Vom Klassizismus zum Jugendstil – Antike weicht dem Alltag
Vom Klassizismus zum Jugendstil – Antike weicht dem Alltag Der Klassizismus, der seinen Höhepunkt zwischen 1770 und 1830 erreichte, führte zu einer Rückbesinnung auf die Klarheit antiker Vorbilder. Sein einflussreichster Wegbereiter war der Archäologe Johann Joachim Winckelmann (1717–1768), der der »Maßlosigkeit« des Barocks und Rokokos die »edle Einfalt und stille Größe« der klassischen griechischen Kunst entgegenhielt. Seine berühmte »Geschichte des Altertums« wurde in alle großen europäischen Sprachen übersetzt. Mit der Französischen Revolution vollzog sich ein tief greifender Wandel nicht nur des politischen Bewusstseins. In der Kunst traten Einzigartigkeit und Individualität von Schöpfer und Werk in den Mittelpunkt. Die Romantik machte Schluss mit der dominanten Rolle von Vernunft und Aufklärung, propagierte stattdessen eine subjektive Geisteshaltung. Der Künstler wurde zum »Organ der Weltseele« (Friedrich Schelling, 1775–1854). Caspar David Friedrich (1774–1840) malte eine vergeistigte Natur und machte die »Stimme des Inneren« zum Maßstab seiner Kunst. Die englischen Romantiker William Turner (1775–1851) und John Constable (1776–1837) schufen durch ihre intensiven Farb- und Lichtvisionen atmosphärische Stimmungen, die bereits auf den Impressionismus wiesen. Doch die Welt wandelte sich, und mit ihr die Kunst. Von England ausgehend, veränderte die industrielle Revolution in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Lebenswirklichkeit der Menschen radikal. Der Realismus von Malern wie Adolph von Menzel (1815–1905) fand seine Motive nun im Alltag des arbeitenden Menschen. Technischer Fortschritt und Beschleunigung beeinflussten die Wahrnehmung der Welt. Der flüchtige, spontane Eindruck wurde zum Merkmal des Impressionismus. Der Endzeitstimmung des Fin de siècle trat zur Jahrhundertwende der Jugendstil entgegen, der durch seine enge Verbindung zur Plakatkunst und zum Kunstgewerbe auch in den Alltag des Durchschnittsbürgers hineinwirkte. Cornelia, Mutter der Gracchen von Kauffmann: Eine Frau behauptet sich Was ist das Außergewöhnliche an der Künstlerin Angelica Kauffmann? Sie steht stellvertretend für die wenigen Frauen, die sich in der über Jahrhunderte von Männern beherrschten Domäne der Kunst behaupten konnten. Ihr sensibler Stil knüpfte an den Rokoko-Geschmack an und wandelte diesen zugleich in einen internationalen klassizistischen Stil um. Angelica Kauffmanns künstlerische Laufbahn begann früh. Ihr Vater konzentrierte sich ganz auf die Förderung seines Wunderkindes und nahm sie mit auf Bildungsreisen nach Italien, wo sie mit neuen Kunstströmungen in Berührung kam. In Florenz lernte Kauffmann den berühmten Antikenforscher Johann Joachim Winckelmann kennen. Das virtuose Porträt, das die 22-Jährige von ihm 1764 anfertigte, machte sie in deutschen Gelehrtenkreisen bekannt. Die unter seinem Buch liegende Reliefplatte mit den drei Grazien in jenem Bild ist ein Hinweis auf Winckelmanns Schrift »Von der Grazie in der Welt der Kunst« (1759). Doch Kauffmann war nicht nur Künstlerin, sondern auch eine geschickte Geschäftsfrau. Sie verdiente ihr Geld schon bald nicht nur mit Bildern, sondern auch durch Kupferstiche, die sie nach ihren Gemälden herstellen ließ und selbst vertrieb. Warum gilt Kauffmann als unkonventionell? Die ambitionierte Malerin wollte sich nicht auf die typischen Themen ihrer Zeit für Künstlerinnen – Porträts und Stillleben – festlegen lassen. Sie erzielte zwar den Hauptteil ihres Einkommens durch Porträtaufträge, malte zugleich jedoch auch Bilder mit den damals angesehensten Bildthemen: Historisches, Themen aus Shakespeares Stücken oder der antiken Mythologie. Schon ein Jahr zuvor, 1763, hatte Kauffmann in Neapel gegen das damals für Frauen herrschende Verbot verstoßen, Aktzeichnungen anzufertigen, und nach antiken Skulpturen gezeichnet – das Beherrschen der Aktzeichnung war damals Grundvoraussetzung für die Historienmalerei. Angelica Kauffmann entwickelte mit der Zeit in ihrer Malerei ein Repertoire von Themen, in denen vor allem weibliche Heldinnen, tugendhafte Ehefrauen und opferbereite Mütter die Hauptrolle spielten, und gerne griff die Malerin auf die beliebten antiken Epen »Ilias« und »Odyssee« von Homer zurück. Wann wurde sie berühmt? Während ihres Aufenthalts ab 1766 in London. Die klassizistischen Porträts aus ihrer Hand, zu denen das ihrer Mäzenin Lady Parker zählt, kamen bei der englischen Society glänzend an. Als sie 1768 Gründungsmitglied der Royal Academy wurde, war Kauffmann die einzige Frau, die als Historienmalerin aufgenommen wurde. Zu ihrem Freundeskreis zählten mittlerweile so bedeutende Persönlichkeiten wie Sir Joshua Reynolds, der berühmteste englische Porträtmaler jener Zeit. Während der Jahre in London erhielt Kauffmann mehrfach Aufträge von dem feinsinnigen schottischen Architekten Robert Adams, der sie die Innenräume seiner Bauten ausmalen ließ. Was ist das Thema ihres Cornelia-Bildes? Selbstbewusstsein und Bescheidenheit. Das 1785 entstandene Bild führt uns in das Rom des 2. Jahrhunderts v. Chr., in die Loggia einer antiken Landvilla. Die Römerin Cornelia, Witwe des Scipio Africanus, wird von einer eitlen Freundin besucht, die stolz ihre Schmucksammlung zeigt und Cornelia nach ihrem Schmuck fragt. Daraufhin verweist Cornelia auf ihre beiden Söhne als ihren größten Schatz. Diese zwei unschuldigen Knaben sollten später als Volkstribune Geschichte machen: Der Ältere, Tiberius Gracchus (162–133 v. Chr.), versuchte bis zu seinem gewaltsamen Tod, den Großgrundbesitz an besitzlose Bauern zu verteilen. Der jüngere Bruder Gaius Gracchus (153–121 v. Chr.) bemühte sich vergeblich, dies Werk, das als die gracchischen Reformversuche in die Geschichte einging, zu vollenden. Das von der griechisch-römischen Antike inspirierte Ambiente und das Thema der weiblichen Tugend waren charakteristisch für Angelica Kauffmanns Klassizismus in einer politisch sehr unruhigen Zeit am Vorabend der Französischen Revolution. Wussten Sie, dass … im römischen Palazzo Kauffmanns Gäste wie Goethe und Herder ein- und ausgingen? Angelica Kauffmann nicht nur Malerin, sondern auch Sammlerin war? Sie besaß eine ganze Anzahl von Gemälden und Abgüssen klassischer Skulpturen. Welchen Verlauf nahm Angelica Kauffmanns bewegtes Leben? Angelica Kauffmann wurde am 30. 10. 1741 im schweizerischen Chur geboren. Schon als Kind zeigte sie viel Talent und ging ihrem Vater Joseph, einem Kirchenmaler, zur Hand. 1762 wurde sie Mitglied der Florentiner Akademie, 1763 ging sie, wie viele Künstler ihrer Zeit, nach Rom. Ihren Durchbruch hatte sie als Porträtmalerin in den Jahren 1766 bis 1781 in London. Dort heiratete sie nach dem Tod ihres ersten Mannes, des vermeintlichen schwedischen Grafen Horn, den italienischen Maler Antonio Zucchi, mit dem sie die folgenden Jahre zunächst in Venedig, dann in Rom lebte. Hier wurde ihr Haus zu einem Treffpunkt für die künstlerische Elite der Stadt. 1807 starb Angelica Kauffmann nach längerer Krankheit. Der Bildhauer Antonio Canova organisierte für sie ein prachtvolles Begräbnis, das dem legendären Trauerzug nachempfunden war, mit dem man einst den Renaissance-Maler Raffael geehrt hatte. Canovas Amor und Psyche: Sinnlichkeit in Marmor Wie bewertet die Kunstgeschichte Antonio Canova als Bildhauer? Bis heute gilt er als der bedeutendste Bildhauer des Klassizismus. Von Sankt Petersburg bis North Carolina reichte einst der Ruhm des umjubelten italienischen Künstlers Antonio Canova (1757–1822). Zu seinen berühmtesten Werken gehört die Marmorgruppe von »Amor und Psyche«, die sich im Louvre in Paris befindet. Antonio Canova war in der Tradition der beschwingten und sinnenfrohen Rokoko-Kunst des 18. Jahrhunderts groß geworden. Während seiner Ausbildung in Venedig hatte er gelernt, nach der Natur zu kopieren. Doch seine Kunstauffassung änderte sich schlagartig, als er mit 22 Jahren mit Hilfe eines Stipendiums nach Rom kam, um dort die antike römische Kunst zu studieren. Fasziniert davon, trat er bald mit einem frühklassizistischen Künstlerkreis in Kontakt und entwickelte einen Stil von neuartiger Strenge und Klarheit. Er arbeitete von diesem Zeitpunkt an fast nur noch in Marmor und versuchte, das Ideal der »stillen Größe« in seinen Skulpturen abzubilden. Bald schon wurden prominente und einflussreiche Auftraggeber auf den jungen Bildhauer aufmerksam. Der große Durchbruch zu einer glänzenden Karriere gelang ihm schließlich mit dem Grabmalprojekt für Papst Clemens XIV. im Petersdom. Die Enthüllung des Grabmals im Jahr 1787 erregte internationales Aufsehen. Im selben Jahr begann Canova mit seinen Arbeiten an »Amor und Psyche«. Was ist das Thema von »Amor und Psyche«? Es geht um die Liebe zwischen Gott und Mensch. Psyche, die jüngste Tochter eines griechischen Königs, war so schön, dass sogar die Liebesgöttin Venus eifersüchtig auf sie wurde. Die Göttin schickte deshalb ihren Sohn Amor, der Psyche bestrafen sollte. Als Amor Psyche jedoch erblickte, verliebte er sich in sie. Er holte sie an einen geheimen Ort, an dem er die dunklen Nächte mit Psyche verbrachte, da sie ihn niemals sehen durfte. Als Psyche eines Nachts aus Neugier trotzdem eine Lampe anzündete, erkannte sie Amor, der noch im selben Augenblick erwachte und floh. Nach einigen abenteuerlichen Prüfungen, die ihr von Venus auferlegt worden waren, fiel Psyche schließlich in einen todesähnlichen Schlaf, aus dem sie erst Amor durch einen Kuss wieder erwecken konnte. Welcher Moment der Liebesgeschichte wird hier dargestellt? Das weiß man nicht genau. Ist es der Kuss, mit dem Amor seine Geliebte wieder vom Tod erweckte oder einer der Abschiedsküsse des Paares, den der lateinische Dichter Apuleius in seinen »Metamorphosen« beschrieb: »Jetzt schlingt sie ihre lilienweißen Arme um seinen Hals und küsst und liebkost ihn ... Von der Gewalt der Liebe bezwungen, erlag ihr Gemahl ... und verschwand, noch ehe es dämmerte, wieder aus ihren Armen ...«? Wie ist das Werk gestaltet? Die Hauptansicht der Plastik wurde von Canova wie ein diagonales Kreuz gestaltet, in dessen Zentrum die verschlungenen Arme des Paares sind. Dabei umrahmen und betonen Psyches Arme den Mittelpunkt des Ganzen, den Kuss. Trotzdem ist die Skulptur für die Ansicht von allen Seiten gestaltet. Antonio Canovas Marmorskulptur strahlt insgesamt eine Sinnlichkeit aus, wie sie in der klassizistischen Plastik kaum ein zweites Mal zu finden ist. Deutlich spürt man hier, dass die Wurzeln des Bildhauers noch in der Rokoko-Kunst lagen. War »Amor und Psyche« ein Erfolg? Ja. Zu der Zeit, zu der Antonio Canova »Amor und Psyche« (1787–1793) schuf, war er zwar schon längst über die Grenzen Italiens hinaus ein berühmter Mann. Nur in Frankreich, das gerade durch die Französische Revolution erschüttert wurde, hatte er noch keine größere Anerkennung erfahren. Der Verkauf von »Amor und Psyche« an einen französischen General und eine Ausstellung der Skulptur in Paris verhalfen Canova auch dort zum Durchbruch. Den größten Effekt hatte dabei wohl die Bewunderung Napoleons, dessen »Hofkünstler« er ab 1799 wurde. In der Folgezeit entstanden die berühmten Porträts von Napoleon und der Familie Bonaparte. Wussten Sie, dass … Antonio Canova als der einzige Künstler gilt, dem schon zu Lebzeiten Denkmäler gesetzt wurden? Canova sich sehr für seine Mitmenschen und die Gemeinschaft engagierte? Oft unterstützte er verschiedene wohltätige Aktionen, so hat er z. B. hilfsbedürftige Künstler gesponsort. Auch trug er zur Renovierung der Kirche in seinem norditalienischen Heimatort Possagno bei. Canova auch als Kritiker eine Institution war? In ganz Europa galt er als wichtige Instanz in Fragen des guten Geschmacks. Welche Bedeutung hatte die Kunst für Canova? Antonio Canova war leidenschaftlicher Künstler. Bei den Arbeiten für das Grabmal von Papst Clemens XIV. soll er sich durch den permanenten Druck eines Bohrers gegen seine Brust eine schwere Rippendeformation zugefügt haben. Obwohl er von da an nur noch unter Schmerzen arbeiten konnte, schuf er mit unvermindertem Fleiß und Einsatz weiter bedeutende Kunstwerke. Antonio Canova wurde 1757 in Possagno bei Bassano geboren und wurde schnell zum bedeutendsten klassizistischen Bildhauer. Die wichtigsten europäischen Höfe kauften Werke von ihm. Dank seines hohen Ansehens als Künstler machte er auch als Diplomat Karriere. Als Aufseher der Kunstdenkmäler des Kirchenstaats setzte er im Jahr 1815 die Rückgabe der von Napoleon enteigneten Kunstwerke an den Vatikan durch. Antonio Canova starb im Jahr 1822, berühmt und hochverehrt, in Venedig. Davids Tod des Marat: Eine Ikone der Französischen Revolution Welche Momentaufnahme vom »Tod des Marat« präsentiert das Gemälde dem Betrachter? Der prominente Staatsmann liegt nackt und wehrlos in der Badewanne – eigentlich ein Motiv nach dem Geschmack der Boulevard-Presse. Doch der Maler David schildert nicht den Moment des grausamen Mordes, sondern zeigt den traurigen Anblick des Ermordeten: ein Bild von hoher Suggestionskraft und zugleich menschlicher Anteilnahme. Wir erblicken den Leichnam Marats, als sei der Mord soeben begangen worden. Sein rechter Arm hängt leblos über dem Wannenrand, die Schreibfeder noch in der Hand. Sein Kopf ist auf die Schulter gesunken, die leeren Augen sind halb geöffnet, die Lippen, die noch lächelnd flüstern wollen, sind im Schmerz erstarrt. Jacques-Louis David hat mit Absicht alles Nebensächliche und Spektakuläre aus seinem Bild ausgeblendet, die noch blutende, scharfe Schnittwunde in der Brust und das am Boden liegende Mordwerkzeug in Schatten gehüllt. Das Gemälde beschränkt sich auf die Darstellung eines stillen, einsamen Todes. Wie kam es zu dem Mord an Marat? Der Pariser Journalist – den David persönlich gekannt hatte – hatte bereits 1774 in England die Schrift »Die Ketten der Sklaverei« veröffentlicht, ehe er sich während der Französischen Revolution als radikales Mitglied des Konvents und Herausgeber der Zeitschrift »Ami du peuple« für die Armen einsetzte. Dabei ruinierte er seine Gesundheit und zog sich ein schweres Hautleiden zu, dessen Juckreiz er im Bad zu lindern versuchte. Von Fieber geschüttelt, lebte er bald nurmehr zwischen Bett und Badewanne. Am Abend des 13. Juli 1793 redigierte er die Druckfahnen seiner Zeitung, als ihn die Adlige Charlotte Corday aufsuchte und mit einem Dolch erstach. Nun hatte die Revolution ihren Märtyrer! Umgehend erhielt David den Auftrag, den Mord im Dienste der revolutionären Propaganda darzustellen. Das kurz darauf geschaffene Werk sollte eines der großen künstlerischen Zeugnisse der Revolution werden. Warum wirkt das Bild so anrührend? Weil Davids Gemälde Marat in einen Märtyrer und Heiligen verwandelt. Sein grauweißes Badetuch, das den Charakter eines Grabtuches hat, die Wanne, die an einen Sarg erinnert, und der geschundene nackte Körper deuten auf die Grablege Christi hin. In dem zutiefst anrührenden Gesicht liegt nichts vom Eifer eines Demagogen. Marat wird auf eine Weise präsentiert, die trotz des menschlichen Elends Bewunderung hervorruft. Die obere Hälfte des Bildes nimmt ein leerer, karger Hintergrund ein, ein düsterer Raum, der als Hinweis auf die asketische Lebensführung Marats gedeutet wird. Vor der Badewanne steht eine einfache Holzkiste und darauf ein Tintenfass mit Feder. Der kleine Zettel ist Marats schlichtes Testament und der Geldschein sein einziger Besitz, den er Frau und Kindern hinterlassen konnte. Auf der Holzkiste befindet sich eine nicht zu übersehende Inschrift. Es handelt sich um die ganz schlicht gehaltene Widmung des Malers an seinen Weggefährten: »À Marat, David« steht da in aller Einfachheit. Wie wirkte das Bild in der Kunstszene nach? Der »Tod des Marat« hatte eine gewaltige Wirkung. Bis ins 19. Jahrhundert reicht die Liste der französischen Maler, die sich – Ingres eingeschlossen – mit ihm auseinandersetzten. Nach Ansicht des französischen Dichters Charles Baudelaire ist es das einzige Kunstwerk, das die Bezeichnung »revolutionär« verdient. Die heutige Forschung sieht darin einen der Ursprünge der Moderne. Wussten Sie, dass … die Requisiten Federkiel, Tintenfass und Holzkiste, die im Bild zu sehen sind, als Reliquien gehandelt wurden? das wichtigste Gemälde der Französischen Revolution heute in Brüssel ausgerechnet in der königlichen Galerie hängt? die Mörderin Marats, die 24-jährige Charlotte Corday, unmittelbar nach der Tat verhaftet wurde und wenige Tage später auf der Guillotine starb? Wie stand David zur Französischen Revolution? Zunächst positiv. David saß als Jakobiner im Nationalkonvent und war damals der gefeierte Künstler des Umsturzes, der wichtigste Maler des neuen Frankreich. Jacques-Louis David wurde 1748 in Paris geboren und entwickelte sich nach einem Romaufenthalt 1775–1780 zu einem der bedeutendsten Maler des Klassizismus. Sein antikisierender, moralischer Duktus prädestinierte ihn zum »politischen« Maler in Diensten der Revolution. Nach dem Sturz Maximilien de Robespierres geriet er allerdings in die politischen Wirren der Umbruchphase und wurde zweimal inhaftiert. Später, unter Napoleon, kam er erneut zu Ansehen und verherrlichte fortan den neuen Potentaten mit großem Eifer – ein politischer Wandel, der ihm oft vorgeworfen wurde. Nach dem Sturz Napoleons emigrierte David – samt dem »Tod des Marat« – nach Brüssel, wo er im Jahr 1825 starb. Die Majas von Goya: Das unverhüllte Bild weiblicher Sexualität Was ist revolutionär an den beiden »Maja«-Porträts? In Goyas Bildern wurde mit der Tradition gebrochen – statt dezenter Andeutungen von weiblicher Erotik sind hier erstmals Sexualität und Verführungslust bestimmendes Bildthema. Weibliche Schönheiten, die ihren nackten Körper effektvoll in Szene setzen und sich vom Betrachter bewundern lassen, kennt die bildende Kunst seit antiker Zeit. Doch die Darstellung bedurfte lange der Verklärung und Überhöhung: Der nackte weibliche Körper durfte nur in einem mythologisch-göttlichen oder biblischen Zusammenhang abgebildet werden. Die nackte Gestalt verkörperte erhabene Begriffe wie Wahrheit, Jugend oder Natur und lenkte ihren Blick keusch gen Himmel oder zu Boden. Warum malte Goya zwei Porträts derselben Frau? Die beiden Gemälde ergänzen sich. Ihr besonderer Reiz liegt in der Gegenüberstellung ein und derselben Person als nackt und bekleidet. Die »Nackte Maja« nimmt eine betont verführerische Pose ein, welche die wohl geformten Rundungen bestens zur Geltung bringt. Die Arme sind bequem hinter dem Kopf verschränkt – sie suggerieren Wehrlosigkeit und zugleich gespanntes Erwarten. Der ausgestreckte Körper bietet sich als Objekt der Lust und Begierde an und ist dem Betrachter herausfordernd zugewandt. Das gilt auch für die »Bekleidete Maja«: Ihr Gewand umspielt und betont die weiblichen Rundungen. Die Schärpe ist so eng um die Taille gebunden, dass die Formen trotz der Verhüllung noch plastischer zum Ausdruck kommen. Was Goya (1746–1828) malte, ist weder weiblicher Akt noch intime Entblößung, sondern eine Frau als sexuelle Reizquelle, als Subjekt und zugleich Objekt der Verführung. Wer ist auf den beiden Bildern dargestellt? Bei der Frage nach der Identität der geheimnisvollen Schönheit wird stets die Herzogin von Alba genannt, die Goya protegiert hatte. Die wohlhabende Duquesa besaß, wie eine englische Reisende konstatierte, »Schönheit, Volkstümlichkeit, Grazie, Reichtum« und obendrein einen der höchsten Adelstitel des Landes. Die von anderen Frauen beneidete und im Volk verehrte Grande Dame war seit 1796 verwitwet und bei Hofe das Ziel vieler Verleumdungen. Unbestritten ist, dass sie sich nicht immer an die strengen Gesetze der spanischen Aristokratie und der Hofetikette hielt. Vielmehr führte sie ein für die damalige Zeit freizügiges Leben. Sie galt als sehr intelligent, arrogant und provozierend. Außerdem war ihre Stellung von politischer Brisanz, sah der Hof doch in ihr eine ernst zu nehmende Rivalin der Königin Maria-Luisa. Welches Schicksal erlitten die »Majas«? Ab 1808 befanden sich die beiden etwa um 1800 entstandenen »Maja«-Gemälde, die heute im Prado in Madrid hängen, im Besitz des Don Manuel de Godoy, dem Günstling des Königs und eigentlichen Potentaten Spaniens. Es heißt, er habe seinen Gästen zunächst die bekleidete Version gezeigt, um schließlich mit mechanischer Hilfe die »Nackte Maja« hervorzuzaubern. 1815 gelangten die Werke in die Hände des Inquisitionstribunals. Der taube und schwer kranke Goya musste sich für die Darstellung verantworten, da die Abbildung eines nackten Körpers in Spanien ausdrücklich verboten war. Schließlich wanderten die beiden »Majas« in den Speicher der Akademie der Schönen Künste von San Fernando. Erst 1900 wurden sie der Öffentlichkeit gezeigt und lösten eine wahre »Maja«-Begeisterung aus. Wie verlief Goyas Leben? Francisco de Goya wurde am 30.3.1746 in der spanischen Provinz Aragón geboren. Nach seiner Ankunft in Madrid lernte er 1775 die Herzogin von Alba kennen, die ihn fortan protegierte. Ab 1789 war er Hofmaler des spanischen Königs Karl IV., den er in »Die Familie Karls IV.« ungeschönt darstellte. 1792 verlor er durch eine schwere Krankheit sein Gehör. Er fertigte nun Druckgrafiken mit politischem und sozialem Inhalt, wie die »Desastres de la Guerra« von 1810. Nachdem er sich 1815 vor einem Inquisitionstribunal verantworten musste, zog er sich in sein Landhaus zurück, in dem die düsteren »Schwarzen Bilder« entstanden, bevor er 1824 ins politische Exil nach Frankreich ging. Goya starb am 16.4.1828 in Bordeaux. Wussten Sie, dass … die »Maja«-Gemälde entstanden, als die Herzogin von Alba bereits 38 Jahre alt war? Die Dargestellte hingegen ist etwa 20-jährig. »maja« »schön« und »gut aussehend« bedeutet? Es steht auch für eine spezifisch spanische Erscheinung hübscher señoritas , die einen unabhängigen Lebensstil pflegten, der von Aristokratinnen nachgeahmt wurde. Friedrichs Mönch am Meer: Landschaftsbild als Weltanschauung Wie kam Caspar David Friedrichs »Mönch« beim Publikum an? Es war schnell ein großer Erfolg. An einem Strand steht ein Mönch in schwarzer Kutte. Auf das Meer blickend, erwartet er das Morgengrauen. Von diesem scheinbar unspektakulären Leinwandbild waren Goethe und Kleist angetan; König Friedrich Wilhelm III. von Preußen höchstpersönlich erwarb es während der Berliner Akademie-Ausstellung. In Friedrichs Bilderwelt begegnen wir vorrangig stillen, weiten Landschaften. Wir sehen das Ufer seiner Heimat Greifswald, das Bergland rund um Dresden, die Alpen, die der Maler nie gesehen hat. Er liebte die Insel Rügen, das Elbsandstein- und das Riesengebirge, den Harz. Die Skizzen und Zeichnungen, die er dort anfertigte, sind jedoch keine Abbilder der Natur, sondern Sinnbild und Deutungsversuch auf elementare Fragen nach unserer Existenz. Friedrichs Werke sind geprägt von Einsamkeit, Leere und Unendlichkeit. Da ist kein Platz für Aktionen und Akteure. Seine Landschaften sind Seelenlandschaften, ja Andachtsbilder, in denen die christliche Weltanschauung »verlandschaftet« ist. In welchem geistigen Umfeld steht das Bild? Aus alledem spricht der Geist der Romantik protestantischer Prägung. Sie ging davon aus, dass in der Natur der Geist Gottes waltet; der Mensch kann in der Deutung einzelner Zeichen die göttliche Offenbarung erfahren. Aus der distanzierten Betrachtung der Ferne wird eine persönliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich. Im Gegensatz zum Klassizismus hat in der Romantik das menschliche Dasein alle Eindeutigkeit verloren und ist nurmehr ein großes, beängstigendes Rätsel. Die Landschaften von Caspar David Friedrich, dem herausragenden Vertreter der deutschen Romantik, sind erfüllt von schaurigen Wetterlagen und unwirtlicher Ödnis. Vor dem Betrachter tun sich Abgründe auf, erheben sich unbezwingbare Gebirgsmassive, fluchten dunkle Meere bis zum Horizont. Und doch steckt in diesen Bildern nicht nur Todesahnung, sondern auch eine Trostbotschaft. Was zeigt das Gemälde? Das Bild »Mönch am Meer« lebt ganz vom Anblick des Unendlichen. Nur ein schmaler heller Streifen Dünenstrand bildet die vordere Bühne. Sie scheint zwar sicher, aber winzig gegenüber der Weite des Meeres. Dessen blauschwarze Fläche empfinden wir als einen ausgedehnten Raum, obwohl er letztlich nicht größer ist als der Strandbereich. Den größten Teil des Bildes nimmt der von Wolken verhangene Himmel ein, der – wie von Tinte geschwärzt – lichte und schattige Sphären ausbildet. Der tief liegende Horizont ist durch das Dunkel des Wassers, das auf die Wolken abfärbt, kaum auszumachen. Dumpf und bedrohlich wächst die Dunkelheit aus der Tiefe des Bildraumes hervor. Niemals zuvor in der Malerei war ein Raumerlebnis dieser Art erzeugt worden. Der Bildraum wirkt unergründlich weit, wie der Ausschnitt einer noch endloseren Wirklichkeit. Die Landschaft kann sich an den Seiten ungehindert ausdehnen. Warum dreht uns der Mönch den Rücken zu? In und vor dieser endlosen Weite steht der Mönch mit dem Rücken zum Betrachter, den er auffordert, sich mit seiner Rolle zu identifizieren, an seiner Stelle ins Bild einzutreten. Der Weite des Himmels und dem unüberwindlich scheinenden Meer steht der Mensch allein und orientierungslos gegenüber. Die Allmacht des Universums führt ihm seine Winzigkeit, Endlichkeit und Ohnmacht vor Augen. Der schmale Strandabschnitt steht für das Hier und Jetzt der irdischen Welt. Das bewegte Meer ist Sinnbild für die bedrohliche Weite des Weltalls und die Übermacht des Todes. Der Himmel schließlich verkörpert die Sphäre des Religiösen. Sein leichter Lichtschimmer verheißt göttliche Hilfe, Erlösung und ewiges Leben. Wofür steht die neue Bildkomposition? Mit dieser christlichen Symbolik ist nur ein Teil der von göttlicher Allmacht durchwirkten Natur beschrieben. Der unendliche Außenraum der Stimmungslandschaft ist zugleich Projektionsfläche für die menschliche Seele im Inneren. Im Gemälde »Mönch am Meer« ist erstmals die Tradition einer Konstruktion von Perspektive aufgegeben. Der Raum, mit dem Friedrich uns konfrontiert, ist jenseits aller messbarer Bewältigung. In dieser Auflösung zentralperspektivischer Orientierungshilfen liegen die Ausdruckskraft und zugleich Modernität dieses Bildes. Wussten Sie, dass … der Geburtsort des Malers bis 1815 zu Schweden gehörte? Friedrichs Bruder, der ihn bei einem Unfall auf dem Eis retten wollte, dabei sein Leben verlor? Welche Bedeutung hat der Greifswalder für die Epoche der Romantik? Caspar David Friedrich gehört neben Philipp Otto Runge zu den bedeutendsten Vertretern der deutschen Romantik in der Malerei. Geboren in Greifswald, studierte er in Kopenhagen an der Königlichen Kunstakademie. Seit 1798 arbeitete er in Dresden, unternahm aber immer wieder Reisen in seine Heimatstadt und auf die Insel Rügen, deren charakteristische Landschaft zu einem seiner bevorzugten Motive wurde. Mit seinen Landschaftsbildern, in die meist nur einzelne Figuren eingefügt sind, die mit dem Rücken zum Betrachter in die Weite blicken, hatte der Maler bald immensen, auch finanziellen, Erfolg, der aber nach dem Ende der Befreiungskriege wieder abebbte. 1824 wurde Friedrich Professor an der Dresdner Kunstakademie. 1835 lähmte ein Schlaganfall seine rechte Hand– er konnte nicht mehr malen. 1840 starb der Maler in Dresden. Schinkels Neue Wache: Klassizismus in Preußen Zu welchem Zweck wurde die Neue Wache erbaut? Als Denkmal für den Sieg der europäischen Koalitionsmächte über Napoleon. König Friedrich Wilhelm III. beauftragte nach dem Rückzug der Truppen Napoleons Schinkel mit der Planung eines neuen Wachhauses zwischen dem Kronprinzenpalais und der Universität. Nach zweijähriger Bauzeit wurde die Neue Wache 1818 eingeweiht. Der Bau ist ein herausragendes Beispiel für die Schinkel'sche Variante des Klassizismus in Preußen: ein schlichter Kubus, an den Ecken turmartig ausgebaut. »Wie ein römisches Kastrum«, beschrieb Schinkel die Wirkung. Zwischen den Ecktürmen sitzt jedoch eine rein griechisch anmutende Tempelfront mit dorischen Säulen und einem Giebel; er ist wie ein antiker Tympanon (Giebelfeld) mit Figuren ausgestattet, die den Krieg allegorisch verherrlichen. Darunter sitzt ein Fries mit kleinen Siegesgöttinnen aus Zink, ein Werk des Bildhauers Gottfried Schadow. Wie bedeutend war Schinkel als Architekt? Er hinterließ eine große Zahl von Entwürfen für Staatsbauten, Brücken, Theater, Villen, Denkmäler, Möbelstücke, Kronleuchter und vieles mehr. Daneben betätigte er sich als Maler romantischer Stadtlandschaften und schuf Bühnenbilder wie den berühmten Sternenhimmel für die Mozartoper »Die Zauberflöte«. Seine Arbeiten – ob nun im Stil des Klassizismus wie das Neue Schauspielhaus oder in dem der Neugotik wie die Friedrichswerdersche Kirche – umfassen eine ungeheure Spannweite, die kein anderer Architekt in Deutschland jemals wieder erreichen sollte. Ist die Ähnlichkeit mit dem Brandenburger Tor zufällig? Nein. Die ersten Entwürfe Schinkels für die Neue Wache zeigten noch einen kleinen Palazzo im Stil der italienischen Renaissance. Den ausgeführten Entwurf prägt jedoch die Antike – und zwar die griechische. Das erste Bauwerk Berlins, das sich an griechischen Vorbildern orientierte und nicht – wie es seit der Renaissance üblich war – an der römischen Antike, lag in direkter Nachbarschaft: das Brandenburger Tor von Carl Gustav Langhans aus dem Jahr 1789. Die Neue Wache sollte die Formensprache dieses Tores wieder aufnehmen, die Straße Unter den Linden so zu einer via triumphalis umgestaltet werden, einer Prachtstraße des preußischen Triumphes. Welche Funktion hat das Bauwerk heute? Es dient als Mahnmal. Mit dem Ende der Monarchie 1918 verlor die Neue Wache ihre ursprüngliche Funktion. In den 1930er Jahren wurde sie von Heinrich Tessenow zu einer Gedächtnisstätte für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs umgebaut, dann in den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs schwer beschädigt. Die Regierung der DDR diskutierte 1949 ihr weiteres Schicksal. 1957 wurde schließlich ein »Mahnmal für Opfer des Faschismus und Militarismus« eingerichtet. Der Architekt Heinz Mehlau setzte ins Innere ein Hammer-und-Sichel-Emblem sowie einen Glaskubus, in dem eine ewige Flamme brennen sollte. Nach der Wiedervereinigung entbrannte im Bundestag erneut eine Diskussion um die Nutzung. 1993 entschied man sich für die Wiederherstellung des Tessenow-Denkmals, die DDR-Symbole wurden entfernt. Heute steht im Innern die Skulptur einer trauernden Mutter mit ihrem toten Sohn, die nach einem nur 38 Zentimeter Höhe messenden Original von Käthe Kollwitz aus dem Jahr 1937 in Bronze gegossen wurde. Die Neue Wache ist nun »Den Opfern von Krieg und Gewaltherrschaft« gewidmet. Warum spricht man von der Schinkelzeit? Weil Schinkel das Stadtbild Berlins in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts so geprägt hat wie kein anderer Baumeister vor und nach ihm. Nach seiner Ausbildung bei den Revolutionsarchitekten David und Friedrich Gilly ging der 1781 geborene Schinkel 1803 nach Italien und dann nach Paris. 1803 kehrte er zurück nach Berlin und machte unaufhaltsam Karriere. Im Alter von 57 Jahren wurde er zum Leiter des gesamten preußischen Bauwesens ernannt. Das Wachgebäude Unter den Linden in Berlin ist einer der bedeutendsten Bauten des preußischen Klassizismus. Daneben schuf Karl Friedrich Schinkel das Schauspielhaus am Gendarmenmarkt, die Nikolaikirche in Potsdam, die Friedrichswerdersche Kirche und das Alte Museum. Auch im Ausland wurde nach seinen Entwürfen gebaut, etwa das Schloss Orianda auf der Krim. Schinkel starb im Jahr 1841 hochgeachtet in Berlin. Overbecks Italia und Germania: In Freundschaft verbunden Warum malte Overbeck das Bild? Im Jahr 1810 war Overbeck gemeinsam mit seinem besten Freund Franz Pforr (1788 bis 1812) in Rom eingetroffen. Noch in Wien hatten sie Gefallen an den damals in Künstlerkreisen beliebten Freundschaftsbildern gefunden. In Rom begannen sie sogleich, sich gegenseitig ein Bild zu malen, das ihr Leben, ihre Beziehung und ihre künstlerischen Ideale versinnbildlichen sollte. Anhand einer symbolischen Gegenüberstellung sollte der Charakter der beiden Ausdruck finden. Wofür stehen die beiden abgebildeten Mädchen? Pforr verfasste dazu eine Schrift, die von den Zwillingsschwestern Sulamith und Maria erzählt. Zwei junge Männer entbrennen in Liebe zu ihnen, der glücklichen Hochzeit folgt ein idyllisches Ehe- und Künstlerleben. Die im Bild dargestellten jungen Frauen sind die von beiden Malern erträumten Bräute und zugleich die Inkarnation ihrer künstlerischen Ideale. Die dunkelhaarige, lorbeerbekränzte Sulamith (hebräisch = Friede) steht für das friedliebende Land Italien sowie für Overbecks ruhige Wesensart und seine Liebe zur italienischen Kunst. Im Hintergrund breitet sich Hügelland aus; im Schatten kaum zu erkennen ist eine einsam gelegene, schlichte Kirche. Maria dagegen ist von melancholischem Gemüt, voller Sehnsucht und Leidenschaft, eine blonde, mit einem Blumenkranz geschmückte Gestalt, die den Norden und den Künstlerfreund Pforr personifiziert. Hinter ihrem Rücken wird die Silhouette einer mittelalterlichen Stadt mit gotischem Kirchturm sichtbar. Die Darstellung lebt vom Gleichklang der Seelen, aber auch vom Unterschied der äußeren Erscheinung. Kompositorisch ist das ungleiche Figurenpaar zu einer Einheit verschmolzen, die sich in dem Motiv der drei ineinander ruhenden Hände zeigt. Was verzögerte die Vollendung des Gemäldes? Overbeck hatte gerade den präparierten Karton zu dem Gemälde vollendet, als sein Freund im Juni 1812 mit nur 24 Jahren plötzlich an Lungentuberkulose starb. Overbeck litt schwer am Verlust des Freundes und war über Jahre nicht in der Lage, das Gemälde zu vollenden. Dies gelang ihm erst 1828. Da der ursprüngliche Anlass fast 20 Jahre zurücklag, gab er dem Werk den Titel »Italia und Germania«. Ein Jahr später bemerkte er, dass nach all der Zeit aus den Bräuten ein Paar ehrbarer Frauen geworden sei. Er meinte, sie stünden sich fremd gegenüber und es sei seine Aufgabe, sie zu verschmelzen. Overbeck sprach die Sehnsucht an, die den Norden zum Süden zog, hin zur Kunst, zur Natur und Poesie Italiens. Was bedeutete Italien für die deutsche Romantik? Aus dem Gemälde spricht die Zeit des frühen 19. Jahrhunderts, die romantische Sehnsucht nach Ferne und Schönheit. Italien war damals für den Rest Europas die Heimat der klassischen Antike, der Renaissance, der Kultur und Gelehrsamkeit. Für Söhne aus besserem Hause, für Schriftsteller, Maler und Bildhauer war es Pflicht, Italien zu bereisen. Vor allem in deutschen Landen schwärmte man für den Süden. Zur Zeit der Romantik stand zwar das Interesse an der eigenen nationalen Kultur und der heimischen Tradition im Vordergrund; doch anders als die romantische Bewegung des Nordens war die katholisch geprägte Romantik Süddeutschlands fasziniert von der Vergänglichkeit, die sie in Italien zu finden glaubte. Dort schien das Leben noch unverdorben und glückselig zu sein. Dieser Zeitgeist manifestierte sich vor allem in der Kunst der so genannten Nazarener. Ihre Bezugspunkte waren die Kunst des deutschen Mittelalters, die Werke Dürers und Raffaels sowie die ewige Stadt Rom, wohin die meisten Mitglieder dieser Bewegung zogen. Welche Ziele verfolgten die Nazarener? 1809 hatten Studenten der Wiener Akademie, unter ihnen Johann Friedrich Overbeck (1789–1869), den Lukasbund gegründet. Sie wollten nicht länger den Werten der Akademie folgen, sondern der Kunst wieder die Rechtschaffenheit verleihen, die sie im Mittelalter besessen hatte. Sie gingen davon aus, die »nationale« Kunst wiederbeleben zu können, indem sie sich in die Kultur Italiens versenkten. 1810 zogen einige von ihnen, darunter auch Overbeck, nach Rom und ließen sich in dem verlassenen Franziskanerkloster San Isidoro nieder. Hier, in der Stadt Raffaels, sollte ihr Ideal einer religiös-patriotischen Kunst Gestalt annehmen. In mönchischer Zurückgezogenheit und streng geregelter, spartanischer Lebensweise arbeiteten sie in ihren Zellen und versammelten sich abends zum Modellstudium im Refektorium. Ihre Vorliebe für das Mittelalter bewog sie, schulterlanges Haar zu tragen und sich in lange, weite Gewänder zu hüllen. Die Italiener gaben ihnen daraufhin einen Spottnamen: i Nazareni. Wussten Sie, dass … Overbecks Vater, der Lübecker Bürgermeister Christian Adolph Overbeck, das später von Mozart vertonte Gedicht »Komm lieber Mai und mache« verfasste? der zum Katholizismus konvertierte Maler von Papst Pius IX. zu Hause besucht wurde? die verkitschende Adaption und massenhafte Verbreitung nazarenischer Werke und Motive im 19. Jahrhundert die ganze Bewegung in Verruf brachten? Was wurde nach dem Tod Pforrs aus den Nazarenern? Nach dem Tod von Franz Pforr nahm der messianische Glaube der Nazarener, die deutsche Kunst erneuern zu können, spürbar ab. Nur Friedrich Overbeck blieb den Prinzipien der Künstlerbewegung zeitlebens treu, trat 1813 zum katholischen Glauben über und blieb bis zu seinem Tod 1869 in Rom. Der bayerische Kronprinz und spätere König Ludwig I. konnte ihn zwar nicht nach München locken, aber immerhin 1832 mit »Italia und Germania« sein schönstes Gemälde erwerben. Es hängt heute in der Neuen Pinakothek in München. Die Freiheit führt das Volk von Delacroix: Ein politisches Gemälde Welchem Thema widmet sich das Gemälde? Der Julirevolution im Jahr 1830 in Paris: Der Bourbonenkönig Karl X. setzt eigenmächtig Parlament und Pressefreiheit außer Kraft und will ein neues Wahlverfahren einführen, das seine absolutistische Macht stärken soll. Doch der Widerstand ist gewaltig. Damit haben die Generäle des Königs nicht gerechnet. Viele Soldaten weigern sich, auf das eigene Volk zu schießen und desertieren. Schlimmer noch: Die Aufständischen können mit der Unterstützung der Bevölkerung rechnen. Nach drei Tagen erbitterter Straßenkämpfe beherrschen sie alle strategisch wichtigen Punkte der Stadt. Karl X. wird zur Abdankung gezwungen, Nachfolger wird sein Vetter Louis-Philippe, der absolute Verfassungstreue schwören muss. Um die Gemüter zu beruhigen, nennt er sich »Bürgerkönig« und überschüttet die Revolutionäre mit zahlreichen Orden. Wer war die Triebfeder des Aufstandes? Die meisten der rund 8000 Aufständischen waren Männer, Frauen und Kinder aus der Handwerkerschaft. Das Bürgertum bewunderte den Wagemut und die Disziplin der Besitzlosen. Das Engagement der Arbeiter galt hauptsächlich dem Kampf für Parlament und Pressefreiheit – was verwundert, waren dies doch vorrangig die Ziele des Bürgertums. Kaum ein Arbeiter konnte Zeitung lesen, geschweige denn an Parlamentswahlen teilnehmen. Augenzeugen berichten von einem hohen Anteil an Jugendlichen, die während des Aufstands fielen. Im Gemälde von Delacroix entdecken wir zwei verwegene Burschen, wie sie Pflastersteine ergreifen und mit Pistolen um sich schießen. Sie gehören jener Generation an, die, beseelt von der Großen Revolution im Jahr 1789, von eigenen Heldentaten träumte. Was repräsentiert die zentrale Frauengestalt? Sie ist die personifizierte Göttin der Freiheit mit ihrer Jakobinermütze und einem Gewehr mit Bajonett in der Linken. Mit ihrer Rechten streckt sie die Trikolore in den Himmel, ein siegessicherer Gestus, der die Massen hinter ihr anfeuert. Die rot-weiß-blaue Fahne der Revolution entstand 1789 aus den Stadtfarben von Paris und dem Weiß des Königs. Sie war unter den Bourbonen verboten worden, nun ist sie das Symbol der Hoffnung. Bei ihrem Anblick schöpft einer der Verletzten wieder Mut. Hoffnung verheißt auch die Sonne, die hinter den Pulverschwaden durchschimmert. Was kümmern da die königlichen Truppen, die im Hintergrund aufmarschieren, oder Rauch über den Dächern und Türmen der Stadt? Kaum ein Gemälde vermittelt so viel Leidenschaft und Zuversicht in seiner Kampfansage. Wofür stehen die beiden Männer links am Rand? Links sieht man einen Bürger mitten im Straßenkampf, ausstaffiert mit Gehrock, Halsbinde und modischem Zylinder, das Jagdgewehr in der Hand. Es handelt sich um das Selbstporträt des Malers. Der 32-jährige Delacroix zeigt sich als ein zu allem entschlossener Barrikadenkämpfer. Ihm folgt ein Arbeiter mit offenem Hemd und Hosenträgern. In seiner blau-weiß-rot gefärbten Schärpe steckt eine Pistole, mit seiner Rechten