kommt sie in der Künstlerkolonie »Neue Gemeinschaft« unter, wo sie sich mit Schriftstellern wie Gottfried Benn, Richard Dehmel und Georg Trakl anfreundet. Hier trifft sie auch Herwarth Walden, den sie 1903, unmittelbar nach der Scheidung von ihrem ersten Mann, heiratet. Walden gibt die Zeitschrift »Der Sturm« heraus, die neben Franz Pfemferts »Aktion« zum wichtigsten Organ des Expressionismus in Deutschland wird. Zahlreiche Gedichte Lasker-Schülers erscheinen im »Sturm«. Ihr zweiter Gedichtband »Der siebente Tag« (1905) enthält das berühmte »Mein Volk«, das als das erste deutsche expressionistische Gedicht gilt. Mit »Meine Wunder« (1911) manifestiert sich die Liebe als das zentrale Thema ihrer Lyrik und ihre eigene Stellung als führende Repräsentantin des Expressionismus. Warum stürzt sich die Lyrikerin in Traumwelten? 1912 lässt Walden sich von ihr scheiden. Lasker-Schüler stürzt in eine tiefe Krise, die sie durch eine Flucht in Traumwelten überwindet. Traumwelten beherrschen auch ihre folgenden Veröffentlichungen (vor allem »Hebräische Balladen«, 1913), in denen sie sich selbst als »Jussuf, Prinz von Theben« stilisiert und mystifiziert. Diese Rolle spielt sie auch nach außen; so lässt sie sich die Haare kurz schneiden und spaziert, als orientalischer Prinz verkleidet, in weiten Männerhosen und mit Fußglocken durch Berlin. In diesen exzentrischen Aufmachungen und wegen ihrer unkonventionellen Lebensweise als allein erziehende Mutter und Künstlerin wird sie zu einer stadtbekannten Persönlichkeit. Die »Gesammelten Gedichte« (1917) und eine zehnbändige Gesamtausgabe ihrer Werke (1919/1920) markieren den Höhepunkt ihrer Karriere. Wie kommt es zur zunehmenden Vereinsamung? Trotz ihres Erfolgs befindet sich Else Lasker-Schüler stets in Geldnöten und kann sich nur durch Lesungen und Auftragsarbeiten über Wasser halten. Nach dem Tod ihres Sohnes 1927 zieht sie sich aus der Öffentlichkeit zurück und vereinsamt völlig. 1933, mit 64 Jahren, verlässt sie nach einem brutalen Nazi-Überfall Deutschland. Sie emigriert zunächst in die Schweiz, dann nach Palästina. Am 22. Januar 1945 stirbt die Frau, die »Prinz Jussuf« war, einsam und völlig verarmt in einem Jerusalemer Krankenhaus. Ihr letzter und vielleicht schönster Gedichtzyklus »Das blaue Klavier« (1943) zeugt von ihrer Trauer um Verlorenes, aber auch von ihrer so oft enttäuschten und doch ungebrochenen Liebe. Was charakterisiert das lyrische Werk? Die Gedichte dieser provozierenden Lyrikerin sind stets auf ein imaginäres Du gerichtet – hoffend, mit diesem Du eine harmonische Einheit zu erlangen. In einfachen Sätzen und kaum verschlüsselten Bildern erschafft sie von intensiven Gefühlen bestimmte (Traum-) Welten, die Sinn und Schönheit stiften und in denen die Mangelhaftigkeit des wirklichen Lebens aufgehoben wird. ELse Lasker-Schülers Gedichte stellen einen einzigen Fluchtversuch vor der realen Welt dar, in der sie so sehr nach einem dauerhaften Glück suchte und doch nur bittere Enttäuschung fand. Was bewirkte der literarische Expressionismus? Er radikalisierte die Ausdrucksformen. Der Naturalismus, die dominierende Strömung des ausgehenden 19. Jahrhunderts, wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts von einer Vielzahl neuer Richtungen abgelöst. Der Expressionismus machte es sich zum Ziel, durch eine ausdrucksstarke, »expressive« Dichtung zum »Wesen« des Menschen vorzudringen. Die Expressionisten verstanden sich als Weltverbesserer, die auf eine radikale »Erneuerung der Menschheit« zielten. Diese Strömung entstand um 1910 und erlebte vor dem Ersten Weltkrieg eine intensive Blüte; nach den desillusionierenden Kriegserfahrungen wandten sich die meisten Expressionisten von ihren früheren Idealen und den damit verbundenen Ausdrucksformen ab. Die bedeutendsten deutschen Expressionisten waren Gottfried Benn, Georg Heym, Georg Trakl und Else Lasker-Schüler. Wussten Sie, dass … Karl Kraus Else Lasker-Schüler die »stärkste und unwegsamste lyrische Erscheinung des modernen Deutschland« genannt hat? Else Lasker-Schüler auch zeichnerisches Talent besaß? Ihr »Selbstbildniß im Sternenmantel«, das wahrscheinlich ihren Kopfputz als König von Theben zeigt, hat sie Franz Marc gewidmet. Es ist in der Pinakothek der Moderne in München ausgestellt. Rilkes Aufzeichnungen des Laurids Brigge: Poetische Innenschau Was ist das zentrale Thema des Werks? Die zum Teil autobiografisch geprägten, zwischen 1904 und 1910 entstandenen »Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge« von Rainer Maria Rilke (1875–1926) sind ein sprachgewaltiges Musterbeispiel der Sprachlosigkeit. Nur einmal versucht sich Rilkes 28-jähriger Titelheld – der übersensible Spross eines zerfallenden dänischen Adelsgeschlechts, den es nach Paris verschlagen hat– an einem »Briefentwurf«. Dann gibt er die Korrespondenz zugunsten von Tagebucheinträgen gänzlich auf: »Wozu soll ich jemandem schreiben, dass ich mich verändere? Wenn ich mich verändere, bleibe ich doch nicht der, der ich war, und bin ich etwas anderes als bisher, so ist klar, dass ich keine Bekannten habe. Und an fremde Leute, an Leute, die mich nicht kennen, kann ich unmöglich schreiben.« Wie ist das Verhältnis von äußerer und innerer Handlung? Eine fortlaufende »äußere« Handlung ist im Roman nicht mehr auszumachen; die einzelnen Abschnitte der »Aufzeichnungen« nähern sich bisweilen dem Prosagedicht: »Dass man erzählte, wirklich erzählte, das muss vor meiner Zeit gewesen sein.« Das Schreiben wird zu einem introspektiven Dialog mit sich selbst: »Ich habe ein Inneres, von dem ich nicht wusste.« Wodurch sind Gegenwart und Vergangenheit charakterisiert? Die Gegenüberstellung von urbaner Gegenwart und ländlicher Vergangenheit ist ein zentrales Moment der Erzählung: In den »Aufzeichnungen« ist Paris der Ort der Krankheit und der Ängste: »So, also hierher kommen die Leute, um zu leben, ich würde eher meinen, es stürbe sich hier«, lautet der erste Satz des Romans. Demgegenüber lässt Malte seine Kindheit auf dem Familiensitz Schloss Ulsgaard im »Zurückdenken« wieder auferstehen. Wird im industrialisierten Paris »fabrikmäßig« gestorben, so hatte auf Ulsgaard jeder (namentlich der Kammerherr Detlev August) seinen eigenen, »bösen, fürstlichen Tod«. Diese Personifizierung des Untergangs korrespondiert mit spiritistischen Sitzungen auf dem Familiensitz, bei denen die Toten wieder in den Kreis der Lebenden kommen. Das Diesseits in Paris ist gespenstisch, das Jenseits auf Ulsgaard real. Im zweiten Teil der »Aufzeichnungen« weitet sich Maltes Bewusstsein mit der Vergegenwärtigung von Persönlichkeiten der Weltgeschichte (Karl der Kühne, Karl VI., die Päpste in Avignon). Privates und Kollektives mischen sich in immer handlungsärmeren Reflexionen. Welchen geistigen Prozess durchläuft Brigge? Der in der Großstadt verlorene Adelssohn begibt sich auf die Suche nach seiner »ungetanen Kindheit«, der die »Aufzeichnungen« eine neue (poetische) Heimat geben. Darüber hinaus nimmt der sensibilisierte Malte Paris und seine Bewohner mit neuen Augen wahr. Er »lernt sehen«. Es gelingt ihm, unter die »Oberfläche des Lebens« und der Dinge (etwa einer isoliert übrig gebliebener Hauswand) zu schauen, hin auf einen Wesenskern, das »Dahinter« der Fassade auch jener »verschütteten Gesichter« der »Fortgeworfenen« von Paris. Aus poetischer Sicht wird das Ganze (»Häuser, die nicht mehr da waren«) rekonstruierbar. Hugo von Hofmannsthal hatte schon 1902 davon gesprochen, dass man »mit dem Herzen denken lernen« müsse. Rilkes Malte richtet den »Scheinwerfer seines Herzens« nach innen und beginnt, mit dem Herzen zu sehen. Hat Lyrik noch Sinn? Ja, durch ihre poetische Innenschau legitimieren die »Aufzeichnungen«, die mit der Absage an die Korrespondenz mit der Außenwelt begannen, die Rolle des Dichters: »Denn die Erinnerungen sind es noch nicht. Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebärde, erst dann kann es geschehen, dass in einer sehr seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus ihnen ausgeht.« Diese Wende hat Rilkes Roman, der sich mit seiner lyrischen Sprache vom Realismus des 19. Jahrhunderts verabschiedet, seinen Platz in der Weltliteratur gesichert. Wie entwickelte Rilke seinen individuellen lyrischen Ausdruck? Der am 4.12.1875 in Prag geborene Rainer Maria Rilke war zunächst vom Symbolismus beeinflusst, entwickelte aber um 1900 eine ausgeprägt eigenständige poetische Bildlichkeit. In den Gedichtbänden »Das Buch der Bilder« (1902) und »Das Stunden-Buch« (1905) trat das lyrische Ich zugunsten des Gegenständlichen zurück. Der Begegnung mit dem Bildhauer Auguste Rodin verdankte Rilke die Auffassung von Dichtung als religiöser Handlung. Die »Duineser Elegien« und »Die Sonette an Orpheus« (1923) gelten als seine Hauptwerke. In den Elegien beschrieb Rilke den Tod als Übergang in einen Zustand nicht sichtbarer, doch absoluter Substanz der inneren Wahrheit, in den Sonetten pries er Leben und Tod als kosmische Erfahrung. Er starb am 29.12.1926 in der Nähe von Montreux. Wussten Sie, dass … Rilke, der eigentlich René hieß, seinen Vornamen in Rainer änderte, weil seine Freundin Lou Andreas-Salomé den Namen für einen Schriftsteller passender fand? die wesentlich ältere und verheiratete Lou, die Rilke 1897 in München traf, auch nach dem Ende ihrer mehrjährigen Beziehung eine enge Vertraute und seine wichtigste Ratgeberin blieb? Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit: Erinnerung retten Von welchem Impuls getrieben, machte sich der Autor auf die »Suche nach der verlorenen Zeit«? In seinem breit angelegten Panorama verfallender Aristokratie und dekadenter Bourgeoisie kämpft Marcel Proust um seine Erinnerung und damit um den Zusammenhalt seiner Persönlichkeit – im Wettlauf mit einer immer schneller verrinnenden Lebenszeit. 1907, als er bereits an schwerem Asthma litt, kehrte Proust an eine Stätte seiner Kindheit zurück: in den Küstenkurort Cabourg. Dort hatte er als Zehnjähriger eine glückliche Zeit verbracht. Von dort aus berichtete er zwei Jahre später nach Hause, er habe gerade ein »ganzes langes Buch begonnen – und beendet«. Eine der größten Übertreibungen der Weltliteratur: Proust wird noch 13 Jahre an dem Zyklus »Auf der Suche nach der verlorenen Zeit« schreiben, ohne es jemals abzuschließen. Danach verlässt Proust sein schalldichtes Pariser Zimmer kaum mehr und schreibt, sogar noch auf dem Totenbett, wie manisch gegen die vergehende Zeit an seinem umfangreichen Meisterwerk, das auf sieben Teile anwächst und zwischen 1913 und 1927 erscheint. Wonach sucht der Ich-Erzähler in dem Roman? Nach seiner Vergangenheit. In seinem Zyklus versuchte Proust, sein »Vorleben« als Repräsentant der Pariser High Society wieder gegenwärtig zu machen: Seinem zu Beginn dieser »Suche« zehn Jahre alten und später durch Krankheit empfindsam gemachten Ich-Erzähler sind autobiografische Züge eingeschrieben. Auch die eigene Außenseiterposition als jüdischer Homosexueller wird thematisiert. Als Gesellschaftspanorama um die Familien Swann und Guermantes beleuchtet der Roman das Salondasein der Pariser Oberschicht; ihrer Dekadenz stellt Proust die ästhetische Dauer des Kunstwerks entgegen. Was macht den besonderen Reiz des Werks aus? Da ist das komplexe Romangeschehen, das sich mit seinen zahlreichen Motiven und verzahnten Handlungssträngen, seinen verschiedenen zeitlichen und räumlichen Ebenen und epischen Reflexionen kaum nacherzählen lässt. Der eigentümliche Reiz des Romans liegt aber weniger in Wissenswertem zu Prousts Leben begründet, sondern verdankt sich der künstlerischen und philosophischen Bewältigung der Thematik: vor allem die komplexe, wenn auch weitgehend psychologische Erzählperspektive wirkt hier extrem modern. Woher kommen die Erinnerungen? Aus den Tiefen (und Untiefen) des sich erinnernden Bewusstseins: »Was wir Wirklichkeit nennen, ist eine bestimmte Beziehung zwischen Empfindungen und Erinnerungen, die der Schriftsteller wiederfinden muss.« Oftmals wird diese Erinnerung im Roman bewusst provoziert. Manchmal aber kommt sie unwillkürlich als eine Art imaginäres Déjà-vu: Beim Anblick dreier Bäume bei Balbec etwa, dem Betasten einer Serviette oder dem Klang eines an Porzellan geschlagenen Löffels. Diese Passagen einer »mémoire involontaire« haben Prousts Meisterwerk berühmt gemacht. Was bewirkt ein Keks? Der bekannteste Auftritt einer solchen »unwillentlichen Erinnerung« stellt die »Madeleine-Episode« dar, in der der Geruch eines in Lindenblütentee getauchten Gebäckstücks plötzlich lange vergessen geglaubte Jugenderlebnisse heraufbeschwört. In dieser Erfahrung fließen Jetzt und Früher unentwirrbar ineinander. Bei seiner Zeitvorstellung griff Proust auf Gedanken des französischen Philosophen Henri Bergson zurück, dessen Schriften auch andere Darstellungen von »mémoire involontaire« in der Moderne prägten. Warum zog sich der Dandy und Lebemann in seine Wohnung zurück? 1871, zur Zeit der Pariser Kommune, kam Marcel Proust als Sohn eines Arztes aus der französischen Provinz und einer Jüdin in Auteuil zur Welt. Seit seinem neunten Lebensjahr litt Proust an Asthma, weswegen er den Schulbesuch oft unterbrechen musste. Nach seinem Jurastudium arbeitete er kurze Zeit als Anwalt. Finanziell unabhängig widmete er sich aber bald nur noch dem Pariser Gesellschaftsleben. Nach dem Tod seiner Eltern begann Proust eine Beziehung mit seinem Chauffeur und späteren Sekretär Alfred Agostinelli, der 1914 bei einem Flugzeugabsturz starb. Wegen seiner Krankheit musste sich der Autor aus dem Leben der mondänen Salons in seine mit Kork austapezierte Wohnung zurückziehen. Hier schrieb er an seinem mehrbändigen Monumentalwerk, das die Erlebnisse seiner frühen Jahre verarbeitete. 1919 erhielt er dafür den renommierten Prix Goncourt, im Jahr darauf wurde er zum Ritter der Ehrenlegion ernannt. Wussten Sie, dass … sich Proust mit einem Kritiker duellierte, der sein erstes Buch kritisiert hatte? »Eine Liebe von Swann«, der Mittelteil des ersten Bandes, im Gegensatz zu allen anderen Teilen des Werkes in der Er-Form geschrieben ist? Samuel Beckett in »Krapps letztes Band«, das im Jahr 1958 entstand, Marcel Prousts Vorstellung vom erinnernden Subjekt mit der Notiz des identitätslosen Titelhelden ad absurdum führte? »Hörte mir soeben den albernen Idioten an, für den ich mich vor dreißig Jahren hielt.« Kafkas Verwandlung: Die Chronik einer alptraumhaften Existenz Was macht das Leben des Titelhelden zum Alptraum? »Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.« Die Erzählung »Die Verwandlung« – entstanden 1912, erschienen 1915 – ist Franz Kafka (1883–1924) »im Bett eingefallen« und wurde nachts verfasst. Konsequenterweise beginnt die »Verwandlung« im Bett mit dem für Kafka typischen abrupten Erwachen in einen Alptraum. Der Traumlogik gemäß erscheint Gregor die Veränderung seines Leibes nicht weiter verwunderlich. Allein der Umstand, das »möbelerschütternde Läuten« des Weckers überhört zu haben, gibt ihm zu Besorgnis Anlass. Denn Gregor ist Handelsvertreter und der Wecker das wichtige Instrument der Pünktlichkeit. Erst ist Gregor gewillt, sein Verschlafen auf seinen »anstrengenden Beruf« als Reisender zu schieben: »Der Teufel soll das alles holen!« Die »Verwandlung« ist auch die Geschichte einer (autobiografisch lesbaren) Verweigerung, die schnell aufgegeben wird: Noch bevor die Familie zusammen mit dem ob der Verspätung herbeigeeilten Firmenprokuristen durch die drei Zimmertüren auf Gregor einreden kann (wobei Mutter und Schwester Grete Besorgnis, Vater und Prokurist als Vertreter der Macht Unwillen äußern), will Gregor bereits seine Käferbeinchen »opfern, wenn die geringste Hoffnung bestünde, sich dadurch vom Bett zu befreien«. Wie weit geht die Metamorphose? Der Leser erlebt in der Folge die vollständige Tierwerdung Gregors, die einhergeht mit dem Übergang von einer Tag- zu einer Nachtexistenz: Die gesamte Wahrnehmung ändert sich, ebenso Gregors Gefühlsleben, das ins Triebhafte steuert. Symbol hierfür ist ein Illustriertenbild, das Gregor zuvor ausgeschnitten und mit einem Laubsäge-Goldrahmen versehen hatte: das Porträt einer Frau, die sich mit Pelzboa, Pelzhut und Pelzmuff modisch »zurückverwandelt« hat. Gregor wird es später mit dem Einsatz seines Körpers zu verteidigen suchen. Wie verändert sich das Verhältnis zur Familie? Als Folge der Verwandlung distanziert sich die Familie immer mehr, nur die Schwester traut sich noch zu dem Eingesperrten. Aber eigentlich ist dieser Zustand nur die logische Weiterführung der Hotelbettexistenz eines Reisenden: ein Ein- und Ausgeschlossensein, das Gregor bereits der Familie entfremdet hatte. Im Verlauf der Geschichte wandeln sich auch die Verhältnisse im Hause Samsa: Die Familie, die vom Einkommen Gregors gelebt hatte, muss sich nun Arbeit suchen. Als der Vater von seiner Stelle als Bankdiener heimkehrt, »bombardiert« er Gregor zur Strafe mit Äpfeln, von denen einer mit tödlicher Wirkung im Panzer stecken bleibt. Warum gibt Gregor auf? Er hat keinen Lebenswillen mehr, als sich auch das Verhältnis zur geliebten Schwester ändert: Grete, die voller Mitleid Nahrung brachte, wenn die Eltern schliefen, schiebt nun angeekelt fauliges Obst durch die Tür; endlich plädiert sie für die Verwandlung des Zimmers in eine leere Höhle. Als man einen Raum an drei unheimliche »Zimmerherren« vermieten und das Wohnzimmer als eigentliches Domizil aufgeben muss, wird Gregors Revier zur Abstellkammer. Einen Ausbruchsversuch nimmt die Schwester zum Anlass, die Eltern davon zu überzeugen, dass man versuchen müsse, das »Untier« und »den Gedanken loszuwerden, dass es Gregor ist«. Der endgültige Tod von Gregors Identität: Er zieht sich »zum Sterben traurig« zurück und entschläft. Was bleibt von Gregor? Die Erinnerung an ihn ist ausgelöscht. So sehr ist Gregors ursprüngliche Existenz inzwischen vergessen, dass selbst Kafkas Geschichte über ihn hinwegtritt. Der Kadaver wird von der Magd mit dem Besen aus der Wohnung gekehrt. Die Zimmerherren werden vertrieben. Man erhebt sich aus den Betten und fährt erlöst aufs Land; die Eltern bemerken, wie schön die Tochter geworden ist. Als »eine Bestätigung ihrer neuen Träume« will es erscheinen, als Grete »ihren jungen Körper dehnte«: ein letzter Schlag des Erzählers gegen die ungelenken Räkelversuche des Käfers zu Beginn. Wussten Sie, dass … Kafkas Darstellung des labyrinthisch gefangenen Menschen zum Synonym für unentrinnbare, bedrückend-absurde, »kafkaeske« Zustände wurde? nach Kafkas Willen alle Manuskripte, von denen zu Lebzeiten kaum etwas veröffentlicht worden war, vernichtet werden sollten? Max Brod widersetzte sich dem Wunsch des Freundes und rettete damit Werke, die zu den größten der Weltliteratur zählen, darunter die Romanfragmente »Das Schloss«, »Der Prozess« und »Der Verschollene«. Warum führte Kafka ein Doppelleben als Schriftsteller und Beamter? Seine anstrengende Doppelexistenz verdankte er seinem dominanten Vater, mit dem er in »Brief an den Vater« (1919) abrechnete. Er fügte sich dessen Willen, studierte entgegen seinen Neigungen Jura und arbeitete von 1907 bis 1922 bei einer Versicherungsgesellschaft. Die literarische Tätigkeit bereitete dem am 3.7.1883 in Prag geborenen Franz Kafka dann schlaflose Nächte. Seine Geschichten beendete er oft erst im Morgengrauen und seine Tagexistenz als Angestellter wurde ihm zusehends verhasst. 1917 erkrankte Kafka an Tuberkulose, die auch zu seinem frühen Tod am 3.6.1924 in der Nähe von Wien führte. Kafka fühlte sich in seinem Leben wohl so verloren wie seine Helden in den labyrinthischen Gebäuden der Romanfragmente »Der Prozess« (1925) und »Das Schloss« (1926). Heinrich Manns Untertan: Der Prototyp eines Karrieristen Wer steht im Zentrum des Geschehens? Es ist der Fabrikantensohn Diederich Heßling, dessen Lebensgeschichte von der Kindheit bis ins Erwachsenenalter in »Der Untertan«, Heinrich Manns (1871–1950) bedeutendstem Werk, beschrieben wird. Formal wie ein klassischer Entwicklungsroman aufgebaut, stellt das Buch prägende und bezeichnende Stationen seines Werdegangs dar: Von der Kindheit in einem autoritären Elternhaus ist zunächst die Rede, und schon in dieser ersten Phase seines Lebens zeigt sich der Junge für das Erleiden institutioneller Macht empfänglich, wie sie sein Vater und die Schule auf ihn ausüben. Diederich empfindet die Macht, die Menschen über andere haben, als anziehend und richtet sein Verhalten danach aus, Teil dieser Macht zu sein. So schließt er sich während des Studiums in Berlin einer kaisertreuen schlagenden Burschenschaft an. Hier wie im Militärdienst findet er feste Machtstrukturen, die ihm Halt geben und ihn stolz machen. Denn Teil eines solchen Gefüges zu sein, erlaubt ihm auch, selber Macht auszuüben – und das ist sein Ziel. Wie gelingt der Aufstieg an die Spitze? Nach dem Tod des Vaters kehrt Diederich in seine Heimatstadt zurück. Er ist jetzt Oberhaupt der Familie und Leiter der vom Vater ererbten Papierfabrik. Die folgenden Episoden zeigen ihn ganz als Haustyrann und intriganten, opportunistischen Karrieristen, der sich eine bedeutende Stellung aufzubauen versucht. Die Heirat mit einer reichen Erbin ermöglicht ihm die Erweiterung der Geschäftstätigkeit; als Stadtverordneter und bei gesellschaftlichen Ereignissen erweist er sich als geschickter, das politische Ränkespiel beherrschender Lokalpolitiker, der die Dinge stets zu seinem persönlichen Vorteil zu nutzen weiß. Die Schlussepisode zeigt den mittlerweile wohlhabenden und einflussreichen Bürger Diederich Heßling auf dem Höhepunkt seiner Karriere: Bei der Einweihung eines Denkmals für Kaiser Wilhelm I. wird ihm ein hoher Orden verliehen. Wie wird der Held durch die Gesellschaft geformt? An einer Kette von Stationen führt Mann vor, wie das im wilhelminischen Deutschland herrschende politische und gesellschaftliche Gefüge Diederich zu dem gemacht hat, was er ist: kriechender Untertan und zynischer Tyrann zugleich. Einerseits ist der Druck auf ihn so groß, dass er sich dem »unerbittlichen, menschenverachtenden, maschinellen Organismus« des streng hierarchisch geordneten Staates nur unterwerfen kann. Andererseits ermöglicht die Eingliederung in diese Machtstrukturen die Ausübung eigener Macht: »Wer treten wollte, musste sich treten lassen«, lautet folgerichtig seine Maxime. Diederich wird dabei nicht als »Person« mit individuell entfaltetem Charakter dargestellt, sondern als »Typ«: Er ist ein Repräsentant seiner Zeit, denn jedes politische System formt den Charakter, den es zur Machterhaltung benötigt, und das Kaiserreich braucht feige Untertanen ohne Rückgrat – so die herausfordernde Grundaussage des Buchs. Weist der Roman über seine Zeit hinaus? In seiner unerbittlichen Diagnose besitzt der »Untertan« heute noch dieselbe Aktualität wie zum Zeitpunkt seines Entstehens, obwohl es keinen Kaiser und keine Prügelstrafe mehr gibt. Dass es Opportunisten und Mitläufer weit bringen können, war nicht nur zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine bittere Wahrheit. Sieht man vom historischen Gewand ab, hätte »Der Untertan« ebenso gut 1933, 1950 oder heute geschrieben werden können. War Heinrich Mann ein Moralist? Ja, seine moralische Grundhaltung äußerte sich in der Kritik an der bürgerlichen Doppelmoral und am Kadavergehorsam der wilhelminischen Zeit, wie in den Romanen »Professor Unrat« (1905) und »Der Untertan« (1918). Heinrich Mann wurde am 27.3.1871 in Lübeck geboren und übersiedelte 1893 mit seiner Familie nach München. Das Verhältnis zu seinem Bruder Thomas, in dessen Schatten sein literarisches Schaffen stand, war auch wegen unterschiedlicher politischer Anschauungen nicht konfliktfrei. 1933 floh Heinrich über Frankreich – wo der zweibändige historische Roman über Heinrich IV. (1935/1938) entstand – in die USA. Er starb vor seiner geplanten Rückkehr am 12.3.1950 in Santa Monica, Kalifornien. Wussten Sie, dass … »Der Untertan« erst vier Jahre nach Fertigstellung erscheinen konnte? 1914 sollte der Roman in Fortsetzungen in einer Zeitschrift veröffentlicht werden, doch kaum dass die Serie auf den Weg gebracht war, wurde sie abgebrochen – der Erste Weltkrieg hatte begonnen. »Im gegenwärtigen Augenblick kann ein großes öffentliches Organ nicht in satirischer Form an deutschen Verhältnissen Kritik üben«, begründete die Redaktion. Joyce' Ulysses: Epochales Sprachexperiment Schildert der Roman wirklich nur einen Tag? Ja, der »Ulysses« (1922) des Iren James Joyce (1882–1941) spielt am 16. Juni 1904. In einem ständigen Perspektivwechsel beschreibt »Ulysses« (1922) in seinen 18 Kapiteln parallel 24 Stunden im Leben des jüdischen Anzeigenvertreters Leopold Bloom und der verkrachten Künstlerexistenz Stephen Dedalus: Letzterer ein Porträt des Autors als junger Mann, das Joyce bereits um 1900 in seinem Romandebüt »Stephen der Held« gezeichnet hatte. Das vordergründige Hauptthema des Romans, den Hermann Broch als »Welt-Alltag« lobte, ist Blooms banaler Tagesablauf und Dedalus' wachsende Erkenntnis seiner dichterischen Sendung. Eigentlich aber hat Joyce ein überaus realistisches Bild des täglichen Dubliner Straßenlebens entfaltet; die Wege seiner Figuren zog er teils auf Straßenkarten nach. »Als ich am —Ulysses‹ schrieb, versuchte ich, Farbe und Ton von Dublin mit meinen Wörtern wiederzugeben. Die glitzernde Atmosphäre Dublins, sein zerfetztes Durcheinander, die Welt seiner Bars, seine gesellschaftliche Unbewegtheit – sie konnten nur durch die Beschaffenheit meiner Wörter vermittelt werden.« Was ist experimentell am »Ulysses«? Es ist vor allem der Umgang mit der Sprache, der diesen Roman zum Experiment macht. Der Sprachvirtuose Joyce ließ darin sein gewaltiges enzyklopädisches Wissen einfließen: der Wortschatz des voluminösen Buches beträgt nahezu 30000 Wörter, etwa der Wortschatz Goethes. Aufgenommen sind auch Neologismen, die in der Weltliteratur nur einmal vorkommen und die Joyce entlegensten Publikationen entnahm. Überhaupt ist jedes Kapitel des Buchs in einem anderen Stil geschrieben; so werden nicht zuletzt alle nur denkbaren literarischen Traditionen parodiert und persifliert. Die variantenreiche Sprache bezieht die ungeschönte Wiedergabe der Gossensprache mit ein. In manchen Passagen setzt Joyce den so genannten »Stream of Consciousness« (Bewusstseinsstrom) ein: Darin bildet der Text möglichst ungefiltert das ab, was einer Figur durch den Kopf geht – so etwa am Ende des Romans im berühmten Monolog Molly Blooms, der Frau Leopolds. Woher kommt der Titel? Der Titel des »Ulysses« und das zentrale Motiv der Irrfahrt gehen auf Homers »Odyssee« zurück. Ursprünglich wollte Joyce jedes Kapitel seines Romans zum Großteil nach einem Motiv oder einer Figur des Vorbilds benennen: etwa Telemach, Kalypso, Hades, Sirenen, Zyklopen, Circe oder Penelope. Er verwarf den Plan erst kurz vor Drucklegung. Trotzdem sind die Bezüge mannigfach, wenn auch zumeist ironisch gebrochen. So schrieb Joyce einmal den Anfang von Homers Epos auf Griechisch auf ein Notizblatt und skizzierte Leopold Bloom mit Knollennase, Weste und Vatermörder daneben. Sein Odysseus ist eher ein kleinbürgerlicher Möchtegern-Macho, seine Penelope/Molly mehr Inbegriff der Wollust denn keuscher Treue. Wussten Sie, dass … der 16. Juni, der Tag, an dem der »Ulysses« spielt, von Verehrern in Dubliner Pubs, und nicht nur dort, als »Bloom's Day« wie ein Nationalfeiertag begangen wird? Milne und Kästner: Klassiker der Jugendliteratur Seit wann gibt es Jugendliteratur? Eine eigenständige Literatur für Kinder und Jugendliche entstand erst im 18. Jahrhundert. Seitdem haben große Autoren Werke geschaffen, die zu echten Klassikern des Genres geworden sind und nicht nur junge Leser begeistern. Manche Charaktere haben auf der Leinwand ein zweites Leben entwickelt. Wer ist Pu der Bär? Ein Teddybär. Er spielt in »Pu der Bär« (1926) von A. A. Milne neben dem Sohn des Autors, Christopher Robin, die Hauptrolle. Pu und seine Stofftier-Freunde Ferkel, I-Ah, Kaninchen, Eule, Tieger, Känga und Ruh, die alle ihren eigenen Charakter besitzen, erleben in einem Wald aufregende Abenteuer. Retter in der Not ist stets Christopher Robin, der seinen Kuscheltieren gegenüber eine »erwachsene«, väterliche Rolle einnimmt. Trotz dieses didaktischen Moments sind die Erzählungen keineswegs moralinsauer, sondern im Gegenteil von großem Witz, herrlicher Skurrilität und Zärtlichkeit geprägt. Auch wegen der kongenialen Zeichnungen von Ernest H. Shepard ist »Pu der Bär« ein Buch, das mit seiner heiteren Atmosphäre, seinem überbordenden Ideenreichtum und seinen einfachen Weisheiten Kinder jeden Alters ebenso zu faszinieren vermag wie Erwachsene. Hinter wem sind Emil und die Detektive her? Hinter einem Erwachsenen, der Emil bestohlen hat. »Emil und die Detektive« (1929) von Erich Kästner (1899–1974) spielt im »Dschungel« der Großstadt Berlin. Mit Mut und Einfallsreichtum und unterstützt von anderen Kindern beschafft sich Emil sein Geld wieder. Das Buch fesselte mit seiner einfachen, dialogreichen und humorvollen Sprache und seiner spannenden Handlung Millionen von Kindern. Kästner nimmt seine jungen Helden ernst, konfrontiert sie mit der fragwürdigen Alltagswirklichkeit der Erwachsenen und erklärt sie zu Hoffnungsträgern für eine bessere Welt. Vielleicht ist diese Parteinahme der Hauptgrund für die ungebrochene Aktualität des Buchs. Aus welchem Antrieb schrieb Kästner? Erich Kästner hat sich stets als Moralist verstanden, der den Menschen ihre Schwächen vor Augen hält. Dies wird in seinen an Erwachsene gerichteten Werken ebenso deutlich wie in seinen Kinderbüchern, von denen »Emil und die Detektive« (1929), »Pünktchen und Anton« (1931), »Das fliegende Klassenzimmer« (1933) und »Das doppelte Lottchen« (1949) Weltruhm erlangten. Die jüngsten Verfilmungen mehrerer Kästner-Kinderbücher zeigen, welche Identifikationsflächen seine Figuren immer noch zu bieten vermögen. Wussten Sie, dass … Erich Kästner auch für sein literarisches Werk, das nicht für Kinder gedacht ist, hohe Ehrungen erhalten hat? So verlieh man ihm 1957 den Georg-Büchner-Preis, einen der angesehensten deutschen Literaturpreise. die Walt Disney Company in den Jahren 1966 bis 1983 insgesamt fünf Verfilmungen von Geschichten mit Pu dem Bären produzierte? 1971 und 1972 gab es sogar russische Zeichentrickfilme. Seit 1998 besitzt Walt Disney sämtliche Rechte an den Figuren und realisierte weitere Filme. Woolfs Leuchtturm: Das Bewusstsein als Spiegel des Geschehens Was ist die typische Eigenart der Romane Virginia Woolfs? Vor allem die spezielle Erzähltechnik: Unter Verwendung und gleichzeitiger Weiterentwicklung der Technik des inneren Monologs – einer Abbildung von Gedanken und Bewusstseinsvorgängen in der Art eines Selbstgesprächs – wird das Geschehen nicht durch einen Erzähler geschildert, sondern in der Spiegelung im Bewusstsein der Figuren abgebildet. Damit erklärt Virgina Woolf die Welt im Kopf zur eigentlichen Realität. Wie lässt sich der Leuchtturm-Roman gliedern? »Die Fahrt zum Leuchtturm« besteht aus drei Teilen. Um einen kürzeren mittleren Abschnitt, der einen Zeitraum von zehn Jahren zusammenfasst, sind die Schilderungen jeweils weniger Stunden zweier Tage angeordnet. In diesen beiden Teilen herrscht eine multiperspektivische Erzählweise vor; das Geschehen wird in der Sichtweise des Bewusstseinsstroms verschiedener Figuren wiedergegeben. Durch die verschiedenen Perspektiven ergibt sich bei aller Widersprüchlichkeit ein Überblick über das große Ganze. Was hält die Teile des Textes zusammen? Der erste Teil des 1927 publizierten Romans spielt an einem Septembernachmittag vor dem Ersten