Visionäre und Denker – existenzielle Fragen und kluge Antworten

Visionäre und Denker – existenzielle Fragen und kluge Antworten Die Namen sind bekannt, womöglich noch ein prägnanter Ausspruch, eine typische Anekdote. Doch oft sind die grandiosen Gedankenwelten der bedeutenden Visionäre und Denker, die in diesem Kapitel vorgestellt werden, nur schwer zugänglich. Die biographische Annäherung kann Türen zum Verständnis öffnen und Interesse wecken für Ideen, die mehr Einfluss auf das Weltgeschehen und das Leben Einzelner nahmen und nehmen, als man gemeinhin annimmt. Die faszinierende Weisheit des Fernen Ostens ist vertreten durch Konfuzius, der vor etwa 2500 Jahren lebte. An der Wiege der abendländischen Kultur stehen die Denker der griechischen Antike, allen voran Sokrates, auch 2400 Jahre nach seinem Tod der Inbegriff des Philosophen. Das mittelalterliche Abendland sah in der Philosophie eine Tochter der Theologie. Scholastik hieß diese philosophisch-theologische Lehre des christlichen Mittelalters und ihr herausragender Vertreter war Thomas von Aquin (1225–1274). Die neuzeitliche Philosophie stellte sich wieder auf eigene Füße. Sie beginnt mit René Descartes (1596–1650), der bezeichnenderweise auch Mathematiker und Naturforscher war, Klarheit im Denken forderte und dem Zeitalter der Vernunft – der »Aufklärung« des 18. Jahrhunderts – den Weg bereitete. Ziel war die Befreiung des Menschen aus seiner »selbstverschuldeten Unmündigkeit», wie Immanuel Kant (1724–1804) formulierte, der wohl größte deutsche Philosoph. Für die Wirkung der Philosophie auf die Politik steht wie kein Zweiter Karl Marx (1818–1883), auf dessen Schriften sich, noch Jahrzehnte nach seinem Tod, kommunistische Parteien und Staaten beriefen. Politisch gedacht hat auch Jean-Paul Sartre (1905–1980), der in den 1950er und 1960er Jahren ungemein einflussreiche Begründer des Existenzialismus. Mit ihm und seiner Lebensgefährtin, der Schriftstellerin und Feministin Simone de Beauvoir (1908 bis 1986), schließt das Kapitel. Konfuzius: Einflussreicher Tugendlehrer Wer war Konfuzius? Der Einfluss seiner Lehre bis heute steht in krassem Missverhältnis zur Erfolglosigkeit des Konfuzius zu Lebzeiten. Kong Qiu, auch Kongzi, Meister Kong, genannt, starb 479 v. Chr. nach der Rückkehr in seinen Heimatstaat Lu (im heutigen Shandong), ohne jemals ein hohes Staatsamt mit politischem Einfluss bekleidet zu haben. Als Angehöriger des verarmten Adels und in einer Zeit des Verfalls der alten Staats- und Sippenordnung gehörte er zum Stand der keinem Fürsten verpflichteten »wandernden Gelehrten« und versuchte letztlich erfolglos, einzelne Fürsten für seine Ideen zu gewinnen. Erfolgreicher wirkte er als Lehrer; viele seiner Schüler bekleideten später administrative Posten. Der Schwerpunkt seines Unterrichts lag auf der Ausbildung zum Aristokraten oder »Edlen« (junzi) mit geistig-sittlicher Vorbildfunktion unter Rückgriff auf die Schriften (»Buch der Lieder« oder »Buch der Urkunden«) und das Wissen des Altertums. Woher kennt man die Ideen des Gelehrten? Als Hauptquelle geben uns die »Lunyu« (Gespräche), eine von Schülern der dritten Generation überlieferte Sammlung von Anekdoten, Aphorismen und geistreichen Bemerkungen, Auskunft über den Meister und seine Lehre. Worin besteht die Richtschnur des Handelns? In der Rückkehr zur Sittlichkeit. Angesichts des zu seinen Lebzeiten herrschenden Moralverfalls strebte der Meister die Wiederherstellung sozialer Harmonie an. Für ihn war die Idealgesellschaft des alten Königshauses der Zhou Vorbild. Deren Sitten und Gebräuche erhob er zum Maßstab, gab jedoch dem ursprünglich mit sakralem Gehalt gefüllten Ritual (li) eine ethische Wendung: Li wurde für ihn zum Inbegriff der Sittlichkeit. Die sittlichen Normen dienten dazu, die innere Tugend durch Übung selbstverständlich werden zu lassen und diese zudem in allen zwischenmenschlichen Beziehungen zum Ausdruck zu bringen. Staatliche Ordnung manifestiert sich schließlich in der korrekten Handhabung der fünf sozialen Grundbeziehungen (wulun), in denen die hierarchischen Verhaltensmuster für Familie und Staat sowie die Beziehung unter gleichgestellten Freunden festgelegt werden. An wen richtet sich die Morallehre? Breiten Raum in den »Gesprächen« nimmt die Beschreibung der Tugend des »Edlen« ein, denn der Meister war der Ansicht, dieser könne am ehesten dazu gebracht werden, den mit seinem Namen verbundenen Anforderungen zu entsprechen (chengming). Der Edle wurde somit zum Garanten für die Rückkehr zu einer harmonischen Gesellschaftsordnung – Dao in konfuzianischem Sinn. Die Tugend des Edlen strahlte auf alle anderen ab. Wann beginnt die Erziehung zur Tugend? Schon in der Kindheit. Nur durch Erziehung lasse sich die den Wesenskern des Idealmenschen bildende Kardinaltugend der Humanität formen. Humanität, durch eine Reihe von zusätzlichen Einzeltugenden modifiziert, steht für die Vervollkommnung des Selbst. Die Eltern hatten schon in ihrer Familie mit der Vermittlung des Tugendkatalogs zu beginnen. Xiao, die Ehrerbietung der Kinder gegenüber den Eltern, ist für Konfuzius eine der »Wurzeln der Humanität« und die Liebe zum lebenslangen Lernen die Triebfeder zur Vervollkommnung des Wissens. Dieses Lernideal war jahrhundertelang Grundlage des Erziehungssystems. Wie wirkte der Konfuzianismus weiter? Den Ausbau der Lehre besorgten die Schüler. Bei Konfuzius fehlt die Beschäftigung mit administrativen und institutionellen Problemen, da er sein Gedankengebäude auf den Edlen und dessen ordnungstiftende Tugend im Staat konzentrierte. Erst bei seinem Nachfolger Xun Zi und dessen Schülern, Li Si und Han Feizi, die der legalistischen Theorie im Einheitsstaat Qin Geltung verschafften, werden diese Probleme thematisiert. Ihrem Einfluss ist es zu verdanken, dass sich der Konfuzianismus unter Einschluss legalistischer Elemente um 140 v. Chr. zur Staatsorthodoxie und damit zu der das gesamte kulturelle Leben Chinas prägenden Lehre entwickelte. Worin besteht die Lehre des Konfuzius? Die Schule der Gelehrten – besser bekannt als Konfuzianismus nach dem latinisierten Namen ihres Gründervaters Kongfuzi – vereint religiöse, sozialethische und lebensanschauliche Elemente. Religiösen Ursprungs sind der Ahnenkult, der in der Verehrung des anthropomorphen Urahnen wurzelt, und das aus dem agrarischen Staatskult abgeleitete Ritual. Die Befolgung der von Konfuzius mit ethischem Gehalt gefüllten Riten sollte für Harmonie zwischen Menschen und Kosmos sorgen. Sozial richtungsweisend wurde die Lehre, da sie an die Stelle des früheren Herrschaftssystems des Geburtsadels die geistig-moralische Autorität setzte. Diese wurde im zweiten Jahrhundert v. Chr. Leitidee der konfuzianischen »Beamtenaristokratie«, die bis zum Ende des Kaiserreichs Trägerin der gültigen Staatsdoktrin blieb. Schließlich entwickelten die Moralvorstellungen Modellcharakter für die Lebensführung auf allen Ebenen des Staatsgefüges und wirken bis heute nach. Wussten Sie, dass … Konfuzius in früher Jugend den Vater verlor und von seinem Großvater unterrichtet wurde? von dem Gelehrten selbst kein einziges schriftliches Werk überliefert ist? die Vorfahren des Philosophen Könige von Shang waren, die später aber verarmten? Konfuzius mit 19 Jahren geheiratet haben soll und in den Staatsdienst eintrat, den er aber bald wieder quittierte? der Gelehrte 518 v. Chr. den Begründer des Taoismus Lao Zi getroffen haben soll? Sokrates: Die Kunst des Fragens Warum wurde Sokrates zum Tode verurteilt? Man warf dem Athener Philosophen im Jahre 399 v. Chr. vor, durch seine Lehre die Jugend verdorben und nicht an die Götter geglaubt zu haben. Nach einem Prozess wurde er von der Mehrheit der etwa 500 Richter zum Tode verurteilt. Sokrates war damals wohl 70 Jahre alt, er hatte bis dahin alle Bürgerpflichten, insbesondere den Wehrdienst in drei Kriegen, vorbildlich erfüllt. Er lebte äußerst bescheiden, da er seinen erlernten Beruf als Bildhauer nicht ausübte, sondern sich ganz der Philosophie widmete. Sokrates selbst sah sich jedoch im Gegensatz zur Anklage als treuen Diener der Götter, insbesondere des Gottes Apollon, der ihn durch das Orakel von Delphi sogar selbst in seinem Tun bestärkt hatte. Denn als ein angesehener Bürger Athens einmal das apollinische Orakel befragte, ob irgendjemand weiser sei als Sokrates, bekam er zur Antwort: keiner. Sokrates selbst bildete sich indes nicht ein, besonders weise zu sein. Welcher Methode folgte der Athener? Sokrates übte sich in der Kunst des Fragens. Seine dabei angewandte Methode der »Ironie« bestand darin, die Argumente seiner Gegner so lange infrage zu stellen, bis sie sich in Widersprüche verwickelten oder ihren Standpunkt ad absurdum führten. Auf diese Weise brachte der unbestechliche Denker allerdings ein ums andere Mal die herkömmlichen Vorstellungen durcheinander. Auch bei seiner Verteidigung vor Gericht ging Sokrates so vor. Er stellte infrage, dass es seinen Anklägern wirklich darum gehe, die Jugend Athens vor dem Verlust der traditionellen Wertordnung zu beschützen. In Wahrheit wollten sie laut Sokrates nur nicht eingestehen, »dass sie bloßgestellt werden als Leute, die vorgeben, etwas zu wissen, in der Tat aber nichts wissen«. Solchen nur vermeintlich weisen Menschen gegenüber ist tatsächlich derjenige weiser, der wie Sokrates erkennt: »Ich weiß, dass ich nichts weiß.« Was lehrte der Philosoph die Menschen? Er wollte der Stimme der Wahrheit Gehör verschaffen. Im Unterschied zu den so genannten Sophisten, die die Relativität jeglichen Wissens lehrten, wollte Sokrates nicht bei der Zertrümmerung des nur scheinbaren Wissens stehen bleiben. Die Aufhebung falscher Meinungen war für ihn nur die Voraussetzung dafür, um das »Erkenne dich selbst!« der Tempelaufschrift in Delphi zu befolgen. Wer dies ernsthaft versucht, der wird nach Sokrates in seinem eigenen Innersten ein Daimonion, ein »Göttliches«, finden, das ihm sagt, was er tun und welche falschen Handlungen er lassen soll – das Gewissen. Übrigens: Sokrates verglich seine Philosophie mit der Hebammenkunst (Maieutik), die seine Mutter ausgeübt hatte: Der Philosoph kann seinen Schüler durch geschicktes Fragen bis an den Punkt heranführen, in der eigenen Seele die Wahrheit zu finden, die er im Grunde immer schon weiß. Die Einsicht in die wahre Tugend muss dann jeder selbst finden. Was hinterließ Sokrates? Sokrates hat kein einziges schriftliches Werk verfasst. Die Nachwelt weiß von seiner Lehre nur durch seine Schüler Xenophon und vor allem Platon. Einzig im persönlichen Gespräch glaubte Sokrates seine Umgebung dahin bringen zu können, sich dem Ruf des Daimonion zu öffnen. Diese Aufgabe betrachtete er allerdings als göttlichen Auftrag. Denn nur wer das Richtige kennt, vermag auch recht zu handeln. Umgekehrt war Sokrates ebenfalls davon überzeugt, dass es genauso unmöglich sei, das Rechte nicht zu tun, wenn man es einmal wirklich erkannt habe. Folgerichtig lehnte Sokrates, der den Gehorsam gegenüber den staatlichen Gesetzen als sittlich geforderte Tugend verstand, die ihm nach dem Todesurteil von Freunden angebotene Möglichkeit zur Flucht ab – obwohl er sich schuldlos fühlte – und trank schließlich im festen Glauben auf ein Leben nach dem Tod mit völligem Gleichmut den Schierlingsbecher. Was war das Orakel von Delphi? Im Apollontempel von Delphi befand sich nach dem Glauben der alten Griechen der »Nabel der Welt«, ein Marmorblock, der als Mittelpunkt der Erde galt. In unmittelbarer Nähe saß die Pythia, die Priesterin des Gottes Apollon, über einem Erdspalt, dem Luft entströmte, und wirkte als »Orakel«: Nach zukünftigen Ereignissen befragt, gab die Pythia Prophezeiungen kund, die meist zweideutig formuliert waren. Wussten Sie, dass … Sokrates mit seiner Frau Xanthippe drei Söhne hatte? Lamprokles, Menexenos und Sphroniskos. Sie waren bei seinem Tod alle noch nicht erwachsen. der Dramatiker Aristophanes 423 in seiner Komödie »Die Wolken« Sokrates satirisch, ja verleumderisch darstellte? Er zeigte ihn als sophistischen Verdreher der Wahrheit und leistete damit den späteren Anklägern des Sokrates Schützenhilfe. Demokrit: Nachdenken über die Atome Von welchen Annahmen geht der Atomismus aus? Grundlage des antiken Atomismus war die Idee vom Atom als kleinstem, nicht mehr teilbarem Baustein des Kosmos. Aufbauend auf den Vorstellungen seines Lehrers Leukippos von Milet (5. Jh. v.Chr.), vertrat Demokrit die Lehre, nach der sich alle lebendige und tote Materie in der unendlichen Leere des Raumes aus einer ebenso unendlichen Vielzahl dieser für das menschliche Auge unsichtbaren Atome, die in zahllosen unterschiedlichen Formen existieren, zusammensetzt. Geht ein Lebewesen oder unbelebter Gegenstand zugrunde, lösen sich seine Atome voneinander und können neue Körper bilden. Jedes Atom für sich ist jedoch unveränderlich und unzerstörbar. Demokrit lehrte, dass nicht nur die Körper, sondern auch Sinnesempfindungen, menschliches Bewusstsein und letztlich die Seele mit der Existenz von Atomen erklärbar seien. Wenn das Auge das Licht der Sonne wahrnimmt, sind es Atome der Sonne, die diese Wahrnehmung auslösen. Wie urteilten die Zeitgenossen über Demokrit? Als einen »Fünfkämpfer der Wissenschaften« rühmten ihn seine Zeitgenossen: Neben Physik, Mathematik, Ethik und allgemeiner Bildung kenne er sich auch mit der Technik aus. Tatsächlich hat Demokrit wohl in allen Bereichen der Wissenschaft geforscht, sich aber auch über praktische Dinge – etwa die Kriegskunst – Gedanken gemacht. Großen Einfluss übten die Schriften dieses letzten der großen griechischen Naturphilosophen auf Aristoteles (384–322 v.Chr.) aus, der ihm bescheinigte, alle Erscheinungen der Welt erforscht und intensiv über alles nachgedacht zu haben. Sind Schriften des Philosophen überliefert? Wir wissen zwar, dass Demokrit ungeheuer produktiv war und rund 70 philosophische Werke verfasste, aber außer einem Verzeichnis dieser Schriften ist nichts erhalten. Allerdings haben ein halbes Jahrtausend lang Gelehrte der griechischen und römischen Antike aus seinen Werken zitiert und darauf Bezug genommen. Dadurch sind wir mit Demokrits Erkenntnissen insbesondere zum Atomismus vertraut. Wie erläuterte Aristoteles Demokrits Ideen? Der große Philosoph Aristoteles erläuterte in seinen Schriften die freilich noch sehr mechanistischen Vorstellungen Demokrits folgendermaßen: »Als Grund dafür aber, dass die Atome eine Zeit lang miteinander zusammenbleiben, gibt er ihre wechselseitige Verschränkung und ihr Haften aneinander an. Denn die einen von ihnen seien schief, die anderen hakenförmig, die einen mit muldenförmigen Vertiefungen, die anderen gewölbt, die anderen mit anderen unzähligen Unterschieden. Nach seiner Meinung haften sie nun so lange aneinander und bleiben zusammen, bis irgendein stärkerer Zwang, der aus der äußeren Umwelt auf sie einwirkt, sie durcheinander schüttelt, trennt und zerstreut.« Was wissen wir über das Leben des Griechen? Demokrit stammte aus der Handelsstadt Abdera in Nordgriechenland und wurde um 460 v.Chr. als Sohn wohlhabender Eltern geboren. Er brauchte sich seinen Lebensunterhalt wohl nicht zu verdienen, sondern konnte von dem geerbten Vermögen seine philosophischen Untersuchungen finanzieren – und ebenso seine vielen Fernreisen. Denn ein Stubengelehrter war der als heiterer Mensch geschilderte Grieche nicht. Im Gegenteil. Stolz erklärte er: »Ich aber bin von meinen Zeitgenossen am meisten auf der Erde herumgekommen, wobei ich im weitesten Umfang forschte, und habe die meisten Himmelsstriche und Länder gesehen und die meisten gelehrten Männer gehört.« Zu den Ländern, die er besuchte, sollen Ägypten, Persien, Äthiopien und sogar Indien gehört haben. Ob dichterische Erfindung oder biografische Wahrheit: Die Überlieferung berichtet von der Heimkehr des Vielgereisten. Er hatte seine Geldmittel unterwegs gänzlich verbraucht und war vom Stadtrat seiner Heimatstadt Abdera mit heftigen Vorwürfen empfangen worden: Das ererbte Vermögen habe er vergeudet und damit gegen das Gesetz verstoßen. Doch Demokrit war klug und wortgewandt genug, um seine Mitbürger von der Qualität seiner auf Reisen gewonnenen Erkenntnisse zu überzeugen. Er wurde zum geachteten Lehrer und Philosophen und erhielt ein ehrenvolles Begräbnis, als er im hohen Alter von etwa 90 Jahren starb. Was sagte Demokrit über das Gute und das Übel? »Alles, was gut ist, schenken die Götter den Menschen (…); was aber übel, schädlich und unnütz ist, das machen die Götter den Menschen nicht zum Geschenk (…). Vielmehr sind es diese selbst, welche sich an derartiges heranmachen, aufgrund ihrer geistigen Blindheit und ihres Unverstandes.« Wussten Sie, dass … der weise Grieche als Weg zum Glück empfahl, sich frohgemut mit mäßigem Besitz einzurichten, statt missmutig in Reichtum zu leben? nach Demokrits Lehre auch die Seele aus Atomen besteht, die sich beim Tod eines Menschen zerstreuen, um sich neuen Seelen anzuschließen? der Philosoph das rechte Maß empfahl, auch bei der Arbeit? Niemand solle seine eigene Kraft und Begabung übersteigen. Platon: Ideen als Urbilder der Wirklichkeit Wer war Platons Lehrer? Im Jahr 427 v.Chr. in Athen geboren, war Platon acht Jahre lang Schüler des Philosophen Sokrates gewesen, den er später in einem Brief als »den rechtschaffensten Menschen jener Zeit« bezeichnete. Dass Platon miterleben musste, wie Sokrates von der Athener Elite in einem Schauprozess zum Tod verurteilt wurde, prägte sein eigenes Philosophieren in zweifacher Weise. Zum einen schuf Platon seinem Lehrer, der selbst nichts Schriftliches hinterlassen hatte, ein bleibendes Gedenken, indem er in fast allen seinen eigenen Werken, die in Form von Dialogen abgefasst sind, Sokrates als den wichtigsten Gesprächspartner auftreten ließ. Zum anderen war das Schicksal des Sokrates für Platon der Beweis dafür, dass die Regierenden erst bei den Philosophen zu lernen hätten, worin die wahre Gerechtigkeit besteht. Worum geht es in dem berühmten Höhlengleichnis? Platon will damit zeigen, dass die eigentliche Wahrheit nicht im Bereich der sinnlich erfahrbaren Dinge zu finden ist. Er vergleicht die Situation der Menschen mit Sklaven, die von Geburt an gefesselt in einer Höhle liegen und den Kopf nicht wenden können. Wenn es nun hinter den Gefangenen ein Feuer gäbe und zwischen diesem und den Gefesselten Gegenstände vorbeigetragen würden, die ihre Schatten auf die für die Höhleninsassen einzig sichtbare Wand werfen, dann müssten diese Armseligen zwangsläufig die Schatten für die Wirklichkeit halten. Ebenso geht es den Menschen mit der materiellen Welt. Was besagt die Ideenlehre? Die Begriffe, mit denen wir die Gegenstände der materiellen Wirklichkeit benennen, bezeichnen diese nicht exakt. Sie beziehen sich eigentlich auf übersinnliche reine »Ideen«, welche die Urbilder liefern für unsere begrifflichen Abbilder. Und auch die wahrnehmbaren Dinge der Sinnenwelt sind für Platon in irgendeiner Weise Erscheinungen dieser Ideen und von diesen abgeleitet. Überall da, wo wir eine Reihe von Einzeldingen mit demselben Namen bezeichnen können, haben wir eine zugrunde liegende Idee anzunehmen. Woher weiß der Mensch vom Reich der Ideen? Platon meint, dass wir in einem vorgeburtlichen Dasein unserer Seelen die Ideen schon einmal geschaut haben. Wahre Erkenntnis ist darum Wiedererinnerung (anamnesis) an diese frühere Schau der Ideen. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass sich die Seele losreißt von der sinnlichen Welt, eine mühevolle, oft auch als schmerzlich empfundene Aufgabe. Dass der Mensch sie trotzdem in Angriff nimmt, ist für Platon auf den Eros zurückzuführen, eine Art inneren Drang, der die Menschen für das Wahre, Gute und Schöne, die höchsten Ideen überhaupt, begeistert und sie danach streben lässt. Wie wird man laut Platon glücklich? Indem die Seele ihr Handeln nach den Ideen ausrichtet. So beherrscht sie die eigenen Triebe wie ein Wagenlenker die zusammengespannten Rosse. Diese Ordnung der Seele ist für Platon auch das Vorbild für das Zusammenleben der Menschen im Staat. Die Tugend der Gerechtigkeit wird dann verwirklicht, wenn die Menschen ihre jeweils vorherrschenden Tugenden in geregelter Weise zur Geltung bringen. Die Bauern und Handwerker sollen die Tugend des Gehorsams erfüllen, die Krieger die Tugend der Tapferkeit, die Herrscher alles in Weisheit leiten. Und deshalb wird nach Platon der vollkommene, gerechte Staat erst dann erreicht sein, wenn die Philosophen zu Herrschern oder die Herrscher zu Philosophen geworden sind. Wo liegt Atlantis bei Platon? In seinen Dialogen »Timaios« und »Kritias« berichtet Platon von der sagenhaften Insel Atlantis. Etwa 9000 Jahre vor Platons Zeit hätten sich die Bewohner der mit unermesslichen Reichtümern ausgestatteten Insel aufgemacht, die ganze Welt zu erobern, seien aber von den Athenern besiegt worden. Kurz danach sei die jenseits von Gibraltar gelegene Insel bei einem Seebeben im Lauf eines Tages und einer Nacht vollständig im Meer versunken. Wussten Sie, dass …? Platon um 387 v.Chr. die erste philosophische Akademie des Abendlands gründete? Er benannte sie nach dem Hain des Helden Akademos außerhalb Athens, wo der Unterricht auch stattfand. Diese Einrichtung, die erst 529 n.Chr. von Kaiser Justinian geschlossen wurde, ist das Vorbild aller späteren Universitäten. die platonische Liebeskonzeption maßgeblich die europäische Liebeslyrik der Renaissance prägte? Die unerreichbare Geliebte wurde dabei als Mittlerin des übersinnlich Schönen, Guten und Wahren verehrt. Aristoteles: Systematisierung des Denkens Was hatte Aristoteles mit Alexander dem Großen zun tun? Er war sein Lehrer. 384 v. Chr. im Norden Griechenlands geboren, ging Aristoteles als junger Mann nach Athen, um dort bei Platon bis zu dessen Tod im Jahr 347 v. Chr. Philosophie zu studieren. Mit 42 Jahren wurde Aristoteles vom makedonischen König Philipp II. zum Erzieher des 13-jährigen Thronfolgers bestimmt, der später ganz Kleinasien erobern und als Alexander der Große in die Geschichte eingehen sollte. Der Herrscher Alexander ermöglichte seinem ehemaligen Lehrer dann den Aufbau einer riesigen zoologischen und botanischen Sammlung sowie die Zusammenstellung einer Bibliothek aller bekannten Staatsverfassungen. Worin bestand für den Griechen die Aufgabe der Philosophie? In der Systematisierung allen Wissens. Aristoteles war zeitlebens – er starb 322 v. Chr. – fasziniert vom naturkundlichen und historischen Erfahrungswissen über die Phänomene unserer Welt. Sein größtes Interesse als Philosoph galt deshalb der Frage, wie diese Fülle an Einzelerkenntnissen in einen sinnvollen Ordnungszusammenhang gebracht werden konnte. Aristoteles begründete damit das moderne Wissenschaftssystem mit verschiedenen Einzeldisziplinen, die alle bestimmten logischen Regeln entsprechen müssen. Darüber hinaus etablierte er die Metaphysik als philosophische Wissenschaft von den Prinzipien des Seins, nach denen an einzelnen Phänomenen gewonnene Einsichten zu allgemeinen Gesetzen formuliert werden können. Wie ging der Philosoph bei seiner Systematik vor? Mittels logischer Begriffsbildungen. Erste Voraussetzung dafür ist es nach Aristoteles, die Regeln zu bestimmen, die das Denken unabhängig von bestimmten Inhalten immer und ausnahmslos befolgen muss. In einer von ihm als »Analytik« bezeichneten Logik behandelt er die richtige Begriffsbildung durch Definitionen, die fehlerfreie Verknüpfung von Begriffen zu Urteilen, schließlich die Gewinnung von korrekten Schlussfolgerungen aus der Verbindung von Urteilen miteinander. Die Ausgestaltung dieser Logik gelang ihm derart umfassend und klar, dass sogar noch rund 2000 Jahre später Immanuel Kant der Ansicht war, die Logik sei seit Aristoteles nicht weiterentwickelt worden. Mithilfe dieses Instrumentariums des Denkens (organon) können nun für Aristoteles die einzelnen Bereiche des Daseins lückenlos wissenschaftlich untersucht werden: das praktische menschliche Verhalten in Ethik, Politik und Ökonomik, die gestaltenden (poiëtischen) Kunstfertigkeiten des Menschen in Technik, Ästhetik und Rhetorik, schließlich in theoretischer Betrachtung das Sein der Natur in Mathematik und Physik, aber auch dessen, was noch hinter den natürlichen Phänomenen liegt: »das Seiende, insofern es seiend ist«. Was ist der Gegenstand der Metaphysik? Die grundlegenden Prinzipien allen Seins. Wie sein Lehrer Platon will Aristoteles zum Beispiel erklären, weshalb wir voneinander unterscheidbare Einzeldinge, etwa zwei Bäume, doch mit demselben Begriff bezeichnen können. Platon hatte gelehrt, die Gegenstände der Sinnenwelt seien nur die unvollkommenen Abbilder eines übersinnlichen Reichs reiner Ideen. Für Aristoteles dagegen gibt es nur einen einzigen Kosmos, der Sinnliches und Übersinnliches in untrennbarer Einheit manifestiert, und zwar nach den Prinzipien Form und Materie. Bestimmte unwandelbare Formen finden in der jeweils zugehörigen Materie eine vielfache Ausprägung, insofern ist die allgemeine Form tatsächlich etwas Höheres als ihre einzelnen Materialisierungen. Aber ohne stoffliche Ausprägungen würden auch die reinen Formen überhaupt nicht existieren. Aber es gibt noch andere metaphysische Prinzipien als Form und Materie. Bewegung und Veränderung beispielsweise werden hervorgebracht durch die Prinzipien Ursache und Ziel. Hat Gott in dem System des Wissens einen Platz? Ja. Erste Ursache und letztes Ziel aller Bewegung ist für Aristoteles das vollkommene Sein, Gott, der selbst unbewegte Beweger alles Seienden. Sich ihm anzunähern ist das Bestreben des Menschen, am ehesten gelingt dies in der reinen Theorie, wo der Mensch die unwandelbaren göttlichen Prinzipien wenigstens anzuschauen vermag. War Aristoteles einflussreich? Ja, außerordentlich! Über die von ihm begründete antike Philosophenschule der »Peripatetiker« hinaus beriefen sich in den folgenden Jahrhunderten jüdische wie arabische Denker, seit dem 13. Jahrhundert auch christliche Philosophen und Theologen direkt auf die Lehren des Aristoteles. Durch diesen »Aristotelismus« wurden die Begriffe und Grundgedanken des Aristoteles zum festen Bestandteil der abendländischen Umgangs- und Wissenschaftssprache. Wussten Sie, dass … Aristoteles mit der Tragödientheorie in seiner »Poetik« zur Zeit der Renaissance auch die abendländische Literatur stark beeinflusste? Seneca: Stoiker bis in den Tod Was ist der Stoizismus? Die alte philosophische Tradition der Stoa geht davon aus, dass das Wohl des Einzelnen nicht in äußeren Objekten liegt, nicht in Reichtum, Ruhm oder erfülltem Begehren, sondern in einem ausgeglichenen Seelenzustand. Dafür braucht es Weisheit und Mut, Gerechtigkeitssinn und Mäßigung, Selbstbeherrschung und nicht zuletzt Gelassenheit. All das versuchte der aus Córdoba stammende Seneca zu beherzigen und weiterzugeben. Was hatte Seneca mit Nero zu tun? Der Stoiker Seneca war der Lehrer und Erzieher des späteren Tyrannen. Seneca, der in Rom als Jurist und in verschiedenen öffentlichen Ämtern hohes Ansehen erlangte, stand seinem berühmt-berüchtigten Schüler – dem späteren Kaiser Nero (Reg. 54–68 n.Chr.) – auch in dessen ersten Regierungsjahren noch sehr nahe. In dieser Zeit war der Philosoph Seneca neben dem Prätorianerpräfekten Burrus der mächtigste Mann im Römischen Reich. Gemeinsam führten sie die Regierungsgeschäfte für den jungen Kaiser. Es war eine gute Zeit für Rom! Doch letztendlich scheiterten Senecas Versuche, im Sinne der stoischen Lebensführung auf Nero einzuwirken. Dessen labiler Charakter, seine Selbstherrlichkeit und seine Maßlosigkeit waren nicht zu zügeln. Nachdem sich Seneca in den Machtkampf zwischen Nero und seiner herrschsüchtigen Mutter Agrippina hineinziehen ließ, sogar das Mordkomplott des Sohnes gegen die Mutter unterstützte, endete seine politische Einflussnahme. Wie starb der Philosoph? Seneca wurde von Nero zum Selbstmord gezwungen. Er soll 65 n.Chr. an der Verschwörung seines Freundes Gaius Calpurnius Piso gegen den Kaiser beteiligt gewesen sein. Seneca war im Jahr 62 von der politischen Bühne abgetreten und hatte sich in den Badeort Baiae zurückgezogen, um an seinen Werken zu arbeiten. Auch bei seinem Tod bewahrte Seneca seine stoische Ruhe und empfahl seinen Freunden als Trost die Lektüre seiner Lebensweisheiten. Worin bestand die Lehre des Stoikers? In seinen populärsten und bedeutsamsten philosophischen Schriften legte Seneca seine undogmatische, am praktischen Leben orientierte Morallehre dar. Hier zeigt sich der Stoiker als lebenserfahrener Lehrer und weiser Ratgeber. Es ging ihm nicht um abstrakte, hochkomplizierte philosophische Spekulationen. Er wollte den Menschen nützen, wollte sich möglichst vielen verständlich machen. So gestaltete er einige seiner zentralen Werke, die »Dialogi«, als Gespräche mit einem imaginären Partner, der die Position des Rat suchenden Lesers einnimmt. Ein so genannter Fürstenspiegel war »De clementia« (Über die Milde). Dieser Leitfaden für eine erfolgreiche Herrschaft zum Wohl des Volkes war speziell für den Tyrannen Nero verfasst. In seinen letzten Lebensjahren schrieb Seneca auf seinem Alterssitz in Baiae schließlich die »Epistulae morales ad Lucilium« (An Lucilius, Briefe über Ethik), in denen sich seine Weisheit, seine pointierte Sprache und sein Wortwitz in Vollkommenheit entfalteten. Verfasste der Morallehrer nur Philosophie? Nein. Der ausgesprochen produktive Autor schrieb auch literarische Werke wie Satiren und Dramen. Senecas überliefertes dramatisches Werk umfasst neun Versdramen, deren Titelhelden sagenhafte Gestalten wie Herkules, Medea oder Ödipus sind. In der Tradition der griechischen Tragödie wird die zerstörerische Kraft ungezügelter Leidenschaften thematisiert. Hier trifft sich der Dramatiker mit dem Philosophen Seneca, der Gier und Eifersucht ablehnt und Vernunft und Selbstbeherrschung zu idealen Lebensprinzipien erklärt. In welcher Form äußerte sich der Satiriker? Seneca versprüht als Satiriker viel Witz, der auch schon mal die Grenze zur Bosheit überschreitet. Das ist besonders der Fall in der Satire »Apocolocyntosis Divi Claudii« (etwa: Verkürbissung des göttlichen Claudius), in der er im Jahr 54 gnadenlos mit dem verstorbenen Kaiser Claudius, Neros Adoptivvater, abrechnet. Claudius hatte Seneca nämlich Jahre vorher in die Verbannung nach Korsika geschickt. Der Grund war die Affäre des geschätzten, aber nicht standesgemäßen Philosophen mit der vornehmen Julia, der Tochter des Germanicus. Wussten Sie, dass … das christliche Mittelalter die Werke des »heidnischen« Philosophen in seinen Bildungskanon aufnahm? in der Renaissance die Dramen Senecas als Musterbeispiele der Tragödie galten? Seneca auch naturwissenschaftliche Werke verfasst hat? Seine »Naturales Quaestiones« geben einen Überblick über das Wissen seiner Zeit zu Physik, Astronomie und Geographie. Averroës: Mittler zwischen den Welten Als was wurde Ibn Roschd alias Averröes berühmt? Averroës, im Arabischen Ibn Roschd genannt, war Arzt und Mathematiker, Rechtsgelehrter und Theologe, berühmt wurde er als Philosoph. 1126 wurde er in Córdoba geboren, der Hauptstadt des arabischen Kalifats im Süden der Iberischen Halbinsel. Im christlichen Abendland war Averroës bekannt und hoch geschätzt. Wie die christlichen Philosophen seiner Zeit, die Scholastiker, versuchte auch er, die »heidnischen« Schriften des Aristoteles mit der Religion in Einklang zu bringen. So gering sein Einfluss in der östlichen arabisch-islamischen Welt war, so bedeutend wurde er für die europäische Philosophiegeschichte. Als der herausragende Kommentator des Aristoteles beeinflusste er in besonderer Weise das Abendland: Durch Averroës fand die griechische Philosophie wieder Eingang ins europäische Denken. Wie war zu Averröes' Zeit die Lage in Andalusien? Vor dem 11. /12. Jahrhundert war die Atmosphäre im islamischen Andalusien von großer Aufgeschlossenheit und Toleranz geprägt. Die Stadt Córdoba galt jahrhundertelang als eines der bedeutendsten Zentren von Wirtschaft, Wissenschaft und Bildung im Mittelmeerraum. Lage und Stimmung änderten sich radikal, als die arabische Kultur ihre Existenz auf der Iberischen Halbinsel durch die christliche Rückeroberung bedroht sah. Genau ein Jahrhundert nach Averröes Geburt sollte Córdoba von Ferdinand III. von Kastilien erobert werden. Aber noch befand sich die Stadt in ihrer Blüte. Welche Ideen entwickelte der Philosoph? Averroës beschäftigte sich mit der antiken Philosophie des Aristoteles. In einem Klima schwindender Toleranz bemühte er sich darum, die Gegensätze zwischen der aristotelischen Philosophie und der islamischen Offenbarungsreligion zu überwinden. Er entwickelte dazu die Idee der doppelten Wahrheit: Auf der einen Seite stehen die wissenschaftlichen Wahrheiten auf der Basis der Vernunft und auf der anderen Seite die religiösen Wahrheiten, die sich im Glauben offenbaren. Insgesamt gab er der Vernunft den Vorrang vor der Religion, was allein schon zu heftiger Kritik Anlass bot. Doch dann leugnete Averroës sogar noch die Unsterblichkeit der Seele! Mit diesem Angriff auf das Fundament des Glaubens ging er zu weit. Doch in seinem streng rationalen Denksystem war kein Platz mehr für nicht überprüfbare Offenbarungen. Damit war er für die Wächter des Glaubens nicht mehr tragbar. Im Jahr 1195 verbot man seine Werke und er wurde nach Marrakesch verbannt, wo er am 11. Dezember 1198 starb. Welche Bedeutung hatte die islamische Welt für das christliche Abendland? Für das Abendland spielte die islamische Welt bei der Vermittlung des antiken Wissens eine überragende Rolle. Denn mit dem Untergang des Römischen Reichs gingen viele antike Quellen verloren und es ging viel antikes Wissen unter. Dieser tiefe kulturelle Bruch, den das Abendland zwischen Antike und Mittelalter erlebte, blieb dem Orient erspart. Denn dort sorgte die politische Kontinuität des Oströmischen, später Byzantinischen Reichs auch für die Kontinuität antiker Bildung bis ins Mittelalter hinein. Und der Osten war eben auch der Kulturraum der Araber. Sie eigneten sich das antike Wissen an und verbreiteten es in ihren Herrschaftsgebieten, die einen Großteil der damals bekannten Welt umfassten. Mit der arabischen Herrschaft auf der Iberischen Halbinsel kehrte antikes Wissen nach Europa zurück. Wie beeinflusste das maurische Spanien Europa? Von Córdoba und Toledo, den führenden Städten des islamischen Andalusien, gingen im Hochmittelalter wichtige Impulse gen Norden. In den intellektuellen Zentren der Christenheit, wie etwa Paris, wurden sie begierig aufgenommen. Und Averroës war einer der bedeutendsten Vermittler. Insgesamt verfasste er rund 80 Schriften, darunter »Über die mögliche Vernunft«, in dem die aristotelische Logik dargelegt wird, sowie ein großes medizinisches Lehrwerk. Seine Aristoteles-Bearbeitungen wurden im christlichen Mittelalter zu philosophischen Standardwerken. Wussten Sie, dass … Averröes von christlichen Philophen des Mittelalters, die sich mit Aristoteles beschäftigten, einfach als »der Kommentator« bezeichnet wurde? Er hatte praktisch zu jedem Werk des Aristoteles einen Kommentar verfasst. die orthodoxe islamische Geistlichkeit die Lehren des Averröes bis heute ablehnt? Averröes eigentlich kein Araber war? Er gehörte der Bevölkerungsgruppe der Berber aus Nordafrika an. Wie verlief die arabische Eroberung Spaniens? Auf ihren weiten Eroberungszügen drangen die Araber im Jahr 711 von Süden her in Spanien ein. Sie nannten ihr neues Reich Al Andalus – Andalusien. Unter den mächtigen Omajjaden-Herrschern erlebte die arabische Herrschaft in Spanien ihre glänzendsten Zeiten. Die Hauptstadt Córdoba konnte sich damals mit Damaskus und Bagdad messen. Nach dem Sturz des letzten Omajjaden 1031 zerfiel Andalusien in mehrere Kleinstaaten, wurde dann aber wieder vereint. Seit 1212 bedrängte die erstarkende Reconquista, die »Rückeroberung«, Andalusien. 1236 eroberten die christlichen Heere Córdoba. Das arabische Königreich Granada konnte sich noch bis 1492 halten: Dann hatte die Reconquista endgültig gesiegt und die arabischen Kultur aus Europa vertrieben. Moses Maimonides: Vordenker einer Religion der Vernunft Was gilt als Hauptwerk des Maimonides? Sein bedeutendstes religionsphilosophisches Werk gab Maimonides 1191 in arabischer Sprache heraus: Der »Führer der Unschlüssigen« richtete sich an eine jüdische Bildungselite, die zwar nach wie vor an Gott und seine Offenbarungen glaubte, hinsichtlich ihrer Verbindung zu Philosophie und Vernunft jedoch unschlüssig war. Maimonides gab nun in seinem Führer die gesuchten Hilfestellungen. Er versuchte, Gott und seine Offenbarungen rational erfassbar zu machen, lehrte einen vernunftgemäßen Zugang zur Tora, den fünf Büchern Mose. Hier orientierte sich Maimonides stark an der aristotelischen Philosophie der Vernunft. Seine Ideen standen im krassen Gegensatz zur Kabbala, der etwa zeitgleich entstandenen jüdischen Bewegung der Mystik in Südfrankreich und Spanien. Welche Wirkung hatte Maimonides' Werk? Der »Führer der Unschlüssigen« löste bald nach seiner Übersetzung ins Hebräische den »Maimonidesstreit« aus, der insbesondere nach dem Tod des Autors schärfste Formen annahm: Die traditionalistischen Gegner verhängten gegen das Werk den Bann, die Maimonisten sprachen daraufhin den Gegenbann aus. Mit Hilfe der christlichen Inquisition erreichten die Traditionalisten sogar eine öffentliche Bücherverbrennung des Maimonides-Führers. Noch im 19. Jahrhundert war die Schrift im osteuropäischen Schtetl an den jeschiwot , den Talmudschulen, verboten, wurde jedoch häufig unter der Bank als Inbegriff des Modernen gelesen. Im Zeitalter der jüdischen Aufklärung, im 18. und 19. Jahrhundert, wurde Maimonides zum Idol der Reformer, Moses Mendelsohn und Salomon Maimon verwendeten seine Gedanken für ihren neuen Weg des jüdischen Denkens. Bis heute ist der Streit zwischen Rationalisten und Traditionalisten um den »Führer der Unschlüssigen« nicht beigelegt. Beeinflusste der Gelehrte christliche Philosophen? Das christliche Gedankengut erhielt durch den »Führer der Unschlüssigen« im Mittelalter erhebliche Anregungen. Nachdem der Text 1240 ins Lateinische übersetzt worden war, hatten nun auch christliche Philosophen Zugang dazu. Besonders die Scholastiker Albertus Magnus und Thomas von Aquin fanden mit Hilfe des Maimonides-Textes zu Aristoteles und bekannten schließlich ebenso wie der jüdische Denker, dass es keinen Widerspruch zwischen der Vernunft und dem Glauben gebe. Im 17. Jahrhundert bezogen sich der niederländische Philosoph Baruch Spinoza und Gottfried Wilhelm Leibniz auf das aristotelische Denken des Maimonides. Was bezweckte die »Mischne Tora«? Eine Reduktion der Tora auf wesentliche Rechtsgrundsätze. Das wichtigste religionsgesetzliche Werk des Maimonides, die in hebräischer Sprache verfasste »Mischne Tora« (Wiederholung der Tora), wurde um 1180 beendet und umfasst 14 Bände. Das jüdische Religionsgesetz, die Halacha, war bis dahin unübersichtlich über die vielen Bände des Talmud verstreut. Sowohl im Islam als auch im byzantinischen Christentum spielte zu jener Zeit die Kodifizierung der Rechtsmaterie eine große Rolle. Davon inspiriert versuchte Maimonides, aus den umfangreichen Schriften des Talmud alle Gesetze herauszuziehen und sie in eine systematische Ordnung zu bringen. Dabei ließ er den seiner Meinung nach überflüssigen Ballast der vielen Zitate, diversen Meinungen und offenen Streitfragen des Talmud weg. Der Talmud sollte nur noch von einer intellektuellen Elite studiert werden. So weit kam es jedoch nicht, auch heute noch wird der Talmud von den Schülern der Jeschiwot studiert, das Maimonides-Werk bildet jetzt nur einen Abschnitt des Talmudstudiums. Was blieb von Maimonides' Schriften? Maimonides' älterer »Kommentar zur Mischna« von 1168, den er in Arabisch verfasste, enthält unter anderem die Zusammenstellung von 13 verbindlichen Glaubensgrundsätzen des Judentums. Diese wurden später ins jüdische Gebetbuch aufgenommen und sind bis heute häufig Teil der jüdischen Liturgie in der Synagoge. Was weiß man über die Biographie des Philosophen? Am 30. März 1135 wurde im südspanischen Córdoba Mose ben Maimon geboren. Nach einer soliden Erziehung mit dem Wissen der jüdischen, arabischen und antiken Gelehrten musste er mit seiner