Soziale Medien gehören längst zu unserem Online-Alltag und nehmen einen großen Teil unserer Freizeit ein. Besonders die "Digital Natives" – junge Menschen, die mit dem Internet aufgewachsen sind – kommunizieren über soziale Netzwerke. Doch es ist ein zweischneidiges Schwert: Während "Likes" auf unser Gehirn so positiv wie Schokolade wirken, können zu viele Facebook-Freunde sogar Stress auslösen.
Kein Wunder, dass sich viele Eltern Sorgen machen, wenn ihre Kinder stundenlang in den sozialen Medien posten und kaum mehr ihren Blick vom Smartphone zu heben scheinen: Ist das noch gesund und normal? Oder muss ich befürchten, dass mein Kind abhängig von diesen Medien ist? Können WhatsApp, Instagram und Co. überhaupt süchtig machen?
Eine Studie liefert jetzt Antworten. Im Auftrag der DAK-Krankenkasse und des Deutschen Zentrums für Suchtfragen (DZSKJ) am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) wurden 1.001 Jugendliche zwischen zwölf und 17 Jahren befragt. Als Grundlage diente die „Social Media Disorder Scale“, ein Fragebogen aus neun Fragen. Werden fünf davon mit "ja" beantwortet, besteht nach Angaben der Forscher eine Sucht.
Fast drei Stunden am Tag auf Whatsapp und Co.
Eines scheint sich zu bestätigen: Jugendliche verbringen besonders viel Zeit in den sozialen Netzwerken. Wie die Studie ergab, sind 85 Prozent aller Jugendlichen jeden Tag der Woche auf Social Media unterwegs. Und dieser Anteil steigt mit dem Alter noch weiter. Von den Kindern zwischen 16 und 17 Jahren nutzen schon über 90 Prozent Facebook und Co. täglich.
Dabei gibt es allerdings leichte Unterschiede zwischen den Geschlechtern: Mädchen verbringen mit drei Stunden pro Tag etwas mehr Zeit in der digitalen Welt als Jungen, die 2,5 Stunden pro Tag online sind. Das absolute Lieblingsmedium ist bei beiden Whatsapp, mit weitem Abstand vor Instagram, Snapchat und Facebook.
Die Sucht und ihre Folgen
Doch was passiert, wenn Kinder und Jugendliche so viel vor dem Bildschirm hängen? "Je länger und häufiger die Kinder und Jugendlichen online sind, desto höher ist das Suchtrisiko", sagt Rainer Thomasius, Leiter des Zentrums für Suchtfragen. Der Studie nach hatten immerhin 2,6 Prozent der Befragten bereits eine Sucht nach Social Media entwickelt – hochgerechnet entspricht das etwa 100.000 Teenagern in Deutschland. Mädchen sind mit 3,4 Prozent etwas häufiger betroffen als Jungen mit 1,9 Prozent.
Was aber bedeutet das konkret? Klar ist: Die Zeit, die jemand am Smartphone oder vor dem Computer verbringt, ist allein noch kein eindeutiges Anzeichen für eine Sucht nach dem Internet oder Social Media. Bedenklich aber wird es, wenn Jugendliche beginnen, andere Interessen wie Freunde, Sport oder Hobbys komplett zu vernachlässigen, und sich von der analogen Welt abkapseln und in die virtuelle Welt fliehen. Hinzu kommen Entzugserscheinungen: Betroffene sind gereizt, unruhig und traurig, wenn sie nicht online gehen können.
Viele zeigen erste Anzeichen
Doch es muss nicht immer gleich eine komplette Sucht vorliegen. Der Test brachte bei vielen Befragten – wenn auch noch nicht süchtig – schon erste Anzeichen einer Störung zu Tage. So haben acht Prozent der Teenager nur noch online Kontakt zu ihren Freunden. Das führt dann auch zum Streit in der analogen Welt. Jeder Vierte kriegt sich wegen zu viel Internet manchmal oder auch häufig mit den Eltern in die Haare. Fast jeder Fünfte bekommt deswegen auch zumindest manchmal nicht genug Schlaf.
Ein bisschen erinnert das Verhalten an Drogensüchtige: Ein Teil der Kinder nutzt soziale Medien heimlich oder um nicht an unangenehme Dinge denken zu müssen. 14 Prozent können nach eigenen Angaben nicht damit aufhören, obwohl andere ihnen sagten, dass sie dies dringend tun müssen. 13 Prozent der Jugendlichen sind unglücklich, wenn sie nicht surfen können, und fünf Prozent tun dies lieber, als einem Hobby nachzugehen.
Auf ein gesundes Maß kommt es an
Eltern müssen sich aber nicht immer Sorgen machen: Soziale Medien machen nicht automatisch süchtig. In Maßen genutzt, können sie sogar positive Effekte haben, sagt Thomasius. Sie dienen beispielsweise der Identitätsbildung junger Menschen. So können sie dort ihre Selbstdarstellung und Kommunikation erproben und schnelles Feedback von Gleichaltrigen bekommen – egal wo sie wohnen und ohne Aufsicht der Erwachsenen. Dadurch schaffen sie sich ihren eigenen, selbstbestimmten Gestaltungsraum.
Gefahr Depression
Nutzen die Heranwachsenden diesen Raum aber zu exzessiv, ist die Gesundheit in Gefahr. Wer von sozialen Medien abhängig ist, hat ein 4,6-fach höheres Risiko, an einer Depression zu erkranken, als Nicht-Süchtige, wie die Studie ergab. Schon jetzt klagt jeder dritte Social-Media-Süchtige über Symptome einer Depression. „Über Ursache und Wirkung haben wir noch keine Erkenntnisse“, relativiert aber der Suchtexperte. „Natürlich kann es auch sein, dass sich depressive Kinder und Jugendliche häufiger in die virtuelle Welt zurückziehen und deshalb ein Suchtverhalten entwickeln."
Digitale Entgiftung
Doch wie soll die Suchtgefahr eingedämmt werden? Der Suchtexperte Thomasius plädiert für mehr Aufklärung und einen verstärkten Jugendschutz. „Eltern, Lehrer und Erzieher brauchen Unterstützung, damit sie Kinder auf ihrem Weg zu medienkompetenten Anwendern begleiten“, sagt Thomasius. „Außerdem muss der Jugendschutz durch strenge Regeln für die Anbieter sozialer Medien gestärkt werden. Auch technische Lösungen zur Selbstbeschränkung sind sinnvolle Instrumente, um das Konsumverhalten besser zu kontrollieren.“
Viele Betroffene setzen diese Ratschläge bereits in die Tat um: Die Gegenbewegung "Digital Detox" – digitale Entgiftung – will der Mediensucht an den Kragen. In Digital-Detox-Urlauben bezahlen vor allem junge Erwachsene viel Geld, um ihr Handy wenigstens für ein paar Tage aus der Hand legen zu können. Man muss aber nicht weit wegfliegen, es geht auch im Alltag. Digital-Detox-Apps, wie Qualitytime oder Offtime, zeichnen auf, wie oft das Handy für was genutzt wird. Die Erkenntnis, dass man das Handy heute schon drei Stunden genutzt und den Bildschirm 100 Mal entsperrt hat, wirkt dann schon ernüchternd.




