Von der Französischen Revolution bis zum Zeitalter des Imperialismus
Von der Französischen Revolution bis zum Zeitalter des Imperialismus Aufbauend auf dem Gedankengut der Aufklärung und ausgelöst durch eine ungeheure Finanz- und Wirtschaftskrise, zerstörte die Französischen Revolution in Frankreich die über Jahrhunderte gewachsene Monarchie und deren politische und soziale Grundlagen. Die Revolution machte Frankreich zum ersten demokratisch legitimierten Nationalstaat und verhalf den liberalen Ideen, vor allem den in Amerika bereits durchgesetzten Menschen- und Bürgerrechten, auch auf dem europäischen Kontinent zum Durchbruch. Die Kriege des revolutionären Frankreich und die daran anschließenden Feldzüge Napoleons brachten die monarchische Staatenwelt Europas zum Einsturz. Nachdem das aus mehr als 300 Staaten und über 1000 kleinen Territorien bestehende Heilige Römische Reich Deutscher Nation 1806 nach der Besetzung durch Napoleon zusammengebrochen war, wurde es zunächst durch den aus 16 süd- und westdeutschen Territorien bestehenden, zentralistisch organisierten Rheinbund ersetzt. Der 1815 per Bundesakte ins Leben gerufene Deutsche Bund war ein loser Staatenverbund von 35 souveränen Fürstentümern und vier freien Reichsstädten, in dem Österreich und Preußen dominierten. Die Hoffnungen auf Einheit und Freiheit Deutschlands wurden vom österreichischen Staatskanzler Klemens Wenzel Fürst von Metternich (Reg. 1809–1848) im Schulterschluss mit Preußen rigoros unterdrückt. Die deutsche Nationalbewegung scheiterte bei der Revolution von 1848/1849. Auch der von Otto von Bismarck (Reichskanzler 1871–1890) initiierte Nationalstaat löste die Doppelforderungen nach Einheit und Freiheit nicht ein, basierte er doch auf Fürstenherrschaft. 1789 Ausbruch der Französischen Revolution 1804 Napoleon krönt sich zum Kaiser der Franzosen 1806 Ende des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation 1815 Neuordnung Europas durch den Wiener Kongress 1848/49 In zahlreichen europäischen Ländern kommt es zu Revolutionen 1871 Proklamation des Deutschen Kaiserreichs in Versailles 1912/13 Balkankriege Französische Revolution: Die Errichtung einer Volksherrschaft Wieso befand sich die Monarchie in einer Krise? Die absolutistische Herrschaft der französischen Könige (Ancien régime, französisch für »alte Regierungsform«) war unter Ludwig XVI. (Reg. 1774–1792) in Bewegungslosigkeit erstarrt: Die hohen Aufwendungen für Heer, Beamtenapparat, die Privilegien von Geistlichkeit (Erster Stand) und Adel (Zweiter Stand) sowie die Hofhaltung trieben den Staat in den Ruin und hatten für das Volk ungeheure Preissteigerungen und Steuerlasten zur Folge. Gesellschaftspolitische Reformversuche in Form von Steuererleichterungen für den Dritten Stand (Groß- und Kleinbürgertum, Bauern, Tagelöhner und Arbeiter; zusammen 98 % der Bevölkerung) scheiterten am Widerstand von Adel und Klerus. Warum wurden die Generalstände einberufen? Die Einberufung der Generalstände im Mai 1789, einer für gesamtfranzösische Belange zuständigen Versammlung aus Vertretern der drei Stände, sollte Bewegung in die Politik bringen. Zwar wurde die Abgeordnetenzahl für den Dritten Stand verdoppelt, doch mit 600 Sitzen konnte er gegen die zusammengenommen 600 Sitze von Adel und Klerus weiterhin nichts ausrichten, zumal man sich nicht über den Abstimmungsmodus (kooperativ nach Ständen oder nach Köpfen) einigen konnte. Wie verlief die erste Phase der Revolution? Das Geschehen spielte sich 1789 leicht zeitversetzt auf drei Bühnen ab: 1. In Versailles schwor eine Nationalversammlung, nicht vor der Vollendung einer Verfassung auseinander zu gehen (Ballhausschwur am 20.6.1789); 2. In den Straßen von Paris erstürmten die bewaffneten städtischen Unterschichten am 14. Juli das alte Stadtgefängnis (Bastille). 3. Auf dem Lande kam es zum größten Bauernaufstand in der französischen Geschichte. Alle drei Ebenen wirkten aufeinander, wobei die beiden Letzteren zur Radikalisierung des Konflikts beitrugen. Unmittelbar nach dem als symbolischer Sieg über das Ancien régime gefeierten Sturm auf die Bastille wurden zunächst in Paris, dann landesweit demokratische Gemeinde- und Stadtvertretungen eingerichtet: mit Stadträten, Gemeindeausschüssen und Bürgermilizen. Die Nationalversammlung schaffte die Feudalrechte ab und verabschiedete eine Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte. Die vom König verweigerten Unterschriften unter die Dekrete erzwangen am 5. Oktober ca. 20 000 Aufständische in Versailles (Zug der Heldinnen von Paris). Was passierte in der zweiten Phase? Die Volksvertretungen der Revolution waren 1789–1791 die verfassunggebende Nationalversammlung, 1791/92 die gesetzgebende Nationalversammlung und 1792–1795 der Nationalkonvent. Mit der Verfassung von 1791 trat die Revolution in eine Phase der Konsolidierung. Frankreich wurde zur konstitutionellen Monarchie. Die Macht des Königs wurde durch die Gewaltenteilung und die Gesetze eingeschränkt. Um die Armut und den Hunger auszuschalten, sollte der Finanzhaushalt in Ordnung gebracht werden. Ende 1789 wurden die Kirchengüter verstaatlicht und auf die eingezogenen Güter Anleihescheine ausgegeben, sich zu einer Art Papiergeld entwickelten. Gleichzeitig wurde die Wirtschaft liberalisiert (u. a. Aufhebung der Binnenzölle) und das Steuersystem reformiert (Einführung einer allgemeinen Steuer auf Grund, bewegliches Vermögen sowie Gewerbe- und Handelserträge). An die Stelle der historischen Standesunterschiede trat eine soziale Gliederung nach Besitz. So wurde das Zensuswahlrecht eingeführt, das die Wahlberechtigung von der Höhe der Steuerlast des Einzelnen abhängig machte. Welche politische Rolle spielte der König? Ludwig XVI. war von Anfang an eine »gekrönte Puppe« der Revolution: Sooft er sein Veto einlegen wollte, wurde er zum Ja gezwungen. Der Annahme der Verfassung von 1791 versuchte er sich durch Flucht ins Ausland zu entziehen; er wurde gefasst und erst wieder in sein Amt eingesetzt, nachdem er den Eid auf die Verfassung geleistet hatte. Die 1792 auf Vorschlag des Königs beschlossene Kriegserklärung an Österreich besiegelte dann das Ende des Monarchen: Nach den ersten französischen Niederlagen erzwangen die revolutionären Massen mit der Erstürmung der Tuilerien (25. Juli 1792) die Abschaffung des Königtums. Als der Oberbefehlshaber der gegnerischen Heere die Zerstörung von Paris androhte für den Fall, dass dem König Leid geschähe, wurde Ludwig XVI. der Prozess wegen landesverräterischer Beziehungen gemacht. Er wurde am 21. Januar 1793 guillotiniert. Wie waren die Revolutionäre organisiert? Die Revolutionäre organisierten sich in politischen Klubs, die untereinander in Verbindung standen. Zum Meinungsführer entwickelte sich der Jakobinerklub von Paris, mit ihren drei beim Volk einflussreichen Führergestalten: Georges Danton (1759–1794), Jean-Paul Marat (1743–1793) und Maximilien de Robespierre (1758–1794). Ihnen gelang es im Nationalkonvent, die unentschiedene Mitte auf ihre Seite zu ziehen. Die Bergpartei (Montagnards) erzwang den Prozess gegen den König und vertrat 1793 wegen der gestiegenen Not der Bevölkerung eine Wirtschaftslenkung u. a. mit Lebensmittelrationierungen. Die Girondisten, die sich von den Jakobinern getrennt hatten, wurden ausgeschaltet. Zur effektiveren Regierungsführung wurden Ausschüsse gebildet. Einer davon, der Wohlfahrtsausschuss, wurde 1793/94 unter Robespierre zum Zentralorgan einer Schreckensherrschaft, bei der in der Zeit des »großen Terrors« (10.6.–27.7.1794) 1376 zum Tode Verurteilte unter die Guillotine kamen. Den Hinrichtungswellen fielen auch Marat, Danton und Robespierre selbst zum Opfer. Was folgte auf die Schreckensherrschaft? Nach dem Ende Robespierres übernahm eine Regierung von Bürgerlichen die Macht. Nach der neuen Direktorialverfassung lag die ausführende Gewalt bei einem fünfköpfigen Direktorium, die Legislative bei einer aus zwei Kammern bestehenden Volksvertretung. Die erfolgreiche Niederschlagung eines royalistischen Aufstands verschaffte 1796 dem jungen Napoleon Bonaparte (1769–1821) den Oberbefehl über die Italienarmee, der ihm die Macht zu einem eigenen Staatsstreich im November 1799 verlieh. Schon 1792 war Frankreich durch eine Kriegserklärung an Österreich in einen Krieg gegen das monarchistische Europa eingetreten. Er wurde bis 1806/07 gegen wechselnde Koalitionen geführt und fand seine Verlängerung in den Napoleonischen Kriegen. Im Ersten Koalitionskrieg (1792–1795) verbündete sich Österreich mit Preußen, ab 1793 kamen Großbritannien, die Niederlande, Spanien, Sardinien, Neapel, Toskana und deutsche Reichsstände hinzu. Nach ersten Niederlagen der Revolutionäre stellten sich 1792 Erfolge für die Franzosen ein. Im zweiten Koalitionskrieg (1799–1802) schlossen sich Russland, Österreich, Großbritannien, Neapel, Portugal und das Osmanische Reich zusammen. Warum war die Französische Revolution ein Meilenstein? Die Ereignisse von 1789 waren nach der Bedeutung des Begriffes Revolution (lateinisch für Umwälzung) eine plötzliche Umkehrung der Machtverhältnisse von unten, also durch die sozial Benachteiligten. Aufbauend auf dem Gedankengut der Aufklärung und ausgelöst durch eine ungeheure Finanz- und Wirtschaftskrise, zerstörte sie in Frankreich die Monarchie und deren politische und soziale Grundlagen. Sie machte Frankreich zum ersten demokratisch legitimierten Nationalstaat und verhalf den liberalen Ideen, vor allem den in Amerika bereits durchgesetzten Menschen- und Bürgerrechten, auch in Europa zum Durchbruch. Die Kriege des revolutionären Frankreich und die Feldzüge Napoleons brachten die monarchische Staatenwelt Europas zum Einsturz. Was waren wichtige Stationen? Mai 1789: Einberufung der Generalstände Juni 1789: Bürgerliche Abgeordnete bilden die Nationalversammlung. Juli 1789: Aufstand durch das Pariser Proletariat: Erstürmung der Bastille August 1789: Aufhebung des Feudalsystems und Verabschiedung der Menschen- und Bürgerrechte Oktober 1789: Zug der Pariser Massen nach Versailles, um Ludwig XVI. unter Druck zu setzen 1791: Frankreich wird zur konstitutionellen Monarchie. Die gesetzgebende Nationalversammlung tritt zusammen. 1793: Schreckensherrschaft des Konvents: Hinrichtung Ludwigs XVI., von Girondisten und anderen Gegnern. 1794: Diktatur unter Robespierre: Höhepunkt der Exekutionen; Hinrichtung Robespierres 1795–1799: Regierung durch ein fünfköpfiges Direktorium 1799: Staatsstreich durch Napoleon; die Revolution wird für beendet erklärt. Wie hießen die wichtigsten Gruppierungen? Dantonisten: Anhänger von Georges Danton, der Anfang 1794 im Gegensatz zu Robespierre eine gemäßigtere Politik befürwortete; im April 1794 ausgeschaltet. Girondisten: nach dem Département Gironde benannte gemäßigte Gruppe, die für Volkssouveränität und eine föderalistische Republik eintrat. Bis 1792 im Jakobinerklub, wurden die Girondisten in der gesetzgebenden Nationalversammlung zu Gegnern der radikalen Jakobiner; 1793 großenteils hingerichtet. Jakobiner: benannt nach dem Versammlungsort der Deputierten des Dritten Standes, dem Kloster Saint-Jacques. Robespierre machte den Klub zum zivilen Arm der Revolution. 1793/94 organisierte der Klub die Schreckensherrschaft und wurde nach Robespierres Sturz geschlossen. Montagnards: Bergpartei; radikaldemokratische Jakobiner im Konvent, die die höher gelegenen Sitzreihen belegten. Sie setzten sich für die Unterschichten und das allgemeine Wahlrecht ein; ab 1795 unterdrückt. Was steht in der Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte? Am 26. August 1789 verfügte die Nationalversammlung nach längeren Diskussionen eine 17 Artikel umfassende Erklärung der Rechte des Menschen und Bürgers, die in die Verfassung von 1791 aufgenommen werden sollte. Kernbegriffe waren die persönliche Freiheit (Liberté) und die Rechtsgleichheit (Égalité) der Menschen. So verkündete gleich der erste Artikel: »Frei und mit gleichen Rechten werden die Menschen geboren und bleiben es auch ...« Damit waren die Stände abgeschafft und die Souveränität des Volkes ausgerufen. Vorbild war die amerikanische Declaration of Rights von Thomas Jefferson zur Verfassung des Staates Virginia vom Juni 1776. Jefferson wurde auch als Gesandter in Paris gehört. Kritiker der Erklärung, darunter auch Graf Mirabeau, befürchteten, der unvermittelte »Sprung aus der Tyrannei in die Freiheit« berge die Gefahr der Anarchie in sich. Wussten Sie, dass … der Schriftsteller François Choderlos de Laclos (1741–1803) durch sein »Journal der Freunde der Verfassung« und einen regen Meinungsaustausch per Briefwechsel die Parolen der Jakobiner in ganz Frankreich bekannt machte? Besser bekannt ist er heute allerdings als Autor des Briefromans »Gefährliche Liebschaften« (1782), der bereits mehrmals erfolgreichverfilmt wurde und in dem er die freizügig-dekadente Liebesmoral des Adels geißelt. Revolution und Nation: Der erste demokratische Nationalstaat Was ist eine Nation? »Ein Körper, dessen Mitglieder unter einem gemeinsamen Gesetz leben und durch eine und dieselbe gesetzgebende Versammlung vertreten sind.« So definierte Abbé Emmanuel Joseph Sieyès in seiner Flugschrift »Was ist der Dritte Stand?« vom Januar 1789 den Begriff Nation. Scharfe Worte findet Sieyès darin für die soziale Stellung der Adeligen. Der Adelsstand habe darin aufgrund seiner Privilegien und seiner in geschlossenen Zirkeln ausgeübten politischen Rechte nichts zu suchen, er bilde vielmehr ein Volk für sich inmitten der Nation. Sieyès gelangte zu dem Schluss, dass nur der Dritte Stand die Nation ausmache: »Alles, was nicht Dritter Stand ist, kann sich nicht als Bestandteil der Nation betrachten.« Was macht ein Volk zu einer Nation? Insgesamt, so der Historiker Pierre Nora, »kristallisieren sich in der Revolutionsepoche drei Bedeutungskomplexe [von Nation] heraus: die soziale Bedeutung – eine Gemeinschaft von vor dem Recht gleichen Bürgern; die rechtliche Bedeutung – die konstituierende Gewalt im Vergleich zu der konstituierten Gewalt; die historische Bedeutung – eine Gemeinschaft, die durch eine gemeinsame Geschichte verbunden ist.« »Der Ursprung jeder Souveränität ruht letztlich in der Nation. Keine Körperschaften, kein Individuum können eine Gewalt ausüben, die nicht ausdrücklich von ihr ausgeht«, formulierte die Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte in ihrem dritten Artikel. Als höchstes Herrschafts- und Entscheidungsorgan des Staates löste die Nationalversammlung den Monarchen ab. Die Souveränität der Nation, die Gemeinschaft aller freien Bürger ersetzte also die seit dem Mittelalter geltende Souveränität des Monarchen. Wie hieß die erste demokratische Nation Europas? Frankreich wurde 1791 zum ersten demokratisch legitimierten Nationalstaat Europas. Der in die neue Verfassung aufgenommene Bürgereid trug dem Nationalgefühl des vormaligen Dritten Standes Rechnung: »Ich schwöre, der Nation, dem Gesetz und dem König treu zu sein.« Auch Minderheiten wie Nichtkatholiken und Juden waren nun gleichberechtigt, sofern sie den Eid leisteten. Damit war in Frankreich der Schritt zur Gesellschaft der Staatsbürger vollzogen. Allerdings: Beim Wahlrecht waren nicht alle Staatsbürger gleich. Wer durfte wählen? Man musste »Aktivbürger« sein, um eine Stimme zu haben. Das heißt, man musste unter anderem männlich und über 25 Jahre sein, mindestens eine direkte Steuer im Gegenwert von drei Arbeitstagen zahlen (= Zensuswahlrecht) und durfte kein Dienstbote sein. Nur die Jakobiner-Verfassung von 1793, die allerdings nie in Kraft trat, schrieb ein allgemeines Wahlrecht (für alle männlichen Bürger ab 21 Jahren) vor. Die Direktorialverfassung von 1795 kehrte wieder zu der Einschränkung aufgrund der Steuerzahlung zurück, während die Konsularverfassung von 1799 ein scheindemokratisches allgemeines Wahlrecht einführte: Hier konnte die Gesamtheit aller Wahlberechtigten nur die unterste Ebene wählen, das Namensverzeichnis, aus dem die Gemeindebeamten bestimmt wurden. Wie wurden die revolutionären Ideen in Europa verbreitet? Die von Ludwig XIV. geforderten »natürlichen« Grenzen Frankreichs, der Rhein und die Alpen, verloren an Bedeutung, ging es doch jetzt darum, wie es der Girondist Jacques Pierre Brissot formulierte, nicht nur das Vaterland zu verteidigen, sondern auch ganz Europa »in Brand zu stecken«. Annexionen und die Bildung von Tochterrepubliken waren die Folge. »Eine sonderbare Manie der französischen Revolutionäre,« befand die französische Schriftstellerin Madame de Staël (1766–1817) »alle Länder zu einer politischen Organisation nach dem Modell Frankreichs zwingen zu wollen.« Die grundsätzlichen politischen Leitlinien der Französischen Revolution – Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – wurden in den Revolutionskriegen und im Zeitalter Napoleons über ganz Europa verbreitet. Doch wandelte sich im Gefolge des Widerstands gegen die »Franzosenherrschaft« der ursprüngliche Respekt vor anderen – gleichberechtigten – Nationen zu einer übersteigerten Wertschätzung der eigenen Nation und Geringschätzung der anderen. Was ist der Gemeinwille? Bei Jean-Jacques Rousseau verkörperte der Gemeinwille (»volonté générale«) den Gesamtwillen aller Mitglieder des Staates, der auf einem Vertrag freier und gleicher Bürger (»contrat social«) basiert und ein gesetzlich gesichertes und geordnetes Zusammenleben garantiert. Immanuel Kant (1724–1804) konkretisierte den Begriff als »allgemein gesetzgebenden Willen«. Denis Diderot (1713–1784) definierte: »Der allgemeine Wille ist in jedem Individuum ein reiner Akt des Verstandes, welcher, während die Leidenschaften schweigen, darüber nachdenkt, was der Mensch von seinesgleichen fordern kann, und darüber, was seinesgleichen von ihm zu fordern berechtigt sind.« Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 bis 1831) stellte den Gemeinwillen über das Urteil des Einzelnen. Dabei berief auch er sich auf Rousseaus Grundsatz »Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten«: Hegel stellte sich vor, dass der einzelne Bürger durch Erziehung und den Staat zum Bewusstsein seiner Freiheit geführt werden sollte. Wussten Sie, dass … die französischen Nationalfarben Blau, Weiß und Rot die Farben der französischen Könige waren? In der Französischen Revolution wurden sie zur Trikolore vereinigt, der dreifarbigen Nationalflagge. Spätere Versuche, zu einzelnen Nationalfarben zurückzukehren (die Restauration von 1815 plädierte für Weiß, der Aufstand von 1848 für Rot), scheiterten. der gallische Hahn in der Französischen Revolution zum Symbol der nationalen Identität erhoben wurde? Von Napoleon wurde er durch einen Adler ersetzt, kam aber ab 1830 wieder zu neuen Ehren. Während des Zweiten Weltkriegs verkörperte er den Widerstand (Résistance) gegen die deutsche Besatzungsmacht. Menschen- und Bürgerrechte: Freiheiten für das Individuum Wann wurden die Menschenrechte erstmals in Europa deklariert? Die französische Nationalversammlung verkündete 1789 eine Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte, die als erste universelle Ausformulierung gelten kann. In ihrer Erklärung führten die versammelten Vertreter des französischen Volkes viele bestehende Missstände in der Öffentlichkeit und die Mängel vieler Regierungen auf die Unkenntnis oder die Verachtung der Menschenrechte zurück. Unter diesen verstanden sie »die natürlichen, unveräußerlichen und heiligen Rechte der Menschen«, also die Freiheitsansprüche, die jedem Individuum zustehen, vom Staat nicht beschränkt oder genommen (veräußerlicht) werden dürfen und von einer Gemeinschaft rechtlich gesichert werden. Sie sollten »allen Mitgliedern der Gesellschaft beständig vor Augen« sein und sie unablässig an ihre »Rechte und Pflichten« erinnern. Gab es die Idee der Grundrechte schon früher? Die Idee der Grundrechte findet sich bereits in der antiken griechischen Philosophie und im Christentum. Die Botschaft lautet: Alle Menschen sind gleich bzw. alle Menschen sind gleichermaßen von Gott geschaffen und ihm ebenbildlich. Aber erst der englische Philosoph John Locke (1632–1704) folgerte daraus in seiner Naturrechtsphilosophie, dass Leben, Gesundheit, Freiheit und Eigentum angeborene Rechte des Menschen seien, die ein Staat schützen muss. Wer begann mit der politischen Realisierung? Bei der Durchsetzung der Menschenrechte spielten die Engländer lange eine Vorreiterrolle. Über englische Auswanderer gelangten diese Gedanken nach Amerika, wo sie 1776 in der »Virginia Bill of Rights« in einem Katalog vereint wurden: 1. Recht auf Leben, Freiheit und Eigentum, 2. Versammlungs- und Pressefreiheit, 3. Freizügigkeits- und Petitionsrecht, 4. Anspruch auf Rechtsschutz, 5. freies Wahlrecht. Die französische Erklärung der Menschen- und Bürgerrechte von 1789 war ihr unmittelbarer europäischer Ausdruck und wurde hier zum Vorbild. Neu daran war die Betonung der universellen Gültigkeit der Menschenrechte, obgleich sie erst als Grundrechte in den nationalen Verfassungen anerkannt werden mussten. Die Franzosen formulierten aber: »Eine Gesellschaft, in der die Verbürgung der Rechte nicht gesichert und die Gewaltenteilung nicht festgelegt ist, hat keine Verfassung« (= Artikel 16). Warum wurde die UNO geschaffen? Es ging darum, dem Anspruch auf universelle Gültigkeit der Menschenrechte eine rechtsverbindliche Grundlage in den einzelnen Staaten zu verschaffen. Die nach dem Zweiten Weltkrieg gegründeten Vereinten Nationen (UNO) erließen 1948 eine Allgemeine Erklärung der Menschenrechte, die mittlerweile unter anderem um die so genannten Rechte der dritten Generation oder Solidarrechte (Recht auf Frieden, Recht auf intakte Umwelt, Recht auf Entwicklung zur Verkleinerung der Kluft zwischen Arm und Reich) erweitert wurde. Sie soll in allen Mitgliedstaaten der Weltorganisation gelten. Letztlich kann die UNO Menschenrechtsverletzungen allerdings nicht verhindern, hat sie es doch mit souveränen Staaten zu tun. Sind die Menschenrechte überall gültig? Der Menschenrechtsgedanke ist im christlichen Europa entstanden. Man kann bezweifeln, dass die Menschenrechte über diesen Kulturraum hinaus Gültigkeit beanspruchen können. Durch einen Dialog aller Religionen und Kulturen wollte man gemeinsame Grundwerte für alle Menschen, ein so genanntes Weltethos, erarbeiten; eine entsprechende Erklärung wurde 1993 in Chicago durch ein »Parlament der Weltreligionen« verabschiedet. Was steht in der UNO-Deklaration der Menschenrechte? Die am 10. Dezember 1948 von der Vollversammlung der Vereinten Nationen (UNO) verabschiedete Allgemeine Erklärung der Menschenrechte stellt in 30 Artikeln einen Katalog von bürgerlichen, politischen und sozialen Rechten auf. Die in westlich-liberaler Tradition stehende Deklaration soll weltweit gültige moralische und rechtliche Maßstäbe setzen. Artikel 2 lautet: »Jeder hat Anspruch auf die in dieser Erklärung verkündeten Rechte und Freiheiten ohne irgendeinen Unterschied, etwa nach Rasse, Hautfarbe, Geschlecht, Sprache, Religion, politischer oder sonstiger Überzeugung, nationaler oder sozialer Herkunft, Vermögen, Geburt oder sonstigem Stand. Des weiteren darf kein Unterschied gemacht werden aufgrund der politischen, rechtlichen oder internationalen Stellung des Landes oder Gebiets, dem eine Person angehört, gleichgültig ob dieses unabhängig ist, unter Treuhandschaft steht, keine Selbstregierung besitzt oder sonst in seiner Souveränität eingeschränkt ist.« Wussten Sie, dass … es bereits 1215 in England eine »Magna Charta Libertatem«, ein großes Freiheitsgesetz, gab? Es verpflichtete den König auf die Einhaltung des Rechts und räumte den Baronen ein Widerstandsrecht ein. das englische Parlament 1628 König Karl I. eine »Petition of Rights« unterbreitete? In dieser akzeptierten Bittschrift wurden grundlegende Rechte der Bürger zusammengefasst, etwa der Schutz vor unwillkürlichen Verhaftungen. der Inter Action Council, ein Zusammenschluss ehemaliger Staats- und Regierungschefs, 1998 für eine »Allgemeine Erklärung der Menschenpflichten« als Ergänzung zur UNO-Menschenrechtserklärung plädierte? Das Zeitalter Napoleons: Aufstieg Frankreichs zur Hegemonialmacht Wie verlief Napoleons Aufstieg zur Macht? Napoleon zeichnete sich zunächst als Feldherr aus. Als Brigadegeneral führte er die Italienarmee, mit der er 1796/97 den Ersten Koalitionskrieg (ab 1792) gegen ein Bündnis aus Preußen und Österreich, Großbritannien, Spanien, den Generalstaaten, Sardinien, Neapel, Toskana und deutschen Reichsständen für sich entscheiden konnte. Im Friedensvertrag von Campo Formio (1797) erwirkte er von Österreich die Abtretung der Niederlande, des linken Rheinufers und von Teilen Oberitaliens (künftige Tochterrepubliken um Mailand und Genua). Der Versuch, die britische Herrschaft im Mittelmeer zu beenden, scheiterte hingegen. In der entscheidenden Seeschlacht bei Abukir wurden die Franzosen 1798 durch Admiral Horatio Viscount Nelson (1758–1805) vernichtend geschlagen. Innenpolitisch gelang es Napoleon im Jahr darauf, durch den Staatsstreich vom 18. Brumaire (9. November 1799) die Macht zu übernehmen; formal regierte er als Erster Konsul, zunächst auf zehn Jahre, dann 1802 auf Lebenszeit gewählt. 1804 wandelte er Frankreich in ein erbliches Kaiserreich um und krönte sich selbst zum »Kaiser der Franzosen«. Es folgte ein bestätigender Volksentscheid, wobei Napoleon 3,4 Mio. Ja-Stimmen erhielt. Wie gestaltete Napoleon den Staat um? Napoleon schuf die Voraussetzungen für einen bürgerlichen Staat und errichtete ein straff organisiertes und zentralistisches Verwaltungssystem mit von der Regierung ernannten Präfekten an der Spitze der Départements. Als selbsternannter »Vollender« der Französischen Revolution sicherte er die Grundsätze von Freiheit und Gleichheit, die er 1804 in einem allgemeinen bürgerlichen Gesetzbuch (Code civil) festschreiben ließ. Zur inneren Aussöhnung gestattete er adligen Emigranten die Rückkehr, während der Revolutionszeit erworbener Besitz wurde allerdings als rechtmäßig anerkannt. Obwohl autoritär von Napoleon beherrscht, kehrte Frankreich nicht zur feudalen Ständegesellschaft zurück. Staatstragend wurde das (Groß-)Bürgertum. War Napoleon ein Demokrat? Nein, seine Herrschaft war ein klarer Bruch mit den Idealen der Französischen Revolution. Die Konsularverfassung von 1799 bringt es auf den Punkt: »Alles wird für das Volk, im Namen des Volkes gemacht; nichts wird durch es noch unter seinem unüberlegten Diktat gemacht.« Trotz des allgemeinen Wahlrechts (für männliche Bürger ab 21 Jahre) und der verfassungsmäßig garantierten Möglichkeit von Volksentscheiden blieb die politische Mitbestimmung weit gehend eingeschränkt: Das Volk selbst erstellte eigentlich nur ein Namensverzeichnis, aus dem die Gemeindebeamten bestimmt wurden. Maßgebliche Posten in Politik und Verwaltung wurden zentral von oben besetzt. Mit der Konsularverfassung und Napoleons umfassender Macht war die Gewaltenteilung größtenteils aufgehoben. Wer wurde Napoleons ärgster Widersacher? Napoleons militärische Erfolge ließen das europäische Machtgefüge zerbrechen. Insbesondere Großbritannien, das sich traditionell als Garant des politischen Gleichgewichts sah, betrachtete den französischen Machtzuwachs mit Argwohn. Es unterstützte deshalb (ab 1793) verschiedene Koalitionen europäischer Staaten, zunächst gegen das revolutionäre, dann gegen das napoleonische Frankreich, das zur Verteidigung die Massen mobilisierte (allgemeine Dienstpflicht). Ein Jahr nach dem Frieden von Amiens, der den Zweiten Koalitionskrieg (1799 bis 1802) beendete, brachte der britische Premierminister William Pitt d. J. (reg. 1783 bis 1801 und 1804–1806) ein neues Bündnis mit Russland, Österreich und Schweden zustande, um vor allem den französischen Vorstößen in Übersee (Indien, Amerika) Einhalt zu gebieten. Im Dritten Koalitionskrieg (1805) blieb Napoleon zwar zu Lande ungeschlagen, errang bei Austerlitz gegen die verbündeten russischen und österreichischen Truppen gar einen glänzenden Sieg, zur See musste er sich aber der Überlegenheit der Briten beugen (Schlacht bei Trafalgar). Wie wollte Napoleon Großbritannien ausschalten? Mit einer Kontinentalsperre (1806) versuchte der Kaiser, Großbritannien wirtschaftlich unter Druck zu setzen; im französischen Herrschaftsgebiet wurde der Handel mit englischen Waren untersagt. Nach dem Vierten Koalitionskrieg (1806/07) wurde Russland im Frieden von Tilsit (1807) als neuer Bündnispartner dazu verpflichtet, die wirtschaftliche Isolierung der Briten in Skandinavien durchzusetzen. Wer sich der Kontinentalsperre widersetzte, wurde unterjocht: Portugal (1807–1811), Spanien (1808 erobert, Unabhängigkeitskrieg bis 1814), der Kirchenstaat (1809 aufgehoben) und Finnland (1808/09 von Russland erobert). Schweden wählte 1810 den französischen Marschall Jean-Baptiste Bernadotte zum Thronfolger (ab 1818 Karl XIV. Johann). Anschluss an Frankreich hatte zuvor ein Großteil der deutschen Staaten im Rheinbund (1806) gefunden. Das Kaiserreich Österreich geriet nach seiner Erhebung von 1809 vor allem durch die Niederlage bei Wagram in französische Abhängigkeit. Was geschah auf dem Russlandfeldzug? Als Ende 1810 Zar Alexander I. von Russland (reg. 1801–1825) die Kontinentalsperre durchbrach, weil die Wirtschaft seines Landes schwer darunter litt, marschierte Napoleon mit seiner Großen Armee aus ca. 600 000 Soldaten 1812 in Russland ein – nur ein Drittel davon waren Franzosen, der Rest Vasallen, u. a. aus Preußen und Österreich. Zunächst war er erfolgreich, doch zögerten die Russen eine Entscheidungsschlacht hinaus. Sie setzten Moskau in Brand, um dem Feind kein Winterquartier zu bieten, und überließen die Invasoren dem Schnee und der Kälte. Auf dem Rückzug wurde Napoleons Armee fast vollständig vernichtet – nach dem Übergang über die Beresina im November 1812 blieben ihm gerade noch 30 000 Mann. Wie begannen die Befreiungskriege? Der Anstoß für die Befreiungskriege gegen die napoleonische Vorherrschaft in Europa ging Ende 1812 von Preußen aus: Der Befehlshaber eines preußischen Hilfskorps schloss eigenmächtig einen Neutralitätsvertrag mit Russland, der Bevollmächtigte des Zaren vereinbarte daraufhin in Königsberg mit den ostpreußischen Ständen die Errichtung einer Landwehr. Der preußische König Friedrich Wilhelm III. (reg. 1797–1840) unterstützte diese Aktionen nachträglich, indem er im Frühjahr 1813 mit dem Zaren den Vertrag von Kalisch schloss. Österreich, Schweden und Großbritannien traten der neuen Koalition gegen Frankreich bei. Gemeinsam konnten sie die Völkerschlacht bei Leipzig (1813) für sich entscheiden und sogar Napoleons Herrschaft im eigenen Land ein Ende bereiten. Der Kaiser wurde auf die Insel Elba verbannt. Mit der Berufung des Bruders Ludwigs XVI. als Ludwig XVIII. (Reg. 1814–1824) begann die Zeit der Restauration. Der Feldzug gegen Frankreich endete mit dem Ersten Pariser Frieden (1814), der im Wesentlichen die Grenzen von 1792 wiederherstellte. Die Uneinigkeit der Sieger verleitete Napoleon 1815 zur Rückkehr. Es bedurfte nochmals vereinter Kräfte, um seine »Herrschaft der hundert Tage« zu beenden (Schlacht bei Waterloo). Im Zweiten Pariser Frieden (1815) wurde Frankreich auf seine Grenzen von 1790 (ohne das Saargebiet, aber mit dem Elsass) zurückgedrängt und zum Teil bis 1818 (Aachener Kongress) besetzt. Was wurde auf dem Wiener Kongress festgelegt? Der große Friedenskongress, der zwischen Oktober 1814 und Juni 1815 in Wien stattfand, beschloss die große Neuordnung Europas. Gestaltet wurde sie vor allem vom österreichischen Staatskanzler Clemens Fürst Metternich (1773–1859). Seine Grundprinzipien im Bemühen um ein neues Gleichgewicht der Mächte lauteten: Restauration (Wiederherstellung) der politischen Zustände vor der Französischen Revolution, Legitimität (Gesetzmäßigkeit) der Wiedereinsetzung der alten Dynastien und Solidarität der alten/neuen Herrscher bei der Bewahrung der wiedergewonnenen Stärke. Hauptgewinner hinsichtlich der territorialen Veränderungen waren Großbritannien, das mit den Stützpunkten Helgoland, Malta, der Kapkolonie und Ceylon seine Vorherrschaft zur See stärkte, und das russische Zarenreich: der nun stärksten Kontinentalmacht wurde neben Finnland und Bessarabien auch die Herrschaft über einen polnischen Rumpfstaat (Kongresspolen) zugestanden. Preußen musste sich mit der Rheinprovinz, Westfalen, dem nördlichen Teil von Sachsen, Westpreußen, Vorpommern und Posen zufrieden geben. Wie nutzte Napoleon militärische Erfolge für den politischen Aufstieg? Der am 15.8.1769 in Ajaccio geborene Sohn eines korsischen Advokaten (Buonaparte) wurde 1785 Leutnant der Artillerie und 1794 Brigadegeneral. Aus politischem Ehrgeiz trat er der französischen Bergpartei (Montagnards) bei und schlug im Oktober 1795 einen royalistischen Aufstand gegen den Konvent nieder. Das brachte ihm im Folgejahr den Oberbefehl über die französische Italienarmee ein. Nach großen Erfolgen wurden ihm auch Heere gegen Großbritannien (1797) und Ägypten (1798) anvertraut. Seine Herrschaft über Frankreich begann 1799 mit einem Triumphzug nach Paris, dem ein gewaltsamer Staatsstreich folgte, und endete 1814/15 mit der erzwungenen Abdankung und Verbannung. Der ebenso gefürchtete wie beliebte Staatsmann starb am 5.5.1821 auf der Insel St. Helena. Wussten Sie, dass … Napoleon bei der Wahl seiner politischen Vorbilder keineswegs bescheiden war? So eiferte er Alexander dem Großen, Julius Cäsar und Karl dem Großen nach. der Feldherr häufig Familienangehörige als Regenten in den Vasallenstaaten einsetzte? die Gebeine Napoleons seit 1840 im Pariser Pantheon ruhen? Wo wurden Tochterrepubliken und Vasallenstaaten errichtet? Von Frankreich in den Revolutions- bzw. napoleonischen Kriegen eroberte Gebiete wurden als Satellitenstaaten wie das Mutterland organisiert und regiert. So wurde aus den 1795 eingenommenen Vereinigten Niederlanden die Batavische Republik und 1806–1814 das Königreich Holland, aus der Schweiz 1798 die Helvetische Republik (bis 1803), aus der Republik Genua 1797 die Ligurische Republik (bis 1805), aus dem Herzogtum Mailand 1797 die Cisalpinische Republik (1802–1805 erweitert zur Italienischen Republik, ab 1805 Königreich Italien). Von Napoleon eingesetzte Herrscher regierten ab 1807 über die zum Königreich Westphalen zusammengefassten deutschen Gebiete westlich der Elbe mit Kurhessen, Brandenburg und Hannover, ab 1808 über das Königreich Spanien, ab 1809 über das zu Illyrischen Provinzen gemachte vormalige österreichische Staatsgebiet an der Adriaküste. Wussten Sie, dass … Napoleon nach seinem Tod 1821 von Literaten wie Victor Hugo, Percy Bysshe Shelley, Alexander Puschkin und Franz Grillparzer zunächst nur mit verächtlichen Versen bedacht wurde? die restaurative Politik den ehemaligen Kaiser der Franzosen aber bald als Symbol politischer Liberalität erscheinen ließ? Berühmtester Fürsprecher Napoleons in Deutschland wurde Heinrich Heine, der ihn im zweiten Band seiner »Reisebilder« mit antiken Helden verglich. Vom Deutschen Bund zur Revolution 1848: Für Einheit und Freiheit Wie kam es zur Gründung des Deutschen Bundes? Der Deutsche Bund wurde als loser Bund souveräner Einzelstaaten gegründet, der für das politische Gleichgewicht in Europa keine ernsthafte Bedrohung darstellte. Beschlossen wurde dies auf dem Wiener Kongress 1814/15 – initiiert vom österreichischen Staatskanzler Clemens Wenzel Fürst von Metternich (reg. 1809–1848), der sich von dem Modell einen friedlichen Dualismus von Österreich und Preußen erhoffte, waren doch beide mit einem Teil ihres Besitzes im Bund vertreten. Der Bund war nur eingeschränkt handlungsfähig. Statt über eine eigene Regierung oder eine demokratische Volksvertretung verfügte er nur über einen ständigen Kongress von weisungsgebundenen Delegierten aus den Mitgliedstaaten, der unter dem Vorsitz Österreichs stand: den ab 1815 in Frankfurt am Main über auswärtige, militärische und innere Angelegenheiten tagenden Bundestag (auch: Bundesversammlung). Warum wurden liberale Tendenzen unterdrückt? Liberale, demokratische und nationale Bestrebungen im Deutschen Bund wurden von Metternich generell als Gefahr für die innere Ordnung angesehen. Als einzelne Mitgliedstaaten, dazu aufgefordert durch Artikel 13 der Bundesakte, so genannte landständische Verfassungen einrichteten (u. a. 1816 Sachsen-Weimar, 1818 Bayern und Baden, 1820 Hessen-Darmstadt), wehrte sich Metternich dagegen mit der Schrift »Über den Unterschied zwischen landständischen und Repräsentativ-Verfassungen« (1819) und der ein Jahr später vorgelegten Wiener Schlussakte, die verfassungspolitische Liberalisierungen ausschließt. 1819 wurden die Karlsbader Beschlüsse getroffen, freie politische Äußerung war nicht mehr möglich, führende Liberale und Nationale wurden als Demagogen verfolgt. Wie sah das politische Spektrum aus? Die Politisierung Deutschlands war von der Französischen Revolution 1789 ausgegangen. Die uneingeschränkten Befürworter der Revolution nannten sich Demokraten oder Deutsche Jakobiner und versammelten sich nach französischem Vorbild in politischen Klubs. Darunter waren auch zahlreiche Studenten, die sich u. a. an den Universitäten von Stuttgart, Tübingen und Jena organisierten. Gegner einer revolutionären Radikalisierung bildeten ein liberales Lager. Zentren wurden Weimar und Jena, wichtige Sprecher waren Christoph Martin Wieland (1733–1813) und Friedrich Schiller (1759–1805). Gegner der Revolution traten als konservative Gruppierungen auf. Solche gab es etwa an der Universität Göttingen, auf Schloss Emkendorf in Holstein und als Mitarbeiterkreis der »Berlinischen Monatsschrift«. Wie agierten die politischen Parteien? Während der Restauration ab 1815 gewannen in Deutschland die konservativen Kräfte die Oberhand, die für die alte absolutistische Monarchie eintraten sowie Privilegien für Adel, Grundbesitzer und Geistlichkeit befürworteten. Dagegen opponierten vor allem im gebildeten Bürgertum Gruppen mit ihren Forderungen nach Freiheit und nationaler Einheit. Die Liberalen versuchten, ihre Ziele vornehmlich durch Reformen zu erreichen, und plädierten für eine konstitutionelle Monarchie. Die Demokraten hingegen suchten mit aller Macht (zur Not auch mit Gewalt) feudalherrschaftliche Strukturen aufzulösen und eine republikanische Verfassung einzuführen. Die liberale und demokratische Opposition formierte sich erstmals 1832 beim Hambacher Fest als öffentlicher Massenprotest. Was war der Zweck des Deutschen Zollvereins? Ein Etappenziel auf dem Weg zur deutschen Einheit wurde ab 1834 mit dem Deutschen Zollverein erreicht. Die Schaffung eines einheitlichen Binnenmarktes ohne Zollschranken und andere wirtschaftliche Hemmnisse entstand auf Initiative Preußens, dem an der Vereinfachung des Handels zwischen seinen beiden getrennten Staatsteilen im Osten und Westen Deutschlands gelegen war. Zunächst hatte Preußen 1818 die Zollgrenzen im Innern des eigenen Staates aufgehoben, 1828 war dann als nächster Schritt ein preußisch-hessischer Zollverein entstanden. 1834 kamen Bayern und Württemberg, die thüringischen Staaten und Sachsen hinzu. Bis 1854 traten alle Mitgliedstaaten des Deutschen Bundes mit Ausnahme von Österreich dem Zollverein bei. Dominierte Österreich den Deutschen Bund politisch, so dominierte ihn Preußen wirtschaftlich. Was war der Vormärz? Als Vormärz wird die Zeit zwischen der französischen Julirevolution von 1830 und der deutschen Märzrevolution von 1848 bezeichnet. Der mehrtägige Pariser Volksaufstand des Jahres 1830 beendete in Frankreich die Phase der Restauration unter König Karl X. (reg. 1824–1830): Der Monarch, der Einschränkungen der Pressefreiheit und des Wahlrechts erlassen und die gerade gewählte Kammer des Parlaments aufgelöst hatte, wurde gestürzt und durch den liberal gesinnten Herzog Louis Philippe von Orléans (als König Louis Philippe, reg. 1830–1848) ersetzt. Wie griff die Revolution auf Deutschland über? Die Julirevolution fand ein europaweites Echo, griff u. a. auf den katholischen Süden der Vereinigten Niederlande (1831 als Königreich Belgien unabhängig), die Schweiz, Mittelitalien und Polen über. Der nationale polnische Aufstand gegen die russische Herrschaft (1830/31) hatte unmittelbar mit Deutschland zu tun: Er wurde von Russland mit preußischer Hilfe blutig niedergeschlagen. In Braunschweig, Sachsen, Hannover und Kurhes