Das Mittelalter – Die Herausbildung einer europäischen Kultur

Das Mittelalter – Die Herausbildung einer europäischen Kultur Nach dem Untergang des Weströmischen Reiches in der Völkerwanderungszeit verschoben sich die politischen Koordinaten deutlich. Die Einheit des Mittelmeerraumes war gestört und zerbrach mit dem Vordringen des Islams seit dem 7. Jahrhundert völlig. Der Westen, dessen Zentrum und Schwergewicht nun nördlich der Alpen lag, und Byzanz entwickelten sich auseinander. In den Germanenreichen, besonders dem bald vorherrschenden Frankenreich, verschmolzen römische, germanische und christliche Elemente und ließen eine europäische Kultur entstehen, die sich, etwa durch Missionierung (u. a. der Slawen), weiter ausbreitete. Die Epoche, in der die Grundlagen für das moderne Europa gelegt wurden, wird in Abgrenzung vom Altertum bzw. der griechisch-römischen Antike und der Neuzeit als Mittelalter bezeichnet und entspricht in etwa der Zeit zwischen 500 und 1500. Da vieles, was im Mittelalter als selbstverständlich galt, uns heute fremd und unverständlich ist, beispielsweise die große Bedeutung von Kirche, Klöstern und religiösen Strömungen im Volk oder aber die Macht von Riten und Symbolen, ist man geneigt, es auf Ritter, Burgen, Kreuzzüge und Hexenverbrennungen zu reduzieren. Dabei wird aber die Vielschichtigkeit der mittelalterlichen Gesellschaft übersehen. Nicht zuletzt haben wichtige »moderne« Entwicklungen damals ihren Anfang genommen, etwa in den Bereichen des städtischen Lebens und des Wirtschaftslebens. 486–507 Chlodwig I. begründet das Frankenreich 800 Karl der Große wird in Rom zum Kaiser gekrönt 1077 Höhepunkt des Investiturstreites: Bußgang Heinrichs IV. nach Canossa 1095 Papst Urban II. ruft zum 1. Kreuzzug auf 1337 Beginn des Hundertjährigen Krieges zwischen Frankreich und England 1453 Die Osmanen erobern Konstantinopel: Ende des Byzantinischen Reichs 1492 Kolumbus entdeckt Amerika Die Reichskrone – die Krone der Könige und Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, das sich 962 mit Otto I. aus dem Ostfrankenreich herausbildete – wird in der Schatzkammer der Wiener Hofburg aufbewahrt. Das Reich der Franken: Auf dem Weg nach Europa Wer waren die Franken? Das Volk der Franken, war ein Verband mehrerer Kleinstämme. Aus ihrem Herrschaftsbereich, rechtsrheinischen Gebieten in den heutigen Niederlanden und Nordwestdeutschland, drangen die Franken immer wieder über den Rhein nach Gallien auf das Gebiet des Römischen Reiches vor. 358 wurde der fränkische Stamm der Salier besiegt, in Toxandrien (Nordbrabant) angesiedelt und als Förderaten den Römern zum Heeresdienst verpflichtet. In der Folgezeit dehnten die salischen Franken ihr Siedlungsgebiet in Nordgallien stetig aus. Regiert wurden sie von Fürsten aus dem Geschlecht der Merowinger, benannt nach dem um 450 herrschenden Merowech. Seinem Sohn Childerich I. (Reg. um 457–482), noch Föderat Roms, gelang im Folgenden die Schaffung eines eigenständigen Herrschaftsbereichs mit dem Zentrum Tournai. Wie wurde Chlodwich I. fränkischer König? Von Tournai aus brach Childerichs Sohn und Nachfolger Chlodwig I. (466–511, reg. seit 482) zu neuen Eroberungen auf: Mit dem Sieg über Syagrius beendete er die Herrschaft Westroms in Gallien. Nach Kriegen gegen Alemannen und Westgoten und der Eingliederung mehrerer kleinerer Fürstentümer herrschte Chlodwig über ein Gebiet, welches das heutige Belgien, einen Großteil Frankreichs und Regionen im Westen und Süden Deutschlands umfasste. Hauptstadt war Paris. 508 wurde Chlodwig von Byzanz als König anerkannt. Was bedeutete die Taufe des Frankenkönigs? Ein entscheidender und für die Zukunft des Frankenreiches so bedeutender Schritt, der nicht selten als Epochenabgrenzung zwischen Altertum und beginnendem Mittelalter diente, war die Taufe Chlodwigs 498 durch Bischof Remigius (um 436–um 533) in Reims. Die Annahme des katholischen Glaubens durch Chlodwig und sein Volk führte zum Konflikt mit dem Ostgotenkönig Theoderich dem Großen (um 454–526), der ein Bündnis aller arianischen Germanenreiche auf dem Gebiet des ehemaligen Römischen Reiches anstrebte. Im Unterschied zum Ostgotenreich erlaubte die Annahme des katholischen Bekenntnisses durch Chlodwig die Integration von fränkischer und gallorömischer Bevölkerung. Noch in seinem Todesjahr (511) bereitete Chlodwig mit der Synode von Orléans der katholischen Kirche den Weg zur fränkischen Reichskirche. Blieb das Reich nach dem Tod König Chlodwigs geeint? Nein, nach dem Tod König Chlodwigs teilten seine Söhne das Reich unter sich auf. Die vier entstehenden Territorien mit den Zentren Reims (unter Theuderich), Orléans (Chlodomer), Paris (Childebert) und Soissons (Chlothar) waren jedoch keine eigenständigen Staaten, sondern Verwaltungsdistrikte eines gemeinsamen Reiches. Trotz innerer Machtkämpfe fanden die Brüder zu einer gemeinsamen Außenpolitik und eroberten in den 530er Jahren Thüringen sowie weitere alemannische und bayerische Gebiete; die Eingliederung des (2.) Burgunderreiches eröffnete den direkten Zugang zum Mittelmeer. Nach dem Tod Childeberts (558) war das Reich unter dem letzten überlebenden Chlodwig-Sohn, Chlothar I. (um 498–561), noch einmal vereint. Als Chlothar starb, folgte eine erneute Aufteilung des fränkischen Herrschaftsgebiets unter seinen Söhnen, was nach wenigen friedlichen Jahren zum offenen Machtkampf zwischen ihnen führte. Es entstanden drei Teilreiche: Neustrien im Westen, Austrien (auch Austrasien) im Osten und Burgund. Wie kam es zum Bruderkrieg zwischen Austrien und Neustrien? Der Bruderkrieg begann nach der Ermordung sowohl des Königs von Austrien als auch des Königs von Neustrien und wurde von deren Witwen Brunhilde (um 550– 613) und Fredegunde (um 550–597) weitergeführt. Als Feindschaft zwischen Brunhild und Kriemhild fand dieser Konflikt seinen Niederschlag im Nibelungenlied. Aus dem Krieg ging schließlich Fredegundes Sohn Chlothar II. (Reg. 584–629) als Sieger hervor. Unterstützt von Aristokraten Burgunds und Austriens, gewann er von Neustrien aus die Herrschaft über das Gesamtreich (613). Dafür musste er dem Adel große Zugeständnisse machen: Mit dem nach ihm benannten Edictum Chlotarii (614) sicherte er den Reichsteilen Selbständigkeit zu, die Neustrien, Austrien und Burgund zu dauerhaften politischen Größen machte. Außerdem verpflichtete er sich, seine Beamten nur noch aus dem Kreis der grundbesitzenden Adeligen zu wählen. Damit begab sich der König in die Abhängigkeit mächtiger Adelsfamilien und verstärkte eine Entwicklung, die schon früher eingesetzt hatte: An die Stelle der öffentlichen Ämter der römischen Zeit trat die private (und vererbbare) Macht einzelner Personen und Familien. Wer war der letzte merowingische König des Gesamtreichs? Dagobert I. (605–639) herrschte als letzter merowingischer König über das Gesamtreich. Die Folgezeit war von neuen Teilungen und dem Verfall der Königsherrschaft geprägt. In dieser Zeit stiegen zu den eigentlichen Machthabern die Hausmeier (von lateinisch maior domus ), die Vorsteher des königlichen Haushalts auf. Sie führten das Heer und faktisch die Regierungsgeschäfte. 687 gelang es dem Hausmeier von Austrien, Pippin II. (um 635–714), durch einen Sieg über seinen Amtskollegen von Neustrien und Burgund die Herrschaft über das Gesamtreich zu gewinnen. Damit war ein wichtiger Schritt zur Wiedervereinigung des fränkischen Reichsgebiets vollzogen. Wie verlief der Aufstieg der Karolinger? Der erste bedeutende Karolinger, Pippin I. (um 580–640), hatte die Adelsopposition Austriens gegen Königin Brunhilde angeführt und war unter Chlothar II. Hausmeier. Nach dem Tod seines Enkels Pippin II. sicherte sich dessen unehelicher Sohn Karl Martell (»der Hammer«, um 688–741) bis 720 die Nachfolge. Das Frankenreich zeigte zu diesem Zeitpunkt Auflösungserscheinungen: Aquitanien war seit 672 fast selbständig, Alemannen, Bayern, Bretonen und Thüringer waren auf dem selben Weg. In mehreren Kriegen unterwarf Karl Martell die abgefallenen Völker und erneuerte dadurch das Frankenreich. Den Ansturm der Araber (Mauren), die ab 711 die Iberische Halbinsel erobert hatten, schlug er 732 zurück und vertrieb sie 739 aus dem Rhônetal. Die Herrschaft der muslimischen Mauren in Europa blieb danach bis zu ihrem Ende (1492) auf das Gebiet südlich der Pyrenäen beschränkt. Obwohl die Merowingerkönige über keine reale Macht mehr verfügten, waren sie in den Augen der Untertanen immer noch die rechtmäßigen Herrscher. Nicht einmal Karl Martell, der seit 737 sogar ohne Schattenkönig herrschte, nahm den Königstitel an. Seine Söhne Karlmann (vor 714–754) und Pippin III. (um 715–768) jedoch beriefen 743 letztmalig einen Merowingerkönig, um die Niederschlagung von Aufständen staatsrechtlich abzusichern. 751 setzte Pippin, nach Karlmanns Rückzug in ein Kloster Alleinherrscher, schließlich den letzten Merowingerkönig Childerich III. ab und wurde selbst König. Wurde die neue Dynastie anerkannt? Autorität und Akzeptanz der neuen Dynastie wurden durch Ereignisse in Italien gestärkt: Nach der Eroberung von Teilen des byzantinischen Exarchats Ravenna (751) durch die Langobarden unter König Aistulf fühlte sich die römische Kirche bedroht. Auch Byzanz, dessen Statthalter im Westen die Päpste waren, leistete keine Hilfe mehr. Als neuer Bündnispartner kam nur noch das Frankenreich infrage. 754 reiste Papst Stephan II. (reg. 752–757) zu Pippin und bat ihn um Schutz. Nach alttestamentarischem Vorbild (1 Samuel 10) salbte er Pippin und dessen Söhne zu Königen und ernannte Pippin zum Beschützer der Römer ( Patricius Romanorum ). Dieser revanchierte sich mit zwei Feldzügen gegen die Langobarden (754 und 756); die eroberten Gebiete um Ravenna und Rom übergab er dem Papst (Pippinische Schenkung). Dadurch wurde dieser auch zum weltlichen Herrscher, wenn er auch faktisch vom Frankenreich abhängig blieb. Für die aufstrebenden Karolinger bedeutete die Krönung den vorläufigen Höhepunkt ihres Aufstiegs von einer regionalen Adelsfamilie zum legitimen Herrschergeschlecht über das gesamte Frankenreich und zum neuen Schutzherrn des Nachfolgers Petri in Rom. Wer wurde Nachfolger König Pippins? Als Pippin 768 starb, wurde das Reich unter seinen Söhnen Karl (747–814) und Karlmann (751–771) aufgeteilt. Karl (I.) drängte seinen Bruder mehr und mehr ins Abseits, aber bevor es zum offenen Machtkampf kommen konnte, starb Karlmann – Karl war alleiniger Herrscher. Ein Bündnis mit dem Langobardenkönig Desiderius (Reg. 756–774), an dessen Hof Karlmanns Erben geflohen waren, zerbrach. Als Papst Hadrian I. (772–795) Karl um erneute Unterstützung im Kampf gegen die Langobarden bat, zog dieser nach Italien, unterwarf das Langobardenreich (773/74) und nahm in der Folge den langobardischen Königstitel an. Auch bestätigte er dem Papst die Pippinische Schenkung (774, 781). War Karl ein kriegerischer König? Wenn es um die Interessen seines Reiches ging, scheute Karl keinen Waffengang. Von 772 bis 804 führte er verschiedene Kriege gegen die heidnischen Sachsen, die über ihr Stammesgebiet zwischen Weser und Elbe bis weit ins heutige Friesland und nach Westfalen vorgedrungen waren. Ihre Christianisierung betrieb Karl mit äußerster Härte. Nachdem die Sachsen 782 ein gegen die Slawen ausgesandtes fränkisches Heer geschlagen hatten, ließ er eine große Zahl (angeblich 4500) sächsischer Geiseln in Verden an der Aller hinrichten. Der danach ausgebrochene Aufstand unter dem sächsischen Herzog Widukind endete 785 mit dem Friedensschluss und der Taufe Widukinds. Bis 804 waren die Sachsen dann schließlich vollständig unterworfen. Die kirchliche Eingliederung des eroberten Gebiets geschah durch Gründungen von Bistümern in Münster, Osnabrück, Paderborn, Bremen, Minden und Verden. Allerdings blieb das sächsische Recht neben dem fränkischen weitgehend bestehen. In weiteren Kriegen zwischen 789 und 812 machte Karl die slawischen Wilzen, Sorben und Tschechen tributpflichtig. Er zerschlug das Awarenreich in Südosteuropa (803) und unternahm einen Feldzug gegen die Araber in Spanien (778), der trotz einer Niederlage bei Roncesvalles den Norden bis zum Ebro unter fränkische Kontrolle brachte. Zum Schutz vor Einfällen der Araber errichtete Karl 795 in Nordspanien die Spanische Mark. Warum wurde der fränkische König neuer Kaiser? Nach seinen Siegen war Karl unangefochtener Herrscher eines Großreiches, in dem das Christentum sich weit nach Norden und Osten ausgedehnt hatte. Als Schutzherr Roms nahm er eine Aufgabe wahr, die traditionell dem byzantinischen Kaiser zugefallen war, die dieser aber nicht mehr erfüllen konnte. Als mit Irene (auch Eirene, 752–803) eine Frau am Bosporus regierte (seit 780 für ihren Sohn, 797–802 offiziell als Herrscherin), war der Kaisertitel nach kirchlicher Auffassung unbesetzt. Am Weihnachtstag des Jahres 800 krönte daher Leo III. (um 750–816, Papst seit 795) Karl zum Römischen Kaiser. Ob Karl diese Krönung wirklich angestrebt hatte oder, wie sein Biograf Einhard berichtet, von ihr überrascht worden war, ist umstritten. Einerseits passte der Kaisertitel gut zu Karls Politik, die ganz bewusst auf das geistig-kulturelle Erbe der Antike zurückgriff (karolingische Renaissance). Andererseits brachte sie Karl in Konflikt mit Byzanz, das sich als legitimer Nachfolger des Römischen Reiches betrachtete und den »westlichen« Kaiser erst 812 mit dem Vertrag von Aachen gegen territoriale Zugeständnisse (Venetien, Istrien und Dalmatien) anerkannte. Auch drohte eine Abhängigkeit der fränkischen Herrscher vom Papst, der den fränkischen König ja erst zum (abendländischen) Kaiser machte. Seinen Sohn und Nachfolger Ludwig I. (den Frommen, 778 bis 840) krönte Karl 813 in Aachen daher selbst, ohne Zutun des Papstes, zum Mitkaiser. Welches Erbe hinterließ Kaiser Karl der Große? Als Karl der Große am 28. Januar 814 starb, hinterließ er ein scheinbar gefestigtes Erbe. Mit seinen zahlreichen Reformen prägte er nicht nur die weitere Geschichte Frankreichs und Deutschlands. Die so genannte karolingische Renaissance brachte eine Rückbesinnung auf antike Kunst, Architektur und Literatur sowie auf die lateinische Sprache; sie hatte maßgeblichen Einfluss auf die Wissenschaft und Bildung im Mittelalter. Die Verwaltung des Reiches stellte Karl durch Grafen und durch Königsboten zu deren Kontrolle auf eine neue organisatorische Grundlage. Die sich in seiner Regierungszeit durchsetzende Dreifelderwirtschaft verschaffte der Landwirtschaft steigende Erträge. Karls Münzreform von 780/81 wurde auch in England übernommen und behielt dort bis 1971 Gültigkeit. Die Bezeichnung Karls des Großen als »Vater Europas« ist durchaus nicht übertrieben, wenn man sich vor Augen führt, dass die sechs Gründungsstaaten der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (1957), der Vorläuferin der Europäischen Union, fast genau das Herrschaftsgebiet Karls umfassten. Wie führten Karls Nachkommen das Reich weiter? Karls Sohn Ludwig I., der Fromme, legte bereits 817 in der Ordinatio imperii (»Regelung der Herrschaft«) die Aufteilung des Reiches auf seine drei Söhne fest, wobei der Kaisertitel auf Lothar I. übergehen sollte. Als er diese fränkische Tradition der Reichsteilung im Erbfall zugunsten von Karl II. (dem Kahlen), einem Sohn aus zweiter Ehe, wieder änderte, erhoben sich die anderen Söhne gegen ihn (830/833), erzwangen seine Abdankung und setzten ihn in Klosterhaft. Zwar wurde er 834 wieder als Kaiser eingesetzt, aber die Machtkämpfe innerhalb seiner Familie hielten bis über seinen Tod hinaus an. Erst mit dem Vertrag von Verdun (843), der eine Dreiteilung des Frankenreiches zwischen den drei Brüdern Karl II., Lothar I. und Ludwig II. vorsah, wurde eine Einigung erzielt. Ludwig erhielt das Ostfränkische Reich, was ihm den Beinamen »der Deutsche« brachte – es entsprach fast dem Gebiet der Bundesrepublik Deutschland vor 1990. Das Mittelreich Lothars umfasste einen schmalen Landstreifen von Friesland und der Scheldemündung bis Mittelitalien; als Schutzherr der römischen Kirche erhielt Lothar den Kaisertitel. Das Westfränkische Reich Karls entsprach (mit Ausnahme der Bretagne) dem heutigen Westen Frankreichs und Belgiens; die östliche Grenze verlief etwa von der Rhein- zur Rhônemündung. Bald nach dem Tod Lothars (855) fiel das Mittelreich im Norden an Ostfranken (870/80). Lothars Sohn Ludwig erhielt den Süden des Reichs und den Kaisertitel. Als Ludwig 875 ohne Nachkommen starb, zerfiel auch sein Reich. Der Papst, von den nordafrikanischen Sarazenen bedroht, ernannte zwar noch einige ihn unterstützende Karolinger zu Kaisern, musste aber jetzt für seine Verteidigung auf Regionalfürsten aus Italien zurückgreifen. Welche Entwicklung führte zum Ende der karolingischen Dynastie? Letztmalig gelang es Karl III. (dem Dicken, 839–888, Kaiser 881–887), einem Sohn Ludwigs des Deutschen, beinahe das ganze Reich Karls des Großen unter seine Herrschaft zu bringen. Mit seiner Absetzung durch seinen Neffen Arnulf von Kärnten im Jahre 887 sollte das Frankenreich endgültig geteilt bleiben; Westfranken und Ostfranken gingen fortan getrennte Wege. Arnulf konnte seine Herrschaft in Ostfranken festigen. Er schlug 891 die Wikinger, die im 9. Jahrhundert immer wieder fränkische Städte überfielen. Die Unterstützung des Papstes gegen die Langobarden brachte Arnulf 896 als letztem Karolinger auch die Kaiserkrone ein. Sein Sohn, Ludwig das Kind (893–911), war der letzte ostfränkische König aus dem Geschlecht der Karolinger. Die zunehmend mächtiger gewordenen Stammesherzöge von Bayern, Franken, Sachsen, Schwaben und Thüringen wählten einen der Ihren, Konrad (I.), Herzog der Franken, zum ostfränkischen König. Im Westfränkischen Reich hielten sich die Karolinger bis zum Tod Ludwigs V. (987); sie konnten sich aber kaum mehr gegen den starken Adel durchsetzen. Wussten Sie, dass … König Childerich I. in der Kleidung eines römischen Generals begraben wurde? die Merowinger angeblich lange Haare trugen und bei ihren seltenen Auftritten in der Öffentlichkeit von Ochsenkarren aus Proklamationen verlesen haben sollen? Was war die »Karolingische Renaissance«? Mit diesem Begriff ist die Rückbesinnung auf Kunst und Werte der Antike in der Zeit Karls des Großen gemeint. Nach den langen Jahrhunderten des Verfalls und der Unruhe im Gefolge des Untergangs des Römischen Reiches erkannte man im Altertum eine Vorbildfunktion für die eigene Zeit. Kunst und Architektur lehnten sich an frühchristlichen und byzantinischen Traditionen an. Die an antiken Vorbildern orientierten karolingischen Minuskeln (Kleinbuchstaben) verbreiteten sich in großen Teilen Europas. In der Krönung des Frankenkönigs Karl zum römischen Kaiser sah man ein Wiederaufleben des glanzvollen römischen Reichs ( renovatio imperii ). Welche Funktion hatte Karls Hofschule? Karls Hofschule, die Schola Palatina , versammelte Gelehrte aus allen Teilen Europas am Hof, neben dem angelsächsischen Gelehrten Alkuin etwa den langobardischen Geschichtsschreiber Paulus Diaconus, Bischof Theodulf von Orléans und den fränkischen Geschichtsschreiber Einhard, Karls späteren Biografen. Sie sollten für Wissen und Gelehrsamkeit in der Umgebung des Kaisers sorgen. Nach dem Vorbild der Hofschule entstanden im ganzen Reich Dom- und Klosterschulen, die nach antikem Muster Bildung vermitteln sollten. Wussten Sie, dass … Karl der Große zunächst Analphabet war und erst in höherem Alter mühsam lesen und schreiben lernte? Kaiser Karl fünfmal verheiratet war? Daneben hatte er diverse Konkubinen und eine große Schar ehelicher und unehelicher Kinder. Das Lehnswesen: Von Lehnsherren, Vasallen und Unfreien Was versteht man unter dem Lehnswesen? Im mittelalterlichen Lehnswesen verlieh der Lehnsherr – das war zunächst einmal der König, aber auch ein reicher Adliger – auf Lebenszeit einem Lehnsmann ein Lehen. Dabei handelte es sich meist um Land. Der Lehnsmann musste als Gegenleistung dem Lehnsherrn – meist militärische – Gefolgschaft leisten. Die vom Lehnswesen geprägte mittelalterliche Gesellschaftform bezeichnet man als Feudalismus. Lehnsherr und meist adliger Lehnsmann traten mit der Lehnsvergabe in ein gegenseitiges lebenslanges Treueverhältnis ein. Sie schworen einander, nichts zum Schaden und alles zum Nutzen des anderen zu tun. Der Vasall schwor seinem Lehnsherrn Gehorsam und verpflichtete sich zu Diensten wie der Heeresfolge. Der Lehnsherr wiederum sorgte für den Schutz seines Vasallen. Auch Bistümer und Klöster erhielten Lehen. Mit dem Wandel von einem Heer aller Freien hin zu einer Berufsarmee aus Reitern (Rittern) im 7. und 8. Jahrhundert diente das Lehnswesen zu deren Versorgung. Diese wurde durch das Land samt den dort lebenden Menschen, aber auch durch Ämter und Rechte gewährleistet. Karl der Große belehnte seine Reichsverwalter, die Grafen, mit reichem Grundbesitz, um den Stammesadel zu entmachten. Wie entstand die Lehnspyramide? Auch der Vasall konnte Lehnsherr sein und einen Teil seines Besitzes an Untervasallen (Aftervasallen) weitergeben, die ihm Kriegs- und Amtsdienste leisteten. So entstand eine Lehnspyramide mit dem König an der Spitze. Dessen Lehnsmänner, die Kronvasallen, standen ihrerseits über mehreren Untervasallen. Im deutschen Raum differenzierte sich die kleine adelige Oberschicht im Hochmittelalter weiter aus: Unterhalb des Königs standen die geistlichen und die weltlichen Fürsten, die nächste Stufe bildeten Grafen und Freiherren, darunter standen die Ministerialen (ehemals Unfreie, die dank ihrer Aufgaben am Hof in den Adel aufgerückt waren) und ihre Vasallen; die letzte Stufe bildeten jene, die aufgrund ihrer Geburt zwar Lehen erhalten, aber nicht vergeben konnten. Konnten auch Bauern Lehnsmänner werden? Nein. Unter den Lehnsmännern standen die unfreien Bauern, denen gegen Natural- und Arbeitsleistungen Land zur Verfügung gestellt wurde, allerdings nicht in Form eines Lehens. Es bestand keine gegenseitige Treuepflicht, auch keine Heeresfolge, stattdessen eine einseitige Abhängigkeit des Unfreien. Stärkte das Lehnswesen die königliche Macht? Jein, das Lehnswesen konnte die Macht des Königs stärken, aber auch schwächen. Schon im 9. Jahrhundert fiel das Lehen nach dem Tod des Vasallen nicht mehr automatisch an den Lehnsherrn zurück, sondern immer häufiger traten dessen Erben wie selbstverständlich in das bestehende Lehnsverhältnis ein. Damit wurde das Lehen faktisch zum erblichen Besitz des Vasallen. Das führte zunächst zum Verfall der königlichen Macht: Ein Kronvasall, der sich der Treue seiner Lehnsmänner sicher war, konnte unabhängig vom König oder sogar gegen ihn über sein Lehen verfügen; seine eigenen Vasallen hatten nämlich nur ihrem Lehnsherrn, nicht dem König Treue geschworen. So schritt in Deutschland und Italien die Bildung von Territorien fort, in denen der nominelle Herrscher es immer schwerer hatte, seinen Machtanspruch geltend zu machen. In Frankreich gelang es den Königen seit dem 11. Jahrhundert, diese Entwicklung umzukehren. Lehen, die durch Tod oder Illoyalität hinfällig geworden waren, wurden wieder dem König zugeschlagen und gegebenenfalls neu verliehen. Entscheidend war auch, dass die Untervasallen ihrem Herrn die Treue nur insoweit versprachen, wie ihre Treuepflicht gegenüber dem König nicht verletzt wurde. Diese Treuepflicht aller Vasallen gegenüber dem König gilt als eine der Ursachen für die Stärkung der königlichen Zentralgewalt in Frankreich wie auch in England. In Deutschland kam es dagegen zur Zersplitterung in viele unabhängige Herrschaftsbereiche. Wussten Sie, dass … im mittelalterlichen Lehnswesen germanische, keltische und römische Elemente verschmolzen? Es verband sich das germanische Gefolgschaftswesen, das ein Treueverhältnis zwischen Herr und Gefolgsmann bedeutete, mit der gallorömischen Kommendation, bei der es sich um die Ergebung eines Vasallen in den Schutz eines Herren handelte. sich der eng an Grundbesitz geknüpfte Feudalismus nur solange aufrechterhalten ließ, als die Landwirtschaft der zentrale Wirtschaftsfaktor war? sich der Begriff »Feudalismus« für die mittelalterliche Gesellschaftsordnung von dem lateinischen Wort für »Lehen«, »feudum«, ableitet? Das Reich im Hochmittelalter: Drei Dynastien auf dem Thron Mit welchem Stamm begann die deutsche Geschichte? Sie begann mit den Franken. Nach dem Aussterben der ostfränkischen Karolinger mit dem Tod Ludwigs des Kindes (911) wählten Franken, Sachsen, Bayern und Alemannen Konrad, den fränkischen Herzog (seit 906), zum König. Diese Ereignisse werden gemeinhin als Beginn der »deutschen Geschichte« angesehen. Konrads Kampf gegen die mächtigen Stammesherzöge war wenig erfolgreich, da er nur bei den süddeutschen Bischöfen Unterstützung fand. Im Sinne einer Stärkung des Reiches empfahl er vor seinem Tod (918) seinen erbittertsten Gegner, den sächsischen Herzog Heinrich, als Nachfolger. Wie entstand die Dynastie der Ottonen? Mit Heinrich I. (um 875–936), 919 von Franken und Sachsen zum König gewählt, saß erstmals ein Nichtfranke auf dem Thron des von Merowingern und Karolingern geformten Reiches. Nach wenigen Jahren erkannten auch Bayern und Alemannen Heinrichs Königtum an. Die Herzogtümer, besonders in Süddeutschland, akzeptierten Heinrich zunächst allerdings nur, weil sie königliche Rechte in ihrem Herrschaftsbereich behielten. Mit dem Übergang des Königtums auf Heinrichs Sohn Otto I. (der Große, 912–973) kehrte man der fränkischen Tradition den Rücken, das Reich unter den Söhnen des verstorbenen Königs aufzuteilen. Mit Otto begann die Individualsukzession (Thronfolge eines Einzelnen), das Reich wurde unteilbar und damit zu einer dauerhaften politischen Größe. Wie sicherte Otto I. seine Herrschaft? Auf Veranlassung Königin Adelheids von Niederburgund und Italien (931–999) zog Otto 951/52 nach Norditalien. Durch den Sieg über Markgraf Berengar von Ivrea, der das Königreich Italien usurpiert hatte (950 Krönung in Pavia), sicherte sich Otto den langobardischen Königstitel. Die Verwaltung Italiens überließ er Berengar, der damit sein Vasall (Lehnsmann) wurde. Ottos Sohn Liudolf (um 930–957), der durch die zweite Ehe seines Vaters mit Adelheid um die eigene Thronfolge fürchtete, erhob sich jedoch 953/54 zusammen mit seinem Schwager, Herzog Konrad dem Roten von Lothringen († 955). Mit der Niederschlagung dieses Aufstandes und dem Sieg über die Ungarn auf dem Lechfeld (955), der den ungarischen Übergriffen auf das Reichsgebiet ein Ende setzte, festigte Otto seine Herrschaft. Was war das ottonische Reichskirchensystem? Es bedeutete, dass Otto I. die Bischöfe in die Reichsverwaltung mit einbezog. Ganz ohne verwandtschaftliche Verbindungen kam er jedoch auch in diesem »Reichskirchensystem« nicht aus: Seinen Bruder Brun machte er zum Erzbischof von Köln und übertrug ihm die Verwaltung Lothringens. Erzbischof von Mainz wurde sein unehelicher Sohn Wilhelm. Durch die Übertragung von Ländereien und königlichen Hoheitsrechten (Regalien) an kirchliche Würdenträger sollte die Entstehung von Erbdynastien verhindert werden. Nach dem Tod eines Bischofs (oder Reichsabtes) fielen Territorium und Hoheitsrechte wieder an den König zurück. Durch seine Mitwirkung bei Wahl und Einsetzung (Investitur) der geistlichen Würdenträger behielt er die Kontrolle. Wie stärkte Otto I. das Kaisertum? Durch den zweiten und den dritten Italienfeldzug. Vom Papst gegen Berengar um Unterstützung gebeten, zog Otto 961 zum zweiten Mal nach Italien (bis 965). Die Kaiserkrönung durch Johannes XII. (um 937–964, Papst seit 955) 962 in Rom erneuerte das Kaisertum der Karolinger und verband es bis zum Ende des Reiches 1806 mit den deutschen Königen. Die Übernahme des Kaisertitels führte zum Konflikt mit Byzanz, noch verschärft durch Ottos dritten Italienzug (966–972), auf dem er auch gegen byzantinische Gebiete in Süditalien vorging. Zum Ausgleich führte u. a. die Hochzeit Ottos II. (955–983), seit 967 Mitkaiser, mit der byzantinischen Prinzessin Theophano (um 950–991) und die Räumung der besetzten Gebiete. Als Gegenleistung erkannte Byzanz Ottos Kaisertum an. Wen bekämpften die Nachfolger Ottos? Ottos Sohn und Nachfolger, Otto II., unterstützte auf seinem Italienzug (980–982) den Papst gegen den römischen Stadtadel, erlitt aber im Süden eine schwere Niederlage gegen die arabischen Sarazenen. Als Otto II. im Jahr 983 starb, konnten Theophano und Adelheid den Anspruch Ottos III. (980–1002) auf die Krone verteidigen. Otto III., der 994 die Regierung übernahm, zog 996 nach Italien und ließ sich zum Kaiser krönen. Bis 999 geriet er wiederholt in Auseinandersetzungen mit dem römischen Stadtadel. Er starb, bevor seine Idee einer Renovatio Imperii Romanorum (Erneuerung des Römischen Reiches), also der Rückgriff auf römische und karolingische Traditionen sowie die Einbeziehung des Papstes, Kontur gewinnen konnte. Nachfolger Ottos III. wurde dessen Vetter Heinrich II. (973–1024). Im Osten musste er sich mit dem erstarkten Königreich Polen auseinander setzen, im Westen konnte Heinrich einen Teil Flanderns als Reichslehen gewinnen und sich die Anwartschaft auf das Königreich Burgund sichern. Wie ging die Herrschaft an die Salier über? Als Heinrich II. 1024 kinderlos starb, standen zwei Kandidaten zur Wahl, die beide aus der fränkischen Familie der Salier stammten; die Entscheidung fiel zugunsten Konrads II. (um 990–1039). Die Salier traten in die Fußstapfen der Ottonen, 1027 erlangten sie den Kaisertitel. Den Höhepunkt ihrer Macht erreichten sie unter Konrads Sohn Heinrich III., der 1041 Böhmen und 1044 kurzzeitig auch Ungarn unter die Lehenshoheit des Reiches brachte. Sein Erbe trat 1056 sein erst sechsjähriger Sohn Heinrich IV. (1050–1106) an. Bis zur Volljährigkeit des Königs regierten die Erzbischöfe von Köln und Bremen an seiner Stelle. Als Heinrich selbst die Regierung übernahm, brauchte er zehn Jahre, bis er mit einem Sieg über die aufständischen Sachsen (1075) seine königliche Autorität wiederhergestellt hatte. Unter Heinrich IV. erreichte auch ein weiterer Konflikt seinen Höhepunkt: Gregor VII. (um 1021–1085, Papst seit 1073) suchte den Vorrang des Papstes vor allen weltlichen Machthabern – auch dem Kaiser – zu begründen. Das damit verbundene Vorgehen gegen die Laieninvestitur, das heißt die Einsetzung der Bischöfe durch den weltlichen Herrscher, musste das Reichskirchensystem in seinen Grundfesten erschüttern. Der König war nämlich auf die Loyalität seiner Bischöfe, die zugleich weltliche Aufgaben erfüllten, angewiesen. Der »Investiturstreit« eskalierte. Erst seinem Sohn Heinrich V. (1086–1125) gelang es, den Investiturstreit mit dem Kompromiss des Wormser Konkordats (1122) beizulegen. Warum gelangten die Staufer an die Macht? Heinrich V. war der letzte Salier auf dem Kaiserthron. Als sein Nachfolger wurde 1125 Lothar III. von Supplinburg (1075–1137) gewählt. Nur zwei Jahre später erhoben einige Fürsten den Staufer Konrad III. (1093 bis 1152) zum Gegenkönig, der erst nach dem Tod Lothars 1137 allgemein anerkannt wurde. Konrad musste sich mit den Herrschaftsansprüchen der Welfen, angeführt von Heinrich dem Stolzen, Schwiegersohn Lothars und Herzog von Bayern und Sachsen, auseinander setzen. Konrads Neffe und Nachfolger Friedrich I. Barbarossa (1122–1190) fand zwischenzeitlich einen Ausgleich mit Heinrichs Sohn, Heinrich dem Löwen (um 1129–1195). Wie kam es zum offenen Konflikt mit den Welfen? 1176 weigerte sich Heinrich, am Italienfeldzug teilzunehmen, der mit einer schweren Niederlage Barbarossas gegen die verbündeten lombardischen Städte endete. Nach Deutschland zurückgekehrt, betrieb Barbarossa den Sturz Heinrichs, der 1181 nach England ins Exil ging. Dessen Sohn Otto IV. (um 1176–1218), unterstützt vom Papst und seinem Onkel, dem englischen König Richard I. Löwenherz (1157–1199, reg. seit 1189), wurde 1198 von antistaufischen Fürsten gegen Barbarossas Sohn Philipp von Schwaben (um 1178–1208) zum König gewählt. Nach Philipps Tod als regulärer König anerkannt, konnte sich Otto 1209 zum Kaiser krönen lassen. Als sich mit päpstlicher Hilfe wieder ein Staufer, Friedrich II. (1194–1250), durchsetzte, war die reichspolitische Bedeutung der Welfen endgültig gebrochen. Was ist die Bilanz der Stauferzeit? Die Stauferzeit wurde geprägt von den herausragenden Herrscherpersönlichkeiten Barbarossa und Friedrich II. Allerdings hinterließ sie wegen der langen Auseinandersetzungen mit den Welfen und dem Papst sowie mit den selbstbewussten norditalienischen Städten ein geschwächtes Reich. Mit seinen Zugeständnissen an die geistlichen und weltlichen Fürsten (1220 bzw. 1232) begünstigte Friedrich II. die Bildung unabhängiger Landesherrschaften. Nach dem Ende der Stauferdynastie (1254) brach eine Zeit ohne allgemein anerkannten Herrscher an, das Interregnum; es endete erst 1273 mit der Wahl des Grafen Rudolf von Habsburg (1218–1291) zum König. Wussten Sie, dass … sich in der ottonischen Architektur deutliche stilistische Anlehnungen an antike, frühchristliche und byzantinische Vorbilder zeigen? In bewusster Anknüpfung an die römische Antike wurden etwa für den 955 begonnenen Bau des Magdeburger Kaiserdoms Bauteile aus Rom verwendet. Wie erhielt das Reich seinen Namen? Das als Erbe des Ostfränkischen Reiches der Karolinger bis 1806 auf deutschem Boden bestehende Reich führte während des größeren Teils seines Bestehens nicht das Wort »deutsch« in seinem Namen. Bei der Kaiserkrönung Ottos I. (962) wurde es, in Anknüpfung an den römischen Kaisertitel, Imperium Romanum (»Römisches Reich«) genannt. Diese Bezeichnung wurde 1157 von Barbarossa auf Sacrum Imperium Romanum (»Heiliges Römisches Reich«) erweitert, um die Gleichrangigkeit von Kaiser und Papst zu betonen. Erst auf dem Wormser Reichstag 1484 erhielt das Reich den Namen »Heiliges Römisches Reich Deutscher Nation«, den es bis zu seiner Auflösung 1806 behielt. Der Verzicht auf die Bezeichnung »deutsch« lag darin begründet, dass sich die weltlichen und geistlichen Eliten zunächst weiterhin als Bayern, Franken, Lothringer, Sachsen oder Schwaben verstanden. Wussten Sie, dass … Heinrich II. als einziger deutscher Herrscher 1146 heilig gesprochen wurde? Heinrich gründete das Bistum Bamberg (1007) und förderte Klöster und Bistümer durch umfangreiche Schenkungen. Warum wurde Heinrich IV. mit dem Kirchenbann belegt? Hintergrund des Kirchenbanns über Heinrich IV. ist der so genannte Investiturstreit. Darin ging es um die Befugnis, Geistliche wie Bischöfe oder Äbte in ihre Ämter einzusetzen (die Investitur). Seit Otto dem Großen stritten Kaiser und Päpste um dieses Recht. Als Heinrich IV. in den 1070er Jahren in Oberitalien Bischöfe einsetzte, belegte ihn Papst Gregor VII. nach mehreren fruchtlos gebliebenen Ermahnungen mit dem Kirchenbann, also der Exkommunikation. Damit waren alle Christen von ihrem Treueeid gegenüber dem König entbunden. Viele der deutschen Fürsten, die ihn bis dahin gestützt hatten, versagten dem König nun die Gefolgschaft. Er musste handeln. Im Januar 1077 trat er auf der Burg Canossa dem Papst im Büßergewand gegenüber. Dieser löste den König daraufhin vom Kirchenbann. Der Investiturstreit wurde jedoch erst 1122 definitiv beigelegt. Die Staufer: Kampf um ein starkes Heiliges Römisches Reich Wann begann der Aufstieg der Staufer? Der Aufstieg der Staufer (auch Hohenstaufen) fing unter Kaiser Heinrich IV. an. Dieser ernannte 1079 Friedrich (um 1050 bis 1105), Ritter von Staufen, zum Herzog Friedrich I. von Schwaben. Durch die Heirat Friedrichs mit Heinrichs Tochter Agnes entstanden dynastische Verbindungen zu den Saliern. Als mit dem Tod Heinrichs V. (1125) das Geschlecht der Salier ausstarb, erhob daher Friedrichs Sohn, Herzog Friedrich II. (1090–1147, reg. seit 1105) von Schwaben, Anspruch auf den Königsthron. Nachdem stattdessen Lothar von Supplinburg (1075–1137) 1125 als Lothar III. zum König gewählt wurde, ließ sich Friedrichs Bruder Konrad III. (1093–1152) 1127 zum Gegenkönig ernennen. Er konnte sich nach Lothars Tod schließlich durchsetzen, wurde 1138 gekrönt und begründete so das Königtum der Staufer. Übrigens: Benannt sind die Staufer nach der Burg Stauf auf dem Hohenstaufen (Schwäbische Alb). Gab es Rivalen der Staufer in Deutschland? Ja, die Welfen. Konrads Hauptgegner im Kampf um den Königsthron war Heinrich X. (der Stolze, um 1108–1139), Herzog von Bayern (1126–1138) und Sachsen (1137 bis 1139). Er stammte aus dem Geschlecht der Welfen, das schon unter Karl dem Großen nachweisbar ist und sich vom schwäbischen Grafen Welf I. (gestorben um 820) ableitete. Unter Welf IV., dem Herzog von Bayern (1070–1077 und von 1096 bis zu seinem Tod 1101), war das von ihm begründete jüngere Welfenhaus zur rivalisierenden Macht der Salier aufgestiegen. Heinrich der Stolze, von seinem Schwiegervater Lothar zum Nachfolger in Sachsen und im Reich bestimmt, verweigerte Konrad die Anerkennung als König. Konrad ließ daraufhin Heinrich ächten und übertrug seine Herzogtümer Sachsen und Bayern anderen Fürsten. Heinrichs Sohn Heinrich der Löwe (um 1129–1195) erhielt zwar 1142 Sachsen wieder zurück, blieb aber weiterhin in Gegnerschaft zu den Staufern. Wer legte den Streit mit den Welfen bei? Das war Friedrich I., der nach dem Tod seines Onkels Konrad (1152) den Thron bestieg. Wegen seiner welfischen Abstammung – er war Vetter Heinrichs des Löwen – gab er Anlass zur Hoffnung auf einen Ausgleich zwischen Welfen und Staufern. 1154 belehnte er Heinrich wieder mit dem Herzogtum Bayern. Heinrich erkannte nun Friedrichs Königtum an und leistete ihm Heeresfolge. Durch territoriale Ausdehnung jenseits der Elbe und Stadtgründungen (u. a. Lübeck) vergrößerte er seine Hausmacht; in den daraus entstehenden Konflikten mit anderen Fürsten wurde er von Friedrich gestützt. Der Streit zwischen Staufern und Welfen schien nun beigelegt. Wie wurde Friedrich I. Kaiser? Er stellte sich auf die Seite des Papstes. Nachdem Friedrich den Welfen-Konflikt beigelegt hatte, zog er erstmals nach Italien. Dort lieferte er dem Papst Hadrian IV. (um 1110–1159, Papst seit 1154) Arnold von Brescia aus, der die weltliche Macht der Kirche in Rom in Frage gestellt hatte. Hadrian ließ Arnold von Brescia hinrichten und krönte Friedrich den Staufer zum Kaiser (1155). Blieb das Verhältnis zwischen Kaiser und Papst ungetrübt? Nein, es kam zum Konflikt. Friedrich wollte das Kaisertum nämlich vom Papst lösen. Friedrich, von den Italienern mit dem Beinamen Barbarossa (»Rotbart«) bedacht, hatte eine sehr hohe Vorstellung von der kaiserlichen Würde: Dem Kaiser sollte Vorrang vor allen anderen Königen gebühren, und er sollte universale Macht besitzen. Barbarossas politisches Vorbild war Karl der Große, dessen Heiligsprechung er 1165 veranlasste. Zwar strebte Friedrich nicht wirklich die Herrschaft etwa über England oder Frankreich an, doch sah er sich über den anderen Königen stehend. König Heinrich II. von England (1133 bis 1189, reg. seit 1154) erkannte diese Position des Kaisers 1157 für kurze Zeit an, der französische König jedoch nie. Einen wichtigen Schritt zur Lösung vom Papst hatte bereits Konrad III. unternommen, als er sich ohne päpstliche Krönung offiziell als Kaiser bezeichnete. Über das künftige Verhältnis zwischen Kaiser- und Papsttum wurde dann 1157 eine Entscheidung forciert. Denn auch der Papst beanspruchte für sein Amt höchste Autorität; auf dem Reichstag von Besançon ließ Hadrian IV. das Reich zu einem päpstlichen Lehen (beneficium) erklären. Damit wäre der Kaiser formal auf den Status eines dem Papst untergeordneten Lehnsmannes herabgestuft worden. Barbarossa verweigerte dies. Um auch auf geistlichem Gebiet eine Unterordnung unter den Papst zu vermeiden, wurde das Römische Reich in Heiliges (Römisches) Reich (Sacrum Imperium) umbenannt. Der Kaiser stand also unmittelbar zu Gott und war darin dem Stellvertreter Christi auf Erden ebenbürtig. Daraufhin schwenkte der Papst ins Lager der Kaiser-Gegner. Was hatte Barbarossa in Italien weiter vor? 1158 zog Friedrich erneut nach Italien, um die kaiserliche Herrschaft im Norden zu sichern. Anlass war der Hilferuf einiger Städte, die unter der mailändischen Expansion zu leiden hatten. Nach der Unterwerfung Mailands berief er einen Reichstag in die Ebene von Roncaglia. Mit den Ronkalischen Gesetzen, angeblich ein Rückgriff auf alte kaiserliche Rechte, wollte