Gesellschaft und Staat – soziales Wesen Mensch

Gesellschaft und Staat – soziales Wesen Mensch Noch vor 250 Jahren war die Stellung eines Menschen in der Gesellschaft weitgehend durch seine Herkunft festgelegt: Der Sohn eines Bauern wurde ebenfalls Bauer. Der Aufstieg in eine höhere soziale Schicht war nahezu unmöglich. Moderne Gesellschaften dagegen sind durch soziale Durchlässigkeit gekennzeichnet: Wer in der Schule und am Arbeitsplatz gute Leistungen erbringt, kann sich »hocharbeiten«. Die Mitglieder der heutigen Gesellschaft haben die Möglichkeit, ihren Lebensstil frei zu wählen. Gleichzeitig sind die soziale Schichtung und die Machtstrukturen heute ungleich komplexer als in vorindustriellen Gesellschaften. Die Gesellschaftsstruktur hat sich dadurch stark gewandelt. Auch unsere heutige postindustrielle Gesellschaft ist nur deswegen stabil und produktiv, weil hinsichtlich bestimmter Grundwerte Übereinstimmung besteht. Dazu dienen spezifische Wertvorstellungen und Normen, die dem Mensch bzw. seinen Handlungen eine gewisse Regelmäßigkeit verleihen. Werden Normen nicht eingehalten, also verbindliche Verhaltensregeln nicht beachtet, kann dieses abweichende Verhalten durch Sanktionen bestraft werden. Wenn der Einzelne jedoch die Normen der Gesellschaft verinnerlicht, wird eine äußere Überwachung bzw. Kontrolle des Verhaltens überflüssig. Normen und auch Wertvorstellungen ändern sich, manche verschwinden und neue kommen hinzu. Diesen Wandel können auch soziale Konflikte wie die Studentenproteste und die Frauenbewegung der 1960er und 1970er Jahre herbeiführen. Mit der veränderten Gesellschaftsstruktur haben sich auch die sozialen Rollen gewandelt: Frauen haben heute viel mehr Rechte als noch vor 50 Jahren. Und auch die Familienstrukturen haben sich neu geordnet: Die Großfamilie wurde weitgehend durch die Kleinfamilie ersetzt; viele Familien bestehen heute aus nichtehelichen Lebensgemeinschaften, Alleinerziehenden mit Kindern oder Lebenspartnern mit Kindern aus verschiedenen Beziehungen. Gesellschaftstheorien: Nachdenken über Gemeinschaft Strebt der Mensch von Natur aus nach Macht und Besitz? Zumindest stellte Thomas Hobbes (1588–1679) diese Theorie auf. »Homo homini lupus est.« (Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.), beschrieb der englische Philosoph den Naturzustand der Menschheit. Hobbes war der Erste, der nicht mehr Gott bzw. die göttliche Ordnung in das Zentrum der Gesellschaftstheorien stellte. Nur ein mit umfassenden Machtbefugnissen ausgestatteter, absolutistischer Staat, so Hobbes, könne diesen Krieg aller gegen alle verhindern und innerhalb der Gesellschaft ein Höchstmaß an Sicherheit gewährleisten. Wie unterscheidet man Gesellschaften? Mit welchem »Etikett« man eine Gesellschaft versieht, hängt davon ab, unter welchen Gesichtspunkten man sie betrachtet. Beispiele sind die vorherrschende Erwerbsform (z. B. Agrargesellschaft), das politische System (kapitalistische Gesellschaft) oder der Stand der technischen Entwicklung (Industriegesellschaft). Indirekt spiegelt sich in der jeweiligen Charakterisierung auch ein bestimmtes Menschenbild bzw. eine bestimmte Gesellschafts- oder Wirtschaftstheorie wider. Wozu dienen Gesellschaftstheorien? Die im 17. und 18. Jahrhundert entworfenen Gesellschaftstheorien dienten u. a. als Begründung bzw. Rechtfertigung für bestimmte Staatsformen wie Absolutismus, konstitutionelle Monarchie oder Demokratie. In den Mittelpunkt der Soziologie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts rückte neben Theorien wie dem Marxismus die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit bestimmten, das Zusammenleben prägenden Teilaspekten. Gefragt wurde nun beispielsweise nach der Bedeutung von Werten und Normen, nach der Entstehung von Institutionen und nach den verschiedenen Formen zwischenmenschlichen Verhaltens (soziales Handeln). Was hat Kommunikation mit Gesellschaft zu tun? Laut den Theorien des Soziologen Niklas Luhmann (1927–1998) ist die Gesellschaft ein System, das aus verschiedenen Teilsystemen (z. B. Wirtschaft, Politik, Kultur) besteht, die durch Kommunikation miteinander verbunden sind und einander beeinflussen. Luhmanns sog. strukturell-funktionale Theorie bzw. die darauf aufbauende Systemtheorie zählen zu den einflussreichsten und bedeutsamsten umfassenden Gesellschaftstheorien der Moderne. Danach ist Funktionalität, das heißt Zweckmäßigkeit, das oberste Handlungsprinzip aller Teilsysteme. Zweckmäßig sind Handlungen immer dann, wenn sie dazu dienen, das System aufrechtzuerhalten oder an veränderte Umweltbedingungen anzupassen. Wird unsere Gesellschaft immer komplexer? Ja, denn auch die Lebensumwelt des Menschen wurde vor allem in den letzten 200 Jahren aufgrund des wissenschaftlichen und technischen Fortschritts immer vielschichtiger. Auf die zunehmende Komplexität reagierte das System Gesellschaft durch eine zunehmende Differenzierung: Neue Teilsysteme entstanden, bestehende Teilsysteme wurden ausgebaut. Ein typisches Beispiel für diese Entwicklung ist die Differenzierung im Bereich der Kommunikationstechnik als »Reaktion« auf die industrielle Revolution des 18. und 19. Jahrhunderts und die damit einhergehenden gesellschaftlichen Veränderungen. Ist eine bessere Welt utopisch? In gewisser Weise schon, denn seit Jahrtausenden bringen Menschen ihre Sehnsucht nach einer besseren Welt und ihre Visionen künftiger Gesellschaften in utopischen Beschreibungen zum Ausdruck. Eine der ältesten Utopien formulierte der antike griechische Philosoph Platon (427–347 v. Chr.), als er den Inselstaat Atlantis beschrieb. Die dortige Gesellschaft soll ein Musterbeispiel an militärischer Kraft, Wohlstand und Gerechtigkeit gewesen sein, bis ein allmählich um sich greifender sittlicher Verfall zum Untergang führte. Der englische Staatsmann Thomas Morus (1478–1535) verfasste 1516 seine Schrift »Utopia«, die zur Namensgeberin einer ganzen Literaturgattung wurde. In Morus' Idealgesellschaft gibt es kein Privateigentum und kein Geld. 100 Jahre später beschrieb der italienische Philosoph Tommaso Campanella (1568–1639) in seinem Werk »Der Sonnenstaat« eine totalitäre Gesellschaft, in der alle Lebensbereiche (sogar Partnerwahl und Fortpflanzung) von Wissenschaft und Vernunft regiert werden. Was ist eigentlich ... eine Spaßgesellschaft? Eine Gesellschaft, bei der Konsum und Lebensfreude im Vordergrund stehen. eine Risikogesellschaft? Eine Gesellschaft, in der den Gefahren, die mit der zunehmenden Individualisierung, Technisierung und Globalisierung verbunden sind, große Bedeutung zukommt. eine offene Gesellschaft? Eine Gesellschaft, die ihren Mitgliedern unabhängig von Herkunft oder Geschlecht die gleichen Chancen zum sozialen Aufstieg ermöglicht. eine postindustrielle Gesellschaft? Eine Gesellschaft, in der der Prozess der Industrialisierung so gut wie abgeschlossen ist und in der andere Lebens- und Wirtschaftsbereiche an Bedeutung gewinnen. Die Entstehung der modernen Gesellschaft Wie lebten die Menschen im Mittelalter? Die typische Gesellschaftsordnung der mittelalterlichen Agrargesellschaft war das Feudalsystem, das im Lehnswesen seine charakteristische Ausprägung erfuhr: Der Herrscher überließ seinen adligen Gefolgsleuten bestimmte Landstriche als Lehen und übertrug ihnen dadurch Herrschaftsgewalt über Grund und Boden sowie über alle darauf lebenden Menschen. Hinter der feudalen Gesellschaftsordnung stand ein Weltbild, in dem die Ungleichheit der Menschen als Teil der göttlichen Ordnung akzeptiert wurde. Die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Stand (Adel, Klerus oder Bauernstand) war durch die Herkunft eindeutig festgelegt. Ein sozialer Ausstieg war in der mittelalterlichen Ständegesellschaft ebenso undenkbar wie der Widerstand gegen die »gottgewollten« Machtverhältnisse. Was führte zum Zusammenbruch des Feudalsystems? Die wachsende Bedeutung der Städte, die Ende des 15. Jahrhunderts einsetzende Reformation, der Humanismus und die Renaissance sowie nicht zuletzt die großen Entdeckungsreisen (vor allem die Entdeckung Amerikas 1492) ließen das Feudalsystem zusammenbrechen. Sie alle veränderten das Weltbild der Menschen und führten durch den Aufschwung der Wissenschaften und die Ausweitung des internationalen Waren- und Geldverkehrs zum Zusammenbruch der alten Strukturen. Das städtische Bürgertum wurde zum wichtigsten Träger eines neuen Gesellschaftsverständnisses, in dessen Mittelpunkt nun nicht mehr Gott, sondern der Mensch stand. Brachte die Aufklärung den Menschen Freiheit? Ja, denn die Philosophie der Aufklärung (Ende des 18. Jahrhunderts) sprach jedem Menschen unabhängig von seiner Herkunft bestimmte angeborene Rechte zu (z. B. das Recht auf Leben, Freiheit, Eigentum). Sie betrachtete Gesellschaft als eine Vereinigung mündiger Bürger, die sich freiwillig einer staatlichen Ordnung unterwerfen, um ihr Zusammenleben effizienter zu gestalten. Die Aufklärung lieferte die geistige Grundlage für die Französische Revolution (1789–99) und die Entstehung einer Gesellschaft, in der das Bürgertum (und nicht etwa der Adel) die bestimmende wirtschaftliche, kulturelle und politische Kraft war. Kann Technik Gesellschaften verändern? Ja, denn durch sie ändern sich die Arbeitsverhältnisse und damit auch das Leben jedes Gesellschaftsmitglieds. Technische Erfindungen wie die Dampfmaschine, die Spinnmaschine und der mechanische Webstuhl revolutionierten Ende des 18. Jahrhunderts den Bergbau und die Textilindustrie Großbritanniens. Kurz darauf eröffneten die Erfindung der Dampflokomotive und Dampfschifffahrt neue Transportmöglichkeiten und Verkehrswege. In den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts wanderten Bauern zu tausenden vom Land in die Städte, um als Fabrikarbeiter ihr Auskommen zu finden. Die »Arbeiterklasse« wurde zu einer stetig wachsenden Bevölkerungsschicht, deren Lebens- und Arbeitsrhythmus von der industriellen Produktionsweise geprägt wurde. Was hat die Industrialisierung gebracht? Ausgereiftere Produktionsverfahren ermöglichten Ende des 19. Jahrhunderts die Massenproduktion von Gütern, die nun auch für ärmere Bevölkerungsschichten erschwinglich wurden. Dank neuer Techniken und Maschinen wurde die Arbeit in den Fabriken leichter und weniger gefährlich. Insgesamt führten Innovation und Fortschritt zu einer allgemeinen Verbesserung des Lebensstandards. Die veränderten Lebens- und Arbeitsbedingungen mündeten schließlich auch in einen Wertewandel, der sich auf alle Bereiche des menschlichen Lebens (z. B. Ehe, Familie, Beruf, Freizeit) erstreckte. Allerdings brachte die Industrialisierung auch große soziale Härten mit sich. Verarmung, Verelendung und Rechtlosigkeit der Industriearbeiterschaft wurden von der Arbeiterbewegung bekämpft und mittels staatlicher Sozialreformen weitgehend gemildert bzw. behoben. Auf eine weitere Kehrseite der auf stetiges Wirtschaftswachstum angewiesenen Industriegesellschaft wies der Club of Rome bereits 1972 in seinem Bericht »Die Grenzen des Wachstums« hin. Das unabhängige Expertengremium warnte darin u. a. vor Ressourcenknappheit und den Folgen der Umweltverschmutzung. Wann ist die Dienstleistungsgesellschaft entstanden? In allen Industriestaaten vollzog sich im Lauf des 20. Jahrhunderts ein Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft, das heißt, der weitaus größte Teil der Wirtschaftsleistung wird im tertiären Sektor (Handel und Dienstleistungen) und nicht mehr im sekundären Sektor (verarbeitendes Gewerbe, Energiewirtschaft u. a.) erbracht. Im Dienstleistungssektor arbeiten auch die meisten Erwerbstätigen, in Deutschland z. B. gut zwei Drittel. Dennoch wird weiterhin von »Industriestaaten« gesprochen. Mikroelektronik und Computertechnik haben unsere Arbeitswelt und unser Privatleben nachhaltig verändert. Moderne Gesellschaften, in denen Mobilität, Flexibilität und die ständige Verfügbarkeit von Informationen als Grundvoraussetzungen für Erfolg gelten, werden deshalb auch als Informationsgesellschaften bezeichnet. Soziales Verhalten: Der Mensch als Teil einer Gruppe Wann ist ein Mensch erwachsen? Erst nach Ende der Pubertät, fast 20 Jahre nach seiner Geburt, ist der Mensch körperlich und geistig so weit gereift, dass wir ihn als erwachsenen Menschen betrachten können. Besonders prägende Lebensabschnitte sind Kindheit und Jugend. Der Mensch schließt die letzte Etappe seiner körperlichen Entwicklung außerhalb des Mutterleibs ab und ist noch lange nach seiner Geburt auf intensive Fürsorge und Pflege angewiesen. Das Kleinkind muss grundlegende Fertigkeiten wie Laufen und Sprechen lernen und üben. Bis zum Eintritt in die Pubertät schulen Kinder wichtige Fähigkeiten wie Erinnern, Planen und abstraktes Denken, während zugleich soziale Beziehungen und Verhaltensnormen an Bedeutung gewinnen. Wie frei ist der Mensch wirklich? Damit eine Gesellschaft mit ihren differenzierten und auch komplizierten Strukturen funktioniert, müssen sich die einzelnen Mitglieder, also die Individuen, an bestimmte Regeln halten. Die Gesellschaft kann nur dann stabil und produktiv sein, wenn alle Mitglieder eine soziale Einheit bilden, das heißt, wenn hinsichtlich bestimmter Grundwerte Übereinstimmung besteht und ein Maximum an sozialer Integration verwirklicht wird. Jede Gesellschaft hat bestimmte Verhaltenserwartungen, die die meisten ihrer Mitglieder auch erfüllen, etwa die Erwartung, dass in der Öffentlichkeit Kleidung getragen wird. Welche Vorteile bringt die Gesellschaft dem Einzelnen? Die Gesellschaft bietet den Individuen einen Rahmen, der ihnen erlaubt, sich zu entfalten, ihren Interessen und Wünschen nachzugehen und ihr Leben so weit wie möglich nach ihren Vorstellungen zu gestalten. Dabei werden von Gesellschaft zu Gesellschaft unterschiedlichste Grenzen gezogen. So bieten westliche Gesellschaften ihren Mitgliedern in der Regel mehr individuellen Spielraum in ihrer Lebensgestaltung als beispielsweise orientalische Gesellschaften mit ihren häufig streng geregelten hierarchischen Strukturen. Wozu braucht eine Gesellschaft Institutionen? Institutionen gelten als wichtigster Mittler zwischen Individuum und Gesellschaft. Sie repräsentieren das jeweilige Wertesystem einer Gesellschaft und machen es für den Einzelnen erfahrbar. Zu den Institutionen rechnet man sowohl Organisationen wie Schulen, Kirchen und Betriebe als auch abstrakte, aus Traditionen abgeleitete Verhaltensregeln. Zur Durchsetzung ihres Wertesystems üben alle Institutionen Macht in Form sozialer Kontrolle aus. Dabei wird abweichendes Verhalten mit negativen Sanktionen belegt (z. B. Tadel, Bestrafung) und konformes Verhalten belohnt (z. B. Lob, Beförderung). Im Idealfall verinnerlicht der Einzelne die Normen der Gesellschaft, so dass die äußere Überwachung bzw. Kontrolle des Verhaltens überflüssig wird. Diesen Prozess bezeichnet man als Sozialisation. Welches Verhalten ist sozial? Fast alle Handlungen, die ein Mensch ausführt und die ihrem Sinn nach auf andere bezogen sind. Der Handelnde muss sich also bewusst darüber sein, dass sein Tun in irgendeiner Form andere Personen betrifft oder betreffen kann. Hilft jemand einem anderen Menschen die Treppe hinauf, weil dieser Schwierigkeiten beim Gehen hat, ist dies soziales Handeln. Soziales Handeln liegt aber auch vor, wenn eine Person einen verrutschten Teppich gerade rückt, um zu verhindern, dass andere darüber stolpern – selbst wenn diese davon nichts erfahren. Soziales Handeln heißt ganz einfach auch, bereit zu sein, mit anderen Gesellschaftsmitgliedern zu kommunizieren und sich mit ihnen zu verständigen. Übrigens: Auch Verkaufen ist sozial, da sich mehrere Personen über das Nahziel ihrer Handlungen, hier der Tausch von Ware gegen Geld, einig sind. Wenn mindestens zwei Personen an einer solchen Aktion beteiligt sind, spricht man von einer Interaktion. Wichtige Voraussetzung ist dabei, dass jeder der an der wechselseitigen Handlung Beteiligten sich über die Absicht des anderen im Klaren ist. Wie unterscheidet sich die moderne von der mittelalterlichen Gesellschaft? In den Feudalgesellschaften des Mittelalters lebte und arbeitete die Mehrheit der Menschen unter relativ ähnlichen Bedingungen und nach ähnlichen Verhaltensregeln. Die modernen Industriegesellschaften dagegen sind hoch differenziert. Sie eröffnen ihren Mitgliedern die Möglichkeit, aus einer Vielzahl von Berufen, Einstellungen und Lebensstilen zu wählen. Die Gesellschaft wie auch die Beziehung zwischen Individuum und Gesellschaft ist nicht starr, sondern dynamisch und beständig Veränderungen unterworfen. Warum ist soziales Handeln für Soziologen so wichtig? Soziales Handeln gehört zu den Hauptthemen der Soziologie: Der deutsche Nationalökonom und Soziologe Max Weber (1864–1920) verstand die Soziologie als die Wissenschaft vom sozialen Handeln und führte handlungstheoretische Grundbegriffe ein. Auch der amerikanische Soziologe Talcott Parsons (1902–79) hat sich mit der Bedeutung und Systematisierung des menschlichen Handelns beschäftigt und stellte die Theorien des Handelns auf. Dabei berücksichtigte er Ziel und Zweck des Handelns, die Mittel zur Erreichung des Ziels, die Situationsbedingungen und die Wertvorstellungen des Handelnden. Gruppe und Rolle: Beziehungen innerhalb der Gesellschaft Was kennzeichnet eine soziale Gruppe? Eine soziale Gruppe besteht aus mehreren Personen mit gemeinsamen oder zumindest ähnlichen Merkmalen. Eine soziale Gruppe zeichnet sich dadurch aus, dass ihre Mitglieder aufgrund gemeinsamer Unternehmungen, gleicher oder ähnlicher Überzeugungen und Ansichten ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwickelt haben. Zu einer Gemeinschaft wird eine Gruppe, wenn sich die Mitglieder als Teil eines größeren Organismus und stark miteinander verbunden fühlen (z. B. die Gemeinschaft der Gläubigen). Unter dem Begriff Gesellschaft versteht man einen Verband von Menschen, die zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse oder zur Erreichung ihrer Ziele zumindest in gewisser Weise zusammenwirken. Wer macht was in einer Gruppe? Das hängt in großem Maße von der jeweiligen sozialen Rolle ab. Unter dem Begriff soziale Rolle versteht man alle Erwartungen und Ansprüche, die eine Gruppe an das Verhalten einer Person in einer bestimmten gesellschaftlichen Position hat oder stellt. Jeder Mensch nimmt in seiner sozialen Stellung verschiedene Rollen ein. So kann ein Kind außerhalb der Familie die Rollen Schüler, Freund oder Vereinsmitglied einnehmen. Die Erwartungen der anderen an das Verhalten eines Rolleninhabers beziehen sich stets auf dessen soziale Position, das heißt auf zugeschriebene oder durch den Lebenslauf erworbene Positionen. Rollenerwartungen, also die Verhaltenserwartungen an eine bestimmte soziale Rolle, werden von Bezugsgruppen an den Rolleninhaber herangetragen. Eine solche Bezugsgruppe sind beispielsweise Patienten, die gegebenenfalls Sanktionen gegen einen Arzt verhängen, falls dessen Verhalten nicht ihren Rollenerwartungen entspricht. So können sie den Arzt wechseln, wenn sie das Gefühl haben, er kümmere sich nicht ausreichend um sie. Der Arzt erleidet Einkommenseinbußen und wird darüber nachdenken müssen, sein Verhalten den Rollenerwartungen der Bezugsgruppe entsprechend anzupassen. Wann kommt es zu Rollenkonflikten? Zu Rollenkonflikten einer Person kann es kommen, wenn es zwischen den Rollen Überschneidungen gibt und sich die Verhaltenserwartungen an die einzelnen Rollen so stark unterscheiden, dass sie nicht miteinander vereinbar sind. So kann eine Frau in Konflikt zwischen ihrer Mutterrolle und ihrer beruflichen Rolle geraten. Einerseits kann sie die Erwartung ihres Arbeitgebers vielleicht nicht erfüllen, der von ihr verlangt, Überstunden zu machen. Andererseits hat ihr gesellschaftliches Umfeld möglicherweise die Erwartung, dass sie sich als Mutter ausschließlich bzw. stärker um ihr Kind zu kümmern habe. Nehmen alle Menschen ihre Rollen freiwillig an? Nicht alle: Bestimmte Rollen im Leben akzeptieren die Menschen nur, weil sie es müssen, andere hingegen sind für sie stimmig. Jemand, der seine Arbeit lediglich macht, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, wird sich mit seiner Berufsrolle nicht identifizieren, jemand aber, der sich zu seiner Arbeit berufen fühlt, schon. Je stärker aber die Identifizierung mit einer Rolle ist, desto größer ist auch die Gefahr, andere Rollen nicht mehr oder nur noch schlecht ausfüllen zu können. Ein guter Personalchef kann z. B. ein schlechter Vater sein, weil er wegen seines Berufs kaum Zeit für seine Familie hat. Es kann also zu einer Entfremdung von anderen Rollen, ja sogar zur Selbstentfremdung kommen. Wozu dienen Riten? Manche Riten dienen dazu, neue Mitglieder in bestimmte Gruppen aufzunehmen (Aufnahme- bzw. Initiationsriten). Eine große Rolle spielen dabei verschiedene Zeremonien während der Pubertät. So ist die Taufe die Aufnahme in die Gemeinschaft der Christen, die Aufnahme in die Kirche. Im Judentum gilt die Entfernung der Vorhaut eines Jungen acht Tage nach seiner Geburt als Zeichen für die Zugehörigkeit zum Gottesvolk. Auch im Islam hat die Beschneidung des Mannes die Bedeutung, in die Glaubensgemeinschaft aufgenommen zu sein. Wer ist asozial? Als »asozial« bezeichnen die Soziologen eine Person, die sich in einer Gesellschaft nicht zurechtfindet. Der Begriff dient oft als Schimpfwort. Dagegen bedeutet »sozial« im eigentlichen Sinne »die Gesellschaft betreffend«, wird aber im herkömmlichen Sprachgebrauch oft gleichbedeutend mit dem Wort »hilfreich« benutzt. In der Biologie wird es synonym für »gesellig lebend« verwendet. Das Wort »unsozial« wird umgangssprachlich in der Regel mit den Begriffen »ungerecht«, »nicht alle Bedürfnisse abdeckend« gleichgesetzt. Die Familie: Versorgungs- und Sozialisationsinstanz Welche Aufgaben hat die Familie? In erster Linie stellt die Familie die Fortpflanzung und damit das Fortbestehen der Gesellschaft sicher. Sie dient zum einen zur Versorgung der Kinder und ist zum anderen gleichzeitig für die Kinder auch die erste Sozialisationsinstanz, das heißt für deren Eingliederung in die Gesellschaft und deren Erziehung zuständig. Dafür notwendig ist die Vermittlung von sozialen, religiösen, kulturellen und anderen Wertvorstellungen. Daneben erfüllt die Familie immer noch eine Versorgungsfunktion – häufig scheidet ein Elternteil (in den meisten Fällen die Mutter) während der ersten Lebensjahre der Kinder aus dem Erwerbsleben aus. Außerdem sollte die Familie im Idealfall ihren Mitgliedern Rückhalt gegenüber äußeren Einflüssen sowie die Möglichkeit zum Rückzug und zur Entspannung bieten. Welche Familienformen gibt es heute? Die heute vorherrschende Familienform ist die Klein- oder Kernfamilie, zu der beide Elternteile und die Kinder gehören. Als Familie gelten aber auch Alleinerziehende – das waren in Deutschland im Jahr 2005 rd. 2,6 Mio. Familien. Den Großteil der Alleinerziehenden (etwa 87 %) stellen heute immer noch Frauen. Auch nichteheliche Lebensgemeinschaft mit Kind zählen als Familien. In Ostdeutschland wohnt in knapp der Hälfte solcher Lebensgemeinschaften wenigstens ein Kind, in Westdeutschland in einem Viertel. Insgesamt gab es 2005 in Deutschland 12,6 Mio. Familien. Wie viele Kinder gibt es in Deutschland? Die Zahl der minderjährigen Kinder hat sich zwischen 1996 und 2005 in West- und Ostdeutschland unterschiedlich entwickelt: Während sie in Westdeutschland um 1 % auf 12 Millionen sank, ging sie in Ostdeutschland um 30 % auf 2,4 Millionen zurück. Viele Frauen entscheiden sich heute gegen Kinder bzw. für weniger Kinder. Noch 1958 lag die durchschnittliche Kinderzahl je Frau bei 2,3, bis 2004 sank dieser Wert auf 1,3. Sind Ehe und Familie besonders geschützt? Ja, das Grundgesetz stellt durch Artikel 6 Ehe und Familie in Deutschland unter den besonderen Schutz der staatlichen Ordnung. Der Staat muss bei seiner Gesetzgebung daher darauf achten, dass die Belange der Familien besonders im Auge behalten werden. Nicht nur die eheliche Familie steht unter dem Schutz des Grundgesetzes: Absatz 5 des Artikels 6 besagt, dass uneheliche Kinder die gleichen Bedingungen erhalten müssen wie eheliche Kinder. Nichteheliche Lebensgemeinschaften mit Kindern sind Familien mit verheirateten Eltern, zumindest was das Sorgerecht für die Kinder und deren Namensgebung betrifft, nahezu gleichgestellt. Unterschiede gibt es aber noch in der steuerlichen Behandlung. Unverheiratete Väter haben genau wie geschiedene seit 1998 das Recht, ihre Kinder in bestimmten Abständen zu besuchen. Wie unterstützt der Staat die Familien? Mit finanziellen Leistungen und Vergünstigungen, beispielsweise Kindergeld, Kinderfreibetrag und Anrechnung von Kindererziehungszeiten auf die Altersrente, sollen zumindest teilweise die erhöhten Lebenshaltungskosten ausgeglichen werden, die durch Kinder entstehen. Dies soll die Entscheidung für Kinder als Garant der Zukunft erleichtern. Nach Angaben des Bundesfinanzministeriums wurden 2004 rd. 85 Mrd. Euro für die Förderung der Familien ausgegeben. Neueste Maßnahme ist das im Juni 2006 beschlossene Elterngeld, das 2007 in Kraft treten soll. Eltern, von denen ein Elternteil wegen der Kinderbetreuung in seinem Berufsleben kürzertritt, erhalten zwölf Monate lang 67 % des Nettogehaltes, maximal 1800 Euro. Schränkt auch das zweite Elternteil seine Berufstätigkeit um mindestens zwei Monate ein, wird das Elterngeld 14 Monate lang bezahlt. Auch Alleinerziehende haben einen Anspruch auf eine 14-monatige Förderung. Das bisherige Erziehungsgeld entfällt. Wussten Sie, dass … die Zahl der Alleinstehenden in Deutschland zwischen 1996 und 2005 um 11 % auf 15,7 Mio. gestiegen ist? In Ostdeutschland hat sich ihre Zahl im gleichen Zeitraum sogar um ein Viertel erhöht. Insgesamt ist knapp jede fünfte Person in Deutschland alleinstehend. 2005 in Deutschland 18,9 Mio. Ehepaare lebten? Das sind 4 % weniger als vor neun Jahren. Etwas weniger als die Hälfte (49 %) dieser Ehepaare hat Kinder. sich seit 1996 das Durchschnittsalter von Ehemännern und Ehefrauen jeweils um rd. drei Jahre erhöht hat? Es lag 2005 für Ehemänner bei 54,2 Jahren, für Ehefrauen bei 51,4 Jahren. die Zahl der gleichgeschlechtlichen Lebensgemeinschaften in Deutschland 2005 auf rd. 173 000 geschätzt wurde? Seit 2001 können sich gleichgeschlechtliche Partner für eine behördlich eingetragene Lebenspartnerschaft, umgangssprachlich auch »Homoehe« genannt, entscheiden. Sie weist beiden Partnern ähnliche Rechte und Pflichten wie Ehegatten zu. Normen und Werte: Leitlinien für die Gesellschaft Warum darf der Mensch keinen anderen töten? Die Tötung eines Menschen ist in den christlichen Gesellschaften ein schweres Delikt, das auf einer auf die Bibel zurückgreifenden Norm basiert. Als Normen bezeichnet man in der Soziologie situationsbezogene Verhaltensregeln. Diese beruhen häufig auf den Wertvorstellungen, die in einer Gesellschaft gelten. Zu den Wertvorstellungen einer christlichen Gesellschaft gehören z. B. die Zehn Gebote. Sie dienen den meisten Mitgliedern dieser Gesellschaft als Richtlinie, die damit auch die Grundlage für die Entwicklung spezifischer Normen wie des Tötungsdelikts bildet. Weshalb brauchen wir Normen und Werte? Eine Gesellschaft funktioniert zu einem großen Teil nach spezifischen Wertvorstellungen und Normen. Der Mensch bzw. seine Handlungen erfahren durch sie eine gewisse Regelmäßigkeit, so dass er für andere berechenbar wird. Ein Individuum, das die in einer Gruppe geltenden Normen nicht akzeptiert, wird zu einem Außenseiter, dessen Verhalten in der Regel Sanktionen durch die übrigen Gruppenmitglieder nach sich zieht. Müssen Normen immer befolgt werden? Es gibt Normen, die befolgt werden müssen (Gesetze), andere, die befolgt werden sollen (Beispiel: in der Arbeitszeit keine privaten Dinge erledigen), sowie weitere, die befolgt werden können (Beispiel: in der Kirche nicht laut reden). Normen werden von Gruppen oder Institutionen (Familie, Kirche, Schule) vermittelt. Wichtige Merkmale sind, dass sie für alle Gruppenmitglieder gelten und es die Möglichkeit geben muss, gegen sie zu verstoßen. In bestimmten Situationen können Normen manchmal nicht eingehalten werden – ein Mensch, der sich selbst verteidigt, kann dabei z. B. ungewollt gegen die Norm verstoßen, niemanden zu verletzen. Wozu dienen eigentlich Sanktionen? Sanktionen haben die Aufgabe, andere dazu zu bringen, sich an geltenden Normen zu orientieren. Sie richten sich bei Verstößen gegen denjenigen, der gegen die Norm verstößt und besitzen für diesen einen negativen Charakter – also den einer Strafe. Verstößt z. B. jemand im Straßenverkehr gegen eine geltende Tempobeschränkung, eine Norm, und die Polizei stoppt ihn, muss er ein Bußgeld entrichten (Sanktion). Als Sanktionen sind auch solche Handlungen erlaubt, die unter anderen Umständen eigentlich Sanktionen nach sich zögen. Ein Beispiel: Jemanden einzusperren und ihn damit seiner Freiheit zu berauben, verstößt eigentlich gegen die gesetzlich garantierte Bewegungsfreiheit. Freiheitsentzug wird jedoch als Sanktion akzeptiert, wenn jemand eine schwere Straftat begangen hat und durch die Sanktion dazu gebracht werden soll, sich nach den geltenden Normen zu richten. Wann ändern sich Normen und Werte? Ein wesentlicher Grund für einen Normen- oder Wertewandel sind Änderungen in der Gesellschaft. Bekommt etwa eine gesellschaftliche Gruppe größeren Einfluss, werden sich viele geltende Normen nach und nach an die Normen dieser Gruppe anpassen. Verliert eine Gruppe an Einfluss in der Gesellschaft, werden auch manche ihrer Normen aufgegeben. Ein Beispiel: Der Paragraf 175 Strafgesetzbuch (StGB), der seit 1871 in Deutschland zunächst homosexuelle Handlungen zwischen Männern im Allgemeinen und in seiner späteren Fassung sexuelle Handlungen zwischen über 18-jährigen Männern und unter 18-jährigen mit Freiheitsentzug bestrafte, wurde 1994 aufgehoben, da er in dieser Form nicht mehr zeitgemäß erschien. Denn mittlerweile waren homosexuelle Paare – zumindest bei der Mehrheit der Deutschen – gesellschaftlich anerkannt; die Norm hatte sich überlebt. Müssen auch Bräuche beachtet werden? Nicht unbedingt, denn Bräuche sind keine Normen, sondern nur Gewohnheiten, die in einer Gruppe, einer Gesellschaft oder einer Kultur üblich sind und von den Mitgliedern im Allgemeinen anerkannt werden. In Deutschland gibt es beispielsweise den Brauch des Händeschüttelns zur Begrüßung, in anderen Ländern begrüßt man sich hingegen mit einem Küsschen auf die Wange. Sind ortsübliche Bräuche jedoch sehr verfestigt, können durchaus negative Reaktionen, die Sanktionscharakter besitzen, die Folge sein. Bei Missachtung kann man leicht zum Außenseiter abgestempelt werden. Wer legt Normen fest? Normen werden in aller Regel von den Herrschenden festgelegt. Herrschaft ist nach Max Weber (1864–1920), einem der Begründer der deutschen Soziologie, die Chance, eine Gruppe dazu zu bringen, jederzeit Gehorsam zu leisten. Von einer legitimen Herrschaft spricht man, wenn die Beherrschten die Befehle der Herrschenden und die Ausübung von Zwang, in manchen Fällen sogar von Gewalt akzeptieren, um die in der Gesellschaft geltenden Normen durchzusetzen (z. B. Einsatz physischer Gewalt bei der Ergreifung eines Schwerverbrechers). Im Gegensatz zur Herrschaft sprechen die Soziologen von Macht, wenn jemand seinen Willen gegenüber einer oder mehreren Personen gegen deren Widerstand durchsetzen kann. In aller Regel umfasst Herrschaft zwar auch immer Macht, aber eine Person kann auch Macht über eine andere haben bzw. ausüben, ohne über sie zu herrschen. Übrigens: Unter Autorität versteht man den sozialen Einfluss bestimmter Personen oder Gruppen, der ihnen von anderen zugesprochen wird. Dagegen ist Gewalt ein Mittel zur Durchsetzung von Herrschaft und Macht. Physischer und/oder psychischer Zwang tragen dazu bei, die geltenden Normen durchzusetzen. In modernen Gesellschaften hat der Staat das Gewaltmonopol: Allein er und seine Institutionen wie die Polizei sind unter bestimmten Bedingungen (z. B. bei Verstößen gegen geltendes Recht) befugt, innerhalb der staatlichen Grenzen Gewalt auszuüben. Was versteht man unter Moral? Der Begriff Moral bezieht sich auf die sittlichen Normen und Werte, die in einer Gesellschaft als verbindlich anerkannt sind. Moral beruht im Gegensatz zu Recht nicht auf Gesetzgebungsakten, sondern stützt sich weitgehend auf Überlieferung. Im Gegensatz zur Ethik, die ein Nachdenken über moralische Werte beinhaltet, werden diese von der Moral nicht hinterfragt, sondern als geltend vorausgesetzt. Darf man sich an der Supermarktkasse vordrängeln? Heute gehört es in unserer Gesellschaft zur Norm, sich an der Kasse im Supermarkt ans Ende einer Schlange anzustellen. Solche Normen sollen menschlichem Handeln eine gewisse Regelmäßigkeit verleihen und es auf diese Weise nachvollziehbar machen. So können sich die Menschen untereinander verständigen und sinnvoll agieren. Was ist eigentlich ... ein Tabu? Ein religiös oder rituell begründetes Verbot. Ein Tabu kann sein, den Gottesnamen auszusprechen oder bestimmte Speisen zu essen. Das Wort stammt ursprünglich aus Polynesien, wo es sich ebenfalls auf ein unbedingtes Verbot bestimmter Handlungen bezieht. eine Sitte? Umgangssprachlich bedeutet Sitte soviel wie Brauch. Allerdings benutzen Soziologen das Wort auch, wenn sie von Normen reden, die aus den »guten« Sitten heraus begründet sind – es verletzt z. B. die sittlichen Normen, wenn jemand an eine Hauswand uriniert. Tugend? Ursprünglich bedeutete Tugend die Bereitschaft zu sittlicher Gesinnung und sittlichem Handeln. Was jedoch früher als tugendhaft galt (z. B. keinen Geschlechtsverkehr vor der Ehe), gilt manchmal als überkommen: Als positive Tugenden bewertet werden heute Zivilcourage und Mut. Religionen: Vereint durch den Glauben Weshalb sind Religionen so wichtig? Religionen geben als Glaubenssysteme Antworten auf die Grundfragen des Lebens; sie beziehen sich dabei auf Außerweltliches. Dieses Prinzip wird in Religionen wie dem Judentum, Christentum oder dem Islam durch einen Gott repräsentiert, neben dem keine weiteren Götter verehrt werden. So beantwortet z. B. das Christentum die Frage nach richtigem bzw. falschem Handeln durch Rückbezug auf Gott. Eine Überprüfung dieser Antworten bzw. der Beweis für die Existenz eines göttlichen Wesens ist grundsätzlich unmöglich, daher ist der Glaube die wichtigste Grundlage aller Religionen. Darüber hinaus haben Religionen auch eine wichtige gesellschaftliche Funktion: Sie erleichtern das Zusammenleben und machen es meist produktiver, weil sich die Mehrheit der Gläubigen auf dieselben Werte und Normen bezieht. Religionen haben daher von jeher soziale und politische Strukturen beeinflusst. Übrigens: Religiöse Texte sind in der Regel in heiligen Schriften aufgezeichnet und gesammelt. Je nach Religion enthalten diese Reden des Religionsstifters, Mythen, Gebote und Rechtssatzungen sowie Ritualbestimmungen. Wie machten sich die Herrscher Religion zunutze? In der christlich-abendländischen Kultur wurde die Macht von Königen und Kaisern jahrhundertelang von einem göttlichen Auftrag abgeleitet (Gottesgnadentum). Auch galten Kirche und Staat in der mittelalterlichen Welt als Einheit. Bestrebungen, die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse zu ändern, wurden als Angriff auf die göttliche Ordnung gewertet. Auch die Rollenverteilung innerhalb der Gesellschaft (z. B. die Macht des Lehnsherren) galt als gottgewollt und war daher lange Zeit unangreifbar. Wann hat die christliche Kirche ihre Führungsrolle eingebüßt? In der Zeit des Humanismus und der Reformation ab Mitte des 15. Jahrhunderts. Folge war die »Entkirchlichung« zahlreicher Lebensbereiche (z. B. Rechts- und Bildungssystem). Ende des 18. Jahrhunderts stellte die Aufklärung schließlich die in vielen Bereichen geltende »Gottgewolltheit« selbst infrage. Die Rechts- und Staatslehre der Aufklärung betrachtete den Menschen als von Natur aus freies und vernunftbegabtes Wesen und verdrängte Kirche und Religion in den Bereich des Privaten. Zugleich kam es zu einer »Verweltlichung« christlicher Traditionen. Diese Traditionen spiegeln sich bis heute in vielen Werten und Normen wider und beeinflussen auch nichtreligiöse Lebensbereiche wie beispielsweise unser Rechtssystem. Welche Bedeutung hat der Koran für die Muslime? Der Koran ist die heilige Schrift des Islams und für die Muslime oberste Richtschnur für alles Handeln in der Welt. Er enthält Ermahnungen, Gerichtsreden, Erzählungen von Propheten und endzeitliche Weissagungen. Die heilige Schrift des Islam umfasst die Worte Allahs, die dem Propheten Mohammed zwischen 610 und 632 offenbart wurden. Der Koran besteht aus insgesamt 114 Abschnitten, den sog. Suren, die sich aus gereimten Versen zusammensetzen. Fünf grundsätzliche Pflichten muss jeder gläubige Muslim einhalten. Die erste »Säule« bildet das Glaubensbekenntnis (schahâda), die zweite das tägliche Pflichtgebet (salât), gefolgt vom Fasten im Monat Ramadan (saum). Die vierte und fünfte Säulen sind die Entrichtung von Almosensteuern (zakât) und die Pilgerfahrt nach Mekka (haddsch). Was ist die Tora? Die Tora (»Anweisung«, »Belehrung«) im engeren Sinne ist ein Begriff für die ersten fünf Bücher der Bibel, also Genesis, Exodus, Leviticus, Numeri und Deuteronomium. Nach jüdischer Überlieferung wurden diese Bücher Moses am Sinai durch Gott offenbart. Die Tora-Texte werden für die liturgische Lesung im jüdischen Gottesdienst in hebräischer Quadratschrift auf eine Pergamentrolle, eine sog. Tora-Rolle, geschrieben. Sie besteht aus aneinandergenähten Pergamentstücken, die auf zwei Holzstäben aufgewickelt sind. Aufbewahrt in einem Schrein, wird sie nur zur Lesung im Gottesdienst herausgenommen. Worauf beruhen die Normen des Judentums? Als Quelle der Religionslehre und des Religionsgesetzes dient der Talmud. Er ist aus der mündlichen Überlieferung entstanden und besteht aus zwei Teilen, der Mischna und der Gemara. Die Mischna umfasst u. a. die Religionsgesetze und die rechtlichen, moralischen und rituellen Normen des jüdischen Lebens. Um das Jahr 200 wurden diese von dem Rabbi Jehuda ha-Nassi geordnet und schriftlich niedergelegt. Die Mischna bestehen aus sechs Ordnungen und ingesamt 63 Traktaten. Dagegen beinhaltet die Gemara die Erörterungen, die beim Studium der Mischna in den Lehrhäusern Palästinas und Babylons diskutiert wurden. Hat Religion in unserer Erlebnisgesellschaft noch Platz? In der westlich orientierten Gesellschaft bestimmt in erster Linie der Einzelne seine Lebensweise und seine Stellung in der Gesellschaft. Es entscheiden subjektive Vorlieben darüber, welches Freizeit-, Konsum- oder Medienangebot angenommen wird. Für traditionelle Religionen und ihre Normen scheint hier kaum noch Platz zu sein. Dennoch suchen die Menschen weiterhin nach Anworten auf grundlegende Lebensfragen, nach Sinn stiftenden Erfahrungen und nach verlässlichen Wertesystemen. Auch verspüren sie weiterhin das Bedürfnis nach emotionaler Gemeinschaft. Deshalb erfreuen sich sog. Quasireligionen wie Sekten und esoterische Schulen großer Beliebtheit; die Angebote reichen von Büchern mit esoterischen Themen über Workshops bis hin zur festen Mitgliedschaft in bestimmten Vereinigungen. Auf der anderen Seite werden in einigen Kirchengemeinden wieder mehr Kircheneintritte als -austritte gemeldet. Was ist Monotheismus? Das Bekenntnis zu einem einzigen Gott, der als Person gesehen und als Schöpfer der Welt angenommen wird. Die drei großen monotheistischen Religionen sind Judentum, Christentum und Islam. Im Gegensatz zum Monotheismus kennt der Polytheismus mehrere, oft sehr zahlreiche Götter, z. B. die Götterwelt der griechischen und römischen Antike. Welche Weltreligion hat die meisten Anhänger? Das Christentum. Ihm gehört ein Drittel der 6,5 Mrd. Menschen auf der Welt an. Ein Fünftel sind Muslime, 13,3 % Hindus und 5,9 % Buddhisten. Weitere Weltreligionen sind der Sikhismus mit etwa 23 Mio. Gläubigen und das Judentum mit 14 Mio. Anhängern. Bei den Christen gehören 17,3 % der Menschen der römisch-katholischen Kirche und 5,8 % protestantischen Glaubensgemeinschaften an. In Deutschland sieht das Verhältnis anders aus: Mit jeweils etwa 26 Mio. Mitgliedern gehören jeweils 34 % der Bevölkerung der katholischen Kirche und den evangelischen Landeskirchen an. Soziale Konflikte: Abweichend