Was war am »Barbier von Sevilla« so neu?

Was war am »Barbier von Sevilla« so neu? Eine vor Leben sprühende Komödiantik stellt statt Commedia-Stilisierung echte Charaktere auf die Bühne, nutzt die Melodie als Bewegungsimpuls und versetzt das Orchester mit rhythmischen Finessen und klanglicher Farbigkeit in einen Spannungszustand, der der Opera buffa alten Stils ganz unbekannt war. Der Komponist Gioachino Rossini versteht es meisterhaft, aus den verschiedenen dramatischen Situationen musikalische Affekte abzuleiten, aus denen sich dann die Handlung gleichsam harmonisch weiterentwickelt. Und wenn in einer Arie die Handlung zum Stillstand kommt, werden die Affekte zu Bausteinen eines musikalischen Porträts. Das berühmteste Beispiel stellt die Arie Figaros dar. Wann je wäre einem anderen Opernhelden ein derart glanzvoller erster Auftritt gegönnt worden? Im Zusammenspiel von virtuosem Parlando der Singstimme und orchestralem Kommentar gewinnt die Musik eine außerordentliche explosive Kraft, die umso mehr in Staunen versetzt, da sie mit konventionellen Mitteln auskommt.