Am 15. Mai 2026 jährt sich zum 400. Mal der Geburtstag von Dominique Bouhours, einer Schlüsselfigur im intellektuellen Leben des Grand Siècle. Der französische Jesuitenpriester war nicht nur Theologe und Historiker, sondern vor allem ein scharfsinniger Sprachkritiker, dessen Vorstellungen von Eleganz und Klarheit die französische Literatursprache nachhaltig formten. Seine Schriften beeinflussten Größen wie Nicolas Boileau, Jean Racine und Jean de La Bruyère – Autoren, die heute als Klassiker der Weltliteratur gelten.
Ein Jesuit zwischen Gelehrsamkeit und Sprachkultur
Dominique Bouhours wurde 1626 in eine Zeit hineingeboren, in der Frankreich unter Ludwig XIII. und später Ludwig XIV. kulturell wie politisch zur dominierenden Macht Europas aufstieg. Als Mitglied des Jesuitenordens erhielt Bouhours eine umfassende humanistische Bildung und lehrte zunächst Rhetorik und klassische Sprachen. Doch sein Interesse galt nicht nur der Vermittlung antiker Texte, sondern der zeitgenössischen französischen Sprache selbst. In seinen Dialogen und Essays entwickelte er Kriterien für das, was er als "bon usage" – den guten Sprachgebrauch – bezeichnete: eine Verbindung von Klarheit, Natürlichkeit und distinguierter Eleganz.
Seine bekanntesten Werke, darunter "Les Entretiens d'Ariste et d'Eugène" (1671) und "La Manière de bien penser dans les ouvrages d'esprit" (1687), sind keine trockenen Grammatiken, sondern stilistisch durchkomponierte Gespräche über Geschmack, Witz und sprachliche Feinheit. Bouhours analysierte dabei nicht nur französische, sondern auch italienische und spanische Literatur und positionierte Frankreich selbstbewusst als neue kulturelle Leitinstanz Europas.
Sprachnormierung und die Geburt des klassischen Stils
Bouhours' Bedeutung liegt weniger in theologischen Innovationen als in seiner Rolle als Sprachtheoretiker. Er gehörte zu jenen Gelehrten des 17. Jahrhunderts, die aktiv an der Standardisierung und Nobilitierung der französischen Sprache arbeiteten – parallel zur Académie française, die 1635 gegründet worden war. Seine Überlegungen zum "je ne sais quoi", jenem unerklärlichen Etwas, das gelungene Literatur auszeichnet, wurden zu einem Schlüsselbegriff der Ästhetik. Damit prägte er nicht nur die Literaturproduktion seiner Zeit, sondern auch die Rezeptionsästhetik späterer Jahrhunderte.
Für die Wissenschaftsgeschichte ist Bouhours ein Beispiel dafür, wie eng Sprachentwicklung und Wissensvermittlung miteinander verwoben sind. Die Forderung nach Klarheit und Präzision im Ausdruck, die er für die Literatur formulierte, wurde auch zur Norm wissenschaftlicher Prosa – ein Erbe, das bis in heutige Fachpublikationen nachwirkt.
Warum Bouhours heute noch von Bedeutung ist
In einer Zeit, in der Debatten über Sprachpflege, Gender-Gerechte Formulierungen und die Dominanz des Englischen die Öffentlichkeit bewegen, lohnt der Blick auf Bouhours. Seine Arbeit zeigt, dass Sprachnormierung stets ein Aushandlungsprozess ist, der gesellschaftliche Machtverhältnisse widerspiegelt. Zugleich mahnt sein Werk zur Vorsicht vor übermäßiger Rigidität: Bouhours selbst suchte das Gleichgewicht zwischen Regelwerk und lebendiger Sprachpraxis.
Der 400. Geburtstag bietet Anlass, den Beitrag dieses Jesuiten zur europäischen Geistesgeschichte neu zu würdigen – nicht als museale Figur, sondern als Denker, dessen Fragen nach Verständlichkeit, Eleganz und kultureller Identität durch Sprache hochaktuell geblieben sind.
