Renaissance und Frühe Neuzeit – Entstehung des modernen Europas

Renaissance und Frühe Neuzeit – Entstehung des modernen Europas Zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert veränderte sich das politische Gesicht Europas grundlegend: Die unmittelbar mit dem Machtbereich von Papst und Kaiser verbundene, auf universalen Herrschaftsanspruch ausgerichtete mittelalterliche Ordnung zerbrach. Autonome, sich selbst bestimmende Staaten entstanden. Vielfach handelte es sich um so genannte Nationalstaaten, in denen ein Volk mit gemeinsamer Sprache und Kultur und ein Staatsverband eine Einheit bildeten. Im Innern der Staaten vollzog sich ein Wandel vom Lehns- zum Beamtenstaat. Der feudalistische Staat mit seinem ständischen Aufbau und dem gegenseitigen Treueverhältnis von Lehnsherr (Feudalherr) und Lehnsträger (Vasall) wurde abgelöst durch ein Staatsgebilde mit einer Zentralgewalt, in dem ein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Volk als Steuerzahler und dem Regenten und seinen (absetzbaren) Beamten bestand. In Frankreich und Spanien etwa konzentrierte sich diese Zentralgewalt im Wesentlichen auf den König, in England hingegen beruhte sie auf der engen Zusammenarbeit von König und Parlament. Während der Zeitenwende vom Mittelalter zur Neuzeit gewann das Bürgertum an Selbstbewusstsein, freie Argumentation und Kritik verdrängten immer mehr blinde Autoritätsgläubigkeit: Damit wurde die Basis für große geistige Bewegungen wie Humanismus, Renaissance und Reformation geschaffen. Einen Rückschritt stellte der Dreißigjährige Krieg (1618 bis 1648) dar, der nicht nur unzähligen Soldaten das Leben kostete, sondern auch unvorstellbares Leiden für die Bevölkerung mit sich brachte. 1517 Martin Luther verfasst 95 Thesen und leitet damit die Reformation ein 1530 Karl V. wird zum Kaiser gekrönt: Das Haus Habsburg steigt zur Weltmacht auf 1555 Der Augsburger Religionsfrieden bestätigt die Existenz zweier Konfessionen im Reich 1618–1648 Dreißigjähriger Krieg 1688 »Glorious Revolution« in England 1756–1763 Der Siebenjährige Krieg beherrscht Europa 1776 Amerikanische Unabhängigkeitserklärung Herausbildung der Nationalstaaten: Auf dem Weg in die Neuzeit Wie veränderte sich das Gesicht Europas? Zwischen dem 14. und 16. Jahrhundert zerbrach die unmittelbar mit dem Machtbereich von Papst und Kaiser verbundene, auf universalen Herrschaftsanspruch ausgerichtete mittelalterliche Ordnung. Autonome, sich selbst bestimmende Staaten entstanden. Vielfach handelte es sich um so genannte Nationalstaaten, in denen ein Volk mit gemeinsamer Sprache und Kultur und ein Staatsverband eine Einheit bildeten. Für ein Gleichgewicht im neuen Staatensystem sorgten wechselnde Koalitionen der Mächte. Die zwischenstaatlichen Beziehungen wurden erstmals diplomatischen Gesandten anvertraut. Welche neue Staatsform entstand? Im Innern der Staaten vollzog sich ein Wandel vom Lehns- zum Beamtenstaat. Der feudalistische Staat mit seinem ständischen Aufbau und dem gegenseitigen Treueverhältnis von Lehnsherr (Feudalherr) und Lehnsträger (Vasall) wurde abgelöst durch ein Staatsgebilde mit einer Zentralgewalt, in dem ein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis zwischen dem Volk als Steuerzahler und dem Regenten und seinen (absetzbaren) Beamten bestand. Was geschah nach dem Tod Kaiser Friedrichs II.? Mit dem Tod von Friedrich II. (1250) brach das staufische Kaisertum zusammen. In Deutschland etwa setzten sich nun die Fürsten als Landesherren durch. Zugleich geriet in der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts das Papsttum in Abhängigkeit vom französischen König. Philipp IV. (der Schöne, Reg. 1285–1314) nahm den Kirchenfürsten ihre weltliche Macht, indem er die volle Steuerhoheit über die kirchlichen Güter seines Landes beanspruchte. Nach dem empörten Widerspruch von Papst Bonifaz VIII. (Papst 1294 bis 1303) ließ er diesen verhaften und nach dessen Tod durch einen Franzosen ersetzen: Klemens V. (Papst 1305–1314). Die Päpste wurden gezwungen, ab 1309 in Avignon statt in Rom zu residieren, wo sie bis 1377 blieben. Verweltlichung und Geldgeschäfte (etwa der so genannte Ablasshandel) schadeten dem Ansehen der Kurie. Warum wurde Frankreich ein zentralistischer Staat? Die französischen Könige herrschten im Mittelalter im Wesentlichen nur über die unmittelbare Umgebung von Paris. Das in acht große, fast selbständige Fürstentümer zerfallene Land fand jedoch durch seine kriegerischen Konflikte mit England zur inneren Einheit. Dieser Prozess erstreckte sich vom Sieg der mit den Staufern verbündeten Franzosen gegen die mit den Welfen verbündeten Engländer in der Schlacht bei Bouvines (1214) bis zur Vertreibung der Engländer vom europäischen Festland (1453). Großen Anteil an dieser Entwicklung hatten die Könige Ludwig IX. (der Heilige, Reg. 1226–1270), der die Grafschaft Toulouse erobern konnte, und Philipp IV. (der Schöne), der das Gebiet des Erzbischofs von Lyon und andere Teile Burgunds seinem Herrschaftsbereich einverleibte. Nachdem der englische Sieg in der Schlacht von Azincourt (1415) die Selbständigkeit Frankreichs in Frage zu stellen drohte, wendete sich das Schicksal durch das Auftreten Jeanne d' Arcs. Unter ihrer Führung gelang 1429 die Befreiung des von den Engländern eingeschlossenen Orléans sowie die Krönung des schwächlichen Königs Karl VII. (Reg. bis 1461) in Reims. Am Ende der Regierung Karls VII. war Frankreich wieder französisch. Die Schaffung eines neuzeitlichen Staatswesens oblag dann König Ludwig XI. (Reg. 1461–1483) und seinen Nachfolgern. Wie entstand das englische Parlament? Der englische König Johann ohne Land (Reg. 1199–1216) stimmte 1215 der »Magna Charta Libertatum« (große Freiheitsurkunde) zu. Dieses Verfassungsdokument sicherte dem Adel das Recht auf Widerstand gegen ungerechte Entscheidungen des Königs zu und legte den Grundstein für die unbeschränkte Entscheidungsbefugnis des englischen Parlaments über die Staatsfinanzen. Dieses Ständeparlament wurde 1265 aus Vertretern des Feudaladels und der hohen Geistlichkeit (House of Lords) sowie des niederen Adels und des Bürgertums (House of Commons) gebildet. 1297 gestand König Eduard I. (Reg. 1272–1307) ihm eine Mitwirkung bei der Steuererhebung zu. Fortan konnte in England nur noch mit Zustimmung des Parlaments Geld für einen Krieg aufgebracht werden. Welche weiteren Nationalstaaten bildeten sich? Spanien erreichte die nationalstaatliche Einheit 1479 durch die zehn Jahre zuvor vollzogene Heirat von Isabella von Kastilien und León (Reg. 1474–1504) mit König Ferdinand II. von Aragón (Reg. 1479–1516). Das nationale Zusammengehörigkeitsgefühl entstand aus dem Kampf gegen die muslimischen Mauren. Die Eroberung des Königreichs Granada (1492) beseitigte den Rest der arabischen Herrschaft in Spanien und vollendete die so genannte Reconquista (»Rückeroberung«), die beinahe 800 Jahre gedauert hatte. Vergleichbare Feinde für Russland waren seit Mitte des 13. Jahrhunderts die mongolischen Reiterheere. Nachdem der Großfürst von Moskau, Iwan III. (der Große, Reg. 1462–1505), 1480 formell die tatarische Oberherrschaft beendet hatte, konnte er sich erstmals »Zar von ganz Russland« nennen. Zugleich erklärte er sich zum Haupt der orthodoxen Kirche. In der Schweiz hatten die Urkantone Uri, Schwyz und Unterwalden 1291 zur Verteidigung ihrer Freiheit vor allem gegen die Habsburger einen »Ewigen Bund« geschlossen und diesen mit einem Eid (Rütlischwur) besiegelt. Nachdem weitere Kantone dem Bund beigetreten waren, mussten sie mehrere österreichische Angriffe abwehren. 1474 wurde ihre Unabhängigkeit von den Habsburgern und 1499 vom Heiligen Römischen Reich anerkannt, aus dem sie 1648 ausschieden. Wussten Sie, dass … während der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit besonders das Bürgertum an Selbstbewusstsein gewann? Freie Argumentation und Kritik verdrängten blinde Autoritätsgläubigkeit: Die Basis für geistige Bewegungen wie Humanismus, Renaissance und Reformation wurde geschaffen. König Johann ohne Land (John Lackland) 1215 nur deshalb der »Magna Charta« zustimmte, weil ihm nach einer Revolte seiner Barone nichts anderes übrig blieb? der englische König Richards II. (Reg. 1377–1399), einen Versuch unternahm, die Alleinherrschaft der Krone wiederherzustellen, der aber scheiterte? die Stadt Calais nach der Vertreibung der Engländer aus Frankreich noch bis 1558 in englischer Hand blieb? Humanismus und Renaissance: Der Mensch rückt ins Zentrum Was war die Renaissance? Die geistigen Strömungen des 14. bis 16. Jahrhunderts werden gern unter dem Begriff »Wiedergeburt der klassischen Antike« zusammengefasst und entsprechend französisch als »Renaissance« bezeichnet. Einige zeitgenössische und auch Gelehrte späterer Jahrhunderte haben diese Epoche als goldenes Zeitalter verklärt und von ihren Menschen gesagt, sie seien erstmals »geistige Individuen« gewesen und hätten sich auch als solche erkannt. Diese Sichtweise unterschlägt, dass die so genannten Renaissancemenschen auch noch stark im Mittelalter verwurzelt waren. Welche Ideen bestimmten das Denken? Hatten die Philosophen des Mittelalters den christlichen Glauben zum Hauptgegenstand ihres Denkens gemacht, so wandten sie seit dem 14. Jahrhundert, angeregt durch die intensive Beschäftigung mit der Kultur der Antike, als Humanisten ihren Blick dem Menschen und der irdischen Welt zu. In der Philosophie Platons (428/27–348/47 v. Chr.) fanden sie das Leitbild des Leib, Seele und Geist harmonisch verbindenden Menschen, den sie zum vollkommenen Abbild Gottes umdeuteten. Humanistisches Ideal war ein Leben, in dem sich jeder Mensch frei von kirchlichen Vorgaben entfalten, universell bilden und die Herrlichkeit des Diesseits genießen konnte. Ausgehend von Oberitalien verbreitete sich das Gedankengut des Humanismus über die italienischen Stadtrepubliken und weiter bis zu den Universitäten ganz Europas. Frühe Humanisten waren die Literaten Francesco Petrarca (1304–1374) und Giovanni Boccaccio (1313–1375). Es folgten Erasmus von Rotterdam (1466/69–1536), Enea Silvio de' Piccolomini, der spätere Papst Pius II. (1405– 1464), Philipp Melanchthon (1497–1560) und der englische Lordkanzler Thomas Morus (1477–1535). Niccolò Machiavelli (1469–1527) machte in seinem Buch »Der Fürst« (»Il principe«, 1513) ein vom humanistischen Geist erfülltes Individuum zum selbstherrlichen Machtmenschen. An welchen Vorbildern orientierte sich die Kunst? Das Schönheitsideal der Kirchenbaumeister war nicht länger die Gotik. Sie orientierten sich vielmehr an Grundplänen antiker Bauten mit ihrer symmetrischen Anordnung von Türen und Fenstern, Säulen und Kuppeln. So plante Filippo Brunelleschi (1377–1446) den zwischen 1420 und 1436 erbauten Dom von Florenz mit einer imposanten Zweischalenkuppel, Bramante (eigentlich Donato d'Angelo, 1444–1514) entwarf den Petersdom in Rom als Zentralbau, dem Michelangelo (eigentlich Michelangelo Buonarroti, 1475 bis 1564) die Kuppel gab. Der Baumeister Leon Battista Alberti (1404–1472) bildete seine Kirchenfassaden antiken Tempelfronten nach. Die Bildhauerei, im Mittelalter noch Bestandteil der Baukunst, verselbständigte sich. Berühmt wurden unter anderem die beiden Florentiner Lorenzo Ghiberti (1378–1455) und Donatello (um 1386 bis 1466) sowie später vor allem Michelangelo mit Plastiken wie »David« (1501–1504), »Moses« (1507–1516) und der so genannten »Pietà Rondanini« für das eigene Grab (1548–1555). Was bildete den Gegenstand der Malerei? In der Malerei kamen mehrere Aspekte von Humanismus und Renaissance zusammen: das Interesse am schönen menschlichen Körper, genaue Naturbeobachtung und die Befolgung der neu entdeckten Gesetze der Perspektive. Die Fresken von Giotto di Bondone (1266 bis 1337) zeigen nach dem Bild von Zeitgenossen gemalte, seelisch bewegte Menschen, auch wenn es sich um Madonnen, Engel und Heiligengestalten handelt. Masaccio (eigentlich Tommaso di Giovanni di Simone Guidi, 1401 bis 1428) und Piero della Francesca (1415/20–1492) porträtierten menschliche Gestalten in fest umgrenzten Räumen. Sandro Botticelli (1444/45– 1510) zeigt in Gemälden wie »Triumph des Frühlings« (1476–1480) und »Geburt der Venus« (1482–1489) Grazien von zart vergeistigter Schönheit in detailreich ausgeschmückten Landschaften. Die Kunst der Hochrenaissance fand ihre Vollendung in den Werken von Michelangelo, Leonardo da Vinci (1452–1519), dessen berühmtestes Gemälde »Mona Lisa« (1503–1506) ist, und Raffael (eigentlich Raffaello Santi, 1483–1520). Wer griff die Renaissance in Deutschland auf? In Deutschland war der bekannteste Künstler der Renaissance Albrecht Dürer (1471–1528), der stark von der italienischen Kunst seiner Zeit beeinflusst war und sich u. a. 1494/95 zu Studienzwecken in Venedig aufhielt. Für Erasmus von Rotterdam schildert Dürer in seiner Grafik »den ganzen Menschengeist, wie er sich im Verhalten des Körpers abspiegelt, und fast auch noch die Stimme«. Der Augsburger Hans Holbein d. J. (1497/98 bis 1543) erwies sich mit diesseitigen Porträts freier Menschen als vollkommener Humanist. Welche Fortschritte gab es in der Wissenschaft? Leonardo da Vinci (1452–1519), ein umfassend gebildeter »homo universalis« nach humanistischem Ideal, betätigte sich nicht nur als Maler, Bildhauer und Architekt, sondern auch als Naturforscher, Ingenieur und Erfinder. Zahlreiche Erfindungen, darunter eine Tauchglocke, Maschinen zur Tuchherstellung, Pumpen und Brennspiegel sowie die Konstruktionszeichnungen für Fallschirme und Unterseeboote und hervorragende Landkarten entstanden in Leonardos Werkstatt. Einzelne wissenschaftliche Disziplinen brachten unter anderem die Sprachforscher Erasmus von Rotterdam (kritische Ausgabe des Neuen Testaments im griechischen Urtext, 1516) und Johannes Reuchlin (1455–1522, Begründer der hebräischen Studien) sowie Paracelsus (eigentlich Theophrastus Bombastus von Hohenheim, 1493/94–1541, Wegbereiter der neuzeitlichen Medizin auf Grundlage der Heilkräfte der Natur) voran. Nikolaus Kopernikus (1473–1543) erkannte nach dem Studium griechischer Schriften und eigenen astronomischen Beobachtungen, dass die Sonne den Mittelpunkt des Planetensystems bildet (»kopernikanisches Weltsystem«) – eine Erkenntnis, die das mittelalterliche Weltbild von der Erde als Mittelpunkt des Universums erschütterte und ein neues wissenschaftliches Zeitalter einläutete. Wussten Sie, dass … Italien, das Zentrum der Renaissance, im 14. und 15. Jahrhundert durch Fremdherrschaft und tyrannische Fürsten geprägt war? Diese auf den ersten Blick für die Kunst hinderliche Situation hat mit zu ihrer Entwicklung beigetragen. Um hier Selbstvertrauen entwickeln zu können, mussten die Künstler Werke schaffen, die es qualitativ mit denen des römischen Altertums aufnehmen konnten. die Verbreitung des Gedankenguts der Renaissance durch eine technische Neuerung maßgeblich unterstützt wurde? Johannes Gutenberg (ca. 1400 bis 1468) hatte Mitte des 15. Jahrhunderts den Buchdruck mit beweglichen Lettern erfunden. Frühkapitalismus: Die Entstehung eines neuen Wirtschaftssystems Was ist Kapitalismus? Als »Kapitalismus« wird die Epoche der Wirtschafts- und Sozialgeschichte bezeichnet, die den Feudalismus ablöste. Gewerbliche und industrielle Produktion überflügelte die landwirtschaftliche, der Grad der Arbeitsteilung nahm zu, und die Gesetze des Marktes wurden zur maßgeblichen Steuerungsinstanz des Wirtschaftsgeschehens. Die Hochphase des Kapitalismus begann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, als durch die Industrielle Revolution Massenproduktion in einem zuvor nicht möglichen Ausmaß verwirklicht werden konnte. Als »Frühkapitalismus« gilt die Zeit des Merkantilismus und des Handelskapitalismus etwa seit der frühen Neuzeit. Wichtige frühkapitalistische Entwicklungen hatten lange zuvor im Mittelalter eingesetzt. Wo wurde die neue Ordnung entwickelt? Die Wurzeln des Kapitalismus liegen in den mittelalterlichen Städten, wo die Macht der Fürsten schon früh durch Privilegien oder durch ein starkes, ökonomisch einflussreiches Bürgertum eingeschränkt war – besonders in Messestädten und in italienischen Handelsstädten, wo zahlreiche Händler und Waren aufeinander trafen und das Wirtschaftsgeschehen kaum reguliert wurde. Denn wichtige Voraussetzung für die Steuerung des Wirtschaftsgeschehens durch Angebot und Nachfrage war die weit gehende Freiheit von herrschaftlichem Einfluss. Wie wurde Kapital zu Geld gemacht? Das Kapital, insbesondere dessen Fähigkeit, durch Zinsen, Gewinne oder Pacht Einkommen zu erzielen, war von entscheidender Bedeutung. Das kirchliche Zinsverbot schränkte diese Möglichkeit zunächst noch ein, konnte aber auf verschiedenen Wegen umgangen werden: etwa durch Grundstückskauf mit anschließendem Rückkauf – in der Zwischenzeit kassierte der Käufer (Kreditgeber) eine Pacht. Außerdem bestand die Möglichkeit, einen jüdischen Geldverleiher aufzusuchen, für den das Zinsverbot nicht galt. Der Bedarf an Krediten wuchs besonders an Handelsknotenpunkten. Hier mussten Fremdwährungen gewechselt werden, und aus den Geldwechslern wurden Bankiers, die Kredite vergaben, Einlagen annahmen und ihren Kunden den örtlichen und überregionalen Zahlungsverkehr durch Kontobuchungen und Wechselbriefe erleichterten. Weil in der Lombardei (Oberitalien) ein besonders reger Handel herrschte, erhielten lombardische Kaufleute schließlich das Privileg, Geld gegen Zinsen zu verleihen. Warum wurden Wechsel eingeführt? Der bargeldlose Zahlungsverkehr ermöglichte den Händlern nicht nur Warenkäufe auf Kredit, sondern reduzierte auch die Menge Bargeld, die sie auf ihrer gefährlichen Anreise mit sich führen mussten. Bereits im 12. Jahrhundert setzte sich auf den Messen der Champagne die Bezahlung mit Wechseln statt Bargeld durch. Die beiden letzten Wochen einer Messe dienten der Begleichung der zuvor eingegangenen Verbindlichkeiten. Bereits Ende des 13. Jahrhunderts übertraf das Wechselgeschäft den Wert der gehandelten Waren deutlich – die Champagnemessen hatten sich zu Finanz- und Kapitalmärkten entwickelt. Neben dem Kredit bot auch der im 14. Jahrhundert in Italien aufkommende Seeversicherungsvertrag die Möglichkeit, durch den Einsatz von Kapital zusätzliches Einkommen zu erzielen. Händler, die das große finanzielle Risiko des Seehandels nicht allein tragen konnten, beteiligten einen kapitalkräftigen Versicherer an ihrem Gewinn. Gab es in der Renaissance große Unternehmen? In Augsburg stieg die Händlerfamilie Fugger zu einem Großunternehmen von Weltgeltung auf. Ihre Beziehungen zu den Habsburgern sicherten ihnen Privilegien in Europa und Übersee. Konkurrenz erhielten die Fugger im 17. Jahrhundert in Handelsgesellschaften wie der East India Company (1600). Die Medici, als Kaufleute und Bankiers groß geworden, kontrollierten seit 1434 die Politik ihrer Heimatstadt Florenz. Ihre Verbindungen zum Papst sicherten ihnen wichtige Privilegien. Bis zu ihrem Erlöschen im Jahr 1737 beherrschten die Medici Florenz bzw. die Toskana. Wer waren die Fugger? Die Kaufmannsfamilie der Fugger wurde begründet durch den Weber Johann Fugger, der sich 1367 in Augsburg niederließ und ein Handelshaus gründete, das seine Nachfolger auf den Fernhandel und Geldgeschäfte ausdehnten. Bedeutendster Fugger war Jakob (der Reiche, 1459–1525). Als Kreditgeber stand er in Verbindung zum Papst und zu den Habsburgern; das Geld der Fugger ermöglichte 1519 die Wahl Karls V. zum römisch-deutschen Kaiser. Unter seinem Neffen Anton Fugger (1493–1560) expandierte das Unternehmen in die spanischen Gebiete Amerikas. Eine Finanzkrise in Spanien, dem die Fugger umfangreiche Kredite eingeräumt hatten, ließ im 16. Jahrhundert die Bedeutung des Unternehmens schwinden. Wie stieg Cosimo de' Medici zum reichsten Mann Italiens auf? Der am 27.9.1389 in Florenz geborene Cosimo de' Medici übernahm von seinem Vater Giovanni di Bicci (1360–1429) das Bankhaus Medici in Florenz. Nach kurzer Verbannung (1433) durch die herrschende Adelspartei fiel ihm 1434 faktisch die Macht in der Stadt zu, ohne dass er ein Amt bekleidete. Seine guten Geschäftsbeziehungen zum Papst wusste er beim Aufbau eines internationalen Filialnetzes zu nutzen, das neben dem Geldgeschäft auch im Handel und im Alaunabbau große Profite erwirtschaftete. Anders als damals üblich, leitete er die ausländischen Niederlassungen nicht als Patriarch mit bezahlten Befehlsempfängern, sondern mit relativ autonomen Teilhabern. Cosimo beschränkte sich auf Kontrolle, strategische Entscheidungen und Repräsentation. Er starb am 1.8.1464 in Florenz. Wussten Sie, dass … Cosimo de' Medici Florenz an seinem Reichtum teilhaben ließ? Er erweiterte die Bibliothek, förderte Künstler und bezahlte den Stadtpalast. viele Finanzbegriffe italienischen Ursprungs sind? Vom Tisch der Geldwechsler, der banca, leitet sich etwa der Begriff Bank ab. Als Zeichen der Zahlungsunfähigkeit eines Wechslers wurde dieser Wechseltisch zerstört; der zerbrochene Tisch, banca rotta, gab dem Bankrott seinen Namen. Die Habsburger: Eine europäische Herrscherdynastie Woher stammen die Habsburger? Die seit dem 10. Jahrhundert bekannte Adelsfamilie der Habsburger verfügte anfangs über Besitzungen im Oberelsass und im Breisgau, darüber hinaus über die Grafschaft Klettgau. Die Habsburg wurde um 1020 von Bischof Werner von Straßburg am Zusammenfluss von Aare und Reuss errichtet. Die Habsburger erweiterten durch Erbschaften, Heirat und Familienfehden mit schwäbischen Geschlechtern ihren Besitz. Die Wahl des Grafen Rudolf von Habsburg 1273 in Frankfurt am Main zum römischen König Rudolf I. war der erste Schritt des Geschlechts zur einflussreichen Macht auf Reichsebene. Sie beendeten das seit dem Zusammenbruch des staufischen Kaisertums (1250) bestehende Interregnum, eine Schwächeperiode der Zentralgewalt in Deutschland, und stellten sich demonstrativ in die Staufernachfolge. Wie stiegen die Habsburger im Reich auf? Rudolf I. (reg. 1273–1291) gelang es, den mächtigsten Landesherrn im Reich, König Ottokar II. Premysl von Böhmen (reg. 1253–1278), seit 1251 auch Herzog in Österreich, mit einem ungarischen Heer 1278 auf dem Marchfeld (Niederösterreich) vernichtend zu schlagen. Die Herzogtümer Österreich und Steiermark gingen an die Habsburger und wurden Rudolfs Söhnen Albrecht I. und Rudolf II. (†1290) als Lehen gegeben. Die Habsburger stiegen vom Grafen- in den Fürstenstand auf. Wer begründete die Herrscherdynastie? Albrecht ließ sich 1298 nach der Absetzung von König Adolf (reg. seit 1292) durch eine Kurfürstenversammlung in Mainz zum zweiten König wählen und schlug seinen Widersacher in der Schlacht von Göllheim (bei Worms). Mit König Albrecht II. (reg. 1438/39) begann die Jahrhunderte währende Habsburger Königs- und Kaiserdynastie: Während König Maximilian I. (reg. 1493–1519) im Jahre 1508 noch mit päpstlicher Zustimmung im Dom von Trient den Titel eines Erwählten Römischen Kaisers annahm, fiel diese Zeremonie für seine Nachfolger mit der Königskrönung im Aachener Dom zusammen. Wie sah die Reichsreform unter Maximilian I. aus? Maximilian I. wollte das Reich durch eine neue Ordnung innerlich festigen. Ein jährlich tagender Reichstag sollte zusammen mit dem Kaiser die äußere Politik und die innere Ordnung bestimmen. Zu ersten grundlegenden Reformbeschlüssen kam es 1495 auf dem Reichstag zu Worms. Besonders wichtig war die Einrichtung eines Reichskammergerichts in Frankfurt am Main als unabhängiger oberster Gerichtshof, dem je zur Hälfte Richter und Laien angehörten. Die Errichtung einer ständischen Reichsregierung scheiterte am Veto Maximilians. Ohne dauerhaften Erfolg blieb die Einführung einer Reichskopfsteuer, da es an Beamten fehlte, um sie einzutreiben. Wie wurde das Reich erweitert? Das Habsburgerreich wurde durch weitere Heiraten vergrößert: Maximilian von Habsburg (der spätere König Maximilian I.) hatte 1477 Maria von Burgund geehelicht, wodurch die burgundischen Niederlande und die Freigrafschaft Burgund gewonnen wurden. Die Ehe seines Sohnes Philipp (der Schöne) von Burgund mit Johanna (der Wahnsinnigen), der Tochter von Ferdinand von Aragón und Isabella von Kastilien, hatte zur Folge, dass Spanien nach Ferdinands Tod 1516 ebenfalls an Habsburg fiel. In der nächsten Generation sicherte eine Doppelhochzeit unter Beteiligung zweier Geschwister des späteren Karl V. die Herrschaft über Böhmen und Ungarn ab 1526: Ferdinand heiratete Anna von Böhmen, während Maria von Österreich Ludwig II. von Ungarn das Jawort gab. Somit erlangte das Habsburgerreich unter König Karl V. (reg. 1519–1556) seine größte Ausdehnung und Bedeutung. Es erstreckte sich von der Nordsee bis nach Spanien und von den Alpen bis zu den baltischen Ländern. Hinzu kamen Kolonien in Übersee. Welche Bedrohungen musste Karl V. abwehren? Karl V. wurde 1519 mit finanzieller Unterstützung der Augsburger Kaufmannsfamilie Fugger zum römisch-deutschen König gewählt. Er verfügte über weit verstreut liegende Erblande und gebot als deutscher Kaiser (ab 1530) über eine Universalmonarchie. Seine Macht brachte ihm aber auch viele Gegner ein, die ihn in einen Krieg mit mehreren Fronten zwangen. Seine Hauptfeinde waren Frankreich, das ihn in Oberitalien sowie an den Grenzen zu Deutschland und zu Spanien angriff, und das auf Expansion bedachte Osmanische Reich unter Sultan Süleiman II. (der Prächtige, Reg. 1520–1566), das nach seinen Eroberungen von Belgrad (1521) und Ungarn (1526) im Jahr 1529 erstmals Wien bedrohte. In Deutschland aber musste Karl V. seine kaiserliche Autorität gegenüber zunehmend selbständiger werdenden Reichsständen durchsetzen sowie den Katholizismus gegen die Reformation verteidigen. Wichtigster Gegenspieler Karls V. auf internationaler Ebene blieb sein ehemaliger Konkurrent um die deutsche Königskrone, der französische König Franz I. (reg. 1515 bis 1547). Dieser erteilte einem gemeinsamen Kreuzzug zur Vertreibung der Türken aus Europa eine Absage, weil er das Osmanische Reich als notwendiges Gegengewicht zur aufstrebenden habsburgischen Macht verstand, und unterstützte zugleich militärisch die protestantischen Reichsfürsten. Welche Bilanz zog Karl V.? Am Ende legte Karl V. 1556 enttäuscht und resigniert die Kaiserkrone nieder und zog sich nach Spanien zurück. Hatte er zuvor im Sinne des Toleranzgedankens des Erasmus von Rotterdam für eine Versöhnung von Katholiken und Protestanten plädiert, war er nun zum prinzipienfesten Katholiken geworden: Seinem Sohn Philipp II., dem er die Herrschaft über Spanien, Neapel, Mailand, Burgund und die Niederlande anvertraute, riet er: »Reißt die Ketzerei aus, sonst schlägt sie Wurzeln und zerstört die staatliche und soziale Ordnung.« Wussten Sie, dass … die Habsburger-Dynastie 1438–1806 (außer 1742–1745) die römisch-deutschen Könige und Kaiser stellte? durch die Eheschließung der Habsburger Erbtochter Maria Theresia mit Franz Stephan von Lothringen 1736 das Haus Habsburg-Lothringen, entstand, das bis 1918 Österreich-Ungarn regierte? Europas Expansion in Übersee: Errichtung der Kolonialherrschaft Wer trieb die Entwicklung der Seefahrt voran? Spanien und Portugal lieferten sich einen Wettlauf auf dem Meer. Infant (Prinz) Heinrich der Seefahrer (1394–1460), Sohn König Johanns I. von Portugal, unterstützte die Erforschung Afrikas. Den Anfang machte 1415 die Eroberung von Ceuta an der marokkanischen Küste. Es folgten unter anderem die Erkundung der Azoren (1427–1431) und die Entdeckung von Kap Verde (1445). Heinrich ließ die hochseetüchtige Karavelle entwickeln und die Navigation verbessern. Nach seinem Tod finanzierte König Johann II. (Reg. 1481–1485) die Seefahrt. In dessen Auftrag umschiffte Bartolomëu Diaz (um 1450 bis 1500) 1487 die Südspitze Afrikas (Kap der Guten Hoffnung). Der Portugiese Vasco da Gama (1469–1524) fand 1498 den Seeweg nach Indien und Admiral Pedro Alvares de Cabral (um 1467/68 – um 1526) segelte 1500 als erster Portugiese nach Brasilien. In Spanien übernahm Isabella I. von Kastilien (Reg. 1474–1504) die Finanzierung der Expeditionen. Ihren wichtigsten Kapitän fand sie in dem Genuesen Christoph Kolumbus (1451–1506). Wie teilten Spanien und Portugal die Welt auf? Die Ansprüche auf ihre Entdeckungen regelten Portugiesen und Spanier in Abkommen. So wurden 1479 im Vertrag von Alcacovas die Kanarischen Inseln Spanien, ganz Westafrika und die vorgelagerten Inseln Portugal zugesprochen. Der Vertrag von Tordesillas (1494) trennte den Globus entlang des 370 Meilen westlich der Kapverdischen Inseln verlaufenden Längengrades in eine spanische und eine portugiesische Einflusszone. Danach blieb die von Vasco da Gama entdeckte Route nach Indien unter der Kontrolle Portugals. Wie wurde Amerika entdeckt? Bei seiner ersten Fahrt im Auftrag der spanischen Krone, die Christoph Kolumbus 1492/93 auf der Suche nach der Westpassage nach Indien unternahm, entdeckte er die Insel Guanahani, eine der Bahamainseln, der er den Namen San Salvador gab, sowie Kuba und Haiti (in seinen Augen Inseln Japans). Giovanni und Sebastiano Caboto aus Genua nahmen 1498 im Auftrag der englischen Krone die nordamerikanische Ostküste zwischen Sankt-Lorenz-Strom und der Hudson-Mündung in Besitz. Im gleichen Jahr erreichte Kolumbus nahe der Orinoko-Mündung erstmals das südamerikanische Festland. Wie erhielt die neue Welt ihren Namen? Namenspatron war Amerigo Vespucci (1454–1512). Der Florentiner Agent der Medici-Bank in Sevilla entdeckte mit dem spanischen Konquistador Alonso de Ojeda († 1515) die Amazonas-Mündung. Die zweite Reise Vespuccis (nunmehr in portugiesischem Auftrag) diente der Erkundung der brasilianischen Küste zwischen Pernambuco und dem Río de la Plata. Er bezeichnete die Gegend als »Neue Welt«. Der deutsche Kartograph Martin Waldseemüller (um 1475–um 1521) nannte den neuen Kontinent 1507 auf einer seiner Karten »America« und ehrte damit Amerigo Vespucci, den er für den Entdecker der Neuen Welt hielt. Kolumbus' vierte und letzte Reise im Auftrag der spanischen Krone führte 1502–1504 zur mittelamerikanischen Ostküste von Honduras bis nach Panama. Erst als Fernão de Magalhães (Magellan, 1480–1521) und Juan Sebastián de Elcano (um 1476–1526) zwischen 1519 und 1522 die ganze Welt umsegelten, war bewiesen, was noch immer von einigen angezweifelt wurde: dass die Erde eine Kugel ist. Was geschah mit den neu entdeckten Gebieten? Auf die Entdeckung der fremden Gegenden folgte unmittelbar ihre Inbesitznahme, um sie wirtschaftlich nutzbar zu machen. Konquistador (Eroberer) Hernán Cortés (1485–1547) unterwarf ab 1519 das Reich der Azteken im heutigen Mexiko, während Francisco Pizarro (um 1478–1541) ab 1524 das Inkareich in Peru einnahm. Pedro de Mendoza (1487 bis 1537) erforschte 1536 das La-Plata-Gebiet und gründete Buenos Aires, Pedro de Valdivia (1500–1553) eroberte 1540 Chile. Wer verdiente am Handel? Vom lukrativen Überseehandel profitierten neben Lissabon, Sevilla und Cádiz auch London, Antwerpen und Amsterdam, während vormals führende Handelszentren wie Venedig und Genua infolge der neuen Handelsströme an Bedeutung verloren. Große europäische Handelshäuser hatten teil am Erfolg: So wandte sich das Haus der Welser aus Augsburg dem Überseehandel zu, gründete eine Sklavenhandelsgesellschaft und gewann vorübergehend die Handelsherrschaft über Venezuela. Übrigens: Wichtigste Importgüter aus Amerika waren neben dem Silber Mexikos und dem Gold Perus Nahrungsmittel wie Mais, Kakao, Tabak, Vanille, Erdnüsse, Tomaten und die dann auch in Europa heimisch gemachten Kartoffeln. Wie wurden die Ureinwohner behandelt? Die Spanier gingen mit größter Härte gegen die eingeborene Bevölkerung vor, die sie zu Sklaven machten oder sogar ausrotteten. Hernán Cortés nahm 1519 den sich ihm widersetzenden Aztekenherrscher Motecuzoma II. (1467–1520) gefangen, der im Folgejahr bei einem Aufstand seines Volkes ums Leben kam. Francisco Pizarro ließ den Inkafürsten Atahualpa (nach 1500–1533) hinrichten. Das Volk wurde mit Gewalt unterworfen, dem spanischen Recht unterstellt und zu hohen Steuerzahlungen gezwungen. Siedlern in den spanischen Kolonien wurden im Auftrag der spanischen Krone Ländereien zugewiesen und erlaubt, sich zu deren Bewirtschaftung der Ureinwohner zu bedienen (System der Encomiendas). Zusätzlich wurden Indianerreservate (Reduktionen) eingerichtet. Hinter diesem Vorgehen stand die Ansicht, dass die Ureinwohner Amerikas (wie auch Afrikas) keine vernunftbegabten Menschen wie die Europäer, sondern auf einer niedrigeren Entwicklungsstufe seien. Mit den Eroberern kamen auch Missionare, die den Ureinwohnern den christlichen Glauben auf brachiale Weise vermittelten. Die Götterbilder der Ureinwohner wurden als Dämonen zerstört, ihre kultischen Bauten ebenso. Gab es Widerstand gegen die unmenschliche Behandung der Indios? Gegen die gewaltsamen Methoden der Eroberer wehrten sich Ordensleute wie etwa der spanische Dominikanermönch Francisco de Vitoria (zwischen 1483 und 1493–1546) an der Universität Salamanca, der die Legalität der Eroberungen insgesamt in Frage stellte, und der Dominikanerpater Bartolomé de Las Casas (1474–1566), der sich in mehreren Schriften zum Anwalt der Indios machte. Letzterer setzte 1542 bei Kaiser Karl V., als Karl l. König von Spanien, »Neue Gesetze« (Leyes Nuevas) zum Schutz der indianischen Urbevölkerung durch. Darin wurden die Indios steuerlich mit den Spaniern gleichgestellt. Ihre Versklavung wurde untersagt. Das wurde zwar nicht immer umgesetzt, hatte aber zur Folge, dass nun afrikanische Sklaven nach Amerika verschleppt wurden. Wie war der Sklavenhandel organisiert? Die unfreiwilligen Arbeitskräfte wurden anfangs von Handelskarawanen zum Verkauf an nordafrikanische Küstenplätze geschleppt, mit Zunahme der Seeschifffahrt dann direkt in ihren Heimatländern aufgegriffen. Der Sklavenhandel wurde zu einer Domäne der Portugiesen und Spanier. Nicht selten wurde eine Entdeckungsfahrt durch organisierten Menschenraub finanziert. 1441–1448 wurden von Río de Oro und Guinea etwa 1000 bis 2000 Afrikaner abtransportiert, zwischen 1450 und 1505 sollen es 140 000 gewesen sein. In Amerika wurden afrikanische Sklaven in erster Linie für die harte Arbeit auf den Zuckerrohr-, Mais- und Baumwollplantagen gebraucht. Es gab aber auch den Verkauf von Indianersklaven nach Europa. Dieser wurde von Spanien allerdings im Jahr 1542 gesetzlich verboten. Welche anderen Kolonialmächte gab es? An erster Stelle sind England, Frankreich und die Niederlande zu nennen. Sie wollten nicht hinnehmen, dass Portugiesen und Spanier die Welt quasi unter sich aufteilten. Sie gründeten im 16. und 17. Jahrhundert große Handelskompanien, die ein Gegengewicht zur spanischen und portugiesischen Macht bilden sollten. Die Niederländer schufen ein Kolonialreich in Fernost, machten das 1621 gegründete Batavia, das heutige Jakarta auf der indonesischen Insel Java, zur Drehscheibe ihres Orientgeschäfts, kontrollierten den Sklavenstützpunkt Guinea und gründeten 1624 an der Mündung des Hudson in Nordamerika Neu-Amsterdam, das später von England beherrschte New York. England und Frankreich setzten einen Schwerpunkt in der Neuen Welt: 1587 gründete Sir Walter Raleigh (um 1554–1618) dort eine Siedlungskolonie, die er Virginia nannte. Englische Auswanderer ließen sich 1620 an der amerikanischen Ostküste nieder. Der englische Einflussbereich dehnte sich im 17. Jahrhundert weiter nach Westen aus. Samuel de Champlain (um 1565–1635) gründete im frühen 17. Jahrhundert die Siedlung Neu-Frankreich im späteren Kanada. Eine Pflanzungskolonie entstand in Louisiana, wo Zuckerrohr und Tabak angebaut wurden. Wussten Sie, dass … im Überseehandel neben Waren auch epidemische Krankheiten ausgetauscht wurden? Die Europäer brachten Pocken und Typhus nach Amerika – und die Syphilis wieder mit zurück. Warum verlagerte sich der Handel? Den Ausgangspunkt für die Verlagerung des Handels von Nord- und Ostsee sowie Mittelmeer zum Atlantik, Pazifik und Indischen Ozean bildete die Monopolisierung des fast gesamten Orienthandels durch die Osmanen. Nach dem Fall Konstantinopels (1453) war den kontinentaleuropäischen Handelshäusern der freie Zugang zu Gewürzen aus Asien, aber auch zu Luxusgütern wie Elfenbein, Edelhölzern und Duftstoffen verwehrt, weil nunmehr der Landweg zu den begehrten Gütern durch osmanisches Gebiet führte. Es galt also im 15. Jahrhundert, einen Seeweg nach Indien zu finden, wo neben den bekannten Handelsprodukten auch große Goldvorkommen und andere wertvolle Rohstoffe vermutet wurden. Wussten Sie, dass … schon im 15. Jahrhundert der Handel mit Sklaven blühte? Die meist italienischen Sklavenhändler fanden ihre Opfer damals auf dem Balkan. Nach der Eroberung Konstantinopels durch die Osmanen (1453) ergab sich aber ein Engpass, man wich nach Amerika aus. die Sklaverei damals mit einer christlich-theologischen Begründung gerechtfertigt wurde? Weil es sich bei den Gefangenen um Ungläubige und Heiden handelte, sollte die Versklavung genutzt werden, um Menschen zu Christus zu bekehren und so ihre Seelen vor göttlicher Verdammnis zu retten. Was waren Jesuitenstaaten? Diese kleinen »unabhängigen Republiken« wurden von der katholischen Ordensgemeinschaft der Jesuiten errichtet. Ende des 16. Jahrhunderts kamen sie ins heutige Paraguay. Im Süden, nahe des Rio Paraná, errichteten sie Ansiedlungen, in denen sie mit der Urbevölkerung nach christlichen Idealen leben wollten. Das Land in den etwa 30 so genannten Reduktionen wurde gemeinschaftlich bearbeitet, die Indios vor Übergriffen der spanischen Kolonisatoren wie vor Überfällen brasilianischer Sklavenhändler geschützt. Die Jesuiten wurden 1767 auf Druck der weißen Oberschicht des Landes verwiesen. Misswirtschaft und Ausbeutung besiegelten schnell das Ende der Reduktionen. Die UNESCO erklärte 1993 zwei der größten zum Weltkulturerbe: Jesús del Tavarangue und Trinidad del Paraná. Wussten Sie, dass … der Vorläufer der Seefahrer des 15. und 16. Jahrhunderts Marco Polo (1254–1324) war? Der Sohn eines venezianischen Kaufmanns reiste auf der legendären Seidenstraße bis nach Peking und gelangte auf seiner Heimreise unter anderem nach Sumatra, Vorderindien, Persien, Armenien und Trapezunt. Seine Erlebnisse schilderte er 1298 in einem Reisebericht, der Kaufleuten, Abenteurern und Missionaren als Informationsquelle über den Fernen Osten diente. Das Zeitalter der Reformation: Glaubensstreit und Kriege Wodurch war die Einheit der Kirche bedroht? Die Geschichte des Christentums war stets auch eine Geschichte von Geisteskämpfen und Spaltungen. Gestritten wurde um das generelle Glaubensbekenntnis, um Sakramente wie Taufe und Eucharistie (Abendmahl), Lehrmeinungen und allgemein verbindliche Glaubenssätze. Lange konnte die römisch-katholische Kirche mit dem Papst in Rom an ihrer Spitze eine klare Führungsposition im Abendland einnehmen. Dann aber führten humanistisches Gedankengut, Individualisierung und Verinnerlichung des Glaubens, Zweifel am Geltungsanspruch des Papsttums und Kritik an der Verweltlichung der Kirche zum Ende der Glaubenseinheit. Was ist der Kerngedanke von Luthers Theologie? Martin Luther (1483–1546), unter dem die Erneuerung (Lateinisch: reformatio) der Kirche ihre weitreichendste Form erreichte, beschäftigte sich mit der kirchlichen Lehre von der Rechtfertigung des Menschen vor Gott. Aus dem Studium der Schriften des Kirchenvaters Augustinus (354–430) und der Briefe des Apostels Paulus († um 64) gewann er die Erkenntnis, dass der Mensch allein im Glauben an die in Christus geoffenbarte Gnade Gottes gerecht werden könne. Die katholische Kirche bekräftigte dagegen noch im Konzil von Trient (1545–1563), dass es möglich sei, mit guten Werken und mithilfe der kirchlichen Sakramente etwas zum eigenen Heil beizutragen. Gott belohne gute Taten. Zum öffentlichen Bekenntnis in Form der »95 Thesen« (1517) fühlte sich Luther aufgrund des marktschreierisch auftretenden dominikanischen Ablasspredigers Johann Tetzel (1465–1519) veranlasst, der mit Sprüchen wie »Wenn das Geld im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt« warb. Die Idee, dass man Beichte oder Bußstrafen durch Geld abgelten, also quasi sein Seelenheil erkaufen könne, widersprach Luthers Überzeugung von der Notwendigkeit eines demütigen Lebens. Wie reagierte die Kirche? Nach der deutschlandweiten Verbreitung und begeisterten Aufnahme der »Thesen« versuchte Papst Leo X. (Papst 1513–15