Mit dem Zweifel fängt bei René Descartes alles an. Könnte nicht alles in der Welt bloß ein Traum sein? Was können wir überhaupt sicher wissen? Skeptisch sein und nichts per se für wahr halten – das ist der Ansatz, mit dem Descartes im 17. Jahrhundert den Grundstein für die erkenntnistheoretischen Diskussionen der Aufklärung legt. Noch heute gilt er deshalb als Begründer der modernen Philosophie.
Über jeden Zweifel erhaben ist für den denkenden Pionier lediglich eins: die Existenz des eigenen Ichs. Denn selbst, wenn wir tatsächlich nur träumen, bleibt etwas zurück, das sich nicht bestreiten lässt. Wenn wir denken können, dass wir träumen, dann denken wir, so Descartes Argument. Egal, ob der Traum Wirklichkeit ist oder nicht. Diese Logik bringt sein wohl berühmtester Satz auf den Punkt: "Cogito ergo sum." "Ich denke also bin ich."
Viel gereister Adeliger
Wissenschaftliches Denken gehört für Descartes seit Kindheitstagen an zum Alltag. Geboren am 31. März 1596 in der französischen Stadt La Haye ist er als drittes Kind einer Adelsfamilie Teil der gehobenen Gesellschaftsschicht – und genießt eine dementsprechende Ausbildung. An der Jesuitenschule von La Fléche studiert der junge Descartes unter anderem die mathematischen Werke von Archimedes.
Nach der Schule nimmt Descartes ein Studium der Rechtswissenschaft auf und legt 1616 sein juristisches Examen ab. Anstatt jedoch eine juristische Karriere einzuschlagen, absolviert er an einer Pariser Akademie für junge Adelige einen Kurs in Fechten, Reiten, Tanzen und gutem Benehmen. Kurz darauf begibt er sich unter dem Feldherrn Moritz von Nassau im niederländischen Breda in den Kriegsdienst. Dort trifft er auf den sechs Jahre älteren Arzt und Naturforscher Isaac Beeckman, der ihn für die Physik begeistert. Ihm widmet Descartes sein erstes naturwissenschaftliches Werk.
Später nimmt Descartes an den ersten Kämpfen des Dreißigjährigen Krieges teil. Dazwischen und danach bereist er Europa. In Prag besichtigt er die Arbeitsstätte des Astronomen Tycho Brahe, in Regensburg die von Johannes Kepler. Er beginnt, sich nun auch selbst intensiv mit Physik, Mathematik und Philosophie zu beschäftigen.
Mathematik als Ideal
Descartes veröffentlicht etliche naturwissenschaftliche Schriften und widmet sich darin vor allem der Geometrie und der Physik. Darüber hinaus beschäftigt er sich aber auch mit biologischen Phänomenen – zum Beispiel dem menschlichen Blutkreislauf oder der Reizweiterleitung im Körper.
Das Interesse für Naturwissenschaften und Mathematik prägt auch Descartes philosophisches Denken. In seinem Hauptwerk "Discours de la méthode" aus dem Jahr 1637 sucht er nach einer Methode, mit der man alles Wissen systematisch zusammenfassen kann. Für die Suche nach dem Erkenntnisgewinn formuliert er strenge Regeln – ähnlich den Verfahren und Arbeitsmethoden in der Mathematik.
Mit Ausnahme der Mathematik, konkurrieren Descartes zufolge in allen Wissenschaften nämlich zahlreiche Theorien – ohne dass ihr rivalisierender Geltungsanspruch entschieden werden könne. Mit seinem Vorgehen versucht er, dieser Situation ein Ende zu bereiten und einen Neuanfang des Denkens einzuläuten.
Denken mit Verstand
Alles Wissen ist für Descartes zunächst ein Vorurteil. Regel Nummer eins seiner Methode lautet deshalb: Akzeptiere nur als wahr, was ohne Zweifel gewiss ist. Insbesondere der Tradition gegenüber solle die Haltung der Skepsis eingenommen werden.
Regel Nummer zwei und drei beziehen sich auf das Lösen komplexer Probleme. Hier gilt: Jedes Problem lässt sich in einfache Fragen unterteilen, die mit Gewissheit entschieden werden können. Aus den Antworten dieser Einzelfragen kann man nun der Reihe nach das Wissen für die Beantwortung der Ausgangsfrage aufbauen. Regel Nummer vier heißt: Überprüfe stets, ob deine Untersuchung vollständig ist.
Descartes glaubt, dass alle Menschen mit dieser Methode zu den gleichen Urteilen kommen müssten, wenn ihnen die gleichen Informationen zur Verfügung stehen. Jeder Mensch ist für ihn vernunftbegabt und das Vermögen des menschlichen Verstandes bei allen gleich.
Meditationen über Erkenntnis
Auf dieser philosophischen Methode gründet auch Descartes wenige Jahre später veröffentlichtes Werk: seine sechsteiligen Meditationen über Metaphysik und Erkenntnistheorie. Darin wendet er wieder den methodischen Zweifel an und kommt schließlich zu dem Schluss, dass man an jeglicher Erkenntnis zweifeln könne. Insbesondere kritisiert er die Annahme der philosophischen Empiristen, die alles Wissen von der Erfahrung ableiten. Was wäre, so fragt er, wenn es einen "Genius malignus" gebe, einen bösen Geist, der uns in allen unseren Sinneswahrnehmungen täuscht?
Seiner Methode folgend kommt Descartes schließlich an den Punkt, an dem er nur noch sein eigenes Zweifeln als Wahrheit akzeptiert. Während einen Körper zu haben bloße Einbildung sein könne, sei das vom Denken nicht so leicht zu behaupten. Wer zweifle, denke und wer denke, existiere. Er formuliert sein berühmtes "Cogito" als den absoluten Punkt – gewissermaßen den unumstößlichen Boden seiner Überlegungen.
Ringen mit Gott und der Kirche
Neben dem "Cogito" gibt es für Descartes lediglich einen weiteren von allen Sinneserfahrungen unabhängigen Fixpunkt: Gott. Schon früh versucht sich der Philosoph an einem klaren und zwingenden Gottesbeweis. Auch in seinem "Discours de la méthode" und seinen Meditationen nimmt er die Existenz eines vollkommenen Schöpfers an.
Mit der Kirche kommt Descartes dennoch in Konflikt. Als ein den Naturwissenschaften verschriebener Denker, der sich in seiner Philosophie auf rationales Denken statt auf Glauben stützt und sich gegen jegliche Form des Dogmatismus sträubt, wird er von vielen Seiten des Atheismus bezichtigt.
Schon im Jahr 1629 zieht Descartes deshalb in die protestantischen und neuen Ideen toleranter gegenüberstehenden Niederlande. Seinen "Discours de la méthode" veröffentlicht er zunächst trotzdem lieber anonym. Dreizehn Jahre nach Descartes Tod im Februar 1650 stellt die Inquisition die Schriften Descartes auf den "Index Librorum Prohibitorum", das Verzeichnis der verbotenen Bücher.
Descartes Erbe
Trotz des zeitweiligen Verbots seiner Abhandlungen hat Descartes seine Nachfolger nachhaltig geprägt. Zwar sind viele seiner naturwissenschaftlichen Schriften schon früh widerlegt worden. Seine Ablehnung des Gravitationsprinzips etwa hat Newton mit seiner Physik schnell entkräftet.
Die Philosophie aber hat Descartes bis in die Gegenwart hinein stark beeinflusst. Die Idee seines "Genius malignus" erlebte etwa noch im 20. Jahrhundert eine Renaissance, als Philosophen das Gehirn-im-Tank-Argument formulierten – die Vorstellung, dass das Bewusstsein lediglich aus einem Gehirn bestehen könnte, das sich die Wirklichkeit selbst vorspiegele.
Vor allem jedoch hat Descartes grundlegendes Prinzip des rationalen Denkens nachgewirkt. Die Klarheit und Differenziertheit des Denkens als oberste Maxime sind heute kaum mehr aus der Philosophie wegzudenken. Nicht die Erfahrung oder religiöse Offenbarungen sind demnach die Quelle von sicherem Wissen – sondern die Rationalität des vernunftbegabten, denkenden Individuums. Diese Auffassung von Erkenntnisgewinn wurde für die Neuzeit prägend – und Descartes hat dazu wesentlich beigetragen.



