Droht uns das digitale Vergessen?
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Droht uns das digitale Vergessen?

Bild: Foto: Unknown authorUnknown author, CC0, via Wikimedia Commons

Ein Großteil unseres Lebens spielt sich heute digital ab: Wir speichern unsere Fotos und Dokumente auf dem Rechner oder in der Cloud, kommunizieren über sozialen Medien und selbst Kunst oder wissenschaftliche Errungenschaften bestehen heute oft aus Bits und Bytes. Doch all diese digitalen Daten sind vergänglich – und könnten schon in wenigen Jahrzehnten für immer verloren sein.

Unser Bild vergangener Zeiten ist von dem geprägt, was überdauert hat: Höhlenmalereien verraten uns, was die Steinzeitmenschen jagten und woran sie glaubten. Mittelalterliche Manuskripte und alte Bücher zeugen vom Wissen und den Erfahrungen unserer Vorfahren. Und die in Ton geritzten Keilschriftzeichen oder Hieroglyphen helfen uns, vergangene Kulturen zu verstehen.

Doch was, wenn es all diese historischen Zeugnisse nicht gäbe? Ein großer Teil des kulturellen Erbes der Menschheit wäre dann unbekannt – für immer verloren. Genau das aber könnte vielen Erkenntnissen und kulturellen Errungenschaften unserer heutigen Zeit blühen. Denn ein großer Teil unseres Lebens, unserer Kunst und unserer Wissenschaft findet heute in der digitalen Welt statt. Doch so praktisch digitale Daten im alltäglichen Umgang sind – für die Archivierung über lange Zeiträume hinweg taugen sie nichts.

"Zerbröselnde" Bits

Einer der Gründe dafür: Daten, die auf digitalen Trägermedien gespeichert sind, degradieren im Laufe der Zeit. So können Umwelteinflüsse wie Licht oder Magnetfelder dazu führen, dass Bits auf Magnetbändern, Disketten und Festplatten zerstört oder verändert werden. Als Folge ist im Extremfall die gesamte Datei unlesbar – und die Information damit verloren.

Nach bisherigen Erkenntnissen halten Daten auf optischen Speichermeiden wie CD-ROMs oder DVDs zwischen fünf und rund 100 Jahren – optimale Bedingungen vorausgesetzt. Magnetbänder, USB-Sticks und andere Flash-Speicher bleiben wahrscheinlich rund 30 Jahre lesbar. Die Festplatten in unseren Rechnern, aber auch externe Festplattenspeicher halten maximal zehn Jahre, wenn sie häufiger genutzt werden. Ungenutzt liegt ihre Lebensdauer nach Expertenschätzungen bei rund 30 Jahren.

Wenn das passende Gerät fehlt

Ein weiterer Grund: Digitale Daten sind nur mit entsprechender Hard- und Software lesbar. Doch die Standards ändern sich im Laufe der technischen Entwicklung sehr schnell. Eine Floppy-Disk oder das Magnetband eines alten Datenspeichers beispielsweise sind für die meisten heutigen Computer schon nicht mehr lesbar: Es fehlt das passende Disketten-Laufwerk und auch viele der in den 1980er und 1990er Jahren verbreiteten Programme gibt es gar nicht mehr.

Schon bei ehemals gängigen Programmen wie dem Tabellenkalkulationsprogramm Lotus 1-2-3 oder Word für DOS lassen sich die Informationen oft nur noch mit speziellen "Übersetzungsprogrammen" auslesen. Bei weniger verbreiteten Formaten gibt es solche Programme jedoch häufig nicht. In ähnlicher Weise könnten unsere heutigen Festplatten und USB-Sticks, aber auch die gängigen Dateiformate schon in wenigen Jahrzehnten komplett überholt sein. Die von uns heute so sorgsam gespeicherten Erkenntnisse, Erinnerungen oder Kunstwerke wären dann verloren.

Wie können die Daten überdauern?

Was aber kann man tun? Sollen digitale Daten auf Dauer erhalten bleiben – beispielsweise als Foto-oder Dokumentenarchive für die Nachwelt, dann bleibt bisher nur eine Lösung: ständiges Kopieren und Aktualisieren. Große Archive müssen daher ihre Datenbestände ständig kontrollieren, auf neue Datenträger umkopieren und bei Bedarf auch in neue Format konvertieren. Das allerdings ist ein enormer Aufwand – und eine Arbeit ohne absehbares Ende.

Bei einigen Daten, wie beispielsweise Computerspielen oder digitalen Kunstwerken, geht man einen anderen Weg. Sie werden nicht konvertiert, sondern bleiben in ihrem Originalformat – obwohl es veraltet ist. Um die Informationen trotzdem lesen zu können, rekonstruiert man die ursprüngliche Hard- und Softwareumgebung virtuell. Auf einem Rechner der neuesten Generation läuft dann beispielsweise ein alter Atari, das Betriebssystem MS-DOS oder die Anwendung Wordperfect 1.0. Allerdings: Auch diese Emulationsprogramme sind irgendwann veraltet – und müssen dann konvertiert und aktualisiert werden. Damit ist klar, dass das digitale Archivieren ständige Arbeit und einen enormen Aufwand erfordert. Einmal abspeichern und dann einfach vergessen funktioniert nicht.

Was bleibt von uns?

Das Problem dabei: Diesen Aufwand können heute nur fast nur große Archive betreiben. Um die Daten von uns Privatmenschen jedoch müssten wir uns selbst kümmern – oder unsere Nachkommen. Passiert dies nicht, werden unsere Erinnerungen, Fotos und Botschaften für immer im Datennirvana verschwinden. Und selbst, wenn wir uns die Mühe machen: Tatsächlich gepflegt wird sicher immer nur ein kleiner Teil der Daten. Oder wann haben Sie zuletzt ihre komplette Sammlung digitaler Fotos kontrolliert und kopiert?

Im Extremfall könnte es daher sein, dass unsere heutige Zeit für die Menschen der Zukunft eine dunkle Ära sein wird: Ein Zeitalter, von dem nur spärliche Zeugnisse erhalten sind.

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