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Wie verständlich sind die aktuellen Wahlprogramme?

Am 23. Februar findet die vorgezogene Bundestagswahl statt. Dazu haben die Parteien bereits mehrseitige Wahlprogramme veröffentlicht, die uns davon überzeugen sollen, für sie zu stimmen. Aber wie verständlich sind diese Wahlprogramme? Und was könnten die Folgen eines schlecht verständlichen Wahlprogramms sein?
SSC, 07.02.2025
Frau mit irritiertem Gesichtsausdruck vor einem Laptop

© Pheelings Media, iStock

Nachdem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier den Bundestag Ende Dezember aufgelöst hat, befinden sich die Parteien nun mitten im Wahlkampf. Um sich bei der Wahlentscheidung unterstützen zu lassen, konsultieren viele Bürger den gestern freigeschalteten Wahl-O-Mat der Bundeszentrale für politische Bildung. Wenn man dort 38 politische Thesen mit „stimme zu“, „stimme nicht zu“ oder „neutral“ beantwortet, zeigt das Online-Tool einem auf, wie gut man ideologisch mit den verschiedenen Parteien harmoniert. Einen direkten Blick in die  Wahlprogramme der Parteien scheuen viele hingegen, weil sie dort komplexe und umständliche Formulierungen erwarten. Zurecht?

In der Kürze liegt die Würze?

Die Universität Hohenheim untersucht seit 19 Jahren die formale Verständlichkeit verschiedener Texte, so auch die der einzelnen Wahlprogramme. Die Analyse ist Teil eines Langzeitprojekts, das seit der Bundestagswahl 1949 alle Wahlprogramme der im Bundestag oder in drei Landtagen vertretenen Parteien untersucht.

Bei der letzten Bundestagswahl im Jahr 2021 waren die Wahlprogramme dabei so lang wie nie. Jetzt sind sie jedoch wieder etwas kürzer. „Hier macht sich die knappere Zeit für den Wahlkampf und seine Vorbereitung bemerkbar“, sagt Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. Das längste Wahlprogramm in diesem Jahr haben die Grünen aufgesetzt. Es umfasst 30.693 Wörter und ist damit  gut 3.000 Wörter länger als das der SPD. Die kürzesten Wahlprogramme haben die FDP mit 19.466 und das Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW) mit 17.011 Wörtern. Die Länge eines Wahlprogramms gibt jedoch noch keinen Aufschluss darüber, wie verständlich es ist.

Wie verständlich sind die Wahlprogramme?

Um die Verständlichkeit der Wahlprogramme zu bewerten, verwendet das Forschungsteam eine Software, die beispielsweise überlange Sätze, Fachbegriffe oder zusammengesetzte Wörter zählt. Die Software nutzt diese Merkmale zur Berechnung des „Hohenheimer Verständlichkeitsindex“, der von Null (schwer verständlich) bis 20 (leicht verständlich) reicht. Zur Einordnung: Eine politikwissenschaftliche Doktorarbeit hat dabei eine durchschnittliche Verständlichkeit von 1,2 Punkten und eine Haushaltsrede im Deutschen Bundestag erreicht im Schnitt 15 Punkte.

Bei den Wahlprogrammen für die diesjährige Bundestagswahl waren es 7,3 Punkte. „Das ist enttäuschend“, sagt Brettschneider. „Denn alle Parteien haben sich in den letzten Jahren Transparenz und Bürgernähe auf ihre Fahne geschrieben. Mit ihren teilweise schwer verdaulichen Wahlprogrammen schließen sie jedoch einen erheblichen Teil der Wählerinnen und Wähler aus und verpassen damit eine kommunikative Chance.“

Das formal verständlichste Wahlprogramm ist das der CDU/CSU mit 10,5 Punkten. Es liegt damit in der Mitte des Hohenheimer Verständlichkeitsindexes. Schlusslicht ist die AfD mit 5,1 Punkten, knapp hinter dem BSW mit 6,6 Punkten. Das Potenzial für bessere Indizes wäre jedoch vorhanden: „Alle Parteien könnten verständlicher formulieren“, sagt Brettschneider. „Das beweisen gelungene Passagen in den Einleitungen und im Schlussteil. Dort erreichen die Parteien meist mehr als zehn Punkte auf dem Hohenheimer Verständlichkeitsindex.“

Was macht Wahlprogramme unverständlich?

„Quick-Freeze“, „Opt-Outs“, „Depublizierungspflicht“, „Telekommunikationsnetzausbaubeschleunigungsgesetz“ – bitte was? „Die häufigsten Verstöße gegen Verständlichkeits-Regeln sind Fremdwörter und Fachwörter, zusammengesetzte Wörter und Nominalisierungen, Anglizismen sowie lange Sätze und Schachtelsätze“, erklärt Claudia Thoms von der Universität Hohenheim. Doch wenn man ein Lexikon benötigt, um ein Wahlprogramm zu verstehen, brechen viele das Lesen lieber direkt ab.

„Neben den Fremdwörtern, Anglizismen und Fachbegriffen sind es auch die Bandwurmsätze, die die Wahlprogramme so unverständlich machen“, sagt Thoms. „Wir haben in allen Wahlprogrammen solche Satz-Ungetüme mit teilweise mehr als 40 Wörtern gefunden.“ Den längsten Satz können Wähler im Wahlprogramm des BSW lesen. Er umfasst 69 Wörter.

Populistische Sprache bei BSW, AfD und den Linken

Mithilfe eines Sprachmodells haben die Forschenden der Universität Hohenheim außerdem untersucht, wie viel populistisches Vokabular in den Wahlprogrammen der Parteien steckt. Sie suchten dafür gezielt nach emotional aufgeladener Sprache, die sich gegen die herrschenden politischen Eliten ausspricht.

Das Ergebnis: 3,5 Prozent aller Sätze der verschiedenen Wahlprogramme bewertet das Sprachmodell als „anti-elitisch“. Allen voran steht das BSW mit 9,3 Prozent anti-elitistischen Sätzen, gefolgt von der AfD mit 7,1 und den Linken mit 5,5 Prozent. „In der Langzeitbetrachtung sind Parteien mit zunehmendem Alter eher weniger anti-elitistisch geworden“, erklärt Thoms. „Das beste Beispiel hierfür sind die Grünen, deren Wahlprogramm 1983 einen Anteil anti-elitistischer Sätze von 8,9 Prozent aufweist. Dieser Anteil ist über die Jahre stetig gesunken und liegt heute bei 0,6 Prozent.“

CDU/CSU und FDP haben mit etwa zwei Prozent den geringsten Anteil populistischen Vokabulars in ihren Wahlprogrammen. Das liegt aber vor allem daran, dass die Parteien besonders oft an Regierungen beteiligt sind und somit genau jene politische Elite darstellen, die das anti-elitische Vokabular zu kritisieren versucht, so die Forschenden.

„Deutlich wichtiger ist der Inhalt“

Aber was passiert, wenn Wahlprogramme nur schwer verständlich sind? Die Parteien verschenken dadurch eine wichtige Kommunikationschance bei den Bürgern, erklärt Brettschneider. Schließlich sollen die Wahlprogramme ja dazu dienen, Wähler zu gewinnen und zu halten. Aber: „Selbst wenn die Wählerinnen und Wähler nicht das gesamte Programm lesen, so schauen sich einige von ihnen doch zumindest die Passagen an, die sich auf Themen beziehen, die ihnen wichtig sind“, sagt der Kommunikationswissenschaftler.

Und so abschreckend komplexe Sprache auch sein mag: Sie ist natürlich längst nicht das einzige Gütekriterium für ein gelungenes Wahlprogramm. „Deutlich wichtiger ist der Inhalt“, erklärt Brettschneider. „Unfug wird nicht dadurch richtig, dass er formal verständlich formuliert ist. Und unverständliche Formulierungen bedeuten nicht, dass der Inhalt falsch ist.“

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