Am 3. Juni 1626 verstarb Juan de Oñate y Salazar, eine der umstrittensten Figuren der spanischen Kolonialgeschichte in Nordamerika. Vierhundert Jahre nach seinem Tod lohnt der Blick auf einen Mann, dessen Wirken die Grundlagen für die europäische Besiedlung des amerikanischen Südwestens legte – und der zugleich für brutale Gewalt gegen die indigene Bevölkerung verantwortlich war. Seine Biografie spiegelt exemplarisch die Widersprüche der Kolonialzeit wider.
Vom Konquistador zum Kolonialgouverneur
Juan de Oñate entstammte einer wohlhabenden Familie in Neu-Spanien, dem heutigen Mexiko. Sein Vater hatte als einer der frühen Eroberer zu Reichtum durch Silberminen gelangt. Diese privilegierte Herkunft ermöglichte es Oñate, 1598 eine umfangreiche Expedition zu organisieren, die den Rio Grande nach Norden folgte und das Gebiet des heutigen New Mexico für die spanische Krone in Besitz nahm. Er wurde zum ersten Gouverneur der Provinz Santa Fe de Nuevo México ernannt und gründete Siedlungen, die zu den ältesten europäischen Niederlassungen im Gebiet der heutigen USA zählen.
Die Expedition umfasste mehrere hundert Kolonisten, Soldaten und Missionare sowie tausende Nutztiere. Oñate etablierte ein System von Missionen und versuchte, die pueblobewohnenden indigenen Völker zu unterwerfen und zu christianisieren. Sein Herrschaftsstil war jedoch selbst nach den Maßstäben seiner Zeit von extremer Härte geprägt.
Das Massaker von Acoma und seine Folgen
Im Januar 1599 ereignete sich die blutigste Episode von Oñates Gouverneurszeit: Nach einem Konflikt in der Pueblo-Siedlung Acoma, bei dem mehrere Spanier getötet wurden, ließ Oñate das Dorf erobern und anschließend ein grausames Strafgericht durchführen. Hunderte Acoma wurden getötet, Überlebende versklavt, erwachsenen Männern wurde ein Fuß amputiert. Diese Vergeltungsmaßnahme sollte abschreckend wirken, doch sie löste auch in der spanischen Kolonialverwaltung Kritik aus.
1606 wurde Oñate seines Amtes enthoben und musste sich in Mexiko-Stadt vor Gericht verantworten. Er wurde wegen Grausamkeit und Amtsmissbrauch verurteilt, doch die Strafen blieben mild. Später erhielt er sogar königliche Ehrungen für seine Dienste als Entdecker. Er verbrachte seine letzten Jahre in Spanien, wo er 1626 verstarb.
Ein umstrittenes Erbe in der Gegenwart
Juan de Oñate bleibt eine zutiefst ambivalente Gestalt. Für die Geschichtsschreibung ist er bedeutsam als Pionier der europäischen Expansion in Nordamerika, dessen Expeditionen geografische Kenntnisse erweiterten und dauerhafte Siedlungsstrukturen schufen. Gleichzeitig steht er für die gewaltsame Unterwerfung indigener Völker und die Brutalität des Kolonialismus.
In den USA ist sein Andenken heute höchst umstritten. Während einige Denkmäler seine Rolle als Gründerfigur würdigen, wurden andere in den letzten Jahren entfernt oder beschädigt – ein Zeichen dafür, wie kontrovers die Bewertung kolonialer Geschichte geblieben ist. Die Auseinandersetzung mit Oñates Wirken zeigt exemplarisch, wie wichtig eine differenzierte historische Betrachtung ist, die sowohl die faktischen Leistungen als auch die moralischen Verfehlungen historischer Akteure in den Blick nimmt.
