Moderne Kunst – der Weg in die Abstraktion
Moderne Kunst – der Weg in die Abstraktion Zu Beginn des 20. Jahrhunderts entdeckten die Expressionisten Farbe und Form als Werte einer ausdrucksstarken Malerei. Einige gingen den Weg weiter zur Abstraktion. Dem Prinzip der Gleichzeitigkeit verschiedener Perspektiven folgend, fügten die Kubisten ab 1906 Grundformen zu neuen Motiven zusammen. Die Futuristen stellten durch eine Aneinanderreihung kubischer Formen Bewegung dar. Den Ersten Weltkrieg verarbeiteten die Künstler unterschiedlich: expressiv oder im satirisch-kritischen Realismus der Neuen Sachlichkeit. Die Dadaisten führten die Fotocollage und das Prinzip des Zufalls in die Kunst ein. Einen Neuanfang wagte das Bauhaus in Weimar mit modernem Industriedesign. Das Unbewusste und den Traum als Quelle der Kunst entdeckten die Surrealisten 1924 in Paris. 1933 beendeten die Nationalsozialisten die Moderne in Deutschland. Wie auch in anderen totalitären Ländern sollte eine »realistische« Kunst den Staat und seine Ziele verherrlichen. Nach dem Zweiten Weltkrieg erlangten erstmals die USA mit dem Abstrakten Expressionismus die Vorreiterrolle in der Kunst. Europa dagegen suchte die Inspiration für eine unverfälschte Kunst in den Malereien von Kindern oder Naturvölkern. Auch neue Materialien wie Sand, Staub, Gips oder Schwämme wurden von Künstlern genutzt. Die Pop-Art machte den US-amerikanischen Alltag zum Thema von Siebdrucken und Fotocollagen. Mit dem anschließenden Fotorealismus schienen alle Möglichkeiten der reinen Malerei ausgeschöpft zu sein. Neue Formen wie Aktionskunst und Landschaftskunst entstanden. Bei der Konzeptkunst war die künstlerische Idee wichtiger als das Kunstwerk selbst. Die Malerei der 1980er Jahre griff im Zeichen der Postmoderne mit Georg Baselitz und den Neuen Wilden den gegenständlichen Expressionismus wieder auf. Zugleich begann die Auseinandersetzung mit den neuen Medien, etwa mit Neonschriften und Videoinstallationen. Vincent van Goghs Selbstbildnis: Vision aus dem Inneren Welche Ausbildung machte van Gogh zunächst? Vincent, der Pfarrerssohn, begann mit 16 Jahren eine Lehre im ungeliebten Kunsthandel seines Onkels in Den Haag, später in London und Paris. Es folgten Anstellungen als Hilfslehrer und Buchhändler, eine abgebrochene Ausbildung zum Pfarrer und die erfolglose Bewerbung bei einer Missionarsschule. Von einer Stelle als Prediger bei den Kohlegruben im belgischen La Borinage rief man ihn wegen seines fanatischen Eifers wieder ab. Aus Holland brachte er nervöse Erschöpfung und gefüllte Skizzenbücher mit Szenen aus dem armseligen Leben der Arbeiter zurück. In den folgenden Jahren malte van Gogh dort in einem dunkeltonigen Realismus bäuerliche Alltagsszenen wie die Darstellung der Kartoffeln essenden Bauern aus Nuenen. Wie kam der Maler mit dem Impressionismus in Kontakt? Im März 1886 zog van Gogh unangemeldet zu seinem jüngeren Bruder Theo, der in Paris als Kunsthändler arbeitete. Theo kümmerte sich von da an um ihn und machte ihn mit den Malern des Impressionismus bekannt. Camille Pissarro führte den jungen Holländer in die Freilichtmalerei ein. Im Atelier des Malers Cormon lernte er Henri de Toulouse-Lautrec und Émile Bernard kennen. Ein Förderer und Freund van Goghs wurde der Farbenhändler Père Tanguy, der etliche Bilder gegen Leinwand und Farbe in Zahlung nahm. Zwei Jahre verbrachte van Gogh in Paris und verarbeitete in Bildern wie den Stadtansichten die Anregungen des Impressionismus. Was führte den Maler in die Provence? Das Licht Südfrankreichs. Auf der Suche nach lichtdurchfluteten Landschaften reiste van Gogh im Februar 1888 in die Provence. In Arles malte er einige seiner berühmtesten Bilder: die Ansichten der Brücke von Langlois, Arles bei Sonne und beim Licht der Gaslaternen und die »Sonnenblumen«, die heute zu den teuersten Bildern der Welt zählen. Von seiner Sammlung japanischer Farbholzschnitte inspiriert, wählte er originelle Bildausschnitte, die das Hauptmotiv aus der Bildmitte verbannten und am Rand einfach abschnitten; außerdem arbeitete er mit starken Verkürzungen und einer flächigen Vereinfachung der Formen in leuchtenden Farben, die er durch Umrisslinien noch verstärkte. Mit wem lebte van Gogh in Arles zusammen? Im »Gelben Haus« richtete der Maler für seinen Freund Paul Gauguin, mit dem er eine Künstlerkolonie gründen wollte, ein Zimmer ein. Das Zusammenleben fand nach zwei Monaten ein dramatisches Ende. Aus Enttäuschung über Gauguins geplante Abreise in die Südsee wollte Vincent vermutlich zunächst mit dem Messer auf ihn losgehen und schnitt sich dann wohl selbst ein Stück seines Ohres ab. Gauguin verließ noch am gleichen Abend Arles und van Gogh wurde ins Hospital eingeliefert. Was tat der Maler in Saint-Rémy? Van Gogh begab sich 1889 freiwillig in die Nervenheilanstalt in Saint-Rémy und blieb dort, völlig unzureichend behandelt, ein Jahr. Noch heute kann man in diesem Ambiente die Motive seiner Bilder aufspüren wie das Atelier und den Innenhof des Hospitals. In den Bildern aus Saint-Rémy erscheint ein neuer Pinselduktus, Spiegelbild seines aufgewühlten Inneren. Die Zypressen wirken wie züngelnde Flammen, die Olivenbäume scheinen ebenso zu leiden, wie er es tat: Die Hoffnung, geheilt zu werden, wurde enttäuscht, Anfälle und Halluzinationen nahmen zu. Wie lässt sich das Selbstbildnis in van Goghs Werk einordnen? In Saint-Rémy malte van Gogh sein vorletztes Selbstporträt. Schonungslos und unsentimental zeigt es sein Leiden und seine Verzweiflung. Ernst, fast feindlich schaut sein hageres Gesicht aus dem Bild. Auch hier ist der für ihn charakteristische, dynamische Pinselstrich zu erkennen und wie so oft arbeitet van Gogh mit den kontrastierenden Primärfarben. 38 Bildnisse hat der Künstler insgesamt von sich gemalt, immer war es eine Erforschung des eigenen Wesens. Inneres Erleben und Geschautes, Vision und Expression fielen in seinen Bildern zusammen, fanden Ausdruck in heftiger Farbigkeit, die zum Teil direkt aus der Farbtube auf die Leinwand gestrichen wurde. Wie wirkte das Werk van Goghs weiter? Die Expressivität seiner Bilder sollte neben Cézannes Werk und Gauguins Arbeiten den Weg bereiten für die Malerei der Moderne. Die Sensibilität des zutiefst leidenden Menschen schwingt bis heute in seinen Werken nach. Ein Jahr vor seinem Freitod malte Vincent van Gogh (1853–1890) sein vorletztes Selbstportrait. Schonungslos und unsentimental zeigt es sein Leiden und seine Verzweiflung. Zu Lebzeiten nicht ernst genommen, wurde van Gogh zum Vorbild der Expressionisten und zu einem der bekanntesten Künstler der Geschichte. An welcher Krankheit litt der Wegbereiter der modernen Malerei? Vermutlich handelte es sich bei van Goghs Krankheit um eine psychische Erkrankung, auch wenn die Ärzte in der Nervenheilanstalt von Saint-Rémy Epilepsie diagnostizierten. Halluzinationen und Depressionen prägten van Goghs Leben nach seinem ersten Anfall. Da sich diese Phasen immer wieder mit Zeiten ekstatischer Schaffensfreude abwechselten, vermuten heutige Psychiater eine bipolare affektive Störung, auch als manisch-depressive Erkrankung bekannt. Nach einem Besuch bei dem Bruder Theo in Paris, wo es zu Differenzen über Vincents wirtschaftliche Situation kam, zog der Maler im Mai des Jahres 1890 nach Auvers-sur-Oise zu dem Arzt und Kunstsammler Dr. Paul Gachet. Hier konnte er sich frei bewegen und malte etliche Meisterwerke wie das Bild der Kirche von Auvers. Am 27. Juli nahm er sich eine Waffe mit aufs Feld, das er kurz zuvor noch gemalt hatte, und schoss sich in die Brust. Er starb zwei Tage später. Wussten Sie, dass … sich der Maler durch seine zahlreichen Selbstporträts die Kosten für ein Modell sparen wollte? die Bilder van Goghs, heute die teuersten auf dem Kunstmarkt, zu seinen Lebzeiten unverkäuflich die Wohnung seines Bruders Theo in Paris verstopften? Der Schrei von Edvard Munch: Entladung der Seele Was ist auf dem Bild des Norwegers zu sehen? Schräg zieht sich eine dunkle Brücke tief in das Bild hinein, unter ihr dunkelblaues Wasser. Der Himmel färbt sich im Abendrot in leuchtenden Farben. Ganz vorn auf der Brücke steht ein Mädchen, dem Betrachter zugewandt. Sie hat die Hände an den Kopf gelegt und schreit, schreit laut mit weit aufgerissenem Mund – oder ist es ein lautloser, erstickter Schrei in letzter Ausweglosigkeit? »Der Schrei« entstand 1893 nach einem Spaziergang mit einem Freund: »An einem Abend ging ich auf einem Weg. Auf der einen Seite lag die Stadt, unter mir der Fjord. Die Sonne ging gerade unter, die Wolken färbten sich rot wie Blut. Ich empfand das alles wie einen Schrei, der durch die Natur ging. Ich glaubte, einen Schrei zu hören. Ich malte die Wolken wie richtiges Blut, die Farben schrien.« Welchen Stellenwert hat das Gemälde in der Kunstgeschichte? Munchs Bild zählt zu den berühmtesten Bildern der Kunstgeschichte. Es hat seit seiner Entstehung nicht an Faszination verloren und fesselt selbst zu Beginn des 21. Jahrhunderts noch den Blick des Betrachters. Das Bild schildert den Zustand von Angst und Entsetzen. Es tut dies mit aller Heftigkeit und zugleich auf eine Weise, die ohne jedes Pathos auskommt. Munch konfrontiert uns mit einem Schrei, der seine gesamte Bildwelt durchzieht; die Welt als solche scheint einzig psychisches Erleben. Körper, Holzbrücke, Wasser und Himmel, alles ist verzerrt, gezogen und verschlungen zu einer einzigen Aussage: dem Schrei. Die arabesken Linien und Formen werden noch intensiviert durch die Farbe. Kräftige, kontraststarke Töne spiegeln die entsetzliche Angst; nicht Gegenstandsfarben, sondern vor allem Schwarz mit Orange und Blau in einem kräftigen Komplementärkontrast symbolisieren Entsetzen. Der Betrachter des »Schreis« kann nicht anders als zusammenzuschrecken vor der ausweglosen Dramatik einer offengelegten Seele. Wie autobiografisch ist das Werk? Edvard Munchs Bilder sind malerische Verarbeitungen persönlicher Erlebnisse oder psychologischer Grenzsituationen, wie er sie seit seiner Kindheit erlebte. Er wuchs in Kristiania, heute Oslo, in einer protestantischen Arztfamilie einflussreicher Wissenschaftler und Künstler auf. Als er fünf war, starb seine Mutter, elf Jahre später auch seine Schwester Sophie an Tuberkulose. Sein Vater litt unter Depressionen und starb ebenfalls früh. Die beherrschenden Themen von Munchs frühen Bildern waren Krankheit und Tod. »Das kranke Kind« malte er 1885 und wiederholte es noch mehrfach als Radierung und Lithografie. Streng komponiert, liegt das Gewicht des Bildes auf dem Ausdruck der Gefühle, es markiert in seiner Vereinfachung Munchs Abkehr vom Naturalismus – nicht die direkte Darstellung der Wirklichkeit interessiert ihn fortan, sondern das subjektive Erleben. Welchen Sujets widmete sich Munch außerdem? Den Maler beschäftigte vor allem auch das Thema der weiblichen Sexualität. Edvard Munch hatte ein äußerst ambivalentes Verhältnis zu Frauen. Er schwankte zwischen der Anerkennung der weiblichen Persönlichkeit und dem Gefühl, ihr durch seine sexuellen Bedürfnisse ausgeliefert zu sein. »Pubertät«, das Bild eines Mädchens, das sich seiner Sexualität bewusst wird, malte er 1894. Das Mädchen ist keine Verführerin, es hat Angst und ist verunsichert. Sexualität und Angst – das Verhältnis von Mann und Frau als Bedrohung sind immer wiederkehrende Motive des Künstlers. Das Bild »Pubertät« gehörte wie die verführerische »Madonna« und der »Schrei« zum Lebensfries, einer seit 1892 ständig erweiterten Werkgruppe. Wie ließ sich der Maler am Oslofjord inspirieren? Seit 1889 verbrachte Munch viele Sommer in dem kleinen Fischerort Asgårdstrand am Oslofjord, wo er eine kleine Hütte besaß. 1902 malte er vier kleine Mädchen, die ihm bei einem Spaziergang in ihren Sonntagskleidern aufgefallen waren. Auch dieses Thema beschäftigte ihn längere Zeit. 1920 etwa variierte Munch das Bild mit den kleinen Mädchen am Strand für ein Wandgemälde der Osloer Schokoladenfabrik Freia. Wussten Sie, dass … eine Liebesbeziehung des Malers zu Tulla Larssen 1902 damit endete, dass Munch angeschossen wurde? Er verletzte sich dabei an der linken Hand. Munchs Bearbeitungen des »Schreis« als Lithografie und Radierung heute zu den wichtigsten Druckgrafiken der Moderne zählen? die Gemälde »Der Schrei«, von dem es mehrere Versionen gibt, und »Madonna« 2004 aus dem Munch-Museum in Oslo gestohlen wurden? Sie sind im August 2006 nahezu unbeschädigt wieder aufgetaucht. Was für ein Leben führte der norwegische Maler? Munchs Biographie ist geprägt von schöpferischen Höhenflügen und deprimierenden Abstürzen. Nach den Katastrophen seiner Kindheit – dem Tod der Mutter und der Schwester – litt Munch wie sein Malerkollege van Gogh an einer manisch-depressiven Erkrankung. Nach einer ersten Ausbildung in Oslo ging Munch nach Paris, wo er durch die Symbolisten stark geprägt wurde. Ausstellungen in seiner Heimatstadt verliefen recht erfolgreich. 1892 zeigte Munch seine Bilder in Berlin. Wegen heftiger Proteste des konservativen Publikums wurde die Ausstellung schon nach einer Woche wieder geschlossen. Der Skandal verhalf dem Maler aber zu einer gewissen Berühmtheit. Nach einem weiteren Paris-Aufenthalt und Reisen durch Europa übersiedelte Munch 1909 nach Norwegen. Als er 1944 starb, vermachte er seine Bilder seiner Heimatstadt Oslo. Im 1963 eröffneten Munch-Museum sind sie bis heute zu sehen. Toulouse-Lautrecs Salon in der Rue des Moulins: Kunst im Bordell Warum malte Toulouse-Lautrec so viele Bordellszenen? Weil das Moulin Rouge, die Bordelle und die Varietees am Pariser Montmartre sein zweites Zuhause waren. Mit großem Einfühlungsvermögen schilderte Henri Graf de Toulouse-Lautrec (1864–1901) in seinen Gemälden, Zeichnungen und Lithografien die Nachtansichten der Belle Époque. Die Prostituierten mochten den stets vornehm gekleideten »Zwerg vom Montmartre«, weil er sie ohne Vorurteile respektierte, und gestatteten ihm auch intime Einblicke. Auch der »Salon« in der Pariser Rue des Moulins war ein Bordell. Seit 1892 quartierte sich Toulouse-Lautrec immer wieder in Bordellen ein, um dort die Prostituierten zu zeichnen. Auch für dieses Bild, das auf dem Höhepunkt seines Erfolges entstand, machte er mehrere Monate lang Studien. Der Empfangsraum des Bordells ist pompös im orientalischen Stil mit üppig vergoldeten Wandspiegeln und einer roten Sofalandschaft ausgestattet. Die Pracht wirkt allerdings schon etwas abgenutzt und auch die Damen, die gelangweilt auf dem Sofa auf Kundschaft warten, sind nicht mehr die Jüngsten. Im Vordergrund sitzt die schöne Mireille, deren alternden Körper Toulouse-Lautrec durch den leichten Stoff ihres Rockes durchscheinen lässt. Neben Mireille, aufrecht und korrekt gekleidet wie eine Karikatur der Anständigkeit, sitzt Madame, die Geschäftsführerin des Etablissements. Welche Absicht verfolgte der Künstler mit seinen Bildern? Toulouse-Lautrec wollte mit seinen Zeichnungen und Bildern nicht zuletzt Verständnis für das Leben am Rande der Gesellschaft wecken – zumindest, soweit es Tänzerinnen, Prostituierte und Bohemiens betraf. Durch seine Verkrüppelung war er selbst eine Art Ausgestoßener geworden. Und im Lauf seines Lebens driftete er immer weiter in die Pariser Halbwelt ab. Seine Alkoholkrankheit war nur eine Folge davon. Welche anderen Kunstwerke schuf der Maler neben seinen Gemälden? Er malte Werbeplakate. Für seinen Freund, den Sänger Aristide Bruant, zeichnete Toulouse-Lautrec Liederhüllen und später auch Plakate. Als 1889 das berühmte Moulin Rouge in Paris eröffnete, wurde er auch hier ein häufiger Gast. Für einen Auftritt der bekannten Tänzerin La Goulue mit ihrem Partner Valentin »dem Knochenlosen« schuf er 1891 sein erstes Plakat in der Technik der Lithografie. Der Tänzer im Vordergrund und die Zuschauermenge im Hintergrund sind hier zu dekorativen Silhouetten reduziert, dazwischen erscheint als Blickfang hell erleuchtet im künstlichen Licht die virtuos gezeichnete Tänzerin. Mit diesem Plakat wurde Toulouse-Lautrec über Nacht zu einer Berühmtheit. Nach dem großen Erfolg bestellten viele Künstler Plakate direkt bei Toulouse-Lautrec. So auch die gefeierte Pariser Sängerin Jane Avril, die bei ihren Tänzen unschicklicherweise ihre Unterröcke zeigte (und mit Toulouse-Lautrec liiert war). Auch bei den Plakaten kamen Toulouse-Lautrecs Gespür für die Stimmung eines Ortes und das Flair des Augenblicks sowie seine Fähigkeit, gnadenlos und zugleich einfühlsam das Lebensgefühl seiner Zeitgenossen zu schildern, zur Geltung. Sie beeinflussten viele Künstlerkollegen nachhaltig in ihrer Arbeit. Wie kam es zu dem Spitznamen »Zwerg vom Montmatre«? Weil nach zwei schlecht ausgeheilten Oberschenkelbrüchen im Alter von 14 und 15 Jahren seine Beine verkrüppelt blieben und ihm zeit seines Lebens ein zwergenhaftes Aussehen gaben. Doch Toulouse-Lautrec hatte in anderer Hinsicht Glück. Er wurde 1864 in Albi geboren und wuchs in Paris auf, wo seine Eltern sein großes Zeichentalent nach Kräften förderten. Toulouse-Lautrec malte im Stil des Impressionismus und zeigte ein Talent für Karikaturen. Von 1886 bis 1897 unterhielt Toulouse-Lautrec ein Atelier am Montmartre. Anders als viele seiner Kollegen war er durch seine Familie finanziell abgesichert. Er besuchte regelmäßig die Cabarets, Theater und Varietees und fand dort die Motive seiner Bilder. Sein unstetes Leben forderte allerdings einen hohen Tribut: Toulouse-Lautrec war alkoholabhängig und erkrankte an Syphilis. 1899 wurde er in eine Klinik in Neuilly gebracht, zwei Jahre später starb er. Wussten Sie, dass … einer der berühmtesten Künstler, der später an Toulouse-Lautrecs Studien der unteren sozialen Schichten anknüpfen sollte, Picasso war? Toulouse-Lautrec sich für seine Lithografien von den Malern Edgar Degas und Paul Gauguin sowie von japanischen Holzschnitten inspirieren ließ? Fernand Cormon, ein Lehrer Toulouse-Lautrecs, auch Vincent Van Gogh als Schüler hatte? Der Montagne Sainte-Victoire von Cézanne: Das Licht der Provence Wieso schuf Cézanne so viele Bilder dieses Berges? Weil es ihm nicht um eine Ansicht der Landschaft, sondern um das Wesen des dargestellten Motivs ging. Der Montagne Sainte-Victoire ist ein zentrales Thema in Cézannes Spätwerk, über 60 Mal hat er ihn gemalt. Das hier abgebildete Gemälde von 1896 zeigt uns den Blick des Malers durch die grünen Zypressen über den ockerfarbenen Steinbruch, in dem er eine Hütte für seine Malutensilien besaß, auf den bläulich schimmernden Kalkstein des Bergmassivs. Cézanne beschränkte sich auf wenige Farben: auf Blau, Ocker, Grün und Rot – die Farben der Provence. Mit einem breiten Pinsel trug er sie in einer Vielzahl von Nuancen in einem oft quälend langsamen Malprozess auf. Bereits den Impressionisten ging es nicht mehr darum, ein fotografisch genaues Bild einer Landschaft zu produzieren. Cézanne ging noch einen Schritt weiter: Er analysierte die Landschaft und zerlegte sie in ihre Formbestandteile. Diese Formen setzte er in einer festen Struktur, die das Bild erstarrt wirken lässt, zusammen. Wie durch Kristalle schimmert das Licht durch die farbigen Formen, eine eindeutige Lichtquelle gibt es nicht mehr. Welche Wirkung wollte er durch die Reduktion der Formen erzielen? Um den Impressionismus »zu etwas Dauerhaftem zu machen«, fügte Paul Cézanne in seine Bilder eine ganz neue räumliche Struktur ein. Im Jahr 1886 malte er das erste Stillleben, in dem er verschiedene perspektivische Ansichten miteinander verband. Im Garten seines Hauses entstanden viele Versionen der »Badenden«, die neben den Bildern des Sainte-Victoire sein künstlerisches Vermächtnis werden sollten. Durch die starke Vereinfachung und Reduzierung auf geometrische Formen versuchte der Künstler, eine allgemein gültige Darstellung von menschlichen Körpern in einem klar strukturierten Raum zu schaffen. Im April 1904, zwei Jahre vor seinem Tod, hatte Cézanne dem jungen Emile Bernard geschrieben, man könne eigentlich alle Formen der Natur auf Zylinder, Kugel und Kegel zurückführen. Diese mehr mathematische als künstlerische Theorie wurde von Pablo Picasso und Georges Braque aufgegriffen und in die Tat umgesetzt – Cézanne war dadurch zum Wegbereiter für eine der wichtigsten Strömungen des 20. Jahrhunderts geworden, den Kubismus. Wie verlief seine künstlerische Entwicklung? Seine frühen, dunkeltonigen Bilder zeigen deutlich das Vorbild des Romantikers Delacroix und des Realisten Courbet. In seiner Zeit in Auvers-sur-Oise lief er jeden Tag drei Kilometer nach Pontoise, um dort unter der geduldigen Anleitung von Camille Pissarro unter freiem Himmel mit immer helleren Farben zu malen. Pissarro war neben Renoir der Einzige, der Cézannes großes Talent erkannt hatte; nur auf dessen Fürsprache hin durfte Cézanne an der ersten Impressionistenausstellung teilnehmen. Die Kritiken waren vernichtend, und nachdem er auch auf der Ausstellung 1877 nur mit Spott überhäuft wurde, zeigte der Künstler seine Bilder fortan nur noch Freunden und Kollegen. Nachdem er im November des Jahres 1881 nach Aix zurückgekehrt war, löste sich Cézanne in den nun folgenden Jahren immer mehr vom Impressionismus. In seinen Bildern von der provenzalischen Landschaft, von Boulespielern und in seinen Stillleben gelang ihm eine neue Seh- und Malweise, in der Form und Farbe, abgelöst von jeder gegenständlichen Bedeutung, zu einem autonomen Ausdruck fanden. Wussten Sie, dass … sich Paul Cézanne nur in seiner Heimat, der südfranzösischen Provence, wirklich wohlfühlte? er nicht mehr erlebte, wie seine formalen Erkenntnisse die Kunstgeschichte prägten? Erst 1908 schufen Picasso und Braque unter Berufung auf Cézanne die ersten kubistischen Bilder. Wurde Cézanne zu Lebzeiten anerkannt? Nein. Paul Cézanne, im Jahr 1839 in Aix-en-Provence geboren, studierte zunächst Jura und arbeitete in der Bank seines Vaters. Erst 1862 begann er in Paris das Studium an der privaten Académie Suisse, um sich auf die Aufnahmeprüfung der Kunstakademie vorzubereiten. Hier lernte er Maler wie Degas, Monet, Renoir und Camille Pissarro kennen, blieb jedoch durch sein bäuerliches Auftreten unter den Künstlern ein Außenseiter. Erfolg mit seinen Bildern hatte Cézanne nicht. Von der Jury des Salon, der offiziellen Kunstausstellung in Paris, wurden sie abgelehnt und auch die Aufnahme an die Akademie der Schönen Künste schaffte er nicht. 1872 zog Cézanne nach Auvers-sur-Oise, 1881 nach Aix, 1902 an den Chemin des Lauves mit Blick auf den geliebten Sainte-Victoire. Die »Großen Badenden« waren sein letztes Bild, bevor er am 22. Oktober 1906 an den Folgen eines Schlaganfalls verstarb. Paul Gauguins Contes Barbares: Symbolistische Tagträume in Farbe Was ist auf dem Bild zu sehen? Zwei fast nackte junge Polynesierinnen blicken melancholisch aus dem Bild. Das schwarzhaarige Mädchen hat seine Beine überkreuzt wie bei einer der Buddhastatuen, die Gauguin von Fotos kannte. Einige wenige exotische Blumen wachsen im Vordergrund, den Hintergrund bilden Bäume und Pflanzen mit üppigen rosa Blüten. Am linken Bildrand kauert ein hellhäutiger, rothaariger Mann, der eine Hand nachdenklich unter das Kinn gelegt hat. Er trägt die Gesichtszüge des Malers Meyer de Haan, der mit Gauguin in der Bretagne gemalt hatte. Die beiden Mädchen und der Mann schweigen. Es ist Gauguin, der die »Contes Barbares« erzählt: Sagen aus dem vergangenen Leben im Einklang mit der Natur. Das Bild entstand 1902 bei Gauguins zweitem Aufenthalt in Tahiti, ein Jahr vor seinem Tod. Den flächigen und farbenreichen Malstil hatte er schon früher entwickelt, in Pont-Aven, als er sich vom Impressionismus löste. Wie kam Gauguin zum Symbolismus? Gauguin, der zunächst vom Impressionismus fasziniert war, entwickelte nach der Rückkehr von seinem Panama-Aufenthalt – nicht zuletzt unter dem Einfluss japanischer Farbholzschnitte – den Malstil, den er bis zu seinem Tod beibehalten sollte: reine leuchtende Farben, die nicht mehr der Gegenstandsfarbe entsprechen, flächige Formen, betont durch dunkle Konturen. Nicht die Impression eines flüchtigen Augenblicks in der Natur wollte er einfangen (wie die Impressionisten), seine Bilder sollten das Innere des Menschen zeigen. Farbe ist für ihn symbolisierende Kraft, alles Dargestellte ist Symbol, Vision, soll Imagination wecken und Meditation bewirken und verweist zugleich auf Gedanken- und Glaubenswelten, auf die vielfältigen Beziehungen zwischen Mensch und Natur. Bei der Weltausstellung 1889 faszinierte Gauguin der Pavillon der französischen Kolonien und sein Wunsch, in die Südsee zu reisen, wurde immer stärker. Um die Reise zu finanzieren, ließ er 30 Bilder versteigern, für stolze 10000 Franc, wie er seiner unversöhnlichen Frau berichten konnte. Wann reiste Gauguin erstmals in die Südsee? Im April 1891 schiffte sich Gauguin in Marseille ein und kam im Juni in Papeete an. Statt eines Paradieses erwartete ihn jedoch eine durch Kolonialismus zivilisierte Gesellschaft. Gauguin blieb ein Außenseiter, der beobachtete und malte. Später zog er nach Mataiea, 40 Kilometer weiter landeinwärts. Hier verbrachte er mit der jungen Polynesierin Tehà amana, die für viele seiner Bilder Modell saß, eine glückliche Zeit. Gauguin malte sehr viel, verkaufte jedoch nichts. Geldmangel, der Beginn der Syphilis-Erkrankung und Alkoholismus setzten dem Maler zunehmend zu. Wie nahm man die neuen Bilder in Paris auf? 1893 reiste Gauguin mit seinen Bildern und Skulpturen nach Paris, erfüllt von der Überzeugung, dort Lob und Anerkennung zu ernten. Seine Ausstellung traf zwar auf großes Interesse, viele urteilten jedoch vernichtend. Enttäuscht und verbittert verließ er Paris nach zwei erfolglosen Jahren für immer. Zurück in Papeete, malte er in den folgenden Jahren trotz seiner Krankheit und seines Elends viele melancholische und träumerische Meisterwerke wie die »Contes Barbares« – jedes Bild ein weiterer Beleg für seine Suche nach der Reinheit einer ursprünglichen Welt. Wie wirkte Gauguins Werk weiter? Die dekorativ-symbolistischen Bilder des französischen Malers beeinflussten viele Künstler: darunter die Fauves, die »Neuen Wilden«, mit Henri Matisse, André Derain und Maurice de Vlaminck, die nun den Eigenwert der Farbe in den Mittelpunkt rückten. Auch die Expressionisten der »Brücke«, die mit der Verwandlung und Expression von Farbe experimentierten, stehen bis zu einem gewissen Grad bei Gauguin »in der Schuld«. Wie wurde der Börsenmakler zum Maler der Wilden? Noch in den 1870er Jahren arbeitete Paul Gauguin bei einem Börsenhändler in Paris. Er war verheiratet, hatte bereits vier der später fünf Kinder und sammelte Bilder der Impressionisten. Nach dem Börsenkrach von 1882 entschied er, sich nur noch der Malerei zu widmen. Seine Frau kehrte mit den Kindern nach Dänemark zurück. Ein erster Vorstoß in die Wildnis war 1887 eine Reise nach Panama. Erst 1891 kam der Maler in die Südsee. Nach der enttäuschenden Rückkehr nach Paris ging er 1893 endgültig nach Papeete. Auf der Marquesas-Insel Hiva Oa baute er sich sein letztes Domizil, das er Maison de la Joie, »Haus der Freude«, nannte und mit Reliefs nackter Mädchen ausstattete. Hier erreichte ihn 1900 das Angebot des Kunsthändlers Ambroise Vollard, ihm für monatlich 300 Franc alle Bilder abzukaufen. Am 8. Mai 1903 starb Gauguin in seiner Hütte und wurde auf dem katholischen Friedhof von Hiva Oa begraben. Wussten Sie, dass … der Maler in seiner Kindheit mit seiner Mutter vier Jahre in Peru verbracht hatte? sich der Maler bei einer Schlägerei den Knöchel verletzte, eine Verletzung, die nie mehr richtig heilte? Gauguins Werk 1906 in einer Retrospektive in Paris ausgestellt wurde und nun die Kunstwelt in Begeisterung versetzte? die Nachfahren der Tochter Tahiatikaometa, die ein Jahr vor Gauguins Tod zur Welt kam, noch heute auf der Südseeinsel Hiva Oa leben? Konzertsaal und Hospital: Jugendstil à la Domènech i Montaner Gegen welchen Baustil wandte sich Domènech i Montaner? Wie der katalanische Architekt der Art nouveau , Antoni Gaudí, so profilierte sich Lluís Domènech i Montaner (1850–1923) mit seiner Architektur als Gegenpol zu den historisierenden Stilen des 19. Jahrhunderts. Im weltoffenen Barcelona stieß derartige Baukunst auf besonders fruchtbaren Boden, auch und gerade, weil sie es ziemlich bunt trieb. Als Bauleiter ließ Domènech i Montaner die Bauwerke mit einer Fülle an Zierrat versehen. Was ist in den Gebäuden zu sehen? Im Musikpalast empfängt den Besucher ein Farbenmeer aus Mosaiken aus den Händen von Luís Bru i Salellas – so die Allegorie der Musik an der Bühnenrückwand des Konzertsaals – sowie Skulpturenschmuck von Eusebi Arnau i Mascort und die Buntglasfenster von Antoni Rigalt i Blanch im Konzertsaal. Das Hospital de la Santa Creu i Sant Pau (erster Bauabschnitt 1900–1911) überwältigt unter anderem mit der großen Treppe der Haupthalle des Verwaltungspavillons und der dortigen Gewölbeverglasung von Antoni Rigalt i Blanch sowie mit der dreischiffigen Halle (Sala d'Actes). Beeindruckend ist auch die Gartenanlage. Wie ist der Konzertsaal gestaltet? Domènech i Montaners Palau de la Música Catalana, der katalanische Musikpalast, besitzt eine monumental-polychrome Schale. Mosaiken, Arkaden, Säulen voller Bruchkeramik und die von Miquel Blay entworfene Skulpturengruppe »Das volkstümliche Katalanische Lied« sind die Ouvertüre des Gebäudes. Dahinter verbirgt sich der in ein Farbenmeer aus Buntglasfenstern getauchte Konzertsaal mit außerordentlich reicher Ornamentik und schwebender Leichtigkeit. Durch die Flut an orange-blau-gelben Glaselementen der umgekehrten Kuppel, einem Zwanzigzentnerwerk von Antoni Rigalt i Blanch, tropft das Licht auf Künstler wie Zuhörerreihen hinab. Beiderseits des katalanischen Wappenmosaiks lugen aus dem Halbrund der Bühne farbige Frauengestalten hervor, die auf Leier, Violine, Flöte, Dudelsack und Laute Melodien erklingen lassen, die zum Hören nah scheinen. Darüber fliegen Wagners Walküren in ihrer steinernen Plastizität heran. Und überall scheint die Natur üppig zu gedeihen: auf Kapitellen und mosaikverzierten Pflanzensäulen zur Straße hin, als Blumenflor und Girlanden auf Glasfenstermotiven oder als Blütenstände aus Rosen, die sich reliefartig über die Decke des Konzertsaals ziehen. Wie präsentiert sich die Eingangshalle des Hospitals? Wenn ein Kranker die Eingangshalle des Hospitals de la Santa Creu i Sant Pau betritt und den Kopf in den Nacken legt, sieht er eine rosafarbene Kuppelwelt, und sein Blick bleibt an einem gläsernen Leuchter haften, der aus den farbigen Höhen herabhängt und jedem pompösen Opernhaus zur Ehre gereichen würde. Glaubt man sich schon auf der falschen Bühne des Lebens, entdeckt man den Hinweis auf den Wartesaal für die Notaufnahme, und unterdessen rauscht draußen ein Ambulanzwagen vorbei. Wie unterscheidet sich das Krankenhaus von anderen Kliniken? Hier ist manches anders als in landläufigen Kliniken: ein Krankenhaus, das als Gesamtkunstwerk kolorierte Frische statt Sterilität zu bieten hat. Der in mehr als ein Dutzend große Pavillons gegliederte Komplex ist ein avantgardistisches Kleinod. Wie wird das Krankenhaus heute genutzt? Noch heute anästhesieren, operieren und bandagieren Krankenschwestern, Pfleger und Ärzte in einer Kulisse aus Backsteinbauten mit Schmuckeinlagen und Mosaiken, aus Pavillons mit verschnörkelten Türmchen und gekachelten Kuppeln in Blau und Gelb, in Grün und Orange. Von der Geburt bis zum Tod trägt das Leben einen gesunden Teint – Entbindungsstation und Pathologie sind gleichermaßen bunt dekoriert. Wer nutzt den Konzertsaal? Bis zu 2000 Besucher pro Auftritt, eine halbe Million pro Jahr, nehmen regelmäßig hier Platz, um Wohlklängen aus Klassik, Rock oder Jazz zu lauschen. Die Akustik gilt als perfekt, die Liste der Aufgetretenen liest sich wie ein »Who's who« der Musikgeschichte, von Herbert von Karajan bis Daniel Barenboim, von Plácido Domingo bis Montserrat Caballé. Wussten Sie, dass … der Konzertsaal von katalanischen Textilindustriellen in Auftrag gegeben worden war? der Krankenhauskomplex mit Geldern aus dem Nachlass des Bankiers Pau Gil errichtet werden sollte? 1911 ging das Geld aus, als gerade ein Viertel der geplanten Gebäude fertiggestellt war. beide Gebäude 1997 zum UNESCO-Weltkulturerbe ernannt wurden? Die Postsparkasse in Wien: Linear, geometrisch, funktionell Was ist typisch für Otto Wagners Bauten? In den Arbeiten des großen Wiener Architekten Otto Koloman Wagner spiegelt sich die Entwicklung der Architektur vom Historismus über den Jugendstil zum Funktionalismus wider. Sein letzter großer Bau, die Postsparkasse in Wien, ist ein Meisterwerk im Streben nach Vereinfachung der schönen und praktischen Form. Mit welchen Bauten begann der Architekt seine Karriere? In den ersten Jahren dominierten bei Wagner die Entwürfe für Mietshäuser, ob nun in der Stadiongasse oder der Universitätsstraße. 1892 gewann Wagner den Wettbewerb für einen Generalregulierungsplan für Wien und wurde mit der Durchführung beauftragt. Aus diesem Projekt wurden jedoch nur das Schleusenhaus in Nussdorf und die Stadtbahn (Wientallinie) realisiert. Äußerlich zwar noch in das florale Formenkleid des Jugendstils gehüllt, ist der in diesem Kontext entstandene Stadtbahnhof Karlsplatz eigentlich ein modernes Bauwerk mit Kern aus einem Stahlskelett. Wie beschrieb Wagner seine künstlerische Idee? Sein Idealbild von der Tätigkeit des Architekten präsentierte Wagner in der Antrittsvorlesung anlässlich seiner Ernennung zum Professor an der Akademie der bildenden Künste. Er forderte die Vereinigung von Architektur und Ingenieurbauwesen zu einer Baukunst, die heute unter den Begriff des Funktionalismus fallen würde. Es ging ihm um die Zusammenfassung von Fassade, Funktion und Bautechnik – oder darum, wie er es formulierte, »Form und Motive aus Zweck, Konstruktion und Material herauszubilden«. Statt dem Historismus mit seinen Mischungen aus verschiedenen Stilen zu frönen, forderte er eine neue, zeitgemäße Baukunst: sachlich, funktionell und in ausgewogenen Proportionen. Wie fügt sich die Postsparkasse in Wagners Schaffen ein? Das Werk markiert Wagners Hinwendung zum Linearen, zur geometrischen Gestaltung und zur Rationalität: Die Hauptfassade ist von schlichter Monumentalität und zeugt vom Verzicht Wagners auf traditionelle Bauornamentik. Die riesige Fassade wird seitlich durch deutlich betonte Fensterachsen gegliedert, in der Mitte erhebt sich der zentrale Baukörper mit Balkon und Vordach über dem Eingang. Die gesamte Fassade ist mit Marmorplatten verblendet, die mit bronzenen Bolzen geschickt befestigt wurden. Diesen teilweise gerillten, rechteckigen und gewölbten Bolzen ließ der Architekt Aluminiumköpfe aufsetzen. Dabei variiert der Beschlag zwischen Mittelbau und Seitenflügel durch die Dichte der gesetzten Beschläge, die nicht nur zweckmäßiges Bauelement, sondern zugleich Dekor sind. Die Kränze und die aus Aluminium gefertigten Frauengestalten, die in ihren Händen Kränze halten, sind hingegen ein »klassischer« Bauschmuck auf dem Dachaufbau. Welche Rolle spielt das Licht in der Planung? Das Licht ist ein wichtiger Faktor der Gesamtplanung. Das Gebäude wurde so angelegt, dass vier Innenhöfe zur Belichtung der Büros und der schönen Treppen dienen. Die Schalterhalle, die Wagner bis ins kleinste Detail selbst gestaltete und einrichtete, ist einer der schönsten öffentlichen Räume in Wien. Wieder verzichtet der Architekt auf Ornamente aus der Architekturgeschichte und erzielt die harmonische Raumwirkung durch das Zusammenspiel schlichter Schmuckformen. Die Lichtwirkung ist von größter Ausgewogenheit und zugleich funktionell angelegt: Das einfallende Licht scheint durch das gewölbte Milchglasdach in die Halle und von dort weiter durch die Glasbausteine im Boden in die darunterliegenden Räume. Plante Otto Wagner mehr als er wirklich baute? Ja – wobei er diese Erfahrung mit vielen Architekten teilt. Wagner entwickelte Entwürfe für zahlreiche Projekte in seiner Vaterstadt Wien, darunter ein technisches Museum, einen Neubau für die Kunstakademie oder Bauten für verschiedene Ministerien. Nichts davon wurde verwirklicht. Erfolgreich war Wagner dagegen mit Werken wie seiner Postsparkasse und der Kirche am Steinhof, mit verschiedenen Wohnhäusern und natürlich seinen theoretischen Schriften. Wagner studierte Ingenieurwesen am Wiener Polytechnikum und Architektur an der Akademie der bildenden Künste in Wien. Als Gewinner eines Wettbewerbs wurde er künstlerischer Kommissionsbeirat und lieferte großartige Entwürfe für die Wiener Stadtbahn und den Donaukanal. Seine erste Ehe mit Josefine Domhart verlief unglücklich, private Erfüllung fand er, nach der Scheidung, mit seiner zweiten Frau, Louise Stiffel. Wussten Sie, dass … Otto Wagner gelegentlich von seinen eigenen Vorgaben abrückte? Bei der Wehr- und Schleusenanlage in Nussdorf verzierte er die Brückenköpfe mit Löwen und Laternen anstatt auf nüchterne Sachlichkeit zu achten. Wagner sogar Möbel, Heizkörper und Lichtschalter der Postsparkasse selbst entwarf? das Gebäude der Postsparkasse 2003–2005 umfassend saniert wurde? Dabei stand die Rückführung auf die vom Architekten beabsichtigte Gestalt im Vordergrund. Der Kuss von Gustav Klimt: Sinnbild der Liebe Welche Bedeutung hat Gustav Klimt? Gustav Klimt war der Begründer und Hauptvertreter des Jugendstils der Wiener Künstlerbewegung der Sezession. »Der Kuss« entstand in seiner so genannten goldenen Periode, in der er Elemente der byzantinischen Mosaikkunst aus Ravenna aufgriff. Wie wird der Kuss auf dem Gemälde dargestellt? Eng umschlungen kniet ein Paar auf einem Blütenteppich. Der Mann hält den Kopf der Frau in seinen Händen und küsst sie auf die Wange. Die Frau schmiegt sich eng an ihn und legt ihren Arm um seinen Hals. Klimt hat in dem 1908 gemalten Bild in einer für ihn typischen Weise verschiedene räumliche Ebenen vermischt. Durch die Gewänder der Küssenden ist ein großer Teil des Bildes mit Blattgold bedeckt. Diese goldene, reich mit abstrakter Ornamentik geschmückte Fläche ist zweidimensional, ebenso der Blütenboden und der nicht näher charakterisierte Hintergrund. Nur die unbedeckten Gesichter sowie die Hände und Füße der Küssenden sind dreidimensional dargestellt. Was bedeuten die Ornamente? Die Gegenüberstellung von plastischer Körperhaftigkeit und linear-dekorativen Elementen ist typisch für Klimts Werke aus den Jahren 1900 bis 1910. Die Schönheit der Frau und die Kraft des Mannes – seit der Antike ein klassischer Gegensatz – spiegelt sich auch in der Ornamentierung: Der Umhang des Mannes ist mit rechteckigen, strengen Formen verziert, das Kleid der Frau mit weichen fließenden Blütenmotiven. Als symbolisch aufgewertetes Motiv war der Kuss ein typisches Bildthema von Symbolismus und Jugendstil in der Zeit nach 1900, in der vor allem Sexualität, Liebe und Tod die Künstler beschäftigten. Wie verlief Klimts künstlerische Entwicklung? Der Maler begann seine künstlerische Laufbahn in den 1880er Jahren mit Wandgemälden im Stil des gefeierten Historienmalers Makart. Bis 1880 entstanden etwa die Ausmalungen im Kurhaus und Theater in Karlsbad und im Treppenhaus des Wiener Burgtheaters. Klimt löste sich Anfang der 1890er Jahre unter dem Einfluss des Symbolismus vom Historismus. Er machte sich als Porträtmaler mit ornamental-flächig aufgefassten Bildnissen von Damen aus der Wiener Gesellschaft einen Namen. Landschaften malte er dagegen selten, aber auch bei ihnen wird die Tendenz zu mosaikhafter, flächiger Ornamentik deutlich. Wie reagierten die Zeitgenossen auf Klimts Werke? Der Künstler sah sich bis kurz vor seinem Tod heftigen Anfeindungen ausgesetzt. So führten seine 1901 bis 1903 entstandenen Deckenbilder für das Universitätsgebäude in Wien zu öffentlichen Protesten und kosteten Klimt die schon sicher geglaubte Professur. Die symbolischen Darstellungen von Jura und Philosophie galten als unpassend, die Darstellung einer nackten Schwangeren zum Thema Medizin wurde als obszön beschimpft. Was wurde am »Beethovenfries« kritisiert? Auch Klimts »Beethovenfries« wurde mit Unverständnis aufgenommen, einige Kritiker bezeichneten ihn als gemalte Pornografie. Für die Ausstellung der Sezession 1902 war ein Gesamtkunstwerk mit dem Gebäude Josef Olbrichs, der Beethovenstatue Max Klingers und Klimts Fries zu Beetho