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Gesellschaftskritiker Theodor W. Adorno (1903–1969)

Was heißt »Kritische Theorie«?

Die kritische Theorie der Frankfurter Schule stellt eine Verbindung zwischen der marxistischen Sozialökonomie und den Erkenntnissen der Psychoanalyse her. Damit wird die Analyse der modernen Gesellschaften vorgenommen. Im Gegensatz zu positivistischen Strömungen in der Soziologie geht die kritische Theorie über die reine Analyse hinaus: Sie will gesellschaftliche Veränderungen herbeiführen, vertritt also einen pädagogischen beziehungsweise politischen Ansatz. Das Hauptwerk der kritischen Theorie ist, neben Horkheimers Aufsatz »Traditionelle und kritische Theorie« (1937), die »Dialektik der Aufklärung« (1947), Horkheimers und Adornos gemeinsames Werk, das unter dem Eindruck des Faschismus, des Stalinismus und der industriellen Massengesellschaft entstand.

Die »Dialektik der Aufklärung« ist von tiefem Pessimismus gegenüber der Aufklärung geprägt, die ihr Ziel, nämlich die Befreiung des Menschen, verfehlt und stattdessen neue Abhängigkeiten produziere. Die von der Aufklärung propagierte Vernunft, die einst Mythen zerstören wollte, sei mittlerweile selbst zum Mythos geworden. Ergebnis seien die so genannten Sachzwänge, die den Menschen im Getriebe der Moderne gefangen hielten. Seine Freiheit habe der Mensch an die Herrschaft der Vernunft verloren, die alles – auch die Natur – der bloßen Nützlichkeit unterordne.

Wie wirkte die Theorie?

Von der antiautoritären Bewegung der 1960er und 1970er Jahre wurde die Gesellschaftskritik von Horkheimer und Adorno begeistert aufgenommen. Als sich die linke Studentenbewegung und die Außerparlamentarische Opposition jedoch radikalisierten und die Theorie in konkrete Aktionen zur gesellschaftlichen Veränderung umsetzten, kam es zu Konflikten, vor allem mit Adorno, damals Professor in Frankfurt. Die Studenten warfen ihrem Mentor mangelndes politisches Engagement vor. Adorno seinerseits fühlte sich von den blanken Busen »sexuell befreiter« Studentinnen und den laut skandierten Protestgesängen abgestoßen und zog sich enttäuscht zurück. Horkheimer wiederum konnte die politische Hoffnung und die Aufbruchsstimmung, für die die antiautoritäre Bewegung stand, nicht teilen. Sein Weltbild blieb pessimistisch.

Welche Rolle spielte die Musik?

Von seiner Wirkung her wohl der bedeutendste Vertreter der Frankfurter Schule war Theodor W. Adorno, der seine berufliche Laufbahn als Musikkritiker begann und sein sozialphilosophisches Werk durch bahnbrechende musik- und literaturtheoretische Schriften sowie Studien zur Ästhetik ergänzte. Im kalifornischen Exil (1942–1944) stand er in engem Kontakt mit Thomas Mann, den er bei den musiktheoretischen Aspekten seines entstehenden Romans »Doktor Faustus« beriet.

Wussten Sie, dass …

Adorno seinen eigentlichen Nachnamen »Wiesengrund« abgekürzt in seinen Namen Theodor W. Adorno einbaute?

1933 das Institut für Sozialforschung in Frankfurt von den Nationalsozialisten geschlossen, doch ein Jahr später als International Institute of Social Research in New York neu begründet wurde? Seit 1949 ist es wieder in Frankfurt beheimatet.

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