Völkerwanderung
Gesellschaft und Kultur der Völkerwanderungszeit sind nur z. T. aus schriftlichen Quellen zu erschließen; ihre genauere Kenntnis vermitteln die archäologischen Hinterlassenschaften der germanischen Völker, insbesondere Grabausstattungen. Archäologisch endet die Völkerwanderungszeit erst mit dem Ende der Reihengräberzivilisation im fränkischen Bereich, als man im 8. Jahrhundert vom Brauch der Grabbeigaben abkam.
Im 5. und 6. Jahrhundert zeigt die Kultur der Völkerwanderungszeit in Europa mehrere Formengruppen, die sich im Kern den führenden germanischen Stämmen zuschreiben lassen. Vom 6. bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts ist sie, besonders in den westlichen germanischen Gebieten, von der merowingischen Kultur bestimmt. Sie ist vorwiegend aus den Funden der Reihengräber bekannt, der allgemein üblichen Bestattungsart in völliger Bekleidung, die Frauen mit Schmuck, die Männer mit Waffen versehen. Die Gräber des hohen Adels heben sich durch ihre prächtige Ausstattung von den übrigen ab (z. B. das Childerichgrab ).
Schwerter und Schwertscheiden, Helme, Gürtel- und Riemenschnallen, Fibeln, Ringe und Armreifen sind oft kunstvoll gearbeitet und vielfach mit flächenbedeckenden Ornamenten in Guss- und Treibarbeit verziert unter Verwendung von Halbedelstein-(Almandin-)Einlagen, Zellverglasung und Granulation. Die oft halbplastisch angebrachten Tierornamente wurden im Lauf der Zeit immer mehr ornamental bis zur Unkenntlichkeit aufgelöst (Tierstil). Aus der Holzschnitzerei (Kerbschnitt, Drechselei) wurde eine kerbschnittartige Oberflächengestaltung auf das Metall übertragen. Die besonders in westlichen Gebieten (auf den Britischen Inseln) weiter tradierten keltischen Muster gewannen für die Buchmalerei des Mittelalters große Bedeutung.