Religionen und Mythen in früher Zeit – die Erfindung der Götter
Religionen und Mythen in früher Zeit – die Erfindung der Götter Fragen nach dem Sinn des Daseins, dem Leben nach dem Tod oder dem Wirken von Mächten, die sich dem Verstand nicht erschließen, waren immer untrennbar mit der menschlichen Existenz verbunden. Beantwortet werden sie von Religion und Mythos. So führen die ersten Zeugnisse von Religiosität und Mythenbildung zurück in die Altsteinzeit. Doch liegen für die geistige Welt der Alt- und Jungsteinzeit nur indirekte und oft auch mehrdeutige archäologische Hinweise vor. Das ändert sich mit den ersten schriftlichen Überlieferungen, die uns die Kulte, Götter und Mythen der ältesten Hochkulturen von Mesopotamien und Ägypten offenbaren. Sie beeinflussten auch die Entwicklung der griechischen Religion und behielten so ihre Ausstrahlungskraft bis in die hellenistisch-römische Zeit, in der Mysterienkulte ägyptisch-orientalischer Herkunft noch einmal eine Blüte erlebten. Die Religion und die Mythen der antiken Griechen mit ihrem eindrucksvollen Götterhimmel beruhten auf einer Synthese aus indoeuropäischen, altmediterranen und vorderasiatischen Elementen. Die Römer übernahmen die griechische Mythologie in vielen Aspekten fast unverändert, so war etwa ihre Götterwelt praktisch identisch mit der griechischen. Dennoch hatte die römische Religion Eigenheiten, die auf altitalische und etruskische Auffassungen zurückzuführen sind. Während die antiken Religionen des Mittelmeerraumes, Chinas und Indiens recht gut erforscht sind, stehen über die religiösen Vorstellungen im vor- und frühgeschichtlichen Europa nur wenig konkrete Hinweise zur Verfügung. Was über Kelten, Germanen und Slawen bekannt ist, beruht auf archäologischen Funden, schriftlichen Zeugnissen ihrer Nachbarn oder mündlichen Überlieferungen, die erst später schriftlich festgehalten wurden. Ähnlich verhält es sich mit den altamerikanischen Kulturen, deren Hinterlassenschaft durch die europäische Eroberung größtenteils zerstört wurde. Altsteinzeitliche Religion: Bestattungskulte und Jenseitsglaube Wann entwickelten sich erste religiöse Vorstellungen? Das lässt sich nicht ganz genau datieren. Die mit Phantasie und Intelligenz ausgestatteten Menschen der Altsteinzeit entwickelten mit hoher Wahrscheinlichkeit schon früh eine religiöse Gedankenwelt, deren Inhalte uns jedoch verborgen bleiben. Für eine Religion des Homo erectus und des Homo präsapiens gibt es bislang keine eindeutigen Beweise, doch schon beim Neandertaler mehren sich die Anzeichen hierfür. Spätestens aus der Mittleren Altsteinzeit datieren Funde, die so etwas wie ein religiöses Weltbild des Menschen erahnen lassen, obwohl der religiöse Charakter dieser Funde noch von manchen Wissenschaftlern stark angezweifelt wird. Worin bestand ein solch früher »Glaube«? In der Hauptsache ging es um Vorstellungen vom Weiterleben nach dem Tod. Die Gräber dieser Zeit lassen erkennen, dass es wahrscheinlich bereits früh eine intensive Beschäftigung mit dieser Thematik gab. Der Brauch, die Toten zu bestatten, ihnen Beigaben in Form von Werkzeugen und Fleischstücken mitzugeben und gelegentlich die Gräber mit rötlichem Ocker (einem Symbol für Blut und damit für Lebenskraft) auszumalen oder Stücke von Ocker beizulegen, macht deutlich, dass der Tod nicht als etwas Endgültiges aufgefasst wurde. Verstärkt wurde diese Vorstellung möglicherweise durch Träume, in denen verstorbene Angehörige erschienen. In diesen Rahmen gehören auch gesonderte Bestattungen von Schädeln, die von Menschen oder auch Tieren – meist von Höhlenbären – stammten. Die Deutung dieser Vorgehensweisen als Ausdruck eines »Kultes« ist allerdings sehr umstritten. Welche Rolle spielte die Jagd bei solchen Riten? Eine sehr große. Mit Beginn der Jüngeren Altsteinzeit wird unser Bild der vorgeschichtlichen Kulte etwas klarer, da aus dieser Zeit wesentlich mehr Funde vorliegen, deren religiöser Charakter eindeutiger ist. In erster Linie handelt es sich hierbei um so genannte Opferfunde. Es sind dies bewusste Niederlegungen meist der besten Stücke des Jagdwildes oder ganzer Tiere, die auch mit Steinen beschwert in Gewässern versenkt wurden. Die besondere Anordnung mancher dieser Tiere auf einer Unterlage von roter Erde sowie das Beigeben von Steinwerkzeugen und Elfenbeinperlen lassen auf eine kultische Bestattung des Tieres schließen. Eine gedankliche Nähe zum »Bärenzeremoniell« nordasiatischer Jägervölker, durch das der Geist des getöteten Tieres versöhnt werden soll, lässt sich dabei nicht völlig ausschließen. Diese, wie auch andere religiöse Äußerungen, gehören in den Bereich der »Jagdmagie«. Da die Menschen der Altsteinzeit zur Deckung ihres Lebensunterhaltes hauptsächlich von der Jagd abhängig waren, lebten sie in enger Symbiose mit der Tierwelt. Daher ist es nicht erstaunlich, dass auch die zahlreichen Malereien in den Höhlen zu einem großen Teil Tiere darstellen. Die Tatsache, dass sich alle diese Malereien tief im Inneren oft weit verzweigter Höhlensysteme und somit weit entfernt vom Wohnbereich befinden, verweist auf ihren kultischen Gehalt. Man nimmt an, dass diese Abbildungen der Abhaltung von Jagdzeremonien dienten, die das Wild vor die Waffen der Jäger zwingen sollten. Aber auch die Verbindung mit Initiationsriten, bei denen Heranwachsende in die Erwachsenengesellschaft aufgenommen wurden, scheint in diesem Zusammenhang nicht ausgeschlossen. Gab es damals schon so etwas wie Priester? Ja. Bereits in dieser frühen Zeit scheint die Durchführung von religiösen Zeremonien zumindest teilweise »Spezialisten« vorbehalten gewesen zu sein. Die Darstellung von Schamanen oder Zauberern, die mit tierischen Attributen (Geweih oder Tierfell) ausgestattet sind, legen die Vermutung nahe, dass die Ursprünge des Schamanismus in den vorgeschichtlichen Jägerkulturen liegen. Diese »Vermittler« zwischen Diesseits und Jenseits, zwischen Menschen und überirdischen Mächten, lassen den Schluss zu, dass bereits in der Altsteinzeit Schöpfungsmythen existierten, die den Ursprung des Menschen, der Welt und der Götter zum Thema hatten. In diesen Zusammenhang gehören auch Skulpturen von Mischwesen – halb Mensch, halb Tier –, die den fließenden Übergang zwischen Mensch und Tier im altsteinzeitlichen Weltbild deutlich machen. Von da war es nur ein kleiner Schritt zum Auftreten der ersten Venusstatuetten, wo zum ersten Mal der Aspekt der Fruchtbarkeit zum Ausdruck gebracht wird. Die Fülle der weiblichen Form symbolisierte Reichtum an Kindern und Nahrung in einer Zeit, in der selten Überfluss herrschte. Wussten Sie, dass … die Steinzeit die längste Epoche der Menschheitsgeschichte war? Sie begann mit dem Auftreten der ersten Menschen vor etwa zwei Millionen Jahren und endete um 7000 bis 2000 v.Chr. die Steinzeit nicht nur durch den Gebrauch von steineren Werkzeugen definiert ist, sondern der Mensch in dieser Epoche auch lernte, das Feuer zu nutzen? die Altsteinzeit (Paläolithikum) vor 130000 bis 120000 Jahren durch die Mittelsteinzeit (Mesolithikum) abgelöst wurde? Entscheidender Fortschritt war, dass der bis dahin benutzte Faustkeil asymmetrisch zu einer Art Messer verformt wurde, das man besser handhaben konnte. Wie lassen sich frühe Glaubensformen nachweisen? Nur sehr schwer. Bei der Bestimmung religiöser Vorstellungen der Altsteinzeit sind wir ausschließlich auf die Archäologie angewiesen. Schriftliche Belege gibt es natürlich noch keine. Funde mit einem eindeutig religiösen Bezug sind selten und ihre Deutung erweist sich oft als sehr komplex. Mutter- und Fruchtbarkeitsgottheiten: Leben spendende Natur Ab wann spielen Fruchtbarkeitsriten in der menschlichen Geschichte eine Rolle? Von frühester Zeit an waren Fortpflanzung und Fruchtbarkeit zentrale Themen des menschlichen Lebens. Schon für die Jäger- und Sammlervölker der Altsteinzeit spielte der Begriff der Fruchtbarkeit eine große Rolle. Er bezog sich hauptsächlich auf die in der jeweiligen Gruppe lebenden Frauen, von deren Fruchtbarkeit das Überleben des Stammes abhing. Diese Wertschätzung drückt sich in den Darstellungen besonders üppiger Frauen schon in der Kunst der jüngeren Altsteinzeit aus. Ob es sich hierbei allerdings um Gottheiten handelte oder ob sich an diese Figuren eine Art Fruchtbarkeitsritus knüpfte, ist leider unbekannt. Mit dem Übergang der menschlichen Wirtschaftsweise von der Jagd und dem Sammeln hin zu Ackerbau und Viehzucht wurden die für das Überleben notwendigen Vorstellungen von Fruchtbarkeit dann auf den Pflanzenanbau und die Tierzucht übertragen. Die damit verbundene Symbolik wurde zu einem wichtigen Merkmal jungsteinzeitlicher Religionen. Wie wurde die Fruchtbarkeit dargestellt? Zunächst durch weibliche Körper. Die bildliche Darstellung abstrakter Begriffe wie »Fruchtbarkeit« ist nicht einfach, und so setzte man Fruchtbarkeit mit dem Körper der Frau gleich, der auf diese Weise mit einem großen Symbolgehalt versehen wurde. Vor allem in den jungsteinzeitlichen Kulturen Südosteuropas und des mediterranen-vorderasiatischen Raumes entstanden zahlreiche Tonskulpturen von Frauen mit ausgeprägten Geschlechtsmerkmalen. Von da war es nur ein kleiner Schritt zur »Vergöttlichung« der Fruchtbarkeit. Sie manifestiert sich in der Gestalt der »Großen Göttin«, die mit der »Mutter Erde« identifiziert wird. Aus ihr sprießen die Pflanzen, die für das Leben der menschlichen Gemeinschaft von größter Wichtigkeit sind. Gab es auch männliche Fruchtbarkeitssymbole? Ja. Das männliche Prinzip, das sich um die Befruchtung dreht, war bildlich aber noch schwieriger darzustellen. Im Bereich der oben genannten Kulturen symbolisieren daher Widder und Stier – oft nur symbolisch durch die Hörner dargestellt – das männliche Prinzip. Der Stier symbolisierte in den Kulturen Vorderasiens und des östlichen Mittelmeerraumes seit der Jungsteinzeit das männliche Pendant zur »Großen Göttin«. Sein enger Bezug zum Himmel und zum Leben spendenden Regen wird auch durch seine Darstellung als Symboltier des Wettergottes deutlich. Gelegentlich wurden männliche Fruchtbarkeitsgottheiten auch durch ein Phallussymbol (der Linga in Indien) oder, wie der Gott Min in Ägypten, mit einem erigiertem Penis dargestellt. Der Regen befruchtet die Erde, und dies ist die symbolische Vereinigung des Himmels (in der Form des Regens) mit der Mutter Erde, die als eine Art heilige Hochzeit aufgefasst wird. Später spiegelte sich diese Vorstellung in den Kulten Vorderasiens wider, in denen der König die heilige Hochzeit mit einer Priesterin symbolisch im Tempel vollzog. Aufgrund dieser Beobachtungen ist es abwegig, von einem jungsteinzeitlichen Matriarchat zu sprechen, wie es einige Forscher tun, da im Zusammenhang mit der Fruchtbarkeit dem männlichen Prinzip, wenn es bildlich auch nur in Chiffren dargestellt wurde, mindestens eine ebenso große Bedeutung zukam wie dem weiblichen. Gab es in der Frühzeit schon einen Totenkult? Ja. Ein weiterer Aspekt von Fruchtbarkeitskulten zeigt sich in den Mythen, in denen eine Gottheit stirbt, nach dem Tod aber in periodischen Abständen wieder auf der Erde erscheint. Hier wird das Aufwachsen, Leben und Sterben der Pflanzen mit dem Leben und Sterben des Menschen in Verbindung gebracht und gleichzeitig der Hoffnung auf Wiedergeburt Ausdruck verliehen. Somit wird ein zyklischer Zeitbegriff – Geburt, Leben, Tod, Wiedergeburt – geprägt, in dem übergeordnete kosmische Vorgänge (z. B. der Jahreslauf) mit dem menschlichen Leben in Verbindung gebracht werden. Fruchtbarkeitsriten und -mythen spielen bei allen Bauern- und Pflanzervölkern eine große Rolle. Auch in den Hochkulturen stehen zahlreiche Riten (Sä-, Pflug- und Ernteriten), die oft vom König durchgeführt wurden, im Zusammenhang mit alten Fruchtbarkeitskulten, wie zum Beispiel der oben erwähnten heiligen Hochzeit. Wussten Sie, dass … man den Übergang von der mittleren Steinzeit in die Jungsteinzeit (Neolithikum) vor etwa 40 000 Jahren als »neolithische Revolution« bezeichnet? Mit dem Beginn von Ackerbau und Viehzucht machte die Menschheit einen entscheidenden Schritt nach vorn. Gehörten auch Opferriten zum Fruchtbarkeitskult? Allerdings. Zahlreiche Mythen von Pflanzervölkern erzählten vom Ursprung des Getreide- oder Knollenanbaus. Danach waren die Pflanzen göttlichen Ursprungs und wuchsen erstmals aus dem Leib eines getöteten Gottes oder Halbgottes. Andere Versionen berichteten vom Diebstahl der Pflanzensamen aus der göttlichen Sphäre durch einen Kulturheros. Besonders der erste Fall stand in engem Zusammenhang mit dem Menschenopfer, das zwar von vielen Völkern aus den unterschiedlichsten Gründen praktiziert wurde, aber doch auch eine Art Nachvollziehen dieses »Urmords« sein kann. Das dabei vergossene Blut eines Menschen ist Symbol seiner Lebenskraft, die wie der Regen auf den Boden fällt, um dessen Fruchtbarkeit zu gewährleisten. Schamanen und Medizinmänner: Mittler zwischen den Welten Wo gibt es Schamanen? Das Ursprungsgebiet des Schamanismus ist Nord- und Zentralasien. Das Phänomen des Schamanismus ist jedoch nicht auf diese Gebiete begrenzt. Man findet es vielmehr auch in Südostasien, Australien, Ozeanien sowie Nord- und Südamerika. Auch die Religionen der Germanen, Skythen, Alt-Irans, Indiens, Chinas und Japans weisen zahlreiche Phänomene auf, die zumindest in enger Beziehung zum Schamanismus stehen. Obwohl es auch in Afrika Medizinmänner, Heiler und andere Personen gibt, die in Trancezuständen agieren, gehen die Meinungen darüber auseinander, ob es sich hierbei ebenfalls um echten Schamanismus mit den im Folgenden genannten Eigenschaften handelt. Was ist Schamanismus? Schamanismus ist nicht, wie vielfach angenommen, eine »Religion«, sondern ist Teil vielgestaltiger religiöser Systeme. Der Schamane nimmt darin unter anderem den Rang eines Heilers, Priesters, Wahrsagers und Seelenbegleiters der Toten ein. Dieser Teilbereich von Religionen ist besonders eng mit den Religionen Sibiriens, Zentralasiens, Koreas und Tibets verbunden. Der Schamane kann männlichen oder weiblichen Geschlechts sein. Sein wichtigstes Merkmal ist die Fähigkeit, einen ekstatischen Zustand zu erreichen, den er durch Gesänge, Tanz und Schlagen einer Trommel und in manchen Fällen auch durch die Einnahme von Drogen herbeiführt. In diesem tranceartigen Zustand verlässt die Seele des Schamanen zeitweilig den Körper und tritt eine mystische Reise in den Himmel – den so genannten Himmelsflug – oder in die Unterwelt an. Auf diesen Reisen bekommt sie von Geistern und Dämonen Hinweise auf Ursachen von Erkrankungen oder Todesfällen im Stamm und erhält Informationen über die Zukunft. Menschen, die zu solch ekstatischen Zuständen fähig sind, sind oft hochsensibel. Wie wird man Schamane? Die Berufung zum Schamanen wird in den meisten Fällen durch ein Berufungserlebnis erlangt, bei dem Träume und Visionen den Auserwählten heimsuchen. Dies geschieht meist gegen den Willen des Betroffenen, doch kann er sich gegen seine Bestimmung nicht zur Wehr setzen. Darauf folgt die Ausbildung durch einen erfahrenen Schamanen, der Unterweisungen für den richtigen Umgang mit Göttern und Geistern gibt, in die religiösen Überlieferungen einführt und die bewusst geplante Versetzung in Ekstase lehren kann. Das wichtigste Ereignis ist die Initiation des künftigen Schamanen. Hierbei zieht er sich für einen längeren Zeitraum in absolute Einsamkeit zurück. Dies ist eine Zeit der Prüfungen, in der der Initiand von körperlichen Leiden und Krankheiten heimgesucht wird. Zudem plagen ihn Visionen, in denen er von furchtbaren Dämonen zerstückelt, gekocht und wieder zusammengesetzt wird, was die Änderung seiner Lebenssituation, seine Neugeburt, drastisch veranschaulicht. Bei diesen mystischen Reisen unterstützen den künftigen Schamanen meist tiergestaltige Hilfsgeister, die ihn sein ganzes Leben lang begleiten werden. Die Kleidung des Schamanen, die er bei seinen zukünftigen Séancen tragen wird, steckt voller Symbolik und gibt die erwähnten Geschehnisse in zeichenhafter Form wieder. Dabei handelt es sich um an der Kleidung angebrachte Tierfedern, Geweihe, aufgestickte Skelette, Eisengegenstände, die Trommel und vieles mehr, das auf die Art der Tiergeister und die übernatürlichen Kräfte des Schamanen hinweist. Wo gibt es Medizinmänner? Obwohl sich der Begriff des Medizinmanns eigentlich auf die Kultur der nordamerikanischen Indianer beschränkt, so gibt es doch weltweit in verschiedenen anderen Kulturen Personen, die eine vergleichbare Tätigkeit ausüben. Der Beruf des Medizinmannes, der ebenso von Frauen ausgeübt werden kann, ist dem des Schamanen nahe verwandt und oft handelt es sich hierbei um ein und dieselbe Person. Allerdings gibt es auch Medizinmänner, die nicht über schamanistische Fähigkeiten verfügen, und nicht jeder Zauberer oder Magier darf als Schamane bezeichnet werden. Welche Aufgaben hat ein Medizinmann? Die Fähigkeiten des Medizinmannes sind fast ausschließlich auf die Heilung kranker Personen ausgerichtet. Dies geschieht durch Kräuter, Heilpflanzen, Beschwörungen, Maskentänze und gelegentlich chirurgische Eingriffe. In Nordamerika gab es in den Indianerkulturen sogar richtige Gesellschaften von Medizinmännern, die gut organisiert und hierarchisch strukturiert waren. Diese Vereinigungen hatten bisweilen einen großen Einfluss, der sich in einigen Fällen sogar auf die Stammesführung ausdehnen konnte. Welche Funktion hat die Figur des »Trickster«? In zahlreichen Mythen der ganzen Welt tritt eine Figur auf, die man gemeinhin als »Trickster«, also als Schelm oder Betrüger, bezeichnet. Er tritt oft als gewitzter und allerlei Schabernack treibender Gegenspieler großer Gottheiten auf. Durch seine Taten gelangen das Übel und die Unvollkommenheit in die eigentlich vollkommene Welt. So werden die bis dahin reibungslosen Beziehungen zwischen Göttern und Menschen zerstört. Wussten Sie, dass … sich der Begriff »Schamane« wahrscheinlich von dem tungusischen Wort »shaman« ableitet? Dessen Bedeutung ist allerdings nicht genau geklärt. Möglicherweise hängt es mit den Ausdrücken für »Wissen« oder »der außer Fassung ist« zusammen. Die tungusische Sprachfamilie ist in Nordchina, Ostsibirien und Teilen der Mongolei beheimatet. Die Religionen der Megalithkulturen: Kultorte aus Riesensteinen Wo entwickelten sich Megalithkulturen? In Europa reichte das Verbreitungsgebiet von Malta über die Iberische Halbinsel, Westfrankreich und die Britischen Inseln bis nach Südschweden. Die Megalithkulturen sind, wie der Name schon sagt, gekennzeichnet durch Großsteinbauten. Diese Großsteinbauten umfassen einzeln stehende Menhire (bretonisch »langer Stein«), Steingräber oder – »Tische« (bretonisch »Dolmen«) und Gruppen von Menhiren (bretonisch »Cromlech«), wie zum Beispiel die in Stonehenge oder Carnac. Ebenfalls zu diesem Kulturkomplex gehören die gewaltigen Steintempel und unterirdischen Grabanlagen auf Malta. Die weite Verbreitung und relativ einheitliche Erscheinungsform der Megalithen ist eng verflochten mit der jungsteinzeitlichen Wirtschaftsform und dem aufkommenden kupferzeitlichen Metallhandel. Gab es eine einheitliche »Megalithreligion«? Die Vermutung liegt nahe, dass sich hinter den sich gleichenden baulichen Hinterlassenschaften auch miteinander verwandte religiöse Vorstellungen verbergen. Die Zeitspanne, in der sich die Ausbreitung der Megalithkulturen vollzog, umfasst ungefähr den Zeitraum von 5000 bis 2000 v. Chr. Die mit der Errichtung dieser Steindenkmäler verbundenen religiösen Vorstellungen haben sich in ihren Grundzügen sicher geähnelt, doch wird es bei diesem mehr als 3000 Jahre dauernden Phänomen bedeutende Unterschiede in den lokalen Ausprägungen gegeben haben. Überdies erfolgte die Verbreitung der religiösen Vorstellungen durch Völkerwanderungen und Handelsfahrten, so dass es vermutlich zwangsläufig zu einer Vermischung mit älteren lokalen Bräuchen und Kulten kam. Welchem Zweck dienten die Großsteinbauten? Die aus gewaltigen Steinen errichteten Bauten stehen alle im Zusammenhang mit dem Totenkult oder der Verehrung überirdischer Mächte. Für die sesshaften Menschen der Jungsteinzeit waren die Aussaat, das Wachsen und die Ernte des Getreides sichtbarer Ausdruck des Kreislaufs von Leben und Tod. In Verbindung damit stand wohl auch der vor allem im Mittelmeerraum zu beobachtende Fruchtbarkeitskult der »Großen Mutter«. Man empfand auch das Dasein des Menschen als Kreislauf, in dem der Tod nichts Endgültiges, sondern nur eine Station auf dem Weg in ein anderes Leben war. Daher errichtete man als Zeichen der Unvergänglichkeit unzerstörbare Grabanlagen aus Stein, die feste Punkte in einer unsicheren Welt und eine sichtbare Verbindung zu den Ahnen darstellten, die sozusagen in der »Nachbarschaft« der Lebenden weiterexistierten. Was symbolisieren die Grabanlagen? Viele der Gräber sind höhlenartig angelegt und wurden wie auf Malta sogar zu künstlichen unterirdischen Höhlensystemen ausgebaut. Dahinter stand die Vorstellung, den Toten wie ein Getreidekorn in den Bauch der »Mutter Erde« zu betten, auf dass er – analog zum Wachsen des Getreides – einer Art Wiedergeburt in einer anderen Welt teilhaftig würde. Viele der in den Megalithgräbern dargestellten spiralförmigen Motive scheinen diese Vorstellung von Ewigkeit sichtbar zu machen und weisen auf ein zyklisches Weltbild ohne Anfang und Ende hin. Welche Funktion hatten die Menhire? Die einzeln stehenden Menhire werden heute einerseits als eine Art Weltachse gedeutet, in der die Verbindung von Himmel und Erde und somit die Abhängigkeit des Menschen von kosmischen Vorgängen sichtbar wird. Die andere Auslegung bezieht sich auf den Ahnenkult, bei dem der Menhir als neuer und unzerstörbarer Sitz der Seele eines Verstorbenen gesehen wird und somit der vergängliche menschliche Körper gegen einen neuen, »ewig währenden« getauscht wird. So war zugleich die Beziehung zu den Ahnen hergestellt, die als Mitglieder der Gemeinschaft an dieser weiterhin teilhatten und für ihren Schutz sorgten. Was wussten die Megalithkulturen über kosmische Zyklen? Die Beobachtung kosmischer Phänomene scheint ein wichtiger Bestandteil des Weltbildes der Megalithkulturen gewesen zu sein. Im Megalithgrab von New Grange in Irland scheint am Tag der Wintersonnenwende durch eine exakt berechnete Öffnung die Sonne kurz nach Sonnenaufgang direkt in die Grabkammer. Auf diese Weise symbolisierte der Beginn eines neuen Jahreskreislaufs die Wiedergeburt der Verstorbenen. Wussten Sie, dass … von den Großsteinbauten der Megalithkulturen europaweit noch ungefähr 50 000 existieren? die Namen der Götter sowie religiöse Kulte und Mythen der jungsteinzeitlichen Religionen uns leider nicht überliefert sind? Einige Erkenntnisse konnten aber aus der Untersuchung der Megalithen abgeleitet werden. Die sumerische Religion: Götter und Mythen an Euphrat und Tigris Gab es eine einheitliche sumerische Religion? Nein, sie besaß viele regionale Ausprägungen, was sich schon daran zeigt, dass jede Stadt im Alten Orient einem Stadtgott unterstand, der dort besonders verehrt wurde, aber bereits in der Nachbarstadt eine eher untergeordnete Bedeutung haben konnte. Auch die vor allem im frühen 2. Jahrtausend v. Chr. niedergeschriebenen Mythen weisen unterschiedliche Themen und Vorstellungen auf. Mögen auch einzelne kultische Themen und Gottheiten aufgegeben worden und andere hinzugefügt worden sein, so blieb die sumerische Religion im Wesentlichen doch bis in die nachchristliche Zeit erhalten und wirkt zum Teil sogar noch bis heute nach. Welche religiösen Vorstellungen existierten? Als im frühen 3. Jahrtausend v. Chr. die alten lokalen Kulte zu überregionalen Einheiten zusammenwuchsen, kristallisierten sich zwei große Götterkreise heraus, deren Vorstellungen von der Entstehung und dem Wesen der Welt sich stark voneinander unterschieden: im Norden der Götterkreis um den Windgott Enlil von Nippur, der zu dieser Zeit bereits den eigentlichen Göttervater An als Chef des Pantheons verdrängt hatte, und im Süden der Götterkreis um Enlils Bruder Enki, den Stadtgott von Eridu. Von Anfang an scheint der Kult Enkis, des gutmütigen Gottes der Weisheit, der Magie und des Kunsthandwerks, die Vorherrschaft Enlils anerkannt zu haben. Wie erklärte man sich im Norden des Reiches die Entstehung der Welt? In Nippur herrschte die Vorstellung einer Autogenese der Schöpfung; die Welt sei am Anfang in einem embryonischen Zustand im duku , dem heiligen Hügel, vorgeformt gewesen. Der männliche Himmel und die weibliche Erde seien in einem gewaltigen Koitus vereint gewesen und erst nach der gewaltsamen Trennung der beiden durch Enlil sei der für das Leben nötige Raum entstanden. Doch es kommt immer wieder zur Kopulation von Himmel und Erde: Diesen sekundären Schöpfungen entspringen dann jedes Mal Dämonen, die den Göttern ihre Erstgeburtsrechte neiden und gegen sie Krieg führen. Welchen Mythos gab es im Süden? In Eridu glaubte man, dass die Welt so, wie sie den Alten bekannt war, von Enki eingerichtet und geschaffen worden sei. Dies ging oft mit zuweilen komischen Zwischenfällen einher, durch die man sich die Existenz von Krankheit, Leiden und Unordnung erklärte: Enki wird dabei in der Mythologie meist seine übermäßige Trunksucht und sein gewaltiger Geschlechtstrieb zum Verhängnis. Die Zwischenfälle gehörten zum späteren Geschehen und konnten somit problemlos in die Schöpfungsgeschichte integriert werden. Eine wichtige Rolle im Götterkreis um Enki spielen die me, überirdische Kräfte, ohne die die menschliche Zivilisation nicht denkbar wäre und denen selbst die Götter unterliegen. Welche Gottheiten spielten eine Rolle? Zahlreich sind im sumerischen Pantheon die Mutter- und Unterweltsgöttinnen. Die große Mutter tritt unter vielen Namen auf. Oft ist nicht klar, ob es sich bei den Bezeichnungen um verschiedene Gottheiten oder nur um einzelne Aspekte derselben Gottheit handelt. Ninchursanga, die Herrin des Berglandes, Ninmach, die erhabene Herrin, oder Aruru und Mama sind nur einige wenige Namen. Sie sind die machtvollen, großen Frauengestalten, deren Fluch selbst Enki nichts entgegenzusetzen hat. Aber sie zürnen nicht lange und helfen, den von ihnen angerichteten Schaden zu beheben. Ein Teil der ihnen zugeschriebenen Macht mag mit jenen den Männern unzugänglichen Bereichen von Mutterschaft und Geburt zusammenhängen. Wer regierte in der Unterwelt? Ein großer Teil der verschiedenen Heilsgottheiten, die mit der Unterwelt assoziiert wurden, ist ebenfalls weiblich. Hier sind zu nennen die Göttin Gula, Nintin'ugga (»Herrin, die die Toten belebt«) und Ninkarrak. Die wichtigste Göttin des Alten Orients ist im Sumerischen unter dem Namen Inanna, im Akkadischen als Ischtar bekannt. Im Unterschied zu den anderen Göttinnen war sie allerdings keine mütterliche Göttin. Zu ihrem Kult gehörten auch Prostitution und sexuelle Abweichung. Mit ihr verband man Streit, Konflikte und Unordnung, aber auch Fruchtbarkeit. Wie ist die sumerische Religion überliefert worden? Einen großen Teil unserer Kenntnisse der Religion des alten Mesopotamien verdanken wir den auf Sumerisch verfassten religiösen Texten, die noch lange Zeit entstanden, als das Sumerische schon nicht mehr gesprochen wurde. Daneben geben über die Religion dieses Kulturraumes auch Götterlisten, Königsinschriften und nicht zuletzt zahllose Wirtschaftsurkunden in Keilschrift Auskunft über das, was für die literarischen Texte eher zweitrangig war, nämlich Art und Umfang von Opfern und die Termine der kultischen Feste. Wussten Sie, dass … der türkische Monatsname »Temmuz« für den August an das Fest des sumerischen Gottes Dumuzi erinnert? Während der gesamten altorientalischen Zeit feierte man alljährlich Dumuzis Rückkehr aus der Unterwelt auf die Erde und betrauerte seine Rückkehr ins Jenseits. die sumerische Sprache eine der ersten, wenn nicht sogar die erste war, für die eine Schrift entwickelt wurde? Mythen des alten Mesopotamien: Götter- und Heldenepen Welches Volk prägte die mesopotamische Kultur? Viele verschiedene Völker prägten diese Kultur. Mesopotamien, das Land zwischen den beiden Strömen Euphrat und Tigris, ist uraltes Kulturland. Seine Mythenwelt war geprägt von bis weit in die Jungsteinzeit zurückreichenden Traditionen und gleichzeitig von all den Völkern, die im Lauf der Jahrhunderte aus den unterschiedlichsten Regionen in dieses fruchtbare Land einwanderten und ihre eigenen religiösen Vorstellungen mitbrachten. So wurden in diesem Schmelztiegel der Kulturen die vorsumerischen Traditionen von denen der Sumerer und Hurriter überlagert, dann von den Überlieferungen der semitischen Akkader und Amurriter sowie schließlich von denen der Babylonier und Assyrer. Warum wissen wir so viel über diese Kultur? Weil schriftliche Aufzeichnungen vorliegen. Von besonderer Bedeutung für unser heutiges Wissen über das Zweistromland sind die mythischen Vorstellungen der Sumerer und später der Babylonier und Assyrer. Diese frühen Hochkulturen verfügten bereits über eine Schrift und haben ihre Mythen niedergeschrieben. Schriftliche Quellen stellen für die moderne Wissenschaft eine wesentlich breitere Forschungsbasis dar, als wenn sie ausschließlich auf archäologische Funde wie etwa Kultgegenstände oder Ruinen von Kultstätten angewiesen ist. Wie wir heute wissen, wurde die ursprünglich sumerische Götterwelt später durch eine semitisch geprägte erweitert und umgestaltet. Die alten sumerischen Götter wurden an die neuen semitischen angeglichen und erhielten zum Teil andere Namen. Da die schriftlichen Überlieferungen der mesopotamischen Mythen überwiegend aus dem 2. und 1. Jahrtausend v. Chr. stammen, sind sie, gemessen am Alter der mesopotamischen Zivilisationen, relativ jung. Sie trennen nicht zwischen alten sumerischen Motiven und neueren semitischen, sondern stellen ihre jeweils gültigen Vorstellungen dar. Für die früheren Perioden aus der Zeit der Vorherrschaft der sumerischen Kultur sind dagegen nur Bruchstücke vorhanden. Gibt es einen sumerischen Schöpfungsmythos? Ein einheitlicher Schöpfungsmythos aus sumerischer Zeit ist nicht überliefert. Um sich zumindest ein ungefähres Bild zu machen, ist man auf Andeutungen in jüngeren Texten angewiesen, die sich teilweise widersprechen. Einmal heißt es, Himmel und Erde haben sich in einer kosmischen »heiligen Hochzeit« vereint und so die Erde fruchtbar gemacht. An anderer Stelle steht, dass die Göttin Nammu Himmel und Erde geboren hat. Ein weiterer Hymnus preist den Weisheitsgott Enki (akkadisch: Ea), der der Welt ihre Ordnung verleiht, den Flüssen das Wasser gibt, für den Regen sorgt und den Menschen die Ackerbaugeräte bringt. Auch das Motiv der Erschaffung des Menschen erscheint bereits zu sumerischer Zeit. Nach einer Version klagen die Götter darüber, dass sie niemanden haben, der für sie arbeitet und sie mit Nahrung versorgt. Daraufhin erschafft Enki zusammen mit der Muttergöttin Ninmach, auch Ninchursag genannt, den Menschen aus Schlamm. An anderer Stelle heißt es, dass der Göttervater Enlil nach der Trennung von Himmel und Erde mit der Hacke, die er erschuf, ein Loch in die Erde grub, aus dem die Menschen herauswuchsen. Welche Mythen haben sich gehalten? Mehrere sumerische Mythen gingen in spätere Religionen ein. Einer der berühmtesten war Vorlage für die spätere biblische Erzählung von Paradies und Sündenfall: der »Mythos von Dilmun«, auch Paradiesmythos genannt. Er handelt von dem glücklichen Land Dilmun, das vollständig von Krankheiten und Raubtieren verschont ist. Doch es fehlt das Wasser. Als Enki danach verlangt, lässt der Sonnengott Utu Wasser aus der Erde hervorsprudeln. So wird Dilmun zu einem fruchtbaren Garten mit reicher Vegetation, in dem die Göttin Ninchursag acht besondere Pflanzen wachsen lässt. Trotz ihres Verbots isst Enki alle auf. Die zornige Göttin verflucht ihn, worauf er an acht verschiedenen Organen erkrankt. Als die anderen Götter für Enki bitten, erschafft Ninchursag zu seiner Heilung acht Heilgötter. Wie haben sich die sumerischen Schöpfungsmythen weiterentwickelt? Zu einem Mythos über Sterben und Auferstehung. Die ursprünglich sumerischen Götter Inanna und Dumuzi wurden von den Semiten Ischtar und Tammuz genannt. Die Liebesgöttin Inanna verliebt sich in den Hirten Dumuzi und heiratet ihn, wodurch der einfache Mann unvermittelt zum Herrscher von Uruk wird. In der Folge nimmt ein unheilvolles Schicksal seinen Lauf, als Inanna beschließt, in die Unterwelt hinabzusteigen, um dort die Göttin Ereschkigal zu verdrängen. Auf ihrem Weg durchschreitet sie die Sieben Tore und muss an jedem ein Kleidungs- und ein Schmuckstück ablegen, so dass sie schließlich völlig nackt – und das heißt: ihrer ganzen Macht entblößt – vor der Göttin Ereschkigal erscheint. Diese richtet den »Blick des Todes« auf sie und Inanna stirbt. Der Götterkönig Enlil erschafft daraufhin zwei Boten, die er mit »der Speise und dem Wasser des Lebens« in die Unterwelt schickt. Damit gelingt es auch wirklich, Inanna wieder ins Leben zurückzuholen. Doch als sie dann im Begriff ist, die Unterwelt zu verlassen, versperren ihr die Sieben Richter der Unterwelt den Weg und verlangen, dass sie einen Ersatz für sich stellt. Begleitet von den Galla-Dämonen, die den Auftrag haben, sie bei Nichterfüllung dieser Pflicht zurückzubringen, kehrt Inanna auf die Erde zurück. Nach einigen Umwegen erreicht sie schließlich Uruk und findet dort ihren Gemahl Dumuzi, der das Leben ohne seine Frau in vollen Zügen genießt. Voller Zorn weist Inanna die Dämonen an, Dumuzi entsprechend den Vorgaben der Richter an ihrer Stelle in die Unterwelt mitzunehmen. Doch die Totengöttin Ereschkigal erlaubt ihm, jeweils die Hälfte eines Jahres auf der Erde zu verbringen. Was symbolisiert der Mythos? Dieser Mythos des Sterbens und Wiederauferstehens im jahreszeitlichen Rhythmus steht als Symbol für den Zyklus von Aussaat und Ernte, in dem sich Leben und Tod der Menschen spiegeln. Er stellt ein zentrales Thema der altorientalischen und altmediterranen Religionen dar; seine Wurzeln reichen bis in die Jungsteinzeit zurück. Wie wurde der Mensch erschaffen? Die Erschaffung des Menschen wird in dem wohl im 17. Jahrhundert v.Chr. niedergelegten Atramchasis-Mythos geschildert. Danach gab es zwei Arten von Göttern, wobei die niedrigeren den höher gestellten alle lebensnotwendigen Arbeiten abnehmen mussten. Doch die niedrigen Götter waren eines Tages nicht mehr dazu bereit, und so erschuf der schlaue Gott Ea, der bei den Sumerern ursprünglich Enki hieß, den Menschen aus Lehm und göttlichem Blut. Die Menschen vermehrten sich rasch, und der von ihnen erzeugte Lärm störte den obersten Gott Enlil in seiner Ruhe, so dass er beschloss, die Zahl der Menschen zu verringern. Er schickte Seuchen, Dürre und Hungersnöte, doch Ea schützte seine Geschöpfe durch klugen Rat. Dann wollte Enlil die Menschen durch eine Sintflut vernichten. Wieder half Ea, so dass es Atramchasis gelang, sich selbst und somit das Menschengeschlecht zu retten. Doch von nun an beschränkte Ea die Lebenszeit der Menschen. Darüber hinaus verhinderte er durch Kindersterblichkeit und Unfruchtbarkeit auch, dass sie sich unbegrenzt vermehrten. Wer ging bei den Götterkämpfen als Sieger hervor? Der Gott Marduk. In dem um 1200 v. Chr. zusammengestellten Schöpfungsepos »Enuma Elisch«, wird die Vorherrschaft des babylonischen Gottes Marduk legitimiert: Am Anfang der Zeit existierte nichts außer dem weiblichen Salzwasserozean Tiamat und dem männlichen Süßwasserozean Apsû. Als die beiden Ozeane sich vereinigten, gingen daraus mehrere Götter hervor, unter anderen auch der Schöpfergott An/Anu und der Weisheitsgott Ea. Doch zwischen den Göttern und Apsû kam es zum Streit. Ea siegte und baute auf Apsû das Heiligtum in Eridu, wo dann auch sein Sohn Marduk geboren wurde. Damit war Ea Herr über das Süßwasser. Aus Rache ging Tiamat zum Angriff über und brachte elf gewaltige Ungeheuer hervor, an deren Spitze der Gott Kingu stand, der auf seiner Brust die »Schicksalstafeln« trug. Die Götter wichen vor dem Ansturm zurück, doch Marduk erklärte sich zum Kampf bereit, wenn er in Zukunft als Herrscher der Götter anerkannt würde. Die Götter stimmten zu und Marduk nahm den Kampf auf. Er tötete Tiamat mit einem Pfeil, überwand die Ungeheuer samt Kingu und bemächtigte sich der Schicksalstafeln. Dann spaltete er Tiamats Körper in zwei Hälften: die eine bildete das Himmelsgewölbe, aus der anderen entstand die Erde. Am Himmel ordnete Marduk die Sternbilder und auf der Erde schuf er Pflanzen und Lebewesen. Auch Menschen brauchte er, damit sie den Göttern dienstbar wären. So machte sich sein Vater Ea daran, aus dem Blut des Gottes Kingu den Menschen zu erschaffen. Anschließend wurde in Babylon der Esagila genannte Tempel des Marduk gebaut und die Götter trafen sich zur Siegesfeier. Wussten Sie, dass … in Mesopotamien bereits im 5. Jahrtausend v.Chr. eine hochentwickelte Ackerbaukultur existierte? Menschen lebten dort seit etwa 70 000 Jahren. bereits um 4000 v. Chr. erste Schriftformen in Mesopotamien auftauchten, die sich dann später zur berühmten Keilschrift entwickelten? die fantasievolle mesopotamische Mythenwelt über die Jahrtausende hinweg lebendig geblieben ist? Die Geschichten von der Erschaffung des Menschen aus Lehm, von der Sintflut oder vom Paradies sind in die biblische Überlieferung eingeflossen und daher bis heute Allgemeingut der abendländischen Geistesgeschichte. das Epos von Gilgamesch als ältestes erhaltenes literarisches Dokument der Menschheit gilt? Das Werk beschreibt die Taten des gleichnamigen Königs von Uruk, der ca. 2652–2602 v. Chr. gelebt haben soll. Wie stellten sich die Mesopotamier die Erde vor? Als geteilte Hohlkugel. Das Weltbild im alten Mesopotamien beruhte auf der Vorstellung, dass der gesamte Kosmos aus einer in zwei gleiche Hälften geteilten Kugel besteht. Die obere Halbkugel bildete das Himmelsgewölbe mit den Sternen, die untere stellte die Unterwelt dar. Zwischen den beiden Halbkugeln verlief entlang der äußeren Kreiswand ein Gebirgszug. Innerhalb dieses Gebirgsringes erstreckte sich der kreisrunde Salzwasserozean Tiamat, in dessen Mitte sich die Erde wie eine Insel erhob. Direkt unter der Erde lag der Süßwasserozean Apsû. Das Zentrum der Erdscheibe bildete Mesopotamien, um das sich die anderen Länder gruppierten. Dieses altorientalische Weltbild wurde dann von den frühen Griechen übernommen, später jedoch von neuen Vorstellungen abgelöst, die nicht zuletzt auf geografischen Entdeckungen und naturwissenschaftlichen Beobachtungen beruhten. Können einzelne Mythen bestimmten Orten zugeordnet werden? Ja. Die nahe am Persischen Golf gelegene Stadt Eridu beispielsweise galt, obwohl sie politisch eher unbedeutend war, als älteste Stadt des Landes und stand in enger Verbindung mit den Weltschöpfungsmythen. Man erzählte sich, dass nach der Erschaffung der Welt, lange vor der Sintflut, das Königtum hier vom Himmel herabgestiegen sei und erstmals ausgeübt wurde. Der Stadtgott Enki (akkadisch: Ea) war der Gott der Weisheit und der Künste und auch Herr über den Süßwasserozean Apsû, auf dem die Erde schwamm. Wussten Sie, dass … der Mythos von der Sintflut bereits bei den Sumerern auftaucht? Die Götter beschließen – aus welchen Gründen, ist nicht bekannt –, die Menschen durch eine Sintflut zu vernichten. Nur der fromme Ziusudra wird gewarnt. Er erbaut ein Boot und übersteht so die sieben Tage und sieben Nächte währende Flut. Danach bringt er dem Sonnengott Utu ein Opfer dar und erhält »ein Leben als Gott«, das er im Land des Sonnenaufgangs verbringen darf. Dieser Stoff ging dann später in das babylonische Gilgamesch-Epos ein. Der Garten Eden: Ein Paradies mit verbotenen Früchten Was erzählt die Bibel über den Garten Eden? Der Bibel zufolge war der Garten Eden der Wohnort des ersten Menschenpaares Adam und Eva. Hier waren Not und Elend unbekannt und Mensch und Tier lebten in völliger Harmonie. In der Mitte des Gartens befanden sich der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse, von dem beide, trotz des göttlichen Verbots, aßen. Die daraufhin folgende Erkenntnis führte zur Vertreibung Adams und Evas aus dem Paradies. Gibt es ein historisches Vorbild für das Paradies? Es gibt ein Vorbild für den Garten Eden, allerdings deutet vi