Faszination Bonsai: Wie ist es der fernöstlichen Kunst der Baumgestaltung gelungen, weltweit so viele Menschen in ihren Bann zu ziehen? Die Pflege der Miniaturbäume verlangt Geduld, Wissen und Hingabe – und wird in Asien seit Jahrhunderten mit großer Hingabe betrieben.
Der berühmte Bonsai Chiyo no Matsu im Omiya Bonsai-Dorf ist rund 500 Jahre alt, ein Ficus im Crespi Bonsai Museum sogar über 1000 Jahre. Die Bonsai-Pflege ist eine lebendige Tradition, die ihre Wurzeln in der chinesischen Philosophie hat und sich in Japan zu einer eigenständigen Kunstform entwickelt hat.
Die Ursprünge der Bonsai-Kultur in China
Der Name Bonsai ist vielen ein Begriff. Wörtlich übersetzt bedeutet er „Pflanzung in einer Schale". Doch es gibt einen historischen Vorläufer dieser asiatischen Kunstform, der mehrere Jahrhunderte älter ist: Penjing. Übersetzt heißt das in etwa „Landschaft im Topf". Buddhistische Mönche in China gestalteten damit kleine Landschaften mit Bäumen, Pflanzen, Felsen und manchmal auch Figuren oder Gewässern.
Aus der Tang-Dynastie (ab 618 n. Chr.) stammen die ältesten bekannten Miniaturlandschaften. Die Kunstform entwickelte sich kontinuierlich in den folgenden Jahrhunderten weiter. Bemerkenswert ist, dass Penjing und später auch Bonsai nicht als bloße Dekoration gedacht waren, sondern eine spirituelle und meditative Komponente besaßen. Sie standen für die Harmonie zwischen Mensch und Natur und spiegelten philosophische Vorstellungen wider.
Wie Bonsai in Japan zur eigenständigen Kunstform wurde
Der kulturelle Austausch zwischen China und Japan während der Heian-Periode (ab 794 n. Chr.) brachte Penjing nach Japan. Hier entwickelte sich eine eigenständige Kultur: Der Bonsai. Er konzentrierte sich auf die kunstvolle Formung eines einzelnen Baumes in einem flachen Gefäß. Mönche, Adlige und später auch Krieger kultivierten diese Form der Baumgestaltung.
Der Zen-Buddhismus hatte und hat einen entscheidenden Einfluss auf die Bonsai-Praxis in Japan. Zen lehrt, im Moment zu leben und intuitiv die Umgebung zu erfassen. Diese Haltung findet sich in der Bonsai-Pflege wieder, bei der Beobachtung, Achtsamkeit und das Erkennen natürlicher Wachstumsmuster im Mittelpunkt stehen. Nach dem Zen-Gedanken ist jeder Bonsai Ausdruck der Natur und zugleich eine Übung in Geduld und Konzentration.
Die Entstehung typischer Bonsai-Stile
Die Bonsai-Kultur zeigt eine Eigenschaft, die typisch für japanische Kunstformen ist: Die Konzentration auf das Wesentliche, das sich in zahlreichen Varianten ausdrückt. Beim Bonsai bedeutet das: Das Wachstum wird in eine von verschiedenen Grundformen gelenkt, der klassische Stilrichtungen zugrunde liegen.
Die frei aufrechte Form (Moyogi) zählt zu den häufigsten. Hier weist der Stamm natürliche Windungen auf.
Streng aufrecht (Chokkan) zeichnet sich durch einen kerzengeraden Stamm aus.
Bei der Besenform (Hokidachi) kommt eine buschige Krone hinzu.
Ein Shakan-Bonsai hat einen geneigten Stamm, ein Fukinagashi-Bonsai waagrechte Äste, die an windgepeitschte Bäume erinnern.
Zeigen die Baumspitze nach unten, handelt es sich um eine Kaskade (Kengai) oder eine Halbkaskade (Han-Kengai).
Es gibt Bonsais mit Doppelstamm (Sokan) und drei oder mehr Stämmen (Kabudachi).
Für eine Waldpflanzung (Yose-ue) wird eine ungerade Anzahl Bäumchen der gleichen Art in eine Schale gepflanzt.
Bei den Formen Ishi-Tsuki und Seki-Joju wachsen die Bäume an oder auf einem Felsen.
Ein Bonsai ist ein harmonisches Gesamtkunstwerk. Damit er natürlich wirkt, sind Asymmetrien gewünscht, etwa eine Krone in Form eines ungleichschenkligen Dreiecks. Der Gestaltungsstil folgt dem individuellen Charakter eines jeden Baumes, es werden seine Besonderheiten herausgearbeitet.
Von Japan in die Welt: Bonsai damals und heute
Im 19. Jahrhundert weckte die Bonsai-Kultur das Interesse der westlichen Welt. In Amerika waren beispielsweise auf der Weltausstellung in Philadelphia 1876 die ersten japanischen Bonsais zu sehen. In Europa präsentierte Japan einige Bonsai-Bäumchen auf der Pariser Weltausstellung von 1878. Nach dem Zweiten Weltkrieg verstärkte sich die Begeisterung für Bonsai weltweit, und die Kunst der Baumgestaltung fand ihren Weg in zahlreiche Länder.
Weltweit kann jeder, der sich für die Bonsai-Kultur interessiert, eine Vereinigung oder einen Verein mit Gleichgesinnten finden. Die Mitglieder tauschen Erfahrungen aus und bieten Bonsai-Interessierten die Möglichkeit, die Grundlagen zu erlernen. Daneben werden fertig zusammengestellte DIY-Bonsai-Anzuchtsets angeboten, die auch den Einstieg erleichtern. Zum Lieferumfang der sorgfältig zusammengestellten Komplett-Sets gehören neben den Samen alle notwendigen Materialien wie Schale, Erde, Werkzeug und eine detaillierte Anleitung.
Eine jahrhundertealte Tradition, die weiterwächst
Die Bonsai-Kultur hat eine einzigartige Entwicklung durchlaufen. Ihre Anfänge als kunstvolle Miniaturlandschaft sind tief in der chinesischen Philosophie verwurzelt, in Japan wurde sie zu einer eigenständigen Kunstform. In unserem modernen Alltag sind Bonsais ein Symbol für Entschleunigung und Verbundenheit mit der Natur. Sie verbinden Vergangenheit und Gegenwart, Natur und Kunstfertigkeit und faszinieren Menschen auf allen Kontinenten.



