Kunst des Mittelalters – in der Mitte der Zeit

Kunst des Mittelalters – in der Mitte der Zeit Der Begriff »Mittelalter« bezeichnet die Zeit zwischen Spätantike und italienischer Renaissance, zwei Epochen, die ihre Leitbilder aus der antiken Philosophie, Kunst und Architektur bezogen. Dazwischen liegen rund 1000 Jahre! Doch dieses Jahrtausend ist mehr als ein »Dazwischen«, mehr als die »Mitte« zwischen zwei großen Kulturepochen, wie es der Name »Mittelalter« andeutet, es ist eine Epoche mit vielfältigen künstlerischen Entwicklungen. Weder war dieses Jahrtausend so barbarisch und »finster«, wie es die Renaissance in Abkehr vom Alten, Gewesenen darstellte, noch so romantisch verklärt, wie es das 19. Jahrhundert sah. Der Bruch nach dem Untergang des Römischen Reichs in der Völkerwanderungszeit war scharf. Der Neubeginn war zum einen vom christlichen Glauben geprägt, zum anderen von der Verlagerung der politischen Macht vom Mittelmeerraum nach Norden. Italien zehrte noch lange vom kulturellen Vorsprung als Herz des untergegangenen Römerreichs. Doch Mittel- und Westeuropa emanzipierten sich, fanden in der Gotik zu völlig authentischer künstlerischer Ausdruckskraft. Charakteristisch für das Mittelalter war die starke Position der Städte, besonders im deutschsprachigen und oberitalienischen Raum. Aber auch in Flandern, dem neuen europäischen Wirtschaftszentrum, bildete sich eine spezielle urbane Kultur. Getragen wurde sie vom durch Handel und Gewerbe wohlhabend gewordenen Bürgertum. Die Kunst des Mittelalters ist zuvorderst religiöse Kunst. Das Spektrum reicht vom byzantinisch beeinflussten Mosaik bis zur klösterlichen Buchmalerei, von der romanischen Steinskulptur bis zum spätgotischen Holzschnitzwerk, vom sehr intimen Andachtsbild bis zum repräsentativen Tafelbild. Trotz der stark religiösen Orientierung zeichnet sich in der Entwicklung von der Frühromanik bis zur Spätgotik eine zunehmende Verweltlichung der Kunst ab. War sie zunächst ganz der Heilsgeschichte verpflichtet, so wurden allmählich Erzählfreude und Individualität kunstbestimmend. Teotihuacán: Beherrscht von Göttern, erschaffen von Menschen Was bedeutet Teotihuacán? Die Azteken stießen 500 Jahre nach dem rätselhaften Untergang der Stadt um 750 n.Chr. auf deren Überreste und gaben dem Ort den Namen »Teotihuacán« – der Ort, an dem die Götter geschaffen wurden. Zu ihrer Blütezeit um 500 n.Chr. gehörte die Metropole im Hochtal von Mexiko mit ihren Pyramiden und Palästen, mit einer Kanalisation, kilometerlangen Straßen und schätzungsweise 200000 Einwohnern zu den größten Städten der Welt. Die Azteken waren beeindruckt von der monumentalen, steinernen Architektur der Ruinen, die ihrer Meinung nach nur von Götterhand geschaffen worden sein konnten. Gemeint waren zweifellos die imposantesten Bauwerke der Stadt, die Sonnen- und Mondpyramide und die so genannte Zitadelle. Sie sind Teil des riesigen Zeremonialbezirks, dessen Gebäude sich von Norden nach Süden über zwei Kilometer hinziehen entlang der 45 Meter breiten Miccaotli , der »Straße der Toten«. Der gewaltige Ruinenkomplex vermittelt heute noch eine Vorstellung von der Macht und politischen Bedeutung der Stadt während der so genannten klassischen Epoche. Nach welchem Plan wurde die Stadt erbaut? Die Anlage der Stadt folgt offenbar einem schachbrettartigen Grundplan, der schon in den ersten Jahren der Siedlung festgelegt war. Damals entstanden die größten Bauwerke entlang der Straße der Toten. Im Lauf der Jahrhunderte hielten sich die Baumeister an das strikte Rastersystem. Die Hauptachse teilte die Stadt in vier Distrikte mit dem Marktplatz im Zentrum, den Tempelbezirk und die Stadtviertel mit ethnischen Gruppen oder bestimmten Handwerkszweigen. Was hat die Architektur der Häuser mit dem Straßenmuster zu tun? Das rechtwinklige Straßensystem wiederholt sich in einem immer wiederkehrenden Fassadenschema bei den einzelnen Gebäuden. Dieser Baustil gilt als typisch für die Architektur Teotihuacáns. Er kombiniert eine schräge Grundmauer ( talud ) mit einem rechteckigen Element ( tablero ), das sich darüber erhebt. Für die Vergrößerung eines Bauwerks genügte es, diese Kombination beliebig oft aufeinanderzusetzen. Bis heute nimmt man das Auftreten dieses Baustils an anderen Orten in Mesoamerika – wie man das Gebiet der vorkolumbischen Hochkulturen nennt – als Beleg für den Einfluss Teotihuacáns. Wie wohnten die Menschen? Das typische Wohngebäude war der »Palast.« Die quadratischen oder rechteckigen einstöckigen Wohnkomplexe mit Flachdächern messen zwischen 25x25 und 50x50 Metern und sind in der Regel von einer fensterlosen Mauer umgeben. In ihrem Inneren befinden sich zahlreiche Räume, Korridore und Höfe. Im Haupthof gibt es fast immer einen eigenen Zeremonialbereich, in dessen Mitte manchmal ein Tempel steht. Die Raumgröße variiert und reicht von engen Kammern für die einfachen Leute bis zu großzügigen Räumen der Privilegierten. Häufiges Motiv der Fassadengestaltung sind vollplastische Schlangenköpfe. Welchen Gestirnen waren die Pyramiden gewidmet? Es gab eine Sonnen- und eine Mondpyramide. Die Sonnenpyramide im mittleren Bereich der Miccaotli mit einer Grundfläche von 222x225 Metern und einer Gesamthöhe von 64 Metern ist eines der gewaltigsten Bauwerke des Alten Amerika. Grabungen im Inneren der Pyramide förderten alte Mauern und Keramikfiguren aus vorklassischer Zeit zu Tage und belegen, dass die Pyramide nicht auf einem natürlichen Hügel, sondern samt Unterbau komplett von Menschenhand errichtet wurde. Die Mondpyramide am nördlichen Abschluss der Straße der Toten misst 45 Meter Höhe bei einer Grundfläche von 130x163 Metern. Untersuchungen ergaben, dass der Monumentalbau eigentlich aus fünf übereinander gebauten, zwischen der Zeitenwende und 450 n.Chr. errichteten Pyramiden besteht. Welche unterschiedlichen Funktionen hatten die Stadtviertel? Die Gebäude entlang der Miccaotli dienten wohl vorwiegend religiösen Zeremonien, hatten aber daneben auch weltliche Funktion. Sie verbanden also wirtschaftliche, sakrale und administrative Aufgaben. Der Nachweis von Obsidianwerkstätten in der zentralen Zone verdeutlicht die Bedeutung und sakrale Anbindung dieses Handwerks. Die Töpfereien für Gebrauchskeramik etwa lagen weit entfernt von der Miccaotli. Während die Architektur grundsätzlich dem vorgegebenen Schema folgte, geben Ausgrabungen künstlerischer Artefakte Auskunft über die ethnische Vielfalt und damit die individuelle Ausprägung der einzelnen Stadtviertel. Wie war Teotihuacán geschmückt? Als besonderes Kennzeichen der prunkvollen Stadt Teotihuacán gelten die einzigartigen Wandmalereien. Alle bisher aufgedeckten Mauern zeigen Farbspuren. Die Künstler schmückten nicht nur Sakralgebäude, sondern auch öffentliche und private Paläste und normale Häuser. Die Bemalung reicht von einfarbigen, roten Flächen bis zu vielfarbigen Kombinationen mit figürlichen Motiven und abstrakten Ornamenten. Wussten Sie, dass … es in Teotihuacán eine Art Verkehrszeichen gab? Das waren an Wänden angebrachte Logogramme, die von Menschen unterschiedlicher Sprachen verstanden wurden. im Zentrum der Zitadelle in Teotihuacán auch die Maya Spuren hinterließen? Archäologen fanden Hinweise auf die Maya in der Keramik und einigen Details von Wandmalereien. Hagia Sophia: Krone der Baukunst für die heilige Weisheit Was heißt Hagia Sophia? Die 532 bis 537 erbaute Haupt- und Krönungskirche des Oströmischen Reiches war der heiligen Weisheit geweiht, griechisch hagia sophia. Das Gebäude spiegelt die politische Geschichte der einstigen Hauptstadt Konstantinopel – heute Istanbul – wider. War der Standort der Kirche schon früher bebaut? Ja, an der Stelle entstand bereits unter Konstantin dem Großen (Reg. 306–337) eine erste Kirche. Sie fiel den Zerstörungen im Nika-Aufstand 532 zum Opfer. Kaiser Justinian I. (Reg. 527–565) ließ daraufhin von den Architekten Anthemios von Tralles und Isidor von Milet einen Neubau errichten. Schon kurz nach der Weihe im Jahr 537 erwies sich dessen flaches Kuppelgewölbe als nicht tragfähig und stürzte bei einem Erdbeben 538 ein. 563 wurde eine neue Kuppel mit höherer Wölbung eingezogen. Welche Wandlungen erlebte die Hagia Sophia? Einen großen Einschnitt bedeutete die Eroberung Konstantinopels 1453 durch die Türken: Nun wurde aus der christlichen Kirche eine Moschee. Später kamen zahlreiche Anbauten hinzu, die vor allem die äußere Erscheinung veränderten. Die wenigen Eingriffe im Innern dienten hauptsächlich kultischen Zwecken, etwa die nach Mekka ausgerichtete Gebetsnische (Mihrab) in der Hauptapsis, die Sultan Süleiman II. der Prächtige (Reg. 1520 bis 1566) stiftete. Ein weiteres Erdbeben im Jahr 1894 zerstörte etliche der alten Mosaiken. Im Jahre 1934 wandelte sich der Zweck des Baus noch einmal. Aus dem Sakralbau wurde nun ein profanes Museum. Was kennzeichnet den Kirchenraum? Die Hagia Sophia vereint das Prinzip des Richtungsbaus (Langhaus mit Hauptschiff und Seitenschiffen) mit dem eines überkuppelten Zentralbaus – ein Gedanke, der von der byzantinischen und frühchristlichen Architektur bis in die Renaissance und den Barock weiterentwickelt werden sollte. Die Genialität der Erfindung liegt in der Qualität des Raums und seiner Anmutung, die unwiederholt und ohne Nachfolge bleiben sollte. Hat man die verschiedenen Vorräume der Kirche durchschritten – ein (heute zum größten Teil zerstörtes) säulenumstandenes Atrium, eine äußere und eine innere Vorhalle (Narthex) –, betritt man den Hauptraum. Er bildet faktisch einen überkuppelten Saal mit quer zu ihm gesetzten kleineren Räumen. Für den Eindruck bestimmend ist jedoch die mächtige Hauptkuppel mit einem Durchmesser von 33 Metern und einer Scheitelhöhe von 56 Metern. Ihre gewaltigen Schubkräfte werden in der Längsachse auf je zwei Halb- und drei (bzw. zwei) Nebenkuppeln abgeleitet. Doppelstöckige Arkaden bilden den Übergang vom Kuppelraum zu den angrenzenden Seitenräumen. Die gewaltige Leistung der Baumeister bestand darin, die tragenden massiven Pfeiler der Kuppel so geschickt in die Wandmassen einzubinden, dass sie als solche kaum erkennbar sind. Stattdessen wirkt es, als ob der innere Kuppelraum von einem hinter den Arkaden liegenden, äußeren Raum umschlossen wäre. Die Kuppel schließlich scheint über spielerisch durchbrochenen und durchfensterten Wänden zu schweben – bedenkt man die Monumentalität der Anlage und ihre Entstehungszeit, das 6. Jahrhundert, ein nicht nur in technischer Hinsicht höchst beeindruckendes Raumerlebnis. Aus welcher Zeit stammen die Mosaiken und was zeigen sie? Von der ursprünglichen Ausstattung fiel das meiste dem Bildersturm im 8. Jahrhundert zum Opfer, ein Großteil der Mosaiken stammt aus späterer Zeit. Viele zeigen Darstellungen der jeweiligen Kaiser, in deren Regierungszeit die Erneuerungen fielen (so etwa Kaiser Leon VI., vor Christus kniend, im inneren Narthex, um 900). Thema des Widmungsmosaiks aus dem 10. Jahrhundert über der südlichen Narthextür ist die Stiftung der Kirche: Der thronenden Muttergottes werden von Kaiser Konstantin und Justinian Modelle von Stadt und Kirche dargebracht. Auch auf den Emporen sind noch Reste alter Mosaiken zu erkennen. Wer ist auf den Mosaiken der Apsis abgebildet? Das Halbrund der Kuppel zeigt die thronende Muttergottes mit kaiserlich gewandetem Kind, flankiert von den Erzengeln Gabriel (rechts) und Michael (links) schräg darunter an den Wänden des Altarraums. Der ursprüngliche Mosaikschmuck in der Apsis wurde zerstört, jedoch unmittelbar nach dem Bildersturm wiederhergestellt (um 867). Was war der Ikonoklasmus? Dem Ikonoklasmus (der Begriff leitet sich ab von griechisch eikon für Bild sowie kloein für zerstören) oder Bildersturm fiel in der Hagia Sophia ein Großteil der frühbyzantinischen Tafelbilder, Mosaiken und Fresken zum Opfer. Dazu zählen Darstellungen von Christus als Weltenherrscher in der Kuppel und von zwei der Seraphim in den Hängezwickeln darunter. Der Bilderstreit basiert auf dem 726 von Kaiser Leon III. ausgesprochenen und von seinen Anhängern vehement durchgesetzten Verbot der Bilderverehrung. Es wurde erst 787 nach der Thronbesteigung Kaiserin Irenes wieder außer Kraft gesetzt und lebte kurzfristig im 9. Jahrhundert noch einmal auf. Wussten Sie, dass … die acht grünen Marmorsäulen der Arkadenreihe im Erdgeschoss vom Tempel der Artemis in Ephesos stammen sollen? die vier Porphyrsäulen in den seitlichen Apsiden wohl aus dem Jupitertempel in Heliopolis (heute Baalbek im Libanon) als Symbol der Überlegenheit des Christentums über die heidnischen Kulte herbeigeschafft wurden? die Mosaiken wegen des islamischen Bilderverbots nach der Umgestaltung zur Moschee unter Putz lagen? Höhlentempel von Ajanta: Ein Denkmal für die Ewigkeit Wie kam es zur Entdeckung der Höhlen? Offiziere der britischen Kolonialarmee stießen bei einer Tigerjagd 1819 zufällig auf den Höhlenkomplex von Ajanta. Damals waren die Höhlen, die einst buddhistischen Mönchen als Kloster und Tempel gedient hatten, bereits seit einem Jahrtausend verlassen. Überwältigt standen nun die Offiziere vor der Pracht und der Fülle der monumentalen Wandmalereien, Reliefs und Skulpturen. Seit 1983 gehören die Höhlen im indischen Bundesstaat Maharashtra zum UNESCO-Weltkulturerbe. Wann entstanden Höhlen und Kunstwerke? Die ersten Höhlen wurden im 2. und 1. Jahrhundert v. Chr. in die steilen Felswände über dem Fluss Wagora geschlagen. Eine mühsame Arbeit, aber die schwindelnde Höhe bot den Mönchen während des Monsuns Schutz vor Überschwemmungen. In einer zweiten Periode, zwischen dem 5. und dem 7. Jahrhundert n.Chr., kam es zu einer wesentlichen Erweiterung. Diese hauptsächlich in der Gupta-Zeit, 320 n.Chr. bis um 500 n.Chr., entstandenen Kulthöhlen bilden den größten und imposantesten Teil der Anlage. In die Zeit der Gupta-Dynastie fällt die klassische Epoche der altindischen Malerei. Der hohe Entwicklungsstand der Freskotechnik zeigt sich deutlich in der unvollendeten Höhle 2 von Ajanta: Zwei Schichten aus gemagertem Ton wurden auf den Fels aufgetragen und dann mit einer feinen, glatten Lehmschicht bedeckt. Auf den feuchten Putz wurden zunächst die Umrisse der Figuren mit rotem Hämatitpulver skizziert, mit fünf verschiedenen Farben ausgemalt und abschließend die trockenen Wände glänzend poliert. Was zeigen die Bilder? Das reiche Bildprogramm der Höhlen von Ajanta erzählt von Buddha und seinen früheren Existenzen. Breiten Raum nehmen Szenen aus dem luxuriösen, sehr weltlichen Leben des Prinzen Siddharta Gautama ein. Ein anderes zentrales Motiv ist Siddharta als Bodhisattva, der, unter dem Bodhi-Baum sitzend, den richtigen Weg zur Erlösung erfährt und zum Buddha, dem Erleuchteten, wird. Die Malereien sind ein gutes Beispiel für das breite Motivrepertoire der klassischen Epoche. Welche Stilelemente zeigt die klassische Malerei? Im Stil zeichnet sich die klassische Malerei durch feine Wiedergabe der Details aus, eine stärkere Betonung der Umrisslinie und geschickte Überschneidungen der Motive, mit denen räumliche Tiefenwirkung erzielt wird. Die Männer sind kraftvoll, die Frauen üppig dargestellt, ihre Gesten wirken sehr gefühlsbetont. Hervorstechendes Merkmal der klassischen Malerei sind die Augenpartien der Personen. Deutlich zeigen sich diese Stilmerkmale am großen Bodhisattva aus der Höhle 1. Welche Art von Heiligtum finden wir in Ajanta? Die Höhlenanlage von Ajanta ist ein Heiligtum des Mahayana-Buddhismus, der im 1. Jahrhundert v.Chr. aufkam und den Bodhisattva nicht, wie im frühen Buddhismus, als Menschen sieht, der nach Erleuchtung strebt, sondern als einen bereits Erleuchteten. Aufgrund seines Mitleids verzichtet er jedoch auf den sofortigen Eintritt ins Nirvana, um alle anderen Wesen zu erlösen. Was ist die bedeutendste Figur in den Höhlenmalereien von Ajanta? Das ist ohne Zweifel der barmherzig-erlösende Bodhisattva Padmapani in Höhle 1, einem Vihara (Mönchszellentrakt) aus dem 6. Jahrhundert n.Chr. Er ist dargestellt in höfischer Tracht, mit Halsschmuck, langen Locken, feinem Gewand und einer prächtigen Krone. Der Körper ist in hellen Tönen leicht modelliert, wirkt jedoch nicht feminin. Die helle Hautfarbe zeigt die vornehme Herkunft des Prinzen, auch die graziöse Körperhaltung der Figur verrät Eleganz. Zwischen den manieristisch gespreizten Fingern der rechten Hand hält er eine Blüte. Doch der meditative Gesichtsausdruck lässt daran zweifeln, dass der Bodhisattva die diesseitige Existenz der Blume überhaupt wahrnimmt. Der Eindruck der Entrücktheit wird gefördert durch die – in typischer Art der Epoche gezeichneten – Augen, deren Lider tief über den Augapfel gezogen und durch einen Lidstrich verlängert sind. Die Schminke lässt die Augen noch schmaler und länger erscheinen. Die natürlichen Brauen sind rasiert und oberhalb der Brauenpartie in kühnem Schwung aufgemalt. Wo befinden sich ähnliche Höhlen? Die Weiterentwicklung der religiösen Kunst Indiens lässt sich im Höhlenkomplex von Ellora studieren, das wie Ajanta im Bundesstaat Maharashtra liegt und ebenfalls zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. Die in den Fels gehauenen Klöster und Tempel von Ellora stammen aus der Zeit vom 5. bis 13. Jahrhundert, sind also jünger als die von Ajanta und zeigen einige der bedeutendsten Kunstwerke der Chalukya-Epoche (6./7. Jh.). Neben buddhistischen und hinduistischen Anlagen – herausragend der Dumnar-Lena-Tempel – finden sich hier auch Heiligtümer des Jinismus, einer extrem asketischen Religion, die im 5. Jahrhundert v.Chr. in Indien begründet wurde. Wussten Sie, dass … sich die Gestalt des barmherzigen Bodhisattva in Höhle 1 harmonisch in eine paradiesische Felsenlandschaft einfügt? Affen, Pfauen und verschiedene Fabelwesen bevölkern die Szene. ein ganzer Hofstaat mit üppigen, reich geschmückten Schönheiten inmitten traumhafter Szenerien den faszinierenden Gesamteindruck vervollständigt? Der Felsendom: Frühislamische Kunst in Jerusalem Warum ist der Felsendom ein heiliger Ort für Juden und Muslime? Einst stand der Tempel des Königs Salomo an diesem Ort – einem heiligen Ort. Denn der Fels, über dem sich heute der achteckige Kuppelbau erhebt, gilt den Juden als die Stätte, an der Abraham sich anschickte, seinen Sohn Isaak zu opfern. Nach islamischem Glauben ist von diesem Felsen der Prophet Mohammed in den Himmel aufgefahren. So gehört der Felsendom, nach Mekka und Medina, traditionell zu den bedeutendsten Pilgerstätten der Muslime. Erst 1855 wurde auch Andersgläubigen der Zutritt erlaubt. Wer ließ den Felsendom erbauen? Bauherr des im Jahr 691 fertig gestellten Felsendoms war der Kalif Abd Al Malik (Reg. 685–705). Er gehörte dem Geschlecht der Omajjaden an, der ersten Kalifendynastie, die in Damaskus residierte. Die Omajjaden dehnten das Islamische Reich nach Nordafrika, Turkistan, Pandschab und Spanien aus und wussten ihre Macht gegen andere muslimische Herrscher zu verteidigen. So beseitigte Abd Al Malik den Gegenkalifen in Mekka, um die Einheit des Reiches wiederherzustellen. Mit dem Bau des Felsendoms auf dem Tempelberg schuf er ein Symbol für den Triumph des Islams. Indem er den »Heiligen Felsen« der älteren biblischen Überlieferung für den Islam in Anspruch nahm, behauptete er die Überlegenheit der neuen Religion. Wie ist der Innenraum des Heiligtums gestaltet? Der Felsendom ist der älteste weitgehend im Originalzustand erhaltene Sakralbau des Islams. Zwar erfolgten vor allem in osmanischer Zeit einige Umbauten und Restaurationen, bei denen die Fassadenmosaiken zerstört wurden. Der Ausgestaltung des Inneren jedoch, und ihr gebührt höchste Aufmerksamkeit, blieb der spätantik-byzantinische Charakter erhalten. So sind die Wandfläche im mittleren Kuppelraum bis zum Ansatz der Kuppel sowie die Bögen des Umgangsbereichs mit prächtigen Mosaiken aus der Erbauungszeit geschmückt: Auf dem vergoldeten Grund erhebt sich ein üppiges Dekor aus Ranken, Akanthusblättern und Palmetten. Die Ranken, die aus kostbaren, mit Edelsteinen verzierten Gefäßen herauswachsen, bedecken mit ihren schwungvollen Einrollungen die Flächen. Diese Bildwerke werden von aneinandergereihten, mit Edelsteinen geschmückten Medaillons umrahmt. Zwischen den einzelnen Pflanzenmotiven finden sich alte Herrschaftssymbole wie Kronen, Halsschmuck und Ohrringe, die ebenfalls als Mosaik gestaltet und mit ausgesucht wertvollen Steinen besetzt sind. Welche künstlerischen Einflüsse sind im Felsendom erkennbar? Ein Charakteristikum der Frühphase islamischer Kunst ist die Orientierung an der überlieferten antiken Kunst. So kann die Ausgestaltung des Felsendoms ihre byzantinischen, altpersischen, vor allem auch griechisch-römischen Vorbilder nicht verleugnen. Symmetrisch aufgebaute, fächerförmige Pflanzenmotive wurden in der antiken Kunst des Mittelmeerraums häufig verwendet. Aus dem Byzantinischen Reich und dem persischen Sassaniden-Reich hat man als dekorative Elemente den Schmuck, die Gefäße, die Kronen, die Medaillons und das Doppelflügel-Motiv entlehnt. Die frühe islamische Kunst hat ihre Vorbilder aber nicht einfach nur kopiert, sondern eigenständig fortentwickelt. Die Palmette beispielsweise zeigt sich im Felsendom ins Monumentale übersteigert, wobei sie in der Form entweder dem »klassischen« Vorbild folgt oder als innovative Mischform mit aufsteigenden Blattranken gestaltet ist. Warum gibt es keine Darstellungen von Mensch und Tier? Am völligen Fehlen der Darstellung von Mensch und Tier, wie sie in zeitgleichen Mosaiken der spätantik-byzantinischen Welt selbstverständlich ist, wird die im Islam prinzipielle Ablehnung des Kultbildes deutlich. Die islamische Kunst ist ja wesentlich von der Religion und ihren Gesetzen und Prinzipien bestimmt. Deshalb mussten künstlerische Vorbilder, die man von alten Kulturen übernahm, an die neue Religion angepasst werden. Welche Bedeutung hat das üppige Pflanzendekor? Das in der üppigen Pflanzendarstellung versteckte inhaltliche Weiterleben der antiken Lebensbaum- und Paradiessymbolik macht dem Gläubigen auch islamische Vorstellungen vom Paradies als immergrünem Ort anschaulich. Die Übernahme der Kunstform des Mosaiks an sich, der Machtsymbole aus der byzantinischen und altorientalischen Kultur symbolisiert deren Überwindung durch den Islam und den Anbruch einer neuen Zeit. Was erzählen die Inschriften? Die umlaufenden Inschriften, die neben den Mosaiken zur Innenausstattung des Felsendoms zählen, zitieren Passagen aus dem Koran. Die Auswahl der Suren bezieht sich dabei hauptsächlich auf die kompromisslose Eingottlehre des Islams und ihre Abgrenzung gegen andere Gottesvorstellungen. Zudem demonstrieren die Inschriften die hohe Wertschätzung, die im Islam dem Wort zukommt, das deutlich über das Bild gestellt wird. Daraus entwickelten sich die Verwendung von Schrift und Schriftsymbolen in der Dekoration sowie die wesentliche Rolle, die die Kalligrafie, die Schönschreibekunst, in der islamischen Kultur spielt. Wussten Sie, dass … den Schöpfern der Mosaiken unter Umständen die Symbolik der überlieferten alten Motive gar nicht bewusst war? So steht die Weinranke in der griechischen Antike für den Vegetationsgott Dionysos, der seine Anhänger in orgiastischen Taumel versetzte – ein Zustand, den der Islam ablehnt. Moschee von Córdoba: Raumschöpfung aus 1001 Nacht Was macht die Moschee so besonders? Die Freitagsmoschee im andalusischen Córdoba gilt als eindrucksvollstes Zeugnis islamischer Architektur in Spanien. Mit ihren stattlichen Ausmaßen von 178 x 128 Metern ist sie die drittgrößte Moschee der islamischen Welt und hat alle späteren Raubzüge und Eroberungen nahezu unbeschadet überstanden. Fast 800 Jahre lang, von 711 bis 1492, herrschte der Islam im Südwesten Europas. In seiner Blütezeit vom 8. bis 10. Jahrhundert nahm das islamische Spanien den größten Teil der Iberischen Halbinsel ein. Nördlich davon hatten Christen ein kleines asturisch-galizisches Königreich gegründet, von wo aus sie neidvoll auf das reiche islamische Spanien blickten. Dessen politisches und kulturelles Zentrum war im 10. Jahrhundert Córdoba, mit rund 500000 Einwohnern die größte Stadt im westlichen Mittelmeerraum und neben Bagdad die Metropole der islamischen Welt. Wer ließ die Moschee erbauen? Die Moschee hatte mehrere Bauherren. Zunächst hatten die islamischen Eroberer nach dem Sieg über die Westgoten im 8. Jahrhundert Córdoba zur Residenzstadt ausgebaut. Emir Abd ar-Rahman I., der Al-Andalus zu einem mächtigen und reichen Staat machte, ließ ab 785 in Córdobas Zentrum eine neue Moschee errichten. Er wollte damit der Herrschaft seiner Dynastie und der wachsenden islamischen Bevölkerung ein religiöses Zentrum geben. Spätere Herrscher wie Mohammed I., Abd ar-Rahman III., Al-Hakem II. und Almansor vergrößerten das Bauwerk, bis es schließlich zu einem gewaltigen Moscheebezirk von 23400 Quadratmetern herangewachsen war. Welche Wirkung erzielt die Architektur? Der schlichte Außenbau mit seinen zwölf Meter hohen Mauern gleicht einer Festung. Künstlerische Akzente setzen mehrere Portale entlang der Ost- und Westflanke. Hervorzuheben ist die reiche Dekoration der Puerta del Palacio, deren Tor von einem kühn geschwungenen Hufeisenbogen bekrönt und von verblendeten und filigran vergitterten Fenstern sowie Blendarkaden eingefasst wird. Besonders reizvoll ist das Wechselspiel von rotem Ziegel und sandfarbenem Gestein. Im Patio de los Naranjos, dem Moscheevorplatz innerhalb der Mauern, standen einst Zypressen, Lorbeer- und Olivenbäume. Daneben gab es auch Brunnen, da das Areal den rituellen Reinigungsbädern vorbehalten war. Der Überlieferung nach ließ erst der christliche König Alfons X. hier Orangenbäume anpflanzen. Der heute steil aufragende Glockenturm ist ein barocker Umbau des Minaretts, das unter den Mauren im 10. Jahrhundert errichtet worden war. Was gliedert den Innenraum? Im Inneren der Moschee empfängt ein Wald aus dicht beieinanderstehenden Säulen den Besucher. Die 860 schlanken, schwerelos wirkenden Säulen sind größtenteils antikrömischen Ursprungs. Auf ihnen lasten die so genannten Kämpferblöcke. Sie dienen sowohl den Hufeisenbögen, die zu den benachbarten Stützen überleiten, als auch den aufragenden Pfeilern als Basis. Diese bilden ein oberes, von Halbkreisbögen bestimmtes »Stockwerk« aus, dessen Farbenspiel den Blick immer wieder auf sich zieht. Der älteste Bauabschnitt aus der Zeit Abd ar-Rahmans I. erstreckt sich über den nordwestlichen Teil der Gebetshalle und nahm einst elf Schiffe ein. Die Säulen schimmern rosafarben und blaugrau, die Keilsteine der Bögen setzen mit dem Wechsel aus rotem Ziegel und sandfarbenem Haustein optische Akzente. Der Mihrab (die Gebetsnische) des ersten Erweiterungsbaus aus dem 9. Jahrhundert hat sich in Gestalt der Capilla de Villaviciosa als eine der schönsten Raumschöpfungen der Moschee erhalten. Eine Rippenkuppel bekrönt die verzierten Schauwände mit ihren Vielpassbögen. Wodurch zeichnet sich der Erweiterungsbau aus? Durch seine hohe künstlerische Qualität. Der im Südwesten anschließende Erweiterungsbau erfolgte ab 961 unter Al-Hakem II. Sein Prunkstück ist ein zweiter Mihrab in Gestalt einer tiefen Nische mit muschelförmiger Kuppel, die je fünf quadratische Räume flankieren. Ausgezeichnet wird der Bereich durch eine zur Gebetshalle hin mit blauen und goldenen Mosaiken geschmückte Prachtfassade. Die Inschriften zitieren Koranverse und rühmen Al-Hakem II. Nicht minder aufwendig ist der Vorraum gestaltet, der aus ineinander verflochtenen Streben besteht. Ihn zieren Vielpassbögen sowie eine dünne Haut aus filigranem Stuckdekor. Die aus Bogenrippen gebildete Kuppel ist reich mit Mosaiken besetzt. Wie gingen die Christen mit dem Zeugnis islamischer Baukunst um? Selbst die christlichen Herrscher, die Córdoba 1236 erobern konnten, bewunderten die islamische Moschee. Anders die Domherren von Córdoba, die inmitten des Gebetsraumes ein mittelmäßiges Gotteshaus im Stil der Spätgotik errichten ließen. Kaiser Karl V. hatte ihnen – in Unkenntnis der Situation – seinen Segen gegeben. Als er später den brachialen Eingriff persönlich in Augenschein nahm, soll er ausgerufen haben: »Hätte ich gewusst, was das hier war, ich hätte nie gewagt, den alten Bau anzutasten. Ihr habt zerstört, was in der Welt einmalig war und etwas hingestellt, was man überall sehen kann!« Wussten Sie, dass … Córdoba 169 v. Chr. von den Römern besetzt und im 3. Jahrhundert n. Chr. Bischofssitz wurde? an der Stelle, wo heute die Moschee ihre Pracht entfaltet, zuvor schon ein römischer Tempel sowie eine christliche Kathedrale stand? die beeindruckenden Säulen des Inneren aus Jaspis, Onyx, Granit und Marmor bestehen? Córdoba 1236 von den Christen zurückerobert wurde? Nur dem Geldmangel ist es zu verdanken, dass den Umbauplänen der neuen Herrscher nicht mehr zum Opfer fiel. Pfalzkapelle in Aachen: Mittelalterliche Herrscherkunst Wo verbirgt sich die Pfalzkapelle? Im Aachener Münster. Von außen lässt sich der Kern dieses Bauwerks unter den Anbauten der Jahrhunderte kaum erkennen. Im Inneren öffnet sich jedoch ein über die Zeiten kaum veränderter Raum von epochaler geschichtlicher und kunstgeschichtlicher Bedeutung: die Pfalzkapelle Karls des Großen. Wie ist der Raum gebaut? Die Pfalzkapelle ist ein steiler, achteckiger Zentralbau. Er wird auf zwei Geschossen von einem sechzehneckigen Umgang umschlossen und von einem Klostergewölbe überspannt. Der Kernraum des Oktogons (Achtecks) ist ein Arkadenraum, das heißt, er öffnet sich zu den Umgängen mit Rundbögen. Das niedrige, untere Geschoss erscheint wie ein Sockel für das höhere darüber, das dem Kaiser und seinem Gefolge vorbehalten war und daher besonders ausgezeichnet ist. Die einst vergoldeten Bronzegitter des Obergeschosses stammen aus der Erbauungszeit. Im Osten schloss sich das zweigeschossige Altarhaus mit den Altären für Christus und Maria an. Im Westen ist der Bau mit der Kaiserempore vorgelagert. Der Königs- und Krönungsthron des Reiches steht noch heute auf dem westlichen Umgang vor der Kaiserempore, mit direkter Sicht auf das gegenüberliegende Altarhaus. Vor dem Westbau der Kirche, der eine riesige Rundbogennische für den Kaiser aufwies, erstreckte sich der für feierliche Anlässe benutzte Vorhof, das Atrium. Warum steht die Kapelle in Aachen? In Aachen sollte erstmals ein festes Zentrum für das fränkische Reich entstehen: ein zweites Rom in Rivalität mit dem oströmischen Byzanz. Als Architekt der Kapelle, dem Mittelpunkt der neuen Pfalz, wird Odo von Metz genannt. Das entscheidende Vorbild war die Kirche San Vitale in Ravenna, die Karl aus eigener Anschauung kannte und schätzte. Dieser doppelgeschossige Zentralbau entstand unter byzantinischer Herrschaft im zweiten Viertel des 6. Jahrhunderts und ist heute noch für seine Mosaiken berühmt, die unter anderem den byzantinischen Kaiser Justinian und seine Frau Theodora zeigen. Was verbindet die Kapelle mit ihrem Vorbild? Hier wie dort handelt es sich um ein Oktogon mit Umgang, Empore und Obergaden (der durchfensterte obere Anschluss), mit Arkaden und Säulenstellungen sowie einer Wölbung. Einiges unterscheidet jedoch die beiden Bauten. So steht die Steilheit und Kantigkeit des Baus im deutlichen Gegensatz zu San Vitales Architektur. Vor allem aber gilt es zu beachten, wie der Architekt die Säulen aus Porphyr und Granit mit ihren Marmorkapitellen präsentierte, die eigens aus Ravenna und Rom herbeigeschafft wurden. Die kostbaren kaiserlich-antiken Materialien stehen für die Idee des »neuen Rom« und Karls Anspruch einer Legitimation in Anknüpfung an das antike Kaisertum. Übrigens verzichtete der Architekt auf die in San Vitale ausschwingenden Arkaden der Oktogonkompartimente wohl, um die Säulen besser zur Geltung zu bringen. Welche technischen Mittel setzten die Erbauer ein? Die Kapelle war der erste gewölbte Großbau nördlich der Alpen seit der Antike. Er entstand in einer völlig neuen Technik, bei der man sich erstmals einer Ringkonstruktion aus Eisen bediente. Die antikisch gestalteten, bronzenen Emporengitter und Türen wurden gegossen: Zum ersten Mal seit der Antike kam diese Technik in Aachen wieder zur Anwendung. Neu war der Westbau mit der Thronanlage, der große Nachfolge finden sollte. Die Pfalzkapelle steht schließlich am Beginn einer langen Reihe zweigeschossiger Hofkapellen im mittelalterlichen Abendland. Was bewahrte die Kapelle vor Umbauten und Veränderungen? Mit der Bestattung des am 28. Januar 814 verstorbenen Karl des Großen wurde die Pfalzkapelle zur Grabeskirche. Vom 9. bis zum 11. Jahrhundert wurden im Reich aus ideologischen Gründen viele Kirchen errichtet, deren Formen sich an der Pfalzkapelle orientierten. Nachdem sich Otto der Große 936 in Aachen zum deutschen König krönen ließ, wurde Aachen Krönungsstätte. Die Bedeutung der Kapelle erklärt, dass sie kaum verändert, sondern nur durch Anbauten ergänzt und mit Kostbarkeiten beschenkt wurde. Um Karl den Großen entwickelte sich ein Kult, der bis zu seiner Ernennung zum Staatsheiligen führte. Wussten Sie, dass … die Bezeichnung »Kapelle« ihren Ursprung in Aachen hat? Der Begriff capella bezeichnete den Mantel des heiligen Martin; die Reliquie war im Besitz der fränkischen Könige. im Aachener Dom Reliquien wie das Lendentuch Christi, das Kleid Mariens sowie das Enthauptungstuch Johannes' des Täufers aufbewahrt werden? Tempel von Khajuraho: Kunst, Religion und Sinnlichkeit Warum stehen so viele Tempel an einem Ort? Khajuraho, das alte Kharjjuravahaka, war einst Hauptstadt einer der mächtigen Dynastien ihrer Zeit, der Chandella. Die Tempel entstanden zwischen dem 9. und 12. Jahrhundert n. Chr. Von den etwa 80 Heiligtümern sind heute nurmehr rund 30 Tempel und Schreine erhalten, davon einige nur noch als Ruinen. Die bewahrten Heiligtümer können jedoch als beste und spektakulärste Beispiele der sakralen Architektur Indiens im nördlichen Stil gelten – von welchem sie sich allerdings durch eigene Charakteristika unterscheiden. Wie gliedert sich der Tempel? Der Gläubige betritt den Tempel von Osten durch einen Eingangsraum ( ardhamandapa ) und einen Vorraum ( mandapa ). Aus dem Versammlungsraum ( mahamandapa ) führt ein Vestibül ( antarala ) in das Allerheiligste ( garbhagrha ); alle Räume liegen auf einer Achse. Die Gläubigen verehren das garbhagrha von einem Wandelgang auf dem Umgangskorridor ( pradakshina ) aus. Über allen Bauteilen des Tempels ragen immer höhere Türme auf, die – nach dem Willen der Erbauer – wie Himalaya-Gipfel erscheinen sollen. Der Bau steht auf einer hohen Plattform, von der fast senkrecht die Architektur aufragt, zuweilen unterbrochen durch Fenster, Balustraden und Balkone sowie rundum von waagerechten Reliefbändern überzogen. Die darüberliegenden Dächer werden ebenfalls durch Reliefwerk in horizontale Streifen gegliedert. Die Dächer erhalten ihre charakteristische Form durch viele Nebentürme und - türmchen, die dicht beieinanderstehen. Woher kommen die Schattenspiele? Überfordert von der Fülle der Eindrücke, orientiert sich das Auge an den Schatten, die sich über den gesamten Bau ziehen. Sie entstehen dadurch, dass die Reliefs sehr tief ausgearbeitet sind. Teilweise bilden die Figuren sogar dreidimensionale Skulpturen aus. Was stellen die vielen Skulpturen dar? An den Tempelfassaden sieht man an entsprechender Stelle Skulpturen mit den Königen der Himmelsrichtungen sowie weibliche Gottheiten, Musikanten und Prunkprozessionen. Besonders reich wurden die Portale geschmückt. Zu beiden Seiten der Türöffnung sind hier die Flussgöttinnen dargestellt, Ganga und Yamuna, die der Tradition gemäß auf Krokodil und Schildkröte stehen. Im Gegensatz zu früheren indischen Tempeln im Gupta-Stil wurden die Tempelbauten der Chandella auch innen mit Reliefwerk geschmückt. Der berühmteste Tempel von Khajuraho ist der shivaitische Kandariya-Mahadeva vom Anfang des 11. Jahrhunderts, geschmückt mit über 600 Statuen auf seinen Außenfassaden und ausgestattet mit 200 Figuren im Inneren. Was bedeuten die erotischen Darstellungen? Die Bedeutung der erotischen Skulpturen an den Fassaden des Tempels ist bis heute nicht ganz geklärt. Sie zeigen sexuelle Vereinigungen, die nach europäischen Maßstäben im Bereich des Obszönen und Orgiastischen liegen. Man versucht sie mit dem Shiva-Kult oder aber mit Praktiken einer geheimen Lehre zu verbinden, des so genannten Tantra. Diese indische Erlösungslehre mit stark erotisch gefärbter, mystischer Symbolik wurde auch unter den Chandella-Königen praktiziert. Die tantrischen Praktiken haben ähnlich dem Yoga als oberstes Prinzip die Vereinigung von Körper und Geist. Hier wird dieses Ziel durch rituellen Genuss von all jenem zu erreichen versucht, das in der Askese verboten ist – darunter auch Geschlechtsverkehr. Andererseits lassen sich die Darstellungen der Liebespaare, der so genannten mithunas , an den Außenwänden und Umzäunungen der Heiligtümer bis in die früheren Epochen der indischen Kunst zurückverfolgen, in denen die Tantra-Lehre noch lange nicht erfunden war. Haben die erotischen Figuren eine religiöse Dimension? Die Darstellung von Liebespaaren ist ein bedeutender Aspekt der im Hinduismus tief verwurzelten Fruchtbarkeitskulte. In der sexuellen Ekstase wird das Göttliche und damit das eigentliche Ziel eines jeden Lebewesens erfahren. Die Gesichter der Liebenden spiegeln hier auch nicht Lüsternheit und Erregung, sondern fast schon weltentrückte Gelassenheit wider. Die sexuelle Vereinigung ist hier kein in erster Linie körperlicher Akt, sondern eine spirituelle und damit religiöse Form der Gotteserfahrung. Von der Götterstatue im Inneren geht die Kraft aus, die sich an den Außenwänden des Tempels zum »Tanz des Lebens« steigert. Wussten Sie, dass … sich der höchste Turm des Tempels über dem Allerheiligsten erhebt? die Tempel größtenteils Heiligtümer zweier hinduistischer Glaubensrichtungen – des Shivaismus und des Vishnuismus – sind? der hinduistische Gott Shiva noch 108 weitere Namen führt? einige Tempel auf die Anhänger des Jinismus zurückgehen, einer unorthodoxen Glaubensrichtung aus dem 5. Jahrhundert v. Chr.? Die Abteikirche in Cluny: Steingewordener Ausdruck von Klostermacht Wie wurde Cluny zu einem der einflussreichsten Klöster in Europa? Im Jahr 910 stiftete Wilhelm, Herzog von Aquitanien und Graf von Auvergne, die Abtei dem Benediktinerorden und stellte sie unter die Hoheit der Päpste. Kein geistlicher oder weltlicher Herr hatte Einfluss auf ihre internen Belange. Die Stiftungsbestimmungen ließen das Kloster bald zu einer kirchlichen Feudalmacht werden, deren Reichtum durch zahlreiche Stiftungen beständig erweitert wurde. Hinzu kamen Einkünfte aus den in ganz Europa Cluny unterstellten Klöstern, wodurch ein streng hierarchisch gegliederter Klosterverband entstand. Zu den Stiftern gehörten sogar Könige wie Alfons VI. von León und Heinrich I. von England. Cluny entwickelte sich zum Zentrum einer Reformbewegung des gesamten abendländischen Mönchtums. Architektonischer Ausdruck dessen war die nach 1070 begonnene dritte Klosterkirche (Cluny III). Dieser gewaltige Kirchenbau stand sinnbildhaft für die weltliche Macht der Cluniazenser, der einflussreichsten Mönchskongregation im 11. und 12. Jahrhundert in Europa. Wie sahen die Vorgängerbauten aus? Über die erste Kirche von Cluny ist nur bekannt, dass es sich um eine 915 geweihte steinerne Saalkirche handelte. Bereits kurz darauf begann man mit einem ehrgeizigeren Projekt. Die zweite Kirche des Klosters war spätestens seit 948 im Bau, 981 wurde sie geweiht. Man errichtete eine dreischiffige Basilika mit ausladendem Querhaus und langem dreiteiligem Chor mit gestaffelten Apsiden. Dem Langhaus war im Westen ein Atrium vorgelagert. Cluny II wurde zum Vorbild der cluniazensischen Reformbaukunst, die im Deutschen Reich vom Kloster Hirsau aus Verbreitung fand. Die Kirche wurde um 1118 für den Kreuzgang abgebrochen, Chor und Atrium blieben bis zum 18. Jahrhundert erhalten. Welche Ausmaße hatte Cluny III? Bis zum Neubau von Sankt Peter in Rom war die um 1088 unter Abt Hugo begonnene dritte Kirche von Cluny mit einer Länge von fast 188 Metern, einer Breite des Querschiffs von rund 74 Metern und einer Höhe des Kirchenschiffs von fast 33 Metern die größte Kirche der Christenheit. Vor dem eigentlichen Kirchenbau befand sich ein gewaltiger Narthex (Vorhal