Shitstorms
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Bild: Foto: www.Pixel.la Free Stock Photos, CC0, via Wikimedia Commons

39 Cent reichten aus, um am 6. August 2012 eine Lawine ins Rollen zu bringen. Die Preiserhöhung des Cheeseburgers bei McDonald’s von einem auf 1,39 Euro ist für Facebook-User Kevin K. „die größte Frechheit überhaupt“, und er fragt sich nach einem Schwall von Schmähungen, was zum Teufel denn die Begründung dafür sei. Die Folge: 86.714 mal „Gefällt mir“ und rund 7.000 Kommentare in nur wenigen Tagen. Kevin erntet aber nicht nur Zusprüche. So schreibt ein User: Fleisch sollte noch teurer werden, damit das nicht in Massen weitergefressen werde. Und prompt ist eine Grundsatzdiskussion entfesselt, die mit dem eigentlichen Thema gar nichts mehr zu tun hat. Ein häufiges Phänomen von Shitstorms.

„Ich hasse euch!“

39 Cent reichten aus, um am 6. August 2012 eine Lawine ins Rollen zu bringen. Die Preiserhöhung des Cheeseburgers bei McDonald’s von einem auf 1,39 Euro ist für Facebook-User Kevin K. „die größte Frechheit überhaupt“, und er fragt sich nach einem Schwall von Schmähungen, was zum Teufel denn die Begründung dafür sei. Die Folge: 86.714 mal „Gefällt mir“ und rund 7.000 Kommentare in nur wenigen Tagen. Kevin erntet aber nicht nur Zusprüche. So schreibt ein User: Fleisch sollte noch teurer werden, damit das nicht in Massen weitergefressen werde. Und prompt ist eine Grundsatzdiskussion entfesselt, die mit dem eigentlichen Thema gar nichts mehr zu tun hat. Ein häufiges Phänomen von Shitstorms.

Hasstiraden mussten kurz zuvor auch die Textilkette H&M wegen einiger Probleme beim Lieferservice, Vodafone wegen einer falschen Rechnung und das Pro7-Format „Galileo“ über sich ergehen lassen. Hier verkündete ein Zuschauer: „Diese Sendung ist der hirnverbrannteste, schlecht recherchierteste (sic!), dümmste Dreck.“ Seinem Beitrag fügte er noch die Botschaft hinzu: „Ich hasse euch!“ Auch ihm folgten laut Webportal „T3N Magazin“ 100.000 Zustimmungen und mehr als 10.000 Kommentare. Darunter die Aussage: „Da sieht man wieder, was Geld aus Leuten macht, in diesem Falle asoziale, reiche Ärsche, die auf die Empfindlichkeit des Gehirns gehörig scheißen!“

Nicht alles ist Shitstorm

Was bewegt die Community dazu, derartige Wutwellen durchs Netz schwappen zu lassen? Im Fall von „Galileo“ zumindest hätte es gereicht, den Ausschalter zu betätigen oder ein anderes Programm zu wählen. Glaubt man den Worten von Buchautor und Journalist Sascha Lobo auf „Spiegel Online“, ist noch einigermaßen ungeklärt, was einen Shitstorm ausmacht und wo er beginnt. Zwar handle es sich um einen Empörungsbrand in sozialen Medien und durch soziale Medien. Aber seit der Begriff – im Übrigen Anglizismus des Jahres 2011 – politisch in Mode gekommen sei, beklage jeder Vizekreisvorsitzende schon einen Shitstorm, wenn nur jemand auf Twitter etwas ruppig nach der Uhrzeit frage. Tatsächlich ist auch nicht alles Shitstorm, was Medien und Lobbyverbände dazu machen. Beanspruchen sie doch das Recht, öffentlichen Druck zu erhöhen, für sich und wähnen sich gern bei jedem Gruppenprotest bereits als Sturmopfer.

Für eine Ursache der wahren Stürme, die schon bei geringen Anlässen entstehen und Tausende mit sich reißen, hält Lobo die Missgunst – eine „nervige Bekannte“ und die vielleicht deutscheste aller negativen Haltungen. Demnach sei der Spontan-Shitstorm die Internetvariante der uralten Klage über „die da oben“, die eh nur tun, was sie wollen, oder „die da unten“, die uns ja nur ausnutzen wollen.

Bekannte Shitstorms

Nicht immer zwingen Shitstorms ihre Opfer in die Knie – wie bei McDonald’s der Fall. Einige profitieren auch davon. Beispiel: Die Eltern der jungen Amerikanerin Rebecca Black lassen 2011 für teures Geld ein Gesangsvideo ihres 13-jährigen Sprösslings drehen und laden es auf YouTube hoch. Ein Sturm von Beleidigungen, den das Mädchen daraufhin über sich ergehen lassen muss, verhilft ihr zur erwünschten Wahrnehmung, und ihr Song „Friday“ erntet über 40 Millionen Klicks. Das bringt Rebecca einen Plattenvertrag ein.

Vielleicht ergeht es Sarah Kuttner mit dem Verkauf ihres Buches „Wachstumsschmerzen“ ähnlich. Nach vermeintlich rassistischen Äußerungen während einer Lesung in Hamburg im Mai 2012 regnet es trotz Erklärungen und Beteuerungen böse Facebook-Kommentare und hasstriefende Tweets.

Lustig beginnt es, nachdem die Firma Henkel im Frühjahr 2011 aufgerufen hat, für ihr Spülmittel Pril ein Logo zu entwerfen: Ein Großteil der Netzgemeinde sendet die absurdesten Vorschläge ein. Im Wutschwall endet es, als Henkel die Vorschläge nicht annimmt, obwohl sie von der Gemeinde als die besten gekürt wurden.

Selbst Lichtgestalt des Basketballs und Publikumsliebling Dirk Nowitzky sieht sich der Entrüstung von Vegetariern ausgesetzt, weil er in der Werbung für die Bank ING-DiBa eine Wurstscheibe verzehrt. Wer auch immer sich in der Öffentlichkeit bewegt, so scheint es, ist vor Shitstorms nicht gefeit. Die Meute wartet nur auf einen Anlass – wenn sie ihn denn überhaupt braucht.

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