Das Christentum – eine internationale Erfolgsgeschichte

Das Christentum – eine internationale Erfolgsgeschichte Das Christentum hat sich in den letzten beiden Jahrtausenden auf eine ganz erstaunliche Weise ausgebreitet. Entstanden ist es zunächst als kleine Gruppe innerhalb des Judentums, als religiöse Reformbewegung in einer Kultur, die unter römischer Besatzung stand und sich abseits der großen geistigen Bewegungen der Zeit befand. Von Palästina breitete sich die neue Religion zunächst über die Städte des weiten Imperium Romanum aus, fasste dann auch im Perserreich Fuß und gelangte sogar bis nach Indien. Im Mittelalter wurde dann ganz Europa christianisiert, von dort verbreitete sich die Religion im Zuge der europäischen Expansion über die gesamte Welt. Im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts ist das Christentum mit über zwei Milliarden Anhängern zum Glauben für nahezu ein Drittel der Weltbevölkerung geworden. Es hat sich über mehr Kulturen ausgebreitet als jede andere Weltreligion und dabei sehr viele unterschiedliche Einflüsse aufgenommen. Trotzdem ist das Christentum aufgrund der hierarchischen Institutionsstrukturen, die es in Form verschiedener Kirchen herausgebildet hat, ein in Lehre und Ritus weitgehend einheitlicher Glaube geblieben. Den entscheidenden Beitrag zur Anziehungskraft des Christentums und somit zu seiner raschen Ausbreitung leistete die zentrale Botschaft von der Auferstehung Jesu Christi von den Toten. Sein Triumph über den Tod galt den Gläubigen als Beweis des nahen Endes der Welt und der baldigen Ankunft des Reiches Gottes auf Erden. Auch wenn die Kirche als Institution im Laufe ihrer Geschichte immer wieder Kritik erfahren hat, so haben die Botschaft vom auferstandenen Christus und die Verheißung des Gottesreiches ihre Faszination nicht eingebüßt. Jesus von Nazareth: Ein Prophet mit weitreichender Botschaft Wie verbrachte Jesus seine Kindheit? Aufgewachsen ist Jesus vermutlich in Nazareth. Dieser Ort wird in den Evangelien mehrfach als sein Heimatort genannt. Die Evangelisten Matthäus und Lukas berichten allerdings, dass Jesus in Bethlehem geboren sei. Danach seien seine Mutter Maria und sein Vater Josef, ein Zimmermann, mit dem Kind nach Nazareth in Galiläa gezogen. Mit Sicherheit ist Jesus in einer religiösen Umgebung aufgewachsen, die Evangelien berichten von seiner Mizwa, die er im Alter von etwa zwölf Jahren beging. Wahrscheinlich gehörte Jesus als junger Mann der großen religiösen Bewegung der Pharisäer an. Darauf weisen einige der theologischen Diskussionen mit den konkurrierenden Sadduzäern hin, die in den Evangelien erwähnt werden. Weiterhin soll Jesus von Pharisäern gewarnt worden sein, dass er von den Römern als Unruhestifter gesucht würde. Wie kam Christus zu seinen Jüngern? Im Alter von etwa 30 Jahren traf Jesus auf Johannes den Täufer, von dem er sich taufen ließ und dessen religiöser Reformbewegung er sich anschloss. Johannes der Täufer predigte und verkündete das baldige Gericht Gottes und rief die Menschen zur Umkehr auf. Vermutlich gewann Jesus die ersten Anhänger am See Genezareth. Er berief zunächst Fischer zu seinen Jüngern, darunter Petrus und Andreas, die in dem Ort Kapernaum am westlichen Ufer des Sees lebten. Petrus besaß dort mit seiner Frau und seiner Mutter ein Haus. Die Jünger betrachteten Jesus als ihren Lehrer und trugen nach seinem Tod seine Botschaft vom nahenden Reich Gottes weiter. Wie zuverlässig sind die Evangelien? Die Angaben der Evangelien bezüglich der Wege, die Jesus gezogen sein soll, sind historisch nicht zuverlässig, sondern symbolisch zu verstehen. Weder die überlieferte Zahl zwölf als Anzahl der Jünger geht auf Jesus selbst zurück noch die Bezeichnung »Apostel« (griechisch »Sendbote«). Die Zahl Zwölf soll auf die Zahl der Stämme Israels bei der Einwanderung in das gelobte Land verweisen. War Jesus Christus der Sohn Gottes? Die Bezeichnungen »Messias« (»Gesalbter«, griechisch »christos«) oder »Sohn Gottes« hat Jesus nicht für sich selber verwendet. Wohl aber haben ihn seine Anhänger, folgt man den Evangelien, so verstanden. So antwortet Petrus auf die Frage Jesu, was die Leute sagten, wer er sei: »Du bist Christus, der Sohn Gottes!« In welchem Kontext stehen die Worte Jesu? Die Predigten des Jesus von Nazareth fanden in einer Zeit statt, in der viele Prediger über das bevorstehende Reich Gottes und das Ende der Welt sprachen und dazu aufriefen, sich auf das Kommen Gottes vorzubereiten. Seine Kernsätze entsprechen der religiösen Tradition des Judentums: Das Doppelgebot der Liebe (»Liebe Gott und deinen Nächsten wie dich selbst«) und die »Goldene Regel« (»Was du willst, das dir die anderen tun, das tue ihnen«) waren nicht neu. Er diskutierte mit Pharisäern und Sadduzäern über die Auslegung der alttestamentlichen Gesetze. Die moderne historisch-kritische Forschung hat gezeigt, dass ein großer Teil der überlieferten Worte Jesu vermutlich gar nicht aus seinem Munde stammen, sondern das Produkt späterer theologischer Entwicklungen sind. Wussten Sie, dass … die volkstümliche Anrede »Rabbi«, mit der Jesus im Evangelium angesprochen wird, nahe legt, dass er tatsächlich Rabbiner war? Jesus möglicherweise erst mit Johannes' gewaltsamem Tod begann, zu lehren und zu predigen? Jesus in seinen Predigten in der Erwartung, das Ende der Geschichte sei gekommen, zur Buße aufrief? Welche geschichtlichen Zeugnisse gibt es über das Leben von Jesus? Weder die Geburt noch das genaue Todesjahr Jesu sind historisch gesichert. Eine der wenigen außerchristlichen Quellen ist der römische Geschichtsschreiber Tacitus (55 bis 115), der in seinem Bericht über den Brand Roms unter Kaiser Nero die dabei ausgelöste Christenverfolgung erwähnt. Er vermerkt, dass der Name »Christen« auf einen Mann namens »Christus« zurückgehe, der unter Pontius Pilatus zum Tode verurteilt worden war. Aber diese Bemerkung kann auch auf im Volk kursierende Gerüchte zurückgehen. Der jüdische Historiker Flavius Josephus berichtet von der Hinrichtung eines weisen Mannes namens Jesus. Warum wurde der Prediger hingerichtet? Offenbar wurde er von der römischen Besatzungsmacht als politischer Rebell gefürchtet. Historisch zutreffend ist die Angabe, dass Jesus zuletzt in das Zentrum des religiösen Lebens, in die Stadt Jerusalem gezogen ist. Ob er dort tatsächlich so triumphal einzog, wie es die Berichte der Evangelien wiedergeben, ist nicht belegt. Mit Sicherheit aber kam es dort zu seiner Festnahme und anschließenden Verurteilung. Die Art der Hinrichtung, die Kreuzigung, lässt darauf schließen, dass er als politischer Unruhestifter angeklagt und verurteilt wurde. Die Verhängung der Todesstrafe war ausschließlich der römischen Besatzungsmacht vorbehalten. Die religiöse Seite seiner Festnahme war eine Angelegenheit des jüdischen Synedrions, des obersten jüdischen Gerichts. In den letzten Jahren hat sich die Annahme gefestigt, dass der angebliche Ruf der jüdischen Menge vor dem Gericht, »Kreuzige ihn!«, den geschichtlichen Tatsachen nicht entspricht. Warum entlastet das Evangelium Pilatus? Offenbar wollten die Verfasser der Evangelien in einer Zeit, in der in Rom bereits christliche Gemeinden entstanden waren, die römische Besatzungsmacht von dem Vorwurf eines ungerechtfertigten Todesurteils entlasten. Entsprechend ist auch die Bemerkung des Pilatus, des römischen Statthalters, zu verstehen, er wasche seine Hände in Unschuld, denn er könne keine Schuld des Angeklagten feststellen. Was machten die Jünger nach der Kreuzigung? Die Anhängerschaft Jesu wurde nach dessen Hinrichtung zunächst in eine tiefe Krise gestürzt. Ein großer Teil seiner Anhänger floh nach Galiläa und in ihre Heimatorte. Wie es dazu kam, dass sie wieder nach Jerusalem zurückkehrten, ist nicht ohne weiteres nachzuvollziehen. Entscheidend war offensichtlich, dass nur drei Tage nach dem Tod ihres religiösen Führers das leere Grab entdeckt wurde. Jedenfalls berichten dies die Evangelien – mit Ausnahme des ältesten, des Markusevangeliums, dessen Berichte über die Auferstehung erst später hinzugefügt wurden. Die Evangelien betonen immer wieder, dass schon früh von seiner Auferstehung erzählt wurde und er einzelnen Jüngern in Visionen erschien. So wird über Petrus berichtet, er sei aus Galiläa nach Jerusalem zurückgekehrt, weil eine Jesusvision ihn zur Umkehr bewegt habe. Er sammelte die Anhänger Jesu in Jerusalem und begann, unter den Juden zu missionieren. Über die Anfänge der neuen Glaubensgemeinschaft wissen wir aus historischen Berichten nur wenig. Offenbar bildete die so genannte Urgemeinde eine enge Gemeinschaft. Wie entwickelte sich die christliche Lehre? Die Apostelgeschichte des Lukas idealisiert die ersten Christen folgendermaßen: »Alle gläubig Gewordenen hatten alles miteinander gemeinsam. Sie verkauften ihren Besitz, ihre Habe und verteilten sie an alle, je nachdem einer bedürftig war. Täglich weilten sie einmütig im Tempel, brachen reihum in den Häusern das Brot und nahmen Speise zu sich in Fröhlichkeit und Schlichtheit des Herzens. Sie priesen Gott und waren […] beliebt.« Auch scheinen bereits die ersten Christen neue Mitglieder durch die Taufe aufgenommen zu haben. Wie Jesus blieben seine Anhänger zunächst dem jüdischen Glauben treu. Doch der Inhalt ihres Glaubens veränderte sich zusehends. Stand in der Predigt Jesu das Kommen des Gottesreiches noch im Zentrum, so wurde für die ersten Christen ein anderer Inhalt zentral: Jesus sei der kommende Messias, an dessen Wiederkehr und Heilsgewalt man glauben solle. Die neue Botschaft führte zur Trennung von der jüdischen Tradition. Inzwischen hatten sich in Griechenland, Kleinasien und sogar in Rom eigene Gemeinden gebildet. Als der Tempel in Jerusalem durch die Römer zerstört und viele Juden deportiert wurden, hatte die ehemalige Endzeitsekte längst eine neue Identität gefunden. Sie löste sich vom Symbol des zentralen Tempels in Jerusalem und feierte eigene Gottesdienste, in denen des Todes und der Auferstehung als Grund für die eigene Erlösung gedacht wurde. Wie lässt sich das tatsächliche Geburtsjahr Jesu ermitteln? Was die Lebensdaten Jesu angeht, so sind die Evangelien nicht genau. Angeblich wurde Jesus in Bethlehem unter einer besonderen Sternkonstellation geboren – dem »Stern von Bethlehem«. Astronomische Rekonstruktionen ergeben das Jahr 7 oder 6 vor der Zeitenwende als Geburtsjahr. Der zweite Hinweis, dass Jesus zur Zeit einer Steuerschätzung unter Kaiser Augustus geboren sei, lässt keine Rückschlüsse zu, denn ein solcher Erlass ist nicht bekannt. Wohl aber wurde, als Samaria und Judäa dem römischen Statthalter in Syrien unterstellt wurden, eine Zählung und Vermögensschätzung in diesen Provinzen vorgenommen. Dieses Ereignis fällt in das Jahr 6 nach der Zeitenwende. Wussten Sie, dass … Jesus bei seinem provokanten Einzug in Jerusalem, dem religiösen und staatlichen Zentrum Israels, wohl tatsächlich seinen eigenen Tod einkalkulierte? Geißelungen zum üblichen Vorspiel bei römischen Hinrichtungen gehörten? Jesus den bei römischen Kreuzigungen üblichen Betäubungstrank aus Myrrhe abgelehnt haben soll? die Vergöttlichung des von der römischen Besatzungsmacht zum Tode verurteilten Aufständischen durch seine Jünger bei den gläubigen Juden Ärger erregte? Es kam zu einem Predigtverbot durch die jüdischen religiösen Autoritäten. Petrus und Paulus: Missionare und Märtyrer des Christentums Wie verbreiteten die Apostel das Christentum? Wie das Christentum sich zu einer neuen Religion entwickelte und über die Grenzen des Judentums hinaus wuchs, darüber gibt das Neue Testament Auskunft. Offenbar, so beginnt die Apostelgeschichte des Lukas, hatte die kleine Gemeinde in Jerusalem eine Erfahrung gemacht, die sie von einer Versammlung verzagter und desillusionierter Menschen zu begeisterten Missionaren der neuen Botschaft gemacht hatte: die »Ausgießung des Heiligen Geistes«. Über die Ausbreitung der Gemeinde erhalten wir aus der Apostelgeschichte nur bezüglich Petrus und Paulus Informationen. Ihre Tätigkeit begann in Jerusalem, dehnte sich jedoch rasch auf andere Städte aus. 30 Jahre nach dem Tod Jesu hatte die Botschaft fast den gesamten östlichen Teil des Römischen Reiches erreicht. Was weiß man über Petrus und seine Mission? Einer der wichtigen Köpfe der »Urgemeinde« war Petrus, der nach der Himmelfahrt Jesu die Initiative ergriff, um einen Nachfolger für Judas in den Kreis der Apostel zu wählen. Zusammen mit Johannes hatte er offenbar die Führung der Gemeinde in Jerusalem übernommen. Geboren wurde Petrus in Bethsaida am See Genezareth – er lebte in Kapernaum, als sein Bruder Andreas ihn mit Jesus bekannt machte. Im Kreis der engsten Jünger hatte Petrus wohl bald eine führende Rolle übernommen. Eine Vision überzeugte ihn davon, auch die Nichtjuden zu missionieren, eine Aufgabe, der er sich dann auch gewidmet hat. Das weitere Leben des Petrus ist weitgehend unbekannt. Mit Sicherheit hat er Antiochia besucht, ob er auch in Korinth und Rom war, ist unsicher. Die Annahme, er sei im Jahr 64 während der Christenverfolgung durch Kaiser Nero hingerichtet worden, lässt sich historisch nicht eindeutig belegen. Doch gab es bereits um 200 in Rom einen regelrechten Paulus- und Petruskult. In der Zeit des Kaisers Konstantin wurde über dem Ort des angeblichen Martyriums des Petrus eine Kirche erbaut, aus der später der Petersdom werden sollte. Wie arbeitete Paulus im Dienst des Christentums? Vor allem durch seine Missionsreisen. 13 Briefe des Neuen Testaments geben Zeugnis von der Persönlichkeit und dem geistigen Horizont des Juden, der um 3 n. Chr. in Tarsus als Saulus in eine römische Familie geboren wurde. Saulus rechnete sich zur Bewegung der Pharisäer und war an den ersten Gewaltakten gegen die christliche »Urgemeinde« beteiligt. Auf dem Weg nach Damaskus erschien ihm Christus in einer Vision. Saulus wurde zu Paulus, ließ sich taufen und begann, als Missionar die neue Botschaft in Kleinasien und Europa zu predigen. Auf seinen insgesamt über 30000 km langen Reisen gründete er die Gemeinden Philippi, Thessaloniki, Korinth und Ephesus. Als der »Geringste unter den Aposteln«, wie er sich selbst bezeichnete, formulierte er in seinen Briefen an die Gemeinden die ersten festen Glaubensgrundsätze, etwa über die Auferstehung und die Gnade Gottes. Wie endete der Apostel? Als Paulus eine Kollekte der Christen nach Jerusalem brachte, wurde er von einer aufgebrachten Menge fast erschlagen. Die römische Besatzungsmacht griff jedoch ein und sicherte ihm, dem römischen Bürger, einen ordentlichen Prozess in Rom zu. Die Apostelgeschichte berichtet, er habe nach seiner Ankunft in Rom noch einige Zeit missionieren können. Historisch wirklich gesichert ist lediglich, dass Paulus in Rom starb. Vermutlich lebte er in leichter Haft, bis ihm unter Kaiser Nero der Prozess gemacht und er dann hingerichtet wurde. Das Christentum verdankt ihm die rasche Verbreitung im Römischen Reich. Was glaubten die ersten Christen? Die ersten Christen waren uneins, wie die Verbreitung des Evangeliums zu gestalten sei. Sie blieben dem jüdischen Glauben treu, lebten nach jüdischen Religionsgesetzen und besuchten die Synagogen. Doch weil sie überzeugt waren, Jesus sei der von den Juden erhoffte Messias, entfernte sich die »Urgemeinde« vom tradierten Judentum. Im Jahr 44 trafen sich in Jerusalem Missionare aus mehreren Ländern. Auf dem Apostelkonzil stritten sie erbittert um die Frage, ob sich neu Getaufte den jüdischen Religionsgesetzen zu unterwerfen hätten, sich also etwa beschneiden lassen müssten. Die Versammlung entschied zugunsten der Heidenmission, wodurch das jüdische Gesetz nicht mehr als bindend galt. Wussten Sie, dass … Simon den Beinamen Petrus (griechisch »der Fels«) von Jesus selbst bekommen haben soll? Petrus während des Verhörs Jesu durch den Hohepriester vor der Kreuzigung seinen religiösen Führer dreimal verleugnet haben soll, wie es Jesus selbst vorhergesagt hatte? Petrus als erster Papst gilt? Die Päpste sehen sich bis heute in seiner Nachfolge. Saulus bereits vor seinem »Damaskuserlebnis« parallel den Namen Paulus trug? von den 13 im Evangelium enthaltenen Paulus-Briefen nur sieben sicher von dem Apostel selbst stammen? Die Heilige Schrift: Das Buch der Bücher Was war die Heilige Schrift der ersten Christen? Die Heilige Schrift war für die ersten Christen die gleiche wie für die Juden: die fünf Bücher Mose, die Propheten, die Psalmen, die Sprüche, das Hiobsbuch und weitere Texte. Doch die christliche Bibel wurde bald erweitert. Welche Texte ergänzten das Alte Testament? Als besonders verehrungswürdig wurden die Briefe des Paulus angesehen. Sie wanderten von Gemeinde zu Gemeinde. Doch Jesu Leben und Sterben, seine Predigten und Worte mussten aus der mündlichen Überlieferung in Schriftform gebracht und damit gesichert werden. In Syrien wurden Leben und Botschaft Jesu zum ersten Mal im Zusammenhang niedergeschrieben. Bei dem Autor, der sich selbst Markus nannte, handelt es sich um einen Nichtjuden, worauf seine geringen Kenntnisse der jüdischen Sitten schließen lassen. In griechischer Sprache fügte er einzelne Worte und Szenen aus dem Leben Jesu zu einem Gesamtwerk zusammen. Die Anspielungen auf die Zerstörung des Tempels und die ersten Christenverfolgungen belegen, dass das Evangelium erst nach 70 entstanden sein kann. Wie arbeiteten die Evangelisten? Das Evangelium des Matthäus, das in den darauf folgenden 20 Jahren entstand, zeigt stärkere inhaltliche Gestaltungen. Es wurde mit deutlichen Kenntnissen der jüdischen Überlieferung geschrieben und nahm Prophezeiungen aus dem Alten Testament auf, die dann auf Jesus ausgelegt wurden. Auch das Evangelium des Lukas zeigt stärkere inhaltliche Eingriffe dieser Art. Wie wurden die Evangelien überliefert? Ein zusammenhängendes »Buch« waren diese Schriften nicht, vielmehr kursierten sie als Einzeltexte in den Gemeinden. Vermutlich wurden zunächst die Paulusbriefe gegen Ende des 1. Jahrhunderts zusammengestellt. Die synoptischen Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas) erfuhren ab der Mitte des 2. Jahrhunderts eine zusammenhängende Überlieferung. Die Bezeichnung »Evangelium« (»frohe Botschaft«) findet sich erst ab Ende des 2. Jahrhunderts. Gegen das Evangelium des Johannes gab es anfangs Bedenken, es wurde erst später als authentischer Bericht des Lebens und der Botschaft Jesu anerkannt. Keiner dieser Texte ist im Original erhalten. Es gibt lediglich Abschriften, deren ältestes Bruchstück– auf Papyrus geschrieben– immerhin vom Anfang des 2. Jahrhunderts stammt. Welche Schriften waren anerkannt? Im 2. Jahrhundert kursierten zahlreiche »Geschichten von Aposteln«, deren Missionsarbeit dem Lukas, dem Verfasser der »Apostelgeschichte«, entweder nicht bekannt war oder die er bewusst unterschlagen hatte. Zudem erschien ein neues Evangelium, das ein besonderes Interesse an der Kindheit Jesu zeigte, sowie ein anderes, das die Person des Pilatus nachzeichnete. Die Bibelwissenschaft nimmt an, dass Marcion, ein um 140 in Rom lebender Kleinasiate, als Erster eine Liste der anerkannten Schriften anlegte, allerdings griff er gleichzeitig in die Texte ein. Er kürzte das Lukas-Evangelium um Stellen, die seiner Überzeugung widersprachen. Wussten Sie, dass … der Evangelist Lukas Arzt war? die drei Synoptiker (von griech. »Zusammenschau«) in Aufbau und Inhalt ähnliche Texte verfassten? Der vierte Evangelist Johannes weicht dagegen deutlich davon ab. der Begriff des »Kanons« aus dem griechischen Wort für »Maßstab« abgeleitet ist? der Canon Muratori Ende des 2. Jahrhunderts n. Chr. die vier Evangelien, 13 Briefe des Paulus, die Apostelgeschichte, zwei Johannesbriefe, den Judasbrief und die Offenbarung des Johannes zum Kanon rechnet? Wie entstand der biblische Kanon? Bis zum 3. Jahrhundert bildete sich ein Kanon der maßgeblichen Schriften heraus, der weitgehend Zustimmung fand. Umstritten blieben im Westen der Hebräerbrief und im Osten die Offenbarung des Johannes. Die östliche Kirche beschloss 367 einen Kanon der als »heilig« geltenden Schriften. Der Presbyter der Kirche in Alexandrien zählte in einem Osterbrief 27 »Bücher« auf, die er zum »Neuen Testament« rechnete. Im Westen wurde die vollständige Liste der »kanonischen« Bücher erst durch die afrikanischen Konzile von Hippo (393) und Karthago (397) als gültig anerkannt. Voraussetzung für die als »kanonisch« anerkannten Schriften war, dass sie von einem Apostel verfasst oder gefördert waren und ihr Inhalt dem allgemeinen Glauben entsprach. Von der verfolgten Minderheit zur Staatskirche: Der Aufstieg Wie verbreitete sich die neue Lehre? Nach dem Tod und der Auferstehung Christi wurde das Christentum durch die Heidenmission im ganzen Römischen Reich verbreitet. Einen wesentlichen Beitrag dazu leistete die römische Armee. Viele Soldaten waren zum Christentum übergetreten. Durch die häufige Verlegung der Einheiten im ganzen Reichsgebiet waren die Soldaten nicht nur Träger der Romanisierung, sondern auch Botschafter der neuen Religion. Das Christentum, aber auch andere Religionen, die ihre Wurzeln im Osten hatten, sprachen die Menschen offensichtlich mehr an, als der kühle römische Staatskult. Die Lehre von der Gnade und Erlösung durch das Opfer Jesu bot gerade den Angehörigen der Unterschichten emotionalen Halt. Wie kam es zum Konflikt mit dem römischen Staat? Wegen des ersten der Zehn Gebote (»Du sollst keinen Gott neben mir haben«) gerieten viele Christen in Konflikt mit dem römischen Gesetz. Sie durften nicht am Kaiserkult und der römischen Staatsreligion teilnehmen. Ebenso wie die Juden hoben sich die Christen durch ihre religiösen Gesetze von der Gesellschaft ab, in der sie lebten. So wurden sie schnell zur Zielscheibe für Diskriminierung und Verfolgung. Immer wieder initiierten die Kaiser Pogrome und Verfolgungen. Plinius der Jüngere fragte in einer Korrespondenz mit der kaiserlichen Verwaltung in Rom, wie er denn als Provinzstatthalter mit der jüdischen Sekte der »Chresten« verfahren solle. Seine Verhöre hätten einige diffuse Vorwürfe zutage gebracht. Er wisse nicht, was davon er glauben solle. Die Ablehnung, die die Christen erfuhren, beruhte zum Teil auf Unwissenheit und Missverständnissen. Vor allem das Abendmahl mit der Verwandlung von Brot und Wein in Leib und Blut Christi stieß auf Unverständnis und Ablehnung. Neben Fremdenangst und der Ablehnung des Unbekannten hatten die Christenverfolgungen aber auch ordnungspolitische Hintergründe. Denn die Verweigerungshaltung der Christen gegenüber den staatlichen Autoritäten widersprach der Staatsraison. Die Funktionäre der Reichsverwaltung brachten den Göttern Opfer als äußeres Zeichen der Loyalität gegenüber dem Herrscher dar. Den Christen war die Teilnahme an diesen Opfern aber verboten. Dadurch gerieten sie in den Verdacht, den römischen Staat grundsätzlich abzulehnen. Und zumindest was die Lehre der Göttlichkeit des Staatsoberhauptes anbelangte, war dies auch der Fall. Wie reagierten die verfolgten Christen? Die frühe christliche Literatur ist geprägt von der Christenverfolgung. Die Schriften der frühen Kirchenväter, wie etwa Tertullian, verwahren sich gegen die vorgebrachten Vorwürfe. Durch die Verfolgungen rückten die Christen immer enger zusammen. Dieser starke Zusammenhalt der Gemeinden und die Feste des christlichen Glaubens, von dem auch die Märtyrerlegenden Zeugnis geben, ließen die Christen in den Augen der Römer noch unheimlicher erscheinen. Doch nach den massiven Verfolgungen, denen die Christen unter Diokletian (245–313) ausgesetzt waren, wendete sich das Blatt langsam. Wer machte den Verfolgungen ein Ende? Der römische Kaiser Konstantin (274–337) wurde zum Retter des Christentums. Am Vorabend der Entscheidungsschlacht gegen Maxentius, seinen Rivalen in Italien, soll ihm der Legende nach ein Kreuz oder ein Chi-Rho-Monogramm mit der Inschrift »In diesem Zeichen wirst du siegen« erschienen sein. Nach seinem Sieg an der Milvischen Brücke (312) verfügte Konstantin im Mailänder Toleranzedikt, dass die christliche Religion nicht weiter verfolgt werden dürfe. Konstantin ließ sich nach der Überlieferung zwar erst auf dem Totenbett taufen, er begünstigte aber die Christen bei vielen Gelegenheiten. Konstantin integrierte die Christen in die Verwaltung des Reiches und übertrug ihnen wichtige Aufgaben. Unter seinen Nachfolgern verdrängten die Christen nach und nach die alte heidnische Elite des Reiches. Julian Apostata, der so genannte Ketzerkaiser und letzte Herrscher aus der konstantinischen Dynastie, versuchte vergeblich, diese Entwicklung umzukehren. Er ließ die verfallenden Tempel der alten Götter restaurieren und hob die Bevorzugung der Christen in der Reichsverwaltung auf. Nach seinem Tod auf einem Feldzug nach Mesopotamien wurden seine Maßnahmen rückgängig gemacht. Das Christentum begann, sich endgültig durchzusetzen. Unter Theodosius dem Großen wurde es 392 als einzig zugelassener Glaube zur Staatsreligion. Wussten Sie, dass … der erste Christ, der wegen seines Glaubens den Tod fand, der Diakon Stephanus war? Er wurde vom Synedrion, dem politischen Organ der jüdischen Tempelpriester, wegen Gotteslästerung verurteilt und öffentlich gesteinigt. die größte Konkurrenz für die neue Religion der unter römischen Soldaten ebenfalls sehr verbreitete Mithraskult war? das Christentum erst unter Kaiser Trajan (53–117) als eigenständige Religion wahrgenommen und seitdem verfolgt wurde? Kaiser Konstantin in seiner Jugend den römischen Sonnengott Sol Invictus verehrte und damit bereits eine gewisse Affinität zum Monotheismus an den Tag legte? Wer verfolgte die Christen? Zur systematischen Verfolgung der Christen kam es erst ab dem Kaiser Decius (190–251). Zuvor hatte Rom die neue Sekte toleriert, allerdings ohne ihre Anhänger gegen Pogrome zu schützen. Nach dem Brand Roms 64 n. Chr., den Kaiser Nero (37–68) wohl selbst befohlen hatte, versuchte der Kaiser, die Schuld auf die christliche Minderheit abzuwälzen. In öffentlichen Zirkusspielen wurden die Christen hingerichtet. Nach weiteren regional begrenzten Pogromen erlebten die Verfolgungen unter den Kaisern Diokletian (240–316) und Galerius (250–311) einen letzten Höhepunkt. Zunächst wurden den Christen die Bürgerrecht aberkannt, schließlich die Todesstrafe gegen alle verhängt, die sich weigerten, dem Kaiser zu opfern. Christliche Feste: Höhepunkte im Kirchenjahr Warum wird am 25. Dezember Weihnachten gefeiert? Seit Anfang des 4. Jahrhunderts feiern die Christen am 25. Dezember die Geburt Jesu. Man vermutet, dass die Kirchenväter dieses Datum wählten, weil die Heiden an diesem Tag das Fest des Sonnengottes Mithras feierten: ein Feiertag, der 274 von Kaiser Aurelian eingeführt worden war und im Volk sehr populär war. Christus war schließlich die »Sonne der Gerechtigkeit« und das »Licht der Welt«. Auch die altrömischen Saturnalien wurden in diesem Zeitraum (am 19. Dezember) gefeiert. Seit dem 4. Jahrhundert wird das Fest der Geburt Christi durch die drei- bis vierwöchige Adventszeit eingeläutet. In der Neuzeit verlagerte sich der Beginn des Weihnachtsfestes auf den Abend des 24. Dezembers. Was heißt »Epiphanie«? Der Name des Festtages (6. Januar) ist vom griechischen epiphaneia für »Erscheinung, Offenbarwerden« hergeleitet. Erinnert wird an drei Ereignisse im Leben Jesu, die sich alle an einem 6. Januar zugetragen haben sollen: Erstens: Die drei Weisen aus dem Morgenland zogen – geleitet durch das Leuchten eines Sterns – nach Bethlehem, dem Geburtsort Christi, und brachten dem Jesuskind in der Krippe Gold, Weihrauch und Myrrhe dar. Das zweite Ereignis ist die Taufe Jesu durch Johannes den Täufer. Danach soll sich der Himmel geöffnet haben, der Geist Gottes fuhr in Gestalt einer Taube auf Jesus herab, und eine Stimme ertönte: »Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.« Drittens verwandelte Jesus auf der Hochzeit zu Kanaa Wasser in Wein. Im Johannesevangelium heißt es: »Das ist das erste Zeichen, das Jesus tat (…), damit offenbarte er seine Herrlichkeit. Und seine Jünger glaubten an ihn.« Bei allen Ereignissen manifestierte sich die Göttlichkeit Christi. Deswegen ist es neben Weihnachten und Ostern eines der bedeutendsten Feste des Christentums. Woran erinnert die Karwoche? Die Karwoche, die letzte Woche vor Ostern, beginnt mit dem Palmsonntag, der an den Einzug Jesu in Jerusalem erinnert. Am Gründonnerstag feierte Jesus mit den Aposteln das Letzte Abendmahl. Am Karfreitag wurde er gegeißelt und ans Kreuz geschlagen. Was bedeutet Ostern? Ostern ist das älteste und wichtigste Fest der christlichen Kirchen. Die frühen Christen, die das Osterfest bereits seit der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts feierten, gedachten an diesem Tag nicht nur der Auferstehung, sondern auch der Leiden und des Todes Jesu. Der in gesonderte Feiertage gegliederte Osterzyklus mit der vorbereitenden 40-tägigen Fastenzeit setzte sich erst seit dem 4. Jahrhundert durch. Ob sich das Wort »Ostern« von dem Namen der germanischen Frühlingsgöttin »Ostara« oder der englischen Göttin der Morgenröte »Eostre« herleitet, ist umstritten. Das heutige Datum des Osterfestes, der erste Sonntag nach dem Frühlingsvollmond, wurde 325 auf dem Konzil von Nicäa festgelegt. Wann wird Christi Himmelfahrt gefeiert? Ursprünglich war Christi Himmelfahrt eingebunden in die Osterwoche, erst seit dem 4. Jahrhundert wird dieses Fest 40 Tage nach Ostern gefeiert. Laut Apostelgeschichte und Lukasevangelium fuhr der von den Toten Auferstandene an diesem Tag vor den Augen der Apostel zum Himmel auf, nicht ohne ihnen zuvor die baldige Ankunft des Heiligen Geistes (Pfingsten) anzukündigen. Was geschah an Pfingsten? Gott sandte den Aposteln den Heiligen Geist. Erst Ende des 4. Jahrhunderts begann man, dieses Pfingstwunder als Kern dieses Festtages zu betrachten. »Pfingsten« leitet sich vom griechischen pentecosta (»fünfzigster Tag«) her. In der Apostelgeschichte heißt es, dass am 50. Tag nach Ostern der Heilige Geist in Form von Feuer auf die Apostel niedergegangen sei und sie befähigt habe, in fremden »Zungen« zu reden. Die Apostel sollen so in ihrer Sendung bestärkt worden sein und noch am selben Tag 3000 Menschen getauft haben. Das Pfingstfest gilt als »Geburtstag« der Kirche, als Aufbruch der neuen Christusgemeinde. Wussten Sie, dass … der 6. Januar im Westen immer mehr zum Dreikönigstag wurde, seit 1164 die Gebeine der Heiligen Drei Könige nach Köln überführt wurden? der Vorläufer von Ostern das jüdische Pessachfest ist, für das ein Lamm geschlachtet wird und bei dem des Auszugs des Volkes Israel aus Ägypten gedacht wird? erst seit Ende des 19. Jahrhunderts an Christi Himmelfahrt auch der Vatertag gefeiert wird? Welche Marienfeiertage gibt es? Mariä Himmelfahrt: Die Ostkirche feierte bereits im 5. Jahrhundert am 15. August den Tod Marias, im 8. Jahrhundert wurde daraus die »Himmelfahrt«. Für diese »Himmelfahrt« gibt es keine »Augenzeugenberichte« wie bei Jesus. Doch Papst Pius XII. erhob 1950 Mariä Himmelfahrt zum Dogma. Mariä Unbefleckte Empfängnis (8. Dezember): Der Festtag zu Ehren der Jungfrau und Gottesmutter Maria, die ohne Erbsünde empfangen wurde, ist seit dem 10. Jahrhundert nachweisbar. Maria gilt als der einzige Mensch, der frei vom Makel der Erbsünde ist. 1854 wurde das Dogma von Papst Pius IX. zur göttlichen Offenbarung – zum für alle Katholiken verbindlichen Glaubenssatz – erklärt. Das mittelalterliche Papsttum: Aufstieg und Niedergang Wie organisierten sich die frühen Christen? Als das Christentum sich über weite Gebiete des Römischen Reiches und darüber hinaus ausdehnte, verlangte es nach einer Struktur, die die Gemeinden über die regionalen Grenzen hinaus zusammenzuhalten vermochte. Schon Paulus unterschied verschiedene Ämter in der Gemeinde, etwa Apostel, Lehrer und Propheten. Spätere Schriften des Neuen Testaments nennen Bischöfe, Presbyter und Diakone als Verantwortliche in den Gemeinden. Um auch die durch Mission neu entstandenen Gemeinden unter Kontrolle zu behalten, organisierte sich bald eine kirchliche Bereichsverwaltung. An deren Spitze stand ein Bischof, der vor allem in der Auseinandersetzung mit abweichenden Lehrmeinungen eine besondere Autorität innehatte. Welche Funktion hatten die Bischöfe? Sie waren die Wächter der rechten Lehre. Eines der ersten Beispiele dafür ist Irenäus, 178 zum Bischof von Lyon gewählt. Er definierte die Kirche als eine feste Gemeinschaft, die auf drei Säulen ruhe: dem Taufbekenntnis, dem biblischen Zeugnis und der apostolischen Tradition. Vor allem Letztere wurde in der Entwicklung der frühen Kirche entscheidend. Irenäus sah eine wahrheitsgemäße Glaubensüberlieferung vor allem durch die lückenlose Reihe von Bischöfen gewährleistet. Als Glaubenswächter gewann der Bischof überregionale Bedeutung. Die politischen Verhältnisse trugen dazu bei, dass die Bischöfe in den Hauptstädten, die so genannten Patriarchen, eine besondere Stellung erhielten. Hohes Ansehen gewannen schon früh die Bischöfe der Großstädte Rom, Alexandrien, Antiochien sowie Jerusalem. Als das Christentum zur Staatsreligion wurde, wurden auch die Bischofsämter der beiden Hauptstädte, Rom im Westen und Konstantinopel im Osten, politisch aufgewertet. Worauf gründet sich der päpstliche Machtanspruch? Der Apostel Petrus war der Legende nach der erste Bischof von Rom. Auf dem Monte Vaticano, einem Hügel im Westen Roms, soll er den Märtyrertod gestorben und begraben sein. Diese Tradition der Nachfolge Petrus' stellte die eine Säule dar, auf die die Bischöfe von Rom ihre Vorrangstellung stützten. Die andere war rein weltlicher Natur: Nachdem durch den Zerfall des Römischen Reiches im Westen eine Zentralgewalt fehlte, schickte sich die junge, aber bereits gut organisierte Kirche an, die Lücke zu füllen. Was spaltete die Kirche in Ost und West? Die sich verändernden politischen Machtkonstellationen führten zu der Spaltung. Durch den Machtzuwachs im Westen trat die Kirche in Konkurrenz zum oströmischen Kaiser in Konstantinopel, der ebenfalls das Erbe Roms beanspruchte. Gelasius I. (Papst 492 bis 496) führte dagegen die Zwei-Gewalten-Lehre ins Feld, die die Dominanz der geistlichen vor der weltlichen Macht behauptete. Den oströmischen Kaiser konnte er damit wenig beeindrucken. Der stellte sich hinter den Patriarchen von Konstantinopel. Zu Beginn des Mittelalters stand fest, dass der Anspruch der Päpste auf den Primat über die gesamte Christenheit gescheitert war. Entsprechend der Teilung des Römischen Reiches kam es zu einer Spaltung der christlichen Kirche in eine östliche und eine westliche. Wie profitierten Kirche und Staat voneinander? In der Auseinandersetzung mit der Ostkirche machten die Päpste die Erfahrung, wie wichtig das Bündnis mit einer weltlichen Macht war. Außerdem hatte die Kirche den jungen Königreichen, die sich auf dem Boden des einstigen Römischen Reiches bildeten, viel zu bieten, zum Beispiel erste Verwaltungsstrukturen, Bildung und Schriftlichkeit, das Christentum als identitätsstiftende Religion und moralische Instanz mit hoher Symbolkraft. Welche Bündnisse gab es? Im 8. Jahrhundert schloss erstmals ein Papst ein Bündnis mit dem Frankenreich. Stephan II. (Papst 752–757) stellte sich unter den Schutz Pippins des Jüngeren und krönte ihn zum König. Der Frankenkönig revanchierte sich mit der berühmten pippinischen Schenkung: Stephan erhielt das Exarchat Ravenna, wodurch sich der Kirchenstaat weit über die Grenzen Roms hinaus erweitern konnte. Was macht die Schweizergarde? Die Schweizergarde ist seit 500 Jahren für die persönliche Sicherheit des Papstes verantwortlich und sichert die Zugänge zur Vatikanstadt. Sie entstand unter dem Pontifikat Julius' II. (Papst 1503 bis 1513), der Söldner aus der Schweiz verpflichtete. Schweizer galten als Elitesoldaten, seitdem sie im 14. Jahrhundert zwei Ritterheere der Habsburger vernichtend geschlagen hatten. Kamen Kaiser und Papst miteinander aus? Nicht immer. Die Kaiserkrönung Karls des Großen in Rom bildete im Jahr 800 den Höhepunkt der engen Beziehung zwischen Papsttum und Frankenreich: Leo III. (Papst 795 bis 816) übertrug das weströmische Kaisertum auf Karl und erwarb sich dafür Schutz und Unterstützung des mächtigsten Herrschers Europas. Überhöhte Ansprüche auf beiden Seiten führten jedoch immer wieder zu Machtkämpfen. Im 10. Jahrhundert bestimmten starke Kaiser die Nachfolge auf dem Stuhl Petri. Um das zu unterbinden, reformierte Nikolaus II. (Papst 1058–1061) die Papstwahl, an der jetzt nur noch Kardinäle teilnehmen durften. Faktisch war die weltliche Macht des Papstes eng begrenzt, doch als Kirchenoberhaupt konnte er im christlichen Mittelalter auch politischen Einfluss ausüben. Die Päpste nahmen etwa bei der Krönung der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation eine überragende Stellung ein. Wer musste den »Gang nach Canossa« antreten? Der deutsche König Heinrich IV. Er hatte in Gregor VII. (Papst 1073–1085) einen mächtigen Gegner, der nicht nur die Vorherrschaft des Papstes über die gesamte christliche Kirche beanspruchte, sondern auch dessen Autorität über jede weltliche Macht behauptete. Der Streit entbrannte um das Recht zur Einsetzung von Bischöfen, daher die Bezeichnung Investiturstreit. Zunächst entschied Gregor den Konflikt für sich: Er exkommunizierte Heinrich und zwang ihn so zu dem demütigenden »Gang nach Canossa«, bevor er den päpstlichen Bannstrahl wieder aufhob. Doch dann riefen königstreue Bischöfe 1084 den Gegenpapst Klemens III. aus. Heinrich zog mit seinem Heer nach Rom, Klemens krönte ihn zum Kaiser, Gregor musste fliehen. Erst im Wormser Konkordat von 1122 fanden Papsttum und Königtum zu einem Kompromiss im Investiturstreit. Warum ging Papst Klemens nach Avignon? Weil er sich in Rom nicht mehr sicher fühlte. Die Vorgeschichte: Bonifatius VIII. (Papst 1294–1303) hatte noch einmal seinen Weltherrschaftsanspruch mit der Bulle »Unam Sanctam« betont. Gerichtet war diese an den französischen König Philipp IV. den Schönen. Doch die Zeiten hatten sich geändert. Erstarkende Nationalstaaten wie Frankreich waren nicht mehr auf die Symbolkraft des päpstlichen »Segens« angewiesen. Der unaufhaltsame Niedergang des Papsttums begann, als Philipp auf die Bulle kurzerhand mit der Gefangennahme des Papstes antwortete. 1305 gelang es Philipp, einen französischen Kardinal zum Papst wählen zu lassen. Doch Klemens V. (Papst 1305–1314) stieß in Italien auf heftigen Widerstand. Er stellte sich unter den Schutz des französischen Königs und verlegte seine Residenz 1309 nach Avignon. In der so genannten »Babylonischen Gefangenschaft« in Avignon waren die Päpste völlig dem französischen Königtum unterworfen. Erst Gregor XI. (Papst 1370–1378) konnte sich mit Unterstützung der heiligen Katharina von Siena davon befreien. 1376 kehrte er schließlich nach Rom zurück, 1378 fand die Papstwahl wieder in Rom statt. War die Einheit der Kirche gesichert? Keineswegs. Nach der Rückkehr des Papstes nach Rom kam es zum Großen Abendländischen Schisma, das erst durch das Konstanzer Konzil (1414–1418) beendet wurde. Aber auch das Konzil steht für eine Entwicklung, die die Einheit der lateinischen Christenheit und die Stellung des Papsttums bedrohte. Zwar wurden in Konstanz die Lehren von John Wycliff und Jan Hus als ketzerisch verurteilt. Aber die protestantische Bewegung, die das Papsttum schärfer denn je kritisierte und im Papst den Anti-Christen sah, war dadurch nicht besiegt. Statt ihr mit innerkirchlichen Reformen zu begegnen, sonnten sich die Päpste der Renaissance in beispielloser Selbstherrlichkeit. Wie kam es zum Niedergang des Papsttums? Unter den prunkliebenden Päpsten der Renaissance – zu nennen sind insbesondere Alexander VI. (1492–1503), Julius II. (1503 bis 1513) und Leo X. (1513–1521) – wurde Rom zum kulturellen Zentrum des Abendlandes. Die besten Künstler, unter anderem Michelangelo, Raffael und Leonardo da Vinci, arbeiteten für den heiligen Stuhl und die päpstliche Hofhaltung maß sich mit der der reichsten Fürsten. Die geistliche Funktion der Päpste als Oberhaupt der lateinischen Christenheit trat zugleich aber immer mehr zurück, um auch politischen Ränkespielen Platz zu machen. Man suchte das Territorium des Kirchenstaats auszudehnen und mischte sich in die kriegerischen Auseinandersetzungen um die Herrschaft